Altes und Neues zu Arno Schmidt aus dem „Bargfelder Boten“

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Anfang April 1970 erschien mit Arno Schmidts Zettel’s Traum das wohl spektakulärste literarische Werk der deutschen Literatur in der zweiten Jahrhunderthälfte: 1330 Seiten im Großformat DIN A3, gedruckt als Faksimile des vom Autor hergestellten dreispaltigen Maschinenskriptes. Den zuvor nur von Insidern gelesenen Autor machte der Riesenroman schlagartig berühmt und noch heute verbindet sich der Name Arno Schmidt in der breiteren Öffentlichkeit zuallererst mit Zettel’s Traum – ironischerweise demjenigen seiner Bücher, das wahrscheinlich am wenigsten gelesen und auch von seinen erklärten Anhängern vielfach zwiespältig beurteilt wird.

In Schmidts Wohnort Bargfeld bei Celle versammelten sich auf Veranlassung des Literaturkritikers Jörg Drews schon kurz nach dem Erscheinen fünf Leser, um erste Eindrücke des Großromans auszutauschen und Schauplätze in Augenschein zu nehmen. Bei einem zweiten Treffen in Bargfeld wurde der Beschluss zu einer Zeitschrift gefasst, Bargfelder Bote geheißen und von Drews herausgegeben, die in Form von Heftlieferungen ab 1972 kontinuierlich erschien und heute immer noch die wichtigste Plattform der Arno-Schmidt-Forschung ist, inzwischen herausgegeben von Friedhelm Rathjen.

Eine Auswahl noch heute gültiger Aufsätze zu Zettel’s Traum aus dem Bargfelder Boten versammelt nun der Band Arno Schmidt – Zettel’s Traum. Die sechs Beiträge decken unterschiedliche Themenbereiche, Textperspektiven und Erkenntnisinteressen ab; Jörg Drews, Manuel Zink, Axel Dunker, Friedhelm Rathjen und Heinrich Fischer widmen sich u.a. der komplexen ersten Textseite, der Anwendung der Psychoanalyse, der Präsenz von James Joyce und dem Erklingen von Schlagern in Zettel’s Traum. Dabei zeigt sich, dass die Beschäftigung mit dem umfangreichsten Buch Arno Schmidts gerade dann am fruchtbarsten und aufschlussreichsten sein kann, wenn sie von Textdetails und spezialisierten Fragestellungen ausgeht. Zettel’s Traum ist für eine pauschalisierende Herangehensweise denkbar ungeeignet; nur der Blick auf den Text in seiner konkreten Gestalt, mit seinen konkreten Einzelheiten, Anspielungen und Zitaten ermöglicht die Orientierung im überbordenden Textlabyrinth.

Nachdem im Bargfelder Boten in den letzten Jahren und Jahrzehnten vornehmlich andere Texte Schmidts in den Fokus rückten, konzentriert sich zudem die aktuelle Lieferung 450 der Zeitschrift aus Anlass des Jubiläums wieder einmal ganz auf Zettel’s Traum und versammelt neue Arbeiten zu offenen Fragen des immer noch voller ungelöster Rätsel steckenden Buchlabyrinths. Ulrich Klappstein beschäftigt sich mit der Rolle von Edgar Allan Poes Erzählung The Conversation of Eiros and Charmion in Schmidts Buch und wirft Seitenblicke auf Schmidts Zusammenarbeit mit Hans Wollschläger an der deutschen Poe-Ausgabe. Günther Flemming skizziert die Rolle von Charles Dickens auf dem Weg zu Zettel’s Traum und wirft die Frage auf, warum Schmidt mit Dickens anders umgeht als mit Poe. Schließlich inventarisiert Friedhelm Rathjen die Präsenz des Themas Norwegen in Zettel’s Traum, eines Themas, das gespeist wird aus Schmidts Erfahrungen als Soldat in jenem verheerenden Weltkrieg, dessen Ende bei Erscheinen von Zettel’s Traum genau 25 Jahre zurücklag.

 

Anmerkung der Redaktion: literaturkritik.de rezensiert grundsätzlich nicht die Bücher von regelmäßigen Mitarbeitern der Zeitschrift, Angehörigen der Universität Marburg oder Publikationen, die im eigenen Verlag LiteraturWissenschaft.de erschienen sind. Diese können hier jedoch gesondert vorgestellt werden.

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Friedhelm Rathjen (Hg.): Bargfelder Bote. Lieferung 450. Materialien zum Werk Arno Schmidts.
Begründet von Jörg Drews.
edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München 2020.
32 Seiten, 7,50 EUR.
ISBN-13: 9783921402504
ISSN: 03428036

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Titelbild

Friedhelm Rathjen (Hg.): Arno Schmidt – ‚Zettel’s Traum‘.
edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München 2020.
184 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783967070958

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