Eine lebenslange Freundschaft in Briefen

Gerhard Schuster legt einen sorgfältig und ausführlich kommentierten Briefwechsel zwischen Hugo von Hofmannsthal und Rudolf Alexander Schröder vor

Von Günther FetzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Günther Fetzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das ziemlich gleichaltrige Dreigestirn Hugo von Hofmannsthal (1874–1929), Rudolf Borchardt (1877–1945) und Rudolf Alexander Schröder (1878–1962) versuchte, sich als kulturkonservatives Bollwerk gegen nahezu alle anderen literarischen Tendenzen ihrer Zeit zu konstituieren. Ihr Austausch untereinander erstreckte sich bei allen Verstimmungen, Abbrüchen und Versöhnungen über die jeweilige Lebensdauer und ist nicht zuletzt in umfangreichen Briefwechseln dokumentiert. Die Korrespondenzen zwischen Borchardt und Schröder (veröffentlicht 2001) sowie zwischen Borchardt und Hofmannsthal (nach einer Teilpublikation 1954 veröffentlicht 1994 und 2014) begannen fast zeitgleich und endeten jeweils mit dem Tod des zuerst Verstorbenen. 

Nun ist nach jahrzehntelanger Vorbereitung auch der Briefwechsel zwischen dem früh berühmten Wiener Lyriker und Dramatiker Hofmannsthal und dem Bremer Kaufmannssohn und Innenarchitekten Schröder erschienen. Der verdiente Borchardt-Herausgeber Gerhard Schuster hat die Korrespondenz mit der von ihm gewohnten Sorgfalt und Ausführlichkeit ediert. Dass es so lange gedauert hat, bis die Briefe zwischen den beiden lebenslangen Freunden Hofmannsthal und Schröder endlich erscheinen konnten, lag an mannigfaltigen Hindernissen – an ungünstigen Zeitläufen, Widerständen der Erben, einer verzwickten Quellenlage und anderen Widrigkeiten, wie Schuster in seinem knappen editorischen Bericht andeutet. 

Entgegen der gängigen Praxis hat sich der Herausgeber dafür entschieden, über den Kernkorpus Hofmannsthal – Schröder hinaus weitere Korrespondenzen aufzunehmen, so unter anderem mit Gerty von Hofmannsthal, der Tochter Christiane von Hofmannsthal und deren Brüdern Franz und Raimund sowie mit Schröders Schwestern Dora und Clara Heye. Insgesamt versammelt die Edition 589 Nummern, darunter 475 handschriftliche beziehungsweise maschinenschriftliche Briefe, Briefkarten und Briefentwürfe. Jeweils 162 Schreiben gingen von Hofmannsthal direkt an Schröder und von diesem unmittelbar an Hofmannsthal. 

Doch der Herausgeber hat wie schon bei seiner Edition der Briefwechsel Hofmannsthals mit Rudolf Pannwitz (1994) und Borchardt (1994 und 2014) weitere Texte aufgenommen. Die beiden Bände umfassen neben den Briefen 45 Prosatexte und Gedichte. Das sind nicht nur sämtliche Texte Hofmannsthals und Schröders über Werke des jeweils anderen, sondern auch thematisch zugehörige Stücke, die teilweise unveröffentlicht oder nur schwer zugänglich sind, etwa die Gedenkrede Schröders auf Hofmannsthal (1930) oder seine Ausführungen in den 1950er Jahren zur Publikation der Briefwechsel Hofmannsthals mit Eberhard von Bodenhausen und Carl J. Burckhardt. Diese zweifache Erweiterung um weitere Briefschaften und ergänzende Texte findet sich auch im Untertitel der Edition wieder: „Mit den zugehörigen Familienbriefen, Essays und Dichtungen“. 

Entstanden ist so ein voluminöses Gesamtwerk in zwei Bänden. Band 1 enthält auf 911 Seiten die Briefe zwischen 1899 und 1962 und 64 leider recht flau gedruckte Abbildungen, Band 2 auf 942 Seiten neben dem editorischen Bericht die erwähnten Texte, die Kommentare zu Briefen und Texten (fast 500 Seiten), ein Verzeichnis der Briefe sowie umfangreiche Register. 

Editorisch reiht sich dieser Briefwechsel in die überbordend kommentierten Ausgaben ein, wie das bei den Korrespondenzen mit Rudolf Pannwitz (1993), Rudolf Borchardt (1994/2014), Hermann Bahr (2013), Elsa und Hugo Bruckmann (2014), Alfred Roller/Richard Strauss (2021) sowie mit Gerty von Hofmannsthal (2024) der Fall ist. Drei Beispiele: Der 1994 publizierte Briefwechsel Hofmannsthals mit Rudolf Borchardt umfasst 452 Seiten, der fast zwanzig Jahre später erschienene Kommentarband rund die doppelte Seitenzahl, nämlich 824 Seiten. Der 2013 veröffentlichte Briefwechsel mit Hermann Bahr dokumentiert die Texte auf knapp 450 Seiten. Die Erläuterungen, mehrere Register, Abbildungen und Dokumente nehmen den Rest des 1001 Seiten umfassenden zweibändigen Werks ein. Den Briefen zwischen den Eheleuten Hofmmansthal stehen auf rund 850 Seiten fast 1000 Seiten Anhang gegenüber.

Erfreulich ist der Ladenpreis der Edition. Dank großzügiger Förderungen durch Heribert Tenschert und weiterer Privatpersonen sowie durch die Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz werden die beiden umfangreichen Bände mit fast 2000 Seiten zum Preis von 69 Euro angeboten. Zum Vergleich: Der Briefwechsel Hofmannsthals mit seiner Ehefrau kostet bei einem Umfang von etwas über 1800 Seiten 88 Euro. 

Der erste Brief in diesem Korpus stammt von Schröder. Am 9. Juli 1899 teilt er Hofmannsthal im Namen der Redaktion mit, dass in der ersten Nummer der neuen Zeitschrift Insel Hofmannsthals Theaterstück Der Kaiser und die Hexe erscheinen und das Honorar „in den nächsten Tagen“ überwiesen werde. Den letzten Brief zwischen den beiden Freunden schrieb Hofmannsthal am 19. Februar 1929 aus der Schweiz, wo er sich auf dem Landgut Schönenberg der Familie Burckhardt aufhielt. Wieder einmal geht es um den Bruch mit Borchardt, dessen Eranos-Brief zum fünfzigsten Geburtstag Hofmannsthals diesem sehr missfallen hat. Wenige Tage später, am 27. Februar, begegnen sich Hofmannsthal und Schröder in Basel zum letzten Mal. 

Das Verzeichnis der Briefe belegt, wie konstant der Austausch zwischen den beiden war. Mit Ausnahme weniger Jahre, auch der Jahre des Ersten Weltkriegs, wechselten in der Regel rund zwanzig Briefe pro Jahr die Seiten; 1911 waren es über dreißig. Lautet zu Beginn der Korrespondenz die Anrede „Sehr geehrter Herr“, so hieß es am Ende „Lieber Rudi“, „Mein Lieber“ oder „Mein Guter“. 

Über die thematische Vielfalt der Korrespondenzen und der beigegebenen Texte kann hier natürlich nicht ausführlich berichtet werden. Gemeinsame ehrgeizige Verlagspläne und Publikationsvorhaben, Klagen über den Kulturverfall, öffentliches Lob des einen für den anderen, aber auch Verstimmungen über Schröders Trödelei hinsichtlich getroffener Absprachen oder Hofmannsthals Talent zu Verdüsterungen und Affronts, Austausch über Literatur, Philosophie und Politik und nicht zuletzt die Diskussionen über den engen gemeinsamen Freund Rudolf Borchardt durchziehen diesen Briefwechsel, der – so hat Johannes Salzwedel zu Recht bemerkt – nicht nur für Kenner unentbehrlich ist, sondern auch zeigt, welch ein Niveau kultureller Verfeinerung einmal in Europa möglich war. 

Mit der Veröffentlichung des Hofmannsthal-Schröder-Briefwechsels verbleiben jetzt noch zwei große Korrespondenzen, auf die man gespannt sein darf: Hofmannsthals Briefwechsel mit den Eltern (rund 1700 Schreiben) und mit Lili Schalk (rund 230 Schreiben).

Titelbild

Gerhard Schuster: Hugo von Hofmannsthal-Rudolf Alexander Schröder Briefwechsel 1899–1962. Mit den zugehörigen Familienbriefen, Essays und Dichtungen.
2 Bände.
Wallstein Verlag, Göttingen 2025.
1853 Seiten, 69,00 EUR.
ISBN-13: 9783835359574

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