Dieser Roman ist kein Thriller

Jason Rekulak unternimmt einen spannenden Ausflug in die Welt der Superreichen

Von Mechthild HesseRSS-Newsfeed neuer Artikel von Mechthild Hesse

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Buch Dein letztes Fest von Jason Rekulak wird auf dem Cover als Thriller bezeichnet. Laut Definition erzeugt ein Thriller eine intensive Spannung, Nervenkitzel, Adrenalinausstoß etc. Das tut dieser Roman nicht. Dennoch ist er durchaus spannend. Die Spannung entsteht einerseits aus einer problematischen Vater-Tochter-Beziehung im Zusammenhang mit einer mysteriösen Heirat der Tochter. Im Verlauf der Handlung entwickelt sich das Verhältnis der beiden – der Vater hat immer wieder Hoffnung, dass sich die beiden letztendlich doch wieder versöhnen. Andererseits steht die Frage im Raum, ob und wenn ja, wie die Tochter in den Tod zweier junger Frauen verwickelt ist.

Nach einer dreijährigen konfliktreichen Pause meldet sich Maggie wieder, um ihren Vater, Frank Szatwoski, zu ihrer Hochzeit einzuladen. Sie will Aidan Gardner heiraten, den Sohn von Errol Gardner, dem Besitzer einer innovativen Batteriefirma; Errol scheint den Superreichen vom Schlage Bezos oder gar Epstein ähnlich. Die mehrtägige Feier findet auf einem abgelegenen, ausgedehnten und luxuriösen Wald- und Seegelände in New Hampshire statt. Das Anwesen ist ein isoliertes Sonderreich mit eigener Infrastruktur; sogar medizinische Hilfe steht per Knopfdruck zur Verfügung. Auch zur scheinbar unabhängigen Polizei besteht ein eigener Draht.

Vor seiner Abreise zur Hochzeit aus seinem kleinen, bescheidenen Wohnort in Pennsylvania bekommt Frank einen anonymen Briefumschlag mit dem verwaschenen Foto einer ermordeten jungen Frau, Dawn Taggart. Auf diesem ist sie gemeinsam mit seinem zukünftigen Schwiegersohn Aidan und der Frage  „Wo ist Dawn Taggart?“ abgebildet. Auf Anfrage versucht Maggie, ihrem Vater die Zusammenhänge zu erklären: Dawns Familie habe Aidan verdächtigt, Dawn umgebracht zu haben. Er solle, den Brief in einen Plastikumschlag stecken und mit zur Hochzeitsfeier in Hopps Ferry, New Hampshire, bringen.

Bei der Ankunft wundert Frank sich über die komplizierte Registration (inklusive Einbehalten des Autoschlüssels), das Umstellen der Uhr um 15 Minuten auf „Standard Gardner-Zeit“ und das protzige Leben der Superreichen. Langsam kommen ihm Zweifel, ob das Einheiraten in diese Familie für seine Tochter richtig ist.

Während die riesige Gesellschaft schon fröhlich feiert, wundert sich Frank über das merkwürdige Verhalten von Aidan, der meistens nicht unter den Anwesenden ist und über die Abwesenheit von Aidans Mutter, Catherine Gardner, die als ewig kränkelnd beschrieben wird.

Frank nimmt Kontakt zu den in der Nähe wohnenden Angehörigen der toten Dawn auf, die nach wie vor Aidan des Mordes beschuldigen. In dessen Kunstatelier, einer abgelegenen Hütte auf dem weitläufigen Gelände, wird Frank Zeuge eines Streits zwischen Aidan und Gwendolyn, einer ehemaligen Freundin. Frank versucht noch, Gwen allein zur Rede zu stellen, doch kurz darauf wird sie tot aufgefunden. Die Hochzeitsgesellschaft zeigt sich davon wenig schockiert; man hegt keinerlei Mordverdacht und verweist auf Gwens eigenes Verschulden wegen Drogenmissbrauchs. Immer wieder versucht Frank, mit seiner Tochter zu sprechen, einerseits um ihr lange gestörtes Verhältnis zu klären, andererseits sie vor allem vor der Hochzeit zu warnen. Aber sie weicht immer wieder aus.

Maggie, du musst doch zugeben, dass hier irgendetwas nicht stimmt! Letzte Nacht ist eine Frau gestorben, und gerade jetzt bauen deine Kolleginnen und Kollegen Sandburgen genau an der Stelle, wo ihre Leiche an Land gezogen wurde […] was ist mit Aidan? Seit vierundzwanzig Stunden fehlt von ihm jede Spur […] Ich glaube wirklich, du solltest noch mal in dich gehen. Überleg dir genau, ob du das hier willst.

Frank betätigt sich als Detektiv: Abseits des „Vor-Hochzeits-Trubels“ und am Tag der Hochzeit selbst erkundet er das Anwesen, stellt Gwen, Maggie, Aidan und Christine Gardner zur Rede, die ihm größtenteils auch bereitwillig Auskunft geben. Langsam erklärt sich die Handlung.

Im Verlauf des Buchs gibt es Rückblenden zum vorherigen Leben von Maggie, das durch verschiedene (klein-)kriminelle Vergehen in der Jugend bestimmt war, infolgedessen es zur jahrelangen Trennung von Vater und Tochter kam. (Die Mutter ist früh gestorben.) Die Frage, ob Eltern Kindern immer wieder verzeihen sollen oder müssen, wird mehrfach gestellt und ambivalent beantwortet. Der Schluss allerdings ist nicht ambivalent, sondern eindeutig. Das überraschende Ende ist lesenswert.

Lesenswert ist auch der gesamte Roman, der eine Art Page-Turner ist; Der Roman ist eine Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch, wobei mir die Übersetzung angemessen erscheint und nicht dazu führt, – wie bei manchen anderen Übersetzungen –  dass man noch einmal den Originaltext anschauen muss. Allerdings muss man mit ein paar Klischees und der wiederholten Erwähnung von Namen einfacher amerikanischer Ketten vorlieb nehmen; damit scheint der Autor  die proletarische Herkunft und die einfache Lebensweise von Frank als UPS-Fahrer betonen zu wollen, die im Gegensatz steht zum superreichen Ambiente der Tochter. Die sagt am Schluss:

Ich will nicht noch mal nach Stroudsburg zurückkommen. Stroudsburg ist mir zu klein. Zu billig. Die Leute dort sind mir zu erbärmlich. Du hast keine Ahnung, was dir hier draußen entgeht. Die Welt, in der wir leben – die ist so viel größer und besser, als du es dir nur ansatzweise vorstellen kannst!… Aber wenn du mich so sehr liebst, wie du es behauptest, dann musst du meine Entscheidung respektieren… Du hast die letzten drei Jahre behauptet, du würdest alles für mich tun – tja, und nun ist es so weit. Heute, hier und jetzt. Unterstützt du mich oder nicht?

Titelbild

Jason Rekulak: Dein letztes Fest.
Aus dem amerikanischen Englisch von Leena Flegler.
Piper Verlag, München 2026.
432 Seiten, 17,00 EUR.
ISBN-13: 9783492065689

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