Kunst ist immer

Ingo Schulze hat mit „Tasso im Irrenhaus“ drei Erzählungen überarbeitet oder umgeschrieben, in denen es um bildende Kunst und um Deutschland geht

Von Rainer RönschRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rainer Rönsch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der 1962 in Dresden geborene und in Berlin lebende Romancier, Erzähler und Essayist Ingo Schulze ist einer der produktivsten Autoren Deutschlands. Nun legt er drei Erzählungen über bildende Kunst, die bereits in Zeitschriften oder Anthologien erschienen waren, überarbeitet oder umgeschrieben vor. In jedem Text geht es um ein Kunstwerk und die mit ihm verbundenen grundsätzlichen Fragen: Wie ist es entstanden, was macht es mit dem Betrachter, wie geht der mit ihm um?

Ein Schriftsteller wie Ingo Schulze vermag es, sich einem Werk der nichtverbalen bildenden Kunst mit Worten so zu nähern, dass es dem Leser aufgeschlossen wird. Doch darauf beschränkt sich der Autor nicht. Er sieht Kunstwerke im gesellschaftlichen Kontext. Dabei geht es ihm nicht einseitig um das Ansehen ostdeutscher Künstler. Vielmehr hat er das staatlich geeinte, jedoch nicht mit sich einige Deutschland im Blick. Bereits im Jahre 2007 stellte Ingo Schulze fest, dass die Ostdeutschen „praktisch über Nacht in eine letztlich amerikanisch geprägte Kultur eingetreten“ sind. Er hielt und hält es für notwendig, nicht nur vom verschwundenen Osten zu erzählen, sondern auch vom Verschwinden des Westens in dem Sinne, dass der sich durch den Wegfall des Ostblocks zu seinen Ungunsten veränderte.

Die erste Erzählung, Das Deutschlandgerät, ist anfangs schweres Brot für Leser, die die titelgebende raumgreifende Installation des Künstlers Reinhard Mucha für den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig 1990 nicht kennen. Denn der Autor beschreibt das komplizierte Gebilde nicht sofort. Zunächst liest man seinen Brief an eine Museumsdirektorin in Düsseldorf, für die er über das Gerät schreiben soll, das jetzt in ihrem Museum steht. Er hatte vermutet, diese Bitte sei auf den ebenfalls in Düsseldorf ansässigen B. C. zurückzuführen, einen inzwischen verstorbenen DDR-Schriftsteller, der in den Westen abgeschoben worden war. Mittlerweile weiß er, dass die Direktorin diesen Autor, der Züge von Jurek Becker trägt, nur dem Namen nach kennt und seine Bücher nicht gelesen hat. Herrlich zu lesen, wie er ihr dies schlitzohrig vorwirft, indem er einen solchen Vorwurf als lächerlich oder unmöglich bezeichnet.

Der Einstieg über den Brief mag kunstvoll sein, doch zur Beschreibung des „Deutschlandgeräts“ macht er einen Behelf notwendig, denn die Direktorin kennt das Exponat natürlich. „Vielleicht aber ist es für Sie von Interesse zu hören, was jemand sieht, der es zum ersten Mal begeht.“ Der Erzähler berichtet dann, wie B. C. ihn ins Museum und zur Installation führte. Auf Details der technisch genauen und sprachlich schönen Schilderung kann hier nicht eingegangen werden. Bewegend wird über die spannungsvolle Bekanntschaft des Erzählers mit B. C. und dessen Frau Elzbieta berichtet. Nach dem Tod von B. C., der im Westen nie heimisch wurde, erfährt der Erzähler von Elzbieta, wie der Schriftsteller unter der Konformität der Leute litt, die ihn als „hoffnungslos links“ ansahen. B. C. wollte nichts mehr veröffentlichen. Das war keine simple Schreibblockade, sondern Erschöpfung zum Tode. Nur an seinem Journal arbeitete er noch, Muchas „Deutschlandgerät“ als „mythisches Erzählmuster“ für die Neuinstallation seiner literarischen Werke und seines Lebens nutzend. Vielleicht wird Elzbieta den Text von B. C. über das „Deutschlandgerät“ finden, das in Düsseldorf ebenfalls eine Neuinstallation durchmachte und nicht mehr das sein konnte, was es in Venedig war. Ob die Erfahrungen des Erzählers für die Museumsdirektorin brauchbar sind, bleibt offen.

Die Erzählung Tasso im Irrenhaus trägt den Untertitel Ein Tag in der Schweiz. Vier Wochen bleiben dem Erzähler bis zu einem Vortrag in Winterthur über das dort zu sehende Gemälde Tasso im Irrenhaus von Eugène Delacroix. Der italienische Dichter Torquato Tasso aus dem 16. Jahrhundert ist in Deutschland als Titelheld eines selten gelesenen oder aufgeführten Schauspiels von Goethe bekannt. Auf dem Gemälde sieht man den wegen Wahnsinns weggesperrten Dichter einsam und trostlos in einem Krankenhaus in Ferrara. Ein Mittelding zwischen Gefängnis und Sanatorium, mit gewissen Privilegien für die Insassen – genau der Platz, an dem Herrschende von Autokraten bis zu Kommunisten unangepasste Künstler sehen möchten. Die Abbildung des Gemäldes im Katalog reicht dem Erzähler nicht als Vorlage für seinen Vortrag, also besucht er die Sammlung Oskar Reinhart Am Römerholz in Winterthur.

Das Bildnis des Tasso hat er sich monumentaler vorgestellt, auch die Farben sind anders als im Katalog. Der Erzähler möchte in der Galerie nicht bedrängt werden „von palavernden Schaulustigen oder Museumspädagogen“. Doch ein skurril gekleideter Schweizer spricht ihn an und lässt nicht locker. Er referiert über zwei unterschiedliche Tasso-Bilder und kennt Details aus Tassos Biografie. Als der Erzähler die Schweiz als größten Gegensatz zum Osten bezeichnet, als heile Welt, „in der es nur dann Zerstörung gibt, wenn etwas Neues gebaut werden soll“, wird ihm erwidert, die Schweiz sei ein deutscher Spießertraum. Auch der Einwand, die Schweiz führe keine Kriege, verfängt nicht. Die Parole laute, „Krieg ja, um Gottes willen ja, aber nicht hier.“ Eine Geldwaschanlage sei die Schweiz, und Verbrechen aller Art profitierten vom Schweizer Bankgeheimnis. Von Friedrich Dürrenmatt und Peter Bichsel stammen verdeckte Zitate mit den erzbösen Kommentaren zur Schweiz. Angesichts der Vorstellung, den aufdringlichen Dr. Allwissend im Publikum zu haben, bezweifelt der Erzähler, dass er den Vortrag halten wird. Es bleibt nicht seine einzige unliebsame Begegnung an diesem Tag in der Schweiz; auf der Fähre über den Bodensee kommt ihm ein sandfarbener Mann viel zu nahe.

Die Vorlesung mit dem Untertitel Besuch beim Maler ist Abschluss und Höhepunkt des Bandes. Das ursprüngliche Dramolett wurde in eine Erzählung umgeschrieben. Der im Sterben liegende Maler und Querdenker Johannes Grützke (1937–2017) bittet den Erzähler namens Ingo Schulze zu einem Gespräch ins Hospiz, weil er über ein Bild von ihm schreiben soll. Keine Bildbeschreibung, sondern ein „Gedankenspiel“. Das Bild heißt „Die Vorlesung“. Spielt der Maler darauf an, dass der Autor finanziell auf Lesungen angewiesen ist? Zu seiner Überraschung trifft der Erzähler drei Männer und drei Frauen, Verwandte und Freunde des Künstlers, im Krankenzimmer. Kenner sehen darin eine Anspielung auf die vielen Personen, die sich auf den Bildern Grützkes tummeln. Die Leute kennen einander gut, reden und interagieren, doch keiner ist so lebendig wie der todgeweihte Maler. Was da beim Verzehr einer „Blaubeertart“ gesprochen wird, klingt nach einer Teegesellschaft oder Vernissage in Westberlin. Zuweilen wirken die Versammelten wie Traumgestalten oder wie der Chor in einem antiken Drama, mal tiefsinnig, mal hohl. In einer surrealen Übersprungshandlung spielt ein Mann namens Enrico immer wieder auf seinem Saxophon. Verbürgte Aussprüche Grützkes werden zitiert: „Moderne Kunst ist Blödsinn. Kunst ist nicht modern, Kunst ist immer.“

Alle drei Texte von Ingo Schulze regen zum Nachdenken darüber an, wie Kunstwerke entstehen, wie sie auf den Betrachter und die Gesellschaft wirken und welches Eigenleben sie gewinnen, wenn wir uns ihnen öffnen. Ja, Kunst ist immer.

Titelbild

Ingo Schulze: Tasso im Irrenhaus. Erzählungen.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2021.
160 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783423282390

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