Verpasste Chancen und späte Einsichten

Nadine Schneider erzählt in ihrem Roman „Das gute Leben“ von berührenden Frauenschicksalen zwischen Nürnberg und Rumänien

Von Bernhard WalcherRSS-Newsfeed neuer Artikel von Bernhard Walcher

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nadine Schneiders dritter Roman greift zeitlich und geographisch etwas weiter aus als ihre ersten beiden Romane, in denen das Ende der Ceaușescu-Diktatur für die porträtierten Figuren im Mittelpunkt stand. In sich abwechselnden Kapiteln erfahren wir einerseits, was die Ich-Erzählerin Christina über ihr Verhältnis zu ihrer Mutter Helene, vor allem aber zu ihrer Großmutter Anni, deren Haus in einem Vorort von Nürnberg sie geerbt hat, denkt. Andere Kapitel sind losgelöst von der Ich-Erzählerin und präsentieren von einer nicht näher bestimmbaren Erzählinstanz poetische Vergegenwärtigungen von Annis Leben. In beiden Erzählsträngen geht es aber um dasselbe, nämlich um den Wert und die Bedeutung von Erinnerung, Herkunft und Verlust und die Frage, was ein „gutes Leben“ eigentlich bedeutet.

Schon dieser Titel verweist auf die antike Vorstellung der Eudaimonia, also einer dauerhaft glücklichen Lebensführung, die nicht bloß Mittel zu einem anderen Zweck ist, sondern als erfülltes Leben in sich selbst bestehen kann. Doch der Roman macht zugleich deutlich, dass eine solche Vorstellung niemals eindeutig oder unwidersprochen bleibt, und stellt sich damit in Opposition zu einer bestimmten Richtung der Philosophie, gleichzeitig aber auch in die Tradition der literarischen Verarbeitungen dieser Frage nach dem glückseligen Leben. Denn gerade und schon die antike Dramen-Literatur zeigt, dass ein Leben auch erst vom Ende her bewertet werden kann. Wie bei Ödipus kann sich rückblickend herausstellen, dass das vermeintlich gelungene Leben auf Irrtum, Verdrängung oder Verlust gegründet war. Schneider greift diese Problematik auf und erzählt ein Familienleben, das sich zwischen Freiheit und Schuld, Aufbruch und Zurücklassen und Zurückgelassenwerden entfaltet.

Im Zentrum des Romans stehen mit Anni, Helene und der Ich-Erzählerin Christina drei Generationen von Frauen. Die Ich-Erzählerin Christina blickt auf ihre Familiengeschichte zurück: auf den Großvater Wolfgang, auf die verschwundene oder abwesende Mutter Helene und vor allem auf die Großmutter Anni, bei der sie aufgewachsen ist. Sie entwirft damit auch ein Geflecht weiblicher Biografien, das bis zur Urgroßmutter zurückreicht, die in Rumänien geblieben ist und das ganze Dilemma rumänisch-deutscher Geschichte(n) wie in einem Brennglas zeigt.

Dabei interessiert Schneider weniger die große historische Chronik als vielmehr die Frage, wie Geschichte in einzelnen Leben weiterwirkt, wie Erfahrungen weitergegeben werden und wie die Lebenden in einem ständigen Verhältnis zu den Toten stehen. Die Vergangenheit erscheint nicht abgeschlossen, sondern bleibt gegenwärtig in Erinnerungen, Gesten und unausgesprochenen Verletzungen.

Eindrucksvoll ist die poetische Sprache des Romans. Schneider gelingt etwas, das nur wenige Autorinnen und Autoren beherrschen: Mit wenigen, unaufdringlichen Worten schafft sie atmosphärisch dichte Landschaftsbeschreibungen, Stimmungen und Erinnerungspanoramen. Die Bilder wirken nie ornamental oder überladen, sondern entstehen aus genauer Beobachtung und bestechen durch ihre Poetizität. Gerade darin liegt die große Stärke des Romans. Natur, Häuser und Gegenstände werden zu Speichern von Zeit, die wiederum nur Ausgangspunkt für die Reflektionen der Ich-Erzählerin sind.

Gleichzeitig sind die hier erzählten Geschichten alles andere als zeitlos oder zeitenthoben: Der Schreibanlass des Romans liegt im Zurückschauen und Verstehenwollen, nachdem Christina die Möglichkeit verpasst hat, letzte Dinge mit ihrer Großmutter zu klären, weil beide dachten, dass noch genug Zeit dafür bleibt. Diese Erfahrung prägt die Kapitel von Christinas Rückblick auf das eigene und die fremden Leben in entscheidender Weise. Erinnerung erscheint als etwas Fragiles und Bedrohtes. Im Laufe des Romans wird Christina klar, dass die Geschichten mit den Menschen verschwinden, wenn niemand mehr da ist, der sie erzählt. Der poetische Ton und die melancholische Bildlichkeit des Romans sind nicht zuletzt eben auch dieser Thematik geschuldet: Hier wird versucht, die Vergangenheit noch einmal festzuhalten, bevor sie endgültig verloren ist.

Zentral ist dabei auch die Darstellung einer bestimmten Generation, nämlich jener der Großmutter Anni. Schneider beschreibt jene Menschen, die bis zuletzt in ihren Häusern bleiben, den Rasen mähen, Reparaturen vornehmen und an einer vertrauten Ordnung festhalten. Darin zeigt sich nicht nur eine individuelle Haltung, sondern eine ganze Geschichte von Lebensweisen und Lebensentwürfen. Besonders Anni verkörpert diese Generation. Sie flieht aus der rumänischen Diktatur und beginnt ein neues Leben in einem Vorort von Nürnberg, nicht in der Stadt selbst – und kann sich damit noch ein Stück Heimat- und Dorfgefühl erhalten: die Illusion eines ländlichen Lebens in unmittelbarer Nähe zur Stadt. Das Haus, das Christina erbt, wird damit zum Symbol von Sicherheit, Kontinuität und Zugehörigkeit – und zugleich zum Ort der Erinnerung für die Enkelin.

Thematisch reiht sich der Roman in die Literatur deutsch-rumänischer Erfahrungen ein und erinnert an Autorinnen und Autoren wie Catalin Dorian Florescu oder Herta Müller. Während allerdings Müller die Erfahrungen der Ceaușescu-Diktatur häufig avantgardistisch und sprachlich radikal gestaltet, greift Schneider stärker die Tradition des Familienromans auf. Dadurch entsteht eine andere Form der Erinnerungsliteratur: weniger experimentell, dafür stärker erzählerisch und emotional gebunden an einzelne Figuren.

Besonders stark sind jene Passagen, in denen der Roman die Perspektive der Großmutter Anni einnimmt, bevor sie Rumänien verlässt und ihre Mutter zurücklassen muss. Gerade hier wird die Ambivalenz des Titels deutlich. Das „gute Leben“, das Anni in Deutschland sucht, bedeutet für jemand anderen Verlust, Einsamkeit und Verlassenwerden. Die Entscheidung für Freiheit und Selbstbestimmung ist untrennbar verbunden mit einem privaten Abgrund. Schneider zeigt eindringlich, dass jede Befreiung auch ihren Preis hat. Die Auswanderung erscheint deshalb nicht als einfache Erfolgsgeschichte, sondern als moralisch und emotional widersprüchlicher Vorgang.

Kein Nebenschauplatz des Romans ist dabei die Verbindung zwischen Familiengeschichte und bundesrepublikanischer Wirtschaftsgeschichte. Die Leben der Frauen Anni und Helene brechen sich an der Erfolgsgeschichte der Familie Schickedanz und des Versandhauses Quelle, für das sie arbeiten. Der Roman erzählt nicht nur individuelle Schicksale, sondern auch die Geschichte der Bundesrepublik, ihrer Arbeitswelt und ihrer sozialen Aufstiegserzählungen, die vielleicht auch nicht immer dem Maßstab des „guten Lebens“ genügen.

Eindrucksvoll schildert Schneider auch die Fremdheitserfahrung von Anni im Deutschland der 1960er Jahre. Trotz der gelungenen Integration bleibt Anni innerlich entwurzelt. In Deutschland wird sie zu einer stillen Frau. Der Verlust der Heimat bleibt für sie prägend, selbst wenn ein Leben in Rumänien unter der Diktatur unmöglich geworden war. Der Roman zeigt damit eine Form von Migrationserfahrung, die nicht einfach überwunden werden kann. Herkunft bleibt eingeschrieben in Sprache, Erinnerung und Verhalten.

Gerade darin liegt die große Stärke von Das gute Leben. Schneider erzählt nicht nur eine Familiengeschichte, sondern lotet das Verhältnis des Individuums zu der Zeit aus, in der es lebt. Der Roman zeigt, wie eng persönliche Entscheidungen mit historischen Umständen verbunden sind und wie Erinnerung Identität formt. Dabei gelingt Schneider ein stiller, poetischer und zugleich tiefgründiger Text, der lange nachwirkt. Das gute Leben ist deshalb weit mehr als ein Familienroman: Es ist ein Roman über Zeit, Herkunft, Schuld und die schwierige Frage, ob ein Leben jemals eindeutig gelingen kann.

Titelbild

Nadine Schneider: Das gute Leben. Roman.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2026.
304 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783103977134

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