Der Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann war ein extrem fleißiger Briefeschreiber

Der Wallstein Verlag startet eine kritische und kommentierte Edition seiner Korrespondenz

Von Manfred OrlickRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Orlick

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Rolf Dieter Brinkmann, geboren am 16. April 1940 im oldenburgischen Vechta, gilt als einer der wichtigsten deutschsprachigen Lyriker der Nachkriegszeit. Sein literarisches Werk zeichnete sich durch eine innovative Bildsprache aus, in die er bewusst Elemente der Alltagssprache und der US-amerikanischen Popkultur übernahm. Außerdem integrierte er Elemente von Beat, Mode und visuellen Medien in sein Werk, um es unmittelbar erfahrbar zu gestalten. Sein bedeutendstes Werk, der Gedichtband Westwärts 1 & 2, der heute als Schlüsseltext der deutschen Literaturgeschichte gilt, erschien erst wenige Tage nach dem Tod des Autors bei einem tragischen Verkehrsunfall in London am 23. April 1975. Die darin versammelten Texte formulierten das Lebensgefühl einer jungen Generation.

Einen wesentlichen Teil seines literarischen Schaffens stellt seine umfangreiche Korrespondenz dar, die für das Verständnis seines Gesamtwerks von zentraler Bedeutung ist. Die Tausenden Briefe und Postkarten waren nicht nur Mittel der Kommunikation, sondern dienten zugleich als Biografie und Literatur. Brinkmann war ein exzessiver Briefschreiber, der auch sogenannte „Großbriefe“ mit einem Umfang bis zu fünfzig Seiten verfasste. Oft waren seine Briefe auch mit Fotos, eigenen Zeichnungen oder Aquarellen versehen oder mit diversen Beilagen (u. a. Zeitungsausschnitten) ergänzt, womit er seine Schreiben als künstlerisches Medium erweiterte.

Der Wallstein Verlag hat nun eine kritische und kommentierte Edition der Korrespondenz von Rolf Dieter Brinkmann in Angriff genommen. Die von Markus Fauser und Annkathrin Sonder herausgegebene Briefedition soll Forschenden und interessierten Leser*innen neue Einblicke in Biografie, Schreibprozess und die Netzwerke des Schriftstellers ermöglichen. Dies erfolgt hauptsächlich durch die von Brinkmann verfassten Briefe (VON-Briefe), da nur eine geringe Anzahl von AN-Briefen überliefert ist. Den Auftakt bildet der erste Band, welcher die Korrespondenz aus den Vechtaer Jugendjahren (1956 bis 1959) umfasst und somit die frühe Entwicklung des Schriftstellers beleuchtet.

Wie der Herausgeber und Literaturwissenschaftler Markus Fauser in seinem Nachwort betont, sind es Briefe eines fast unbekannten jungen Menschen, der während seines Gymnasium-Besuchs (ohne Abschluss) mit ersten eigenen literarischen Versuchen hervortrat. Der heranwachsende Brinkmann strebte nach einer baldigen Veröffentlichung seiner Werke und unterbreitete seine frühen Gedichte daher gezielt literarischen Zeitschriften wie den „Akzenten“ sowie renommierten Verlegern, darunter Peter Suhrkamp.

Sehr geehrte Herren!

Seit etwa 2 Jahren versuche ich mich in der mod[ernen] Lyrik. Nun habe ich in langen Stunden einen Gedichtband fertig gestellt.

Anbei liegen ein paar Arbeiten aus diesem Band und es würde mich sehr freuen, wenn Sie aus diesen Arbeiten die eine oder andere veröffentlichen würden in Ihrer Zeitschrift. (Seite 27)

In dieser Findungsphase suchte der Teenager auch brieflichen Kontakt zu renommierten Schriftstellern und Lektoren wie Gottfried Benn, Manfred Hausmann oder Peter Rühmkorf.

Einen großen Raum in dieser Neuerscheinung nimmt die private Korrespondenz ein, darunter der intensive Briefwechsel mit seiner Jugendliebe Elisabeth Piefke, die er einst unbedingt heiraten wollte:

meine liebe Lis –,

my one and only love …

Du bist nun fortgegangen –, wie schmerzlich ist es für mich: alles ist so grau, so leer! Die Tage verrinnen wie der Regen, und ich treibe ziellos mit ihnen ins Ungewisse, vor dem ich Angst –, ja ganz einfach richtige Angst habe! (Seite 52)

Oder mit seinem Schulfreund Andreas Neumann. In den an die beiden gerichteten Briefen äußerte sich Brinkmann nicht nur zu seinen literarischen Vorhaben, sondern er thematisierte auch offen seine Reaktionen auf die Ablehnungen zahlreicher Verlage, von denen er sich jedoch nicht entmutigen ließ. Ergänzt werden diese sehr persönlichen Briefe durch Reflexionen über seine intensiven aktuellen Lektüren sowie durch tiefgründige Lyrikanalysen, unter anderem zu Werken von Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Brinkmann verstand den Briefwechsel nicht allein als Medium des alltäglichen Gedankenaustauschs, sondern er diente gleichermaßen als Instrument der Selbstreflexion und der schriftlichen Fixierung innerer Monologe.

Sämtliche Briefe werden chronologisch angeordnet und mit einem editorischen Apparat (Absender, Empfänger, Datum und Ort, Angabe der aufbewahrenden Institution oder Art der Überlieferung) versehen; zusätzlich gibt es weitere Informationen zu den Briefumschlägen oder etwaigen Beilagen. Die Brieftexte selbst werden mit Einzelstellenkommentaren ergänzt, die Sachverhalte und historische Hintergründe erschließen. Sämtliche Personen aus Brinkmanns Umfeld, die er in seinen Briefen erwähnt oder mit denen er korrespondiert hat und zu deren Lebensdaten bisher noch nicht vieles bekannt ist, werden in Biogrammen vorgestellt.

Die Grundlage für die geplante Edition mit fünf Bänden bildeten erfolgreiche Ankäufe von Vor- und Nachlässen über einen Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren. Nach Band 1, der die frühen Briefe der Jugendjahre in Vechta versammelt, wird Band 2 die Jahre 1962 bis 1965 (Kölner Kreis, erste Publikationen) umfassen, während sich Band 3 dann den Jahren 1965–1971 (Popliteratur, Experimentalfilm, Verbindung zur US-Underground-Szene) widmen wird. Die beiden abschließenden Bände 4 und 5 sollen dann eine Fortsetzung bis zu Brinkmanns Unfalltod im Jahr 1975 sein. Gefördert wird das Projekt, das rund 2.500 Briefe zu sichten hat, aktuell durch die Fritz Thyssen Stiftung. Damit wird eine umfassende Erforschung des Briewerkes an der Universität Vechta unterstützt.

Titelbild

Rolf Dieter Brinkmann: Briefe. Band I: 1956 bis 1959.
Vechtaer Ausgabe. Hg. von Markus Fauser und Annkathrin Sonder. 43 farb. Abbildungen.
Wallstein Verlag, Göttingen 2026.
562 Seiten , 34,00 EUR.
ISBN-13: 9783835360792

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