Vom langen Atem der Vergangenheit

Lidia Ravera zeigt in ihrem Roman „Sprich mit mir“, dass sich die Vergangenheit nicht verstecken lässt

Von Nora EckertRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nora Eckert

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Ich schreibe so lange ich denken kann, ich schreibe, um mein Gedächtnis, meine Aufmerksamkeit, etwas Waches zu behalten. Ich schreibe, um die Veränderungen des Lebens zu verfolgen. Meines und das der anderen.“ Das Bekenntnis der 1951 in Turin geborenen und in Rom lebenden Bestseller-Autorin und Feministin Lidia Ravera ist ernst gemeint. Die Liste ihrer Bücher umfasst mittlerweile mehr als 30 Titel. Es sind vorwiegend Romane und Erzählungen. Dabei nicht mitgezählt ist eine lange Reihe von Drehbüchern und ihre journalistische Arbeit.

Am Anfang ihrer Karriere stand ein Riesenerfolg mit Porci con le ali (dt. Schweine mit Flügeln), zusammen mit Marco Lombardo-Radice geschrieben und 1976 unter dem Pseudonym Rocco und Antonia veröffentlicht. Das war ein Aufklärungsbuch für junge Menschen, offen, provokant, unverblümt und einem anderen Aufklärungsbuch vom Geist her nicht unähnlich, nämlich Günter Amendts Sexfront von 1970, das ebenso unverklemmt Fragen der Sexualität anging. Beide Bücher verdankten sich der 68er Bewegung und einer politischen Aufmüpfigkeit, die sich auf ein Rendezvous mit dem Intimsten, nämlich der sexuellen Lust, einließ. Wobei die italienische Version als ein fiktives Tagebuch angelegt war, angefüllt mit den sexuellen Erfahrungen eines Mädchens und eines Jungens. Wegen Pornografieverdacht war es sogar vorübergehend verboten. Von Schweine mit Flügeln wurden zweieinhalb Millionen Exemplare verkauft. Und es heißt, es sei das Buch, das am häufigsten aus Schülerbüchereien geklaut wurde.

Der hier zu besprechende Roman erschien 2021 in Italien unter dem Titel Avanti, parla, was sich, anders als der Titel der deutschen Ausgabe, mit Los, sprich übersetzen lässt und als Aufforderung ungleich heftiger, rabiater klingt. Es sind die letzten Worte im Roman, die an Giovanna gerichtet sind, die Heldin des Romans, und gleichsam den Start in ein neues Leben bedeuten, und das durch das Alter der Heldin zugleich deren letzten Abschnitt darin markiert. Aber einen Abschnitt eben, der unter einem radikal veränderten Vorzeichen als das bisherige Leben stehen wird. Unsere Vergangenheit werden wir zwar nicht los, so die Erkenntnis, aber die Botschaft lautet dennoch, dass wir am besten mit ihr fahren, wenn wir offen mit ihr umgehen. Genau diese Chance erhält die Heldin des Romans.

Der Roman hat, wie so viele andere Geschichten bei Ravera, etwas mit der Generation der 68er zu tun. Im Mittelpunkt steht Giovanna, eine Mittsechzigerin, die zurückgezogen und ziemlich menschenscheu eine Wohnung in Rom besitzt mit Blick auf den Tiber. Dort lebt sie sehr bescheiden, umgeben von ihrer großen Bibliothek, vor allem in und mit der Literatur. Sie liest unentwegt Romane. An einer Stelle verrät sie uns, es seien inzwischen 1312 an der Zahl: „Ich lese Romane, weil sie mein Atem sind, weil es perfekt zu meinem Wesen passt, mich mit dem Leben anderer zu zerstreuen.“ Das eigene Leben verdrängt sie indes, beschweigt es. Und aus Angst, es könnte davon etwas an die Oberfläche gelangen, sichtbar werden, meidet sie andere Menschen und verfiel sozusagen in Sprachlosigkeit. „Ich bin die schweigsame Soziopathin aus dem dritten Stock“, lautet die Selbstdiagnose.

Als jedoch eine junge Familie nebenan in die schon länger leerstehende Wohnung einzieht, ändert sich alles – nicht sofort, aber unausweichlich. So gerne sie sich mit dem Leben anderer zu zerstreuen versucht, indem sie Romane liest, so neugierig beobachtet sie jetzt ihre neuen Nachbarn, achtet auf die Geräusche und Bewegungen. Weil ihre Wohnung hellhörig ist, fängt sie an, Maria und Michele, so heißt das junge Paar, zu belauschen. Die Wand zwischen ihrem Schlafzimmer und dem auf der anderen Seite ist so dünn, dass sie den Unterhaltungen wie allen anderen Aktivitäten mühelos folgen kann, ob sie es will oder nicht. Die Neugierde ist jedenfalls stärker als der Ärger über jene Eindringlinge in ihr bis dahin so sicheres „Nest“. Dennoch, die Unsicherheit bleibt: „Ich habe das Maß menschlicher Beziehungen verloren. Immer habe ich Angst, mich zu irren, im Ton, im Thema, in der Reaktion.“

Und dann gibt es die dreijährige Tochter Malvina, mit der sich Giovanna sofort anfreundet. Die Anziehung beruht auf Gegenseitigkeit und so kommt es, dass Giovanna hin und wieder zur Babysitterin wird, und ziemlich bald verwandelt sie sich von der Nachbarin in eine Verwandte, der als Zeichen der Verbundenheit ein Schlüsselbund überreicht wird. Zur Familie gehört außerdem noch Malcolm, ein großgewachsener, schlaksiger Junge, der sich politisch engagiert im Klimaaktivismus und die Welt retten möchte. Er entstammt einer früheren Beziehung seines Vaters Michele mit einer US-Amerikanerin, hat also eine andere Mutter als seine kleine Schwester. Auch mit ihm freundet sich Giovanna an.

Giovanna entschließt sich, ausgelöst durch all diese Veränderungen, ein Tagebuch zu schreiben, einen Bericht, den sie „rückläufiges Tagebuch“ nennt, denn alles müsse auf den Tisch und es gelte, einen Riss zu nähen: „Um dahin zurückkehren zu können, wo ich war, wo ich zwanzig Jahre lang war.“ Und so vermischen sich darin die Gegenwart des Jahrs 2019 mit dem Geheimnis der Vergangenheit. Je weiter die Gegenwart voranschreitet, Giovanna ihren Nachbarn immer näherkommt und sich so eine wie auch immer beschaffene Zukunft auftut, kommt gleichzeitig die Vergangenheit näher. Das geschieht zum einen, weil uns die Tagebuchschreiberin ihr Geheimnis Stück für Stück wissen lässt und zum anderen, weil die wachsende Nähe zu den Menschen auch die Macht des Zufalls ins Spiel bringt. Nämlich den Zufall des Wiedererkannt-Werdens. Und so geschieht es.

Bis dahin aber wissen wir bereits von Giovannas politischer Aktivität in den Siebzigern, von ihrer Zugehörigkeit zu den „Roten Brigaden“, von ihrer Schwangerschaft und dem Entschluss, das Kind einer Freundin zu übergeben, um sich nie wieder darum zu kümmern, und schließlich von ihrer Verhaftung und Verurteilung zu zwanzig Jahren Gefängnis.

Mit dreiundzwanzig habe ich die Uniform der Anonymität angezogen. Ich habe gelernt, meinen Körper als Arbeitsinstrument zu behandeln. Ihn sauber zu halten, effizient und gesund genug, um sich oberflächlich zu ernähren und einen leichten Schlaf ohne Erholung zu ertragen.

Sie sei Soldat gewesen, sagt sie, und mischte mit bei dem blutigen Terror, der Italien von links wie von rechts in den Siebzigern überzog. Auf der einen Seite die Brigate Rosse, auf der andern der rechtsextremistische Ordine Nuovo im Wettkampf um immer neue Bombenanschläge und Morde.

Was Giovanna mit ihrer Zurückgezogenheit vermeiden wollte, geschieht dann doch. Ihre Rückkehr ins wirkliche Leben, um es so auszudrücken, bringt sie mit einem Menschen zusammen, der sie als die Terroristin von damals erkennt. Noch einmal öffnet sich der Abgrund, aber Giovanna erwacht am Ende in einer unerwarteten Wirklichkeit und sie erfährt endlich, dass es im Leben auch Glück geben kann. Wie es dazu kommt, darf natürlich nicht erzählt werden, denn in Lidia Raveras Roman ist das ein mit sich überschlagenden Ereignissen spannendes, auch berührendes Finale. Das muss man einfach selber lesen. Für manche mag das vielleicht nur Unterhaltungsliteratur sein, gefährlich nahe dem Kitschverdacht, doch dafür ist Ravera eine stilistisch viel zu sichere Erzählerin mit Sinn für Tiefenpsychologie und Sinn für perfekt sitzende Dialoge. Als Drehbuchautorin und natürlich auch als routinierte Romanschriftstellerin weiß Ravera, wie gute Dramaturgien aussehen. Wenn es denn Unterhaltungsliteratur ist, dann von der besten Sorte und mit Tiefgang. Und dazu kommt Annette Kopetzkis fabelhafte Übersetzung. In und mit ihr findet jede Situation den richtigen Ton und jeder Dialog das passende Tempo.

Titelbild

Lidia Ravera: Sprich mit mir.
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki.
Rowohlt Verlag, Hamburg 2023.
368 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783498002947

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