Herz und Schmerz
Emilie Schepps „Julimord“ dräut heftig, ist ganz kurzweilig, aber dann doch nur von der Stange
Von Walter Delabar
Müssen Krimis große Literatur sein? Oder wenigstens gute Unterhaltung? Oder überhaupt funktionieren? Möglicherweise von allem ein bisschen, damit keine Langeweile aufkommt. Denn nichts ist literarisch verderblicher als Suspense – Hitchcock möge mir verzeihen. Oder wenigstens jene Variante, die allzu vorhersehbar ist; zumindest was den Umstand angeht, dass da etwas Überraschendes kommen wird. Bei allen Drehungen und Kehrtwenden, die so eine Erzählung dann machen muss, bleibt am Ende so etwas wie Stringenz auf der Strecke. Und Hand aufs Herz: Geradlinigkeit und Klarheit sind große Tugenden, gerade weil sie im Krimi so selten zu haben sind, wo doch zwar der Gärtner immer, aber zwischendurch auch Fahrer, Ehemann, Butler und Galabauer in Frage kommen könnten.
Die schwedische Autorin Emilie Schepp ist, wenn man dem Verlag und seinem Klappentext Glauben schenken darf, so etwas wie ein neuer Stern am Krimihimmel, aus der Asche des Selfpublishing aufsteigend, nun ein internationaler Erfolg, so denn auch in Deutschland bei Piper.
In ihrem, wie dringend zu wissen ist, „Bestseller aus Schweden“ (gelbes Kreuz im gelben Kreis auf blauem Grund, sehr hübscher button auf dem Umschlag) lässt sie eine geschiedene Mutter zweier Kinder, zudem Mordermittlerin, ins provinzielle Motala (auf halbem Weg von Stockholm nach Göteborg) zur Mutter ziehen, weil Scheidung und todkranker Sohn (Herzschwäche, der Junge wartet auf ein Spenderherz) sie finanziell und auch körperlich derart ausgelaugt haben, dass nur noch die Rückkehr ins mütterliche Heim übrigbleibt. Immerhin hat und schafft sie noch einen Job bei der Mordermittlung von Motala, obwohl sie eigentlich die ganze Zeit zwischen dem provisorischen Heim, dem Job und dem Krankenbett des Sohnes pendelt. Ein achtsames Leben geht anders, aber was erzählt man alleinerziehenden berufstätigen Müttern.
Sie, also Maia Bohm, kommt grad zur rechten Zeit, um bei einem Überfall zu ermitteln, bei dem ein Mann namens Johan Sundin schwer verletzt worden ist, so schwer, dass er schließlich seinen Verletzungen erliegt. Der Überfall geschah just ein Jahr, nachdem die Frau des Opfers aus dem Haus entführt wurde und verschwunden geblieben ist.
Naheliegend hängt der eine mit dem anderen Fall zusammen – zumal sich herausstellt, dass die verschwundene Frau schwanger war und nicht ganz klar ist, ob sich der Ehemann über den Nachwuchs wirklich gefreut hat. Ist nämlich, wie hier verraten werden kann, nicht seiner, womit ein Motiv zumindest angenommen werden kann. Gelegenheit findet sich immer, auch wenn es ein Alibi gibt und der Gatte selbst die Polizei benachrichtigte. Er hat nämlich just mit seiner Frau telefoniert, als sie entführt wurde.
Wir tauchen im Folgenden also sehr tief in die Beziehungsgeschichten diverser Familien vor Ort ein, die irgendwie und immer miteinander verbandelt sind, die sich kennen, lieben und hassen, und ihre Seitensprünge und Streitereien schön untereinander abhandeln. "Wer mit wem" spielt hier eine große Rolle. Und von wem das Kind nun ist, sowieso. Patchwork kann einem familiär also gestohlen bleiben.
Unterzogen wird diese Mordgeschichte noch von den Sorgen der Mutter um den herzkranken Sohn, und der unerwarteten Wendung, die das ewige Warten durch den Mord an diesem Johan Sundin erhält. Denn gerade sein Herz würde sich besonders gut als Spenderherz für den Sohn der Kommissarin eignen.
Spätestens hier bekommt Schepps Geschichte den einen Bogen zuviel, der aus einem gediegenen einen überzogenen Krimi macht. Sicher, Kinderschicksale ziehen immer, und Mutterschmerz erlaubt alles (sorry, wir sind hier in der U-Literatur, die von Herz und Schmerz lebt). Aber der Abspann nach der Lösung des Falls, in dem dann die Frage geklärt wird, ob der Sohn das Herz Johans bekommen kann, hat mit dem Krimi nichts zu tun. Man könnte noch überlegen, ob Schepp mit dieser Wendung die genrespezifische Fokussierung auf die Irritation und anschließende Sistierung der geordneten Welt auf eine andere, meinetwegen lebensweltliche Ebene zu heben versucht. Aber offen gesagt sieht das Ganze nicht danach aus. Sondern eben nach dem Versuch, der wenig aufsehenerregenden Ermittlung einen erzählerischen Sidekick beizugeben, der dann als eigentlicher Nährwert erscheinen kann, wenn der Krimi allein nicht ausreicht. Und offen gesagt: Er reicht nicht aus. Denn an entscheidenden Stellen ist die Konstruktion des Krimis arg wackelig bis unplausibel oder unwahrscheinlich: Ein Polizist, der belastendes Material nicht verschwinden lässt, sondern aufhebt???? Da hilft das ganze Schwedengenre nicht und auch nicht der Bestseller-Stempel auf dem Umschlag.
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