Ankommen in der rauen Wirklichkeit
In Roland Schimmelpfennigs erstaunlichem Lyrik-Erstling „Bericht von der Mondlandung“ wird Fantastisches wirklich
Von Herbert Fuchs
Roland Schimmelpfennig hat sich vor allem als Autor von Theaterstücken einen Namen gemacht. Seine Übersetzungen und Bearbeitungen antiker Tragödien etwa, 2023 unter dem Titel Anthropolis veröffentlicht, wurden im Deutschen Schauspielhaus Hamburg mit großem Erfolg aufgeführt.
Jetzt erschien ein Gedichtband von ihm, der sein beachtliches Schreibtalent und seine vielseitigen künstlerischen Tätigkeiten – er arbeitet als Dramaturg und Regisseur an großen Bühnen und schreibt neben Theaterstücken auch Hörspiele, Opernlibretti und seit 2016 Romane – auf eindrucksvolle Weise bestätigt.
Schon der Titel des Gedichtbands Bericht von der Mondlandung lässt aufhorchen. Er verspricht eine Welt aus Fantastischem – die Magie des Mondes zieht die Menschen seit jeher in ihren Bann – und gleichzeitig eine genaue Beobachtung und Beschreibung von Ereignissen: Das Wort Bericht klingt wie ein Programm.
Und in der Tat lösen sich, wenn man blättert und liest, poetisch-bildhafte mit berichtähnlichen Texten ab, die dank Schimmelpfennigs lyrischer Sprache wie aus einem Guss daherkommen und ein großes poetisches Ganzes bilden. Dass dieser Eindruck beim Lesen entsteht, ist der Verzahnung der Texte untereinander geschuldet: Sie sind durch Wiederholungen von Wörtern, Zeilen und Strophen miteinander verbunden, auch durch Motive, Bilder und vor allem natürlich die lyrische wie poetisch-erzählhafte Sprache. Die einzelnen Texte tragen keine Titel, „neue“ Texte beginnen auf einer neuen Seite. Der Gedichtband besteht aus einem großen, langen Textzyklus.
Das Anfangsgedicht setzt den melancholischen Grundton des Bandes.
Die Vergangenheit
ein Stein,
das Heute
etwas Regen,
die Zukunft
ist aus Wind.
Was, was, mein Kind,
soll daraus werden?
Alles.
Nichts.
Alles.
Die Belastungen der Vergangenheit, das Graue des Alltags und die Unsicherheit des Morgen münden in einer existenziellen Frage: Was soll werden? Das zweifache „was“ und die Anrede „mein Kind“ unterstreichen die Dringlichkeit der Frage und die Unsicherheit, der sich das Ich ausgesetzt sieht. Zwischen „alles“ und „nichts“ gibt es tausend Möglichkeiten für schicksalhafte Begebnisse und Wendungen. Eine sichere, sorgenfreie Existenz hätte andere Prämissen.
Schimmelpfennig versteht es meisterhaft, in seinen kurzen, lakonisch anmutenden Texten dichte Szenen und Bilder darzustellen, die manchmal durch kleine sprachliche Wendungen dramatische Züge annehmen, wie zum Beispiel im folgenden Gedicht:
Istanbul.
Die großen Fähren
bei strömendem Regen in der Nacht,
vertaut am Anleger.
Eine Frau verkauft rauchend Rosen.
Eine Frau sagt,
du hast nichts begriffen.
Die nächtliche, verregnete Istanbuler Hafengegend wird zum Ort eines Beziehungskonflikts: Er könnte – die Rosen signalisieren es – romantisch, harmonisch ausgehen, aber auch – der letzte Vers setzt ein Ausrufezeichen – misslich enden. Es liegt am Leser, die Bilder, die der Autor anbietet, aufzugreifen und auszumalen.
In Schimmelpfennigs Gedichten geht es um Krankheit, Trennung, Alter, Gebrechlichkeit, Einsamkeit, Erinnerungen an die Kindheit und eine vergangene Liebe, um die nicht oder nur unzulänglich bewältigbaren Widrigkeiten des Alltags schlechthin, letztlich um die Vergeblichkeit aller menschlichen Bemühungen. Die Menschen in den Texten sind Kräften ausgeliefert, die sie aus der Bahn zu werfen drohen oder bereits beschädigt haben. Die sich wiederholenden Eingangsverse von der Vergangenheit als Stein, vom Heute als Regentag und vom ungewissen Morgen verfestigen den tristen, manchmal verzweifelten Ton des Zyklus.
Wie ein Beruhigungsmittel taucht immer wieder der Vers auf: „Hauptsache, die Musik hört nicht auf“. Der Satz ist kein wirkliches Heilmittel gegen die Unsicherheit des Lebens, eigentlich nicht mehr als eine Ablenkung von allen Bedrückungen. Den nordischen Schicksalsgöttinnen, den Nornen, und den römischen, den Parzen, entrinnen die Menschen nicht. Sie sind allgegenwärtig, etwa am Kiosk:
Wir sind die Parzen,
wir sind die Nornen.
Sagt einer der drei [Freunde am Kiosk],
und ein anderer.
ruft:
Komm, setz dich zu uns,
erzähl mal was,
(…)
da vorne geht’s nicht weiter,
wo soll’s da schon hingehen.
Schimmelpfennig entwickelt eindringliche Bilder vom einsamen Leben in der Großstadt, in Berlin oder in München, aber lässt auch Hoffnung aufblitzen. Da handelt ein Text von zwei Kindern an einer Haltestelle der Ringbahn: das eine ein 13- oder 14-jähriges Mädchen, übergewichtig, betrunken, benommen von Drogen, daneben ein etwas jüngeres Kind, auch betrunken, bereits am Nachmittag. Schimmelpfennig belässt es nicht bei der Trostlosigkeit, die die beiden Jugendlichen umgibt. Er schließt mit – vielleicht – hoffnungsvollen Versen:
Das Mädchen
in dem violetten Trainingsanzug
presst für eine halbe Minute
seine Lippen auf den geschlossenen Mund
des anderen Kindes.
Dann lösen sich die Kinder voneinander.
Beide blinzeln benommen
in die noch blasse Frühlingssonne.
Es sind Szenen, als würde für einen Augenblick ein Vorhang gehoben, der etwas preisgibt, was nicht ganz alltäglich ist, als würde ein Scheinwerferlicht auf etwas gerichtet, das wir vielleicht sehen, aber nicht so wahrnehmen, wie es verdiente, wahrgenommen zu werden: durchdringend und die Hintergründe aufdeckend, so dass sich unsere Sicht verändert. Solche Szenen machen die Lektüre zu einem spannenden Leseerlebnis: kleine Berichte über die Probleme, aber auch das Gelingen der schwierigen Beziehung von Menschen untereinander. Diese ist, so der Autor, mindestens so riskant, so abenteuerlich, so ungewiss wie eine Mondlandung. Und die Szenen dieser machen etwas Neues, vorher Unvorstellbares aus den Alltagsbeobachtungen und können dadurch zu einer anderen Haltung zwingen.
So führt beispielsweise eine Szene, in der ein älterer Mann in einem Rollstuhl in einer U-Bahn Geld erbettelt, zu einer freundlichen Begegnung zwischen ihm und einem jungen Mädchen, obwohl sie ihm kein Geld gibt. Oder ein Sechzehnjähriger träumt von einer Karriere als Songschreiber und Lied-Interpret. Er opfert dafür sein gesamtes Taschengeld, das er früh am Morgen in einer landwirtschaftlichen Kooperative mit dem Füttern von Schweinen verdient.
Die Erzählgedichte sind in einem nüchternen Berichtstil geschrieben, werden aber durch ihre Bildhaftigkeit und die Genauigkeit und Sparsamkeit der Sprache zu erstaunlichen poetischen Gebilden. Die Figuren der Erzählgedichte sind vom Leben Gezeichnete, vom Leben Vergessene, aber nicht immer zutiefst verzweifelte Menschen. Manchmal sind sie eher Träumer, immer noch, auch nach Schicksalsschlägen und unter deprimierenden Umständen, immer noch und immer wieder Träumer, die sich mit Hilfe von Wünschen und Sehnsüchten ein kleines Leben zusammenbauen oder sich, wie das Ich in den Texten, aus Erinnerungen an eine vergangene Liebe so etwas wie Lebenswillen, vielleicht sogar Lebensmut erhoffen. Es geht um verpasste Lebenschancen, um vom Glück Verlassene, um Menschen, die ihr Leben nicht in den Griff bekommen oder einfach vermasselt haben.
Ein Text beschreibt eine Bahnfahrt durch eine Landschaft, an der sich der Blick aus dem Zug heraus vergebens festzuhalten versucht: Einzelheiten, die der Landschaft ein Gesicht geben könnten, gibt es nicht. Es heißt dann:
es wird dunkel,
die Fahrt geht in die Nacht,
geht in die Nacht,
dann:
Halt auf offener Strecke.
Der Mond.
Es ist eine der wenigen Stellen, in denen das Titelwort des Gedichtbands vorkommt. Die Zeilen suggerieren, dass der Zug wegen des Mondes halte, als habe er mit ihm sein Ziel erreicht. Der Himmelskörper überstrahlt die nächtliche Zugfahrt, aber er markiert gleichzeitig völlige Distanz, etwas Unbekanntes, Fremdes, Kaltes. Alles Romantische, das dem Mond zugesprochen wird, ist den Zeilen fremd. Der Mond ist das Unerreichbare, der teilnahmslose Beobachter menschlichen Tuns und Treibens.
Ein paar Seiten weiter wird mit dem Titel noch deutlicher gespielt:
Ein grünes Insekt.
läuft über den kalt leuchtenden Bildschirm
in der Dunkelheit,
es ist auf dem Mond gelandet,
der es verstört, verwirrt,
betrügt, gefangen nimmt,
es glaubt vielleicht,
dies sei die Unendlichkeit.
An dieser Stelle wird das Abweisende des Mondes besonders deutlich. Wörter wie „verstört, verwirrt, betrügt“ zeigen, dass es falsch wäre, irgendeine Hoffnung auf den Mond oder etwa eine Mondlandung zu setzen. Jeder Bericht einer echten Mondlandung wäre etwas völlig Abwegiges, etwas, das in der problematischen Wirklichkeit keinesfalls weiterhilft.
Der obige Text endet mit einem zweideutigen Bild, das das Vorhergesagte unterstreicht. Das Gesicht des Vollmonds über der Stadt wird mit „weit aufgerissenen Augen“ verglichen. In den Augen kann Bewunderung stehen, aber auch Unverständnis und Schrecken. Je weiter man im Bericht von der Mondlandung liest, umso mehrdeutiger und zweifelhafter wird, was sich mit dem Wort „Mond“ verbindet. Für die grundsätzliche Vergeblichkeit und Glücklosigkeit des Lebens versprechen „Mond“ und „Mondlandung“ jedenfalls wenig Abhilfe. Sie halten bei Schimmelpfennig kaum Tröstliches bereit.
Der letzte Text des Bandes verschärft und bestätigt diese existenziell-unübersichtliche und hilflose Situation. Er wiederholt Teile des Anfangstextes und betont zwei weitere Motive, die bereits vorher mehrfach auftauchen und im Gedichtzyklus eine wichtige Bedeutung erlangen.
Da ist einmal das Bild eines Schiffes:
Es kommt
ein Schiff aus Schiefer,
das trägt ein Meer in sich,
aus grünem Granit.
Ein Schiff aus Schiefer oder Granit, das sein Wasser mit sich führt, ist etwas Wundervolles, Fantastisches, etwas, das nicht von dieser Welt ist, sondern seine eigene Wirklichkeit erzeugt. Im Text steht „es kommt“; eine Verheißung also, die alle Grenzen der Erfahrung sprengt. Und gleichzeitig ist es ein rätselhaft–absurdes Bild, das übermäßige Hoffnungen erzeugt, diese aber im gleichen Atemzug erstickt und zu einem lächerlichen Bild der Unwirklichkeit macht. Ein Schiff aus Stein, aus Granit, wird niemals ankommen. Wenn das das Heilsversprechen ist, könnte es nicht leerer und sinnloser sein.
„Alles“ ist möglich, so heißt es im ersten Text, aber auch „nichts“. Von daher schließt sich mit dem Schlussgedicht der Kreis einer melancholischen, desillusionierten Sicht auf das Leben mit seinen unerfüllten Hoffnungen und Sehnsüchten, seinen beunruhigenden Aussichten, seinen Ängsten und Unbeständigkeiten.
Und dennoch ist der Ausblick des Gedichtzyklus, vertraut man dem Ende, nicht ganz pessimistisch. Die letzten Zeilen antworten auf eine Aufforderung, die mehrfach im Text vorkommt:
vervollständige die Zeile,
beende den Satz:
Wenn ich an dich denke –
In früheren Texten werden Antworten durchgespielt, die nicht überzeugen. Jetzt, in den vier Schlusszeilen des Buches, gibt das Ich der Gedichte eine klare, sichere Antwort:
Wenn ich an dich denke,
denke ich
an deinen weichen Blick,
an dein schönes Gesicht über mir.
Das kann sich auf die Vergangenheit, die Gegenwart oder die Zukunft beziehen. In jedem Falle ist es ein Glücksmoment. Das „Schiff aus Schiefer mit dem Meer in sich“ kommt an, die Poesie, so betont Schimmelpfennig, überwindet die Hindernisse, mit denen das Leben den Einzelnen schlägt. Fantastisches, Sehnsüchte und Hoffnungen werden Wirklichkeit und erfüllen sich, wenigstens in Ansätzen. Erinnerungen an gemeinsames Glück setzen einen besonderen Akzent. Die Poesie lässt die Liebe siegen. Mondlandungen sind, dank Schimmelpfennigs poetischen Könnens, vielleicht doch möglich.
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