Gedichte voller Leben und Tod

Die Lyrik Charlotte Mews in der Sammlung „Alle belebten Dinge halten den Atem an“ zeugen von einer Könnerschaft im Umgang mit Sprache, die zu einer lohnenden Neuentdeckung einlädt

Von Manfred RothRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Roth

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Kaum bekannt ist die 1869 in London geborene englische Autorin und Dichterin Charlotte Mew, weder hierzulande noch in ihrer englischen Heimat, obwohl sie zeitlebens zahlreiche prominente Fürsprecher hatte. So verhalf ihr etwa Thomas Hardy zu einer kleinen Pension, und auf dem Buchrücken der deutschen Ausgabe ihrer gesammelten Gedichte Alle belebten Dinge halten den Atem an kann man nachlesen, dass Virginia Woolf sie ihrerzeit für „die größte lebende Dichterin“ gehalten hatte. Unter dem Titel Einige Arten zu lieben erschienen 2025 Bei C. H. Beck bereits Mews Erzählungen, nun legt der Verlag ihre Gedichte nach. 

In Charlotte Mews Lyrik geht es um die großen Themen des Lebens, um Liebe und Tod zumal, auch um Natur und Religion, die allerdings selten naiv oder idealisiert dargestellt sind. Indem Mew gerade bei den früheren Gedichten die Perspektive an Figuren bindet, aus deren Rede sich eine Handlung rekonstruieren lässt, haben sie häufig eher erzählenden Charakter. Sie können wie The Farmer’s Bride, das Gedicht, mit dem Mew zum ersten Mal auf sich aufmerksam gemacht hatte, relativ kompakt sein oder sich über etliche Druckseiten erstrecken wie The Fête, das ebenfalls zu einem ihrer bekanntesten Gedichte gehört.

In seinem sehr aufschlussreichen Nachwort ordnet Norbert Hummelt Mew in die englischsprachige Literaturgeschichte ein, indem er etwa darauf verweist, dass sich die Dichterin oft des von Robert Browning etablierten inneren Monologs bedient. Er vergleicht The Fête mit William Wordsworths Lucy-Gedichten oder verweist darauf, dass so manches von Mew sich nicht hinter T. S. Eliots The Love Song of J. Alfred Prufrock zu verstecken braucht. Auch auf die Tatsache, dass Mew in zahlreichen Gedichten eine männliche Perspektive einnimmt, geht er ein, will daraus jedoch keine biografischen Rückschlüsse ziehen, sondern sieht in der Fähigkeit, überzeugend in verschiedene Rollen schlüpfen zu können, ein besonderes Einfühlungsvermögen der Dichterin.

Die Übersetzerin Wiebke Meier hat sich bei der Übertragung fast ausschließlich auf den Inhalt konzentriert, dabei Reime, Rhythmus, und sprachliche Eigenheiten wie umgangssprachliche Wendungen oder Wortverballhornungen außen vor gelassen. Das ist einerseits konsequent, andererseits kommen dadurch auch viele Aspekte der Dichtung Mews im Deutschen nicht zur Geltung. Damit kann und will die deutsche Übersetzung keinen ähnlichen Leseeindruck wie das englische Original vermitteln – als Ergänzung und Orientierung, um sich in den oft weit ausschreitenden, erzählenden Versen Mews besser zurechtzufinden, ist sie aber ausgesprochen hilfreich.

Wie immer bei herausragenden Gedichten wird eine reine Paraphrase des Inhalts ihrer Wirkmächtigkeit nicht gerecht, und selbst wenn man sich beim ersten Lesen noch nicht auf alles einen Reim machen kann, wird man doch von dieser Lyrik regelrecht gepackt. Das Zusammenspiel von Inhalt und Form, vom Rhythmus der Verse und den Klangqualitäten der Sprache, lässt einen regelrechten Sog entstehen, kreiert einen ganz eigenen „Sound“.

Man kann in den Gedichten Mews immer wiederkehrende stilistische Muster erkennen, beispielsweise inhaltliche Klammerungen, indem vorangegangene Zeilen später als Variation des Wortlauts in neuem Kontext wiederholt werden, wobei Mew dabei nicht streng symmetrisch vorgeht. Stattdessen leichte Störungen, inhaltlich wie stilistisch, ein stolpernder Rhythmus, die Einführung eines unerwarteten sprachlichen Bildes, sodass die Gedichte nie epigonal wirken, sondern ganz eigene Spannungen und Dynamiken entfalten. So ist es auch bezeichnend, dass es sich bei dem grandiosen deutschen Titel der Sammlung nicht etwa um den Titel eines Gedichtes handelt, sondern um die vorletzte Zeile des letzten Gedichts Unmöglichkeit, wo es heißt: „Alle belebten Dinge halten den Atem an: ich nicht – / Oder wenn ich es tue, muss die Welt mit mir sterben!“

Vielleicht lässt sich grundsätzlich festhalten, dass Mew einerseits auf tradierte lyrische Mittel zurückgreift, sich aber andererseits über ihre konventionellen Gebrauchs- und Wirkungsformen hinwegsetzt und sie sich zu eigen macht.

So heißt es etwa im bereits erwähnten The Fête:

   To-night again the moon’s white mat
   Stretches across the dormitory floor
While outside like an evil cat
   The pion prowls down the dark corridor, […]

Moment. Der was? The pion? Ach, ja! Natürlich der Pion, sagt auch die deutsche Übersetzung, „zu den Mesonen gehörendes Elementarteilchen“ weiß der Duden… wobei es sich bei dem „pion“ hier wohl eher um das französische Wort für eine Aufsichtsperson handelt. The Fête beginnt als etwas mysteriös-schauerlich angehauchter Monolog, bei dem man zunächst gar vermuten könnte, irgendwann bei Edgar Allan Poe zu landen, um dann einen Schlenker zu machen und zur titelgebenden „fête“, zum Fest, zu werden. Zentral ist dabei die erste Liebesnacht mit einer Zirkusartistin, von welcher der noch nicht siebzehnjährige Ich-Erzähler berichtet; und doch ist dieses Fest mehr, nämlich eine Feier des sinnlichen Erlebens überhaupt. Auch die eingestreuten französischen Ausdrücke, hier sogar schon der Titel, sind dabei typisch für die Lyrik Charlotte Mews, wobei sie vermutlich in erster Linie dazu dienen sollen, einen ganz bestimmten Ton zu setzen, der aristokratisch und fremd zugleich anmuten kann.

Was für ein besonderer Klang, eine Musikalität auch im folgenden Beispiel aus Pécheresse! Kurze Wörter, kompakte Zeilen, in denen sich durch Gleichklänge – Alliterationen und Assonanzen –, durch Rhythmus und Reim alles aufeinander bezieht und ein engmaschiges, pulsierendes Sprachgeflecht entsteht:

One night was ours, one short grey day
    Of sudden sin, unshrived, untold.
He found me, and I lost the way
    To Paradise for him. I sold
    My soul for love and not for gold.

Und was könnte passender sein für die Darstellung einer Liebesnacht mit einem Seefahrer, nach dem sich das lyrische Ich zeitlebens sehnen wird, ohne dass er je zurückkehrte? Nicht nur inhaltlich auch formal ist diese Strophe das Herzstück des Texts, indem sie genau in der Mitte als fünfte von insgesamt neun Strophen platziert ist.

Oder diese vor Reimen schier aus allen Nähten platzende Strophe aus The Changeling mit Binnen- und Kreuzreimen, deren Sprache trotzdem nicht erzwungen wirkt, sondern an Kinderreime erinnert. Denn genau das ist ja auch die Perspektive, die hier eingenommen wird: die eines Kindes, das sich, zumindest in der eigenen Vorstellung, aufgrund eines Gefühls der Fremdheit in der eigenen Familie ins Feenreich verirrt zu haben glaubt:

In the garden at play, all day, last summer, 
   Far and away I heard
The sweet „tweet-tweet“ of a strange new-comer,
   The dearest, clearest call of a bird.
It lived down there in the deep green hollow,
   My own old home, and the fairies say
The word of a bird is a thing to follow,
   So I was away a night and a day.

Mews Lyrik ist selbst wie ein Vogel, der einen in verzauberte sprachliche Welten entführt. Scheinbar ganz leicht und natürlich fügen sich die Wörter zu Versen, dahinter scheinen aber formale Strukturen durch, ohne dass sie der Sprache ihre Leichtigkeit nähmen. So wirkt diese Lyrik nie beliebig, aber auch nicht statisch, sondern im Gegenteil sehr lebendig.

„The word of a bird is a thing to follow,“ fast wie auf einen Befehl hin folgt die Ich-Erzählerin dem Vogel ins Feenreich, doch sie spricht auch noch von einem weiteren Vogel, der nicht sie, sondern ihren Bruder gerufen hat, in ein anderes Reich, eines aus dem er nicht wieder zurückgekehrt ist: „I dearly loved the little pale brother / Whom some other bird must have called away.“ Auch der Tod ist in Mews Gedichten allgegenwärtig.

Die Schilderung des Städtchens im Gedicht Ken, lässt an die verschroben gekrümmte Gotik eines Tim Burton-Films denken, aber, und das ist entscheidend, Mews Verse erschöpfen sich nicht im Makabren, wollen dem Tod nicht durch Überspitzung und Überzeichnung ins Groteske beikommen. In The Quiet House etwa ist die vorletzte Zeile fast wie ein Schlag in die Magengrube. Sie entfaltet ihre Wucht, indem der Tod ganz leise, fast beiläufig im Plauderton einbricht:

When we were children old Nurse used to say
   The house was like an auction or a fair
   Until the lot of us were safe in bed.
   It has been quiet as the country-side
   Since Ted and Janey and then Mother died
And Tom crossed Father and was sent away. 

Während der Tod in den früheren Gedichten als Teil einer Erzählung inszeniert ist, erscheint er später fast omnipräsent, indem er zum zentralen Thema wird, um das die Gedanken oft ohne narrative Rahmung kreisen. Die Auseinandersetzung mit ihm wird zumeist begleitet von religiösen Motiven, mit dem gekreuzigten Christus als deren Zentrum, so etwa in She Was a Sinner oder A Question, das mit folgenden Zeilen einsetzt: „If Christ was crucified – Ah! God are we, / Not scourged, tormented, mocked and called to pay / The sin of ages in our little day -“. Anfangs konnte man in der Beschäftigung mit und der Darstellung des Todes auch noch ein Moment der Morbidität ausmachen, indem er sprachlich stilisiert und in lyrische Formen gezwungen wurde, sodass die Dichterin die Oberhand zu haben schien, ihn zumindest als formbares Sprachmaterial beherrschte. Bei seiner späteren Thematisierung wirkt Mew ihm häufig regelrecht ergeben. Der Tod ist nicht mehr eine Randerscheinung des Lebens, sondern dessen Zentrum. Auch wenn sie ihn als ganz natürlich darzustellen versucht, in ihm keinen Grund zu Traurigkeit erkennen will, sind Gedichte wie Left Behind, A Farewell oder There Shall Be No Night Here voller Schwermut und schon den Titeln nach ein Abschied Charlotte Mews, die sich nach zahlreichen Schicksalsschlägen 1928 in einem Pflegeheim das Leben nahm.

Und doch sollte bei diesen Gedichten der Tod nicht das letzte Wort haben, denn dafür sind sie einfach zu prall, zu übervoll von schöpferischer Energie. So düster sie auch manchmal sein mögen, so überbordend, ja regelrecht explosiv sind sie im Zusammenspiel von sprachlichem Inhalt und lyrischen Mitteln. Auch wenn die schriftstellerische Produktion Mews überschaubar blieb, so ist ihr doch eine Lyrik gelungen, die auch noch ein Jahrhundert nach ihrer Entstehung nichts von ihrem Reiz verloren hat und mit der sich Charlotte Mew, auch wenn sie lange aus dem Blick geriet, unsterblich gemacht hat.

Titelbild

Charlotte Mew: Alle belebten Dinge halten den Atem an. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe.
Aus dem Englischen von Wiebke Meier.
Verlag C.H.Beck, München 2026.
176 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783406840289

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