Das Drama der Pubertät in märchenhaftem Gewand
Der C.H. Beck Verlag hat Christoph Martin Wielands Kleinod „Geschichte des Prinzen Biribinker“ neu aufgelegt
Von Miriam Seidler
Im Vorwort zu seinem im Jahr 1764 erschienenen Roman Der Sieg der Natur über die Schwärmerey, oder die Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva lässt Christoph Martin Wieland den fiktiven Herausgeber berichten, wie sein schallendes Gelächter ob der komischen Handlung des Romans dazu führt, dass sein gesamter Haushalt ebenso wie zufällige Passanten von seinem Lachen angesteckt werden. Zwar führt der Herausgeber sein Amüsement bei der Lektüre auf das Verhalten seiner an Don Quichotte und seinen Diener Sancho Pansa angelehnten Figuren zurück, er wird aber bei der Lektüre des in den Roman als Binnenerzählung eingebetteten Geschichte des Prinzen Biribinker nicht wenig gelacht haben.
Wer die Satire auf die fehlgeleitete Lektüre von Ritterromanen aufgrund des Umfangs des ersten Romans des Aufklärers Wieland scheut, dem sei als Schmankerl dieses kleine Bändchen mit seinem farbenfrohen Einband ans Herz gelegt. Es ist nicht nur Ausweis von Wieland blühender Phantasie, nach der Lektüre fragt man sich zugleich, warum der so brillant schreibende Autor heute nur noch einem Fachpublikum bekannt ist.
Aber worum geht es in der Geschichte des Prinzen Biribinker? Wieland beginnt mit einem klassischen Märchenanfang. Ein Königspaar freut sich über die Geburt des Thronfolgers und der ganze Hofstaat bemüht sich nach Kräften, dem jungen Prinzen den Start ins Leben so angenehm wie möglich zu machen. Statt eine der zwanzigtausend hübschen Bewerberinnen für das Amt der Amme des kleinen Prinzen auszuwählen, entscheidet sich die Königin dafür, den Prinzen einer Fee anzuvertrauen, die in Form einer dicken Biene bei ihr vorsprach. Da sie dieser vor einer weiteren Fee, die sich in Form einer Ziege um das Amt der Amme bewarb, den Vorzug gab, fürchtete das Volk um die Zukunft des Prinzen. Um dem Thronfolger den möglichst besten Start ins Leben zu ermöglichen, wurde der Rat des weißen Zauberers Caramussal eingeholt. Dieser empfiehlt, dem Jungen den mit geheimen Kräften versehenen Namen Biribinker zu geben. Zudem scheint er durch die Aufzucht im gesicherten Bienenstock vor der Gefahr durch die Fee Caprosine geschützt zu sein, die ihm in Form eines Milchmädchens begegnen würde.
Wie es nicht anders sein kann, wird dem feinste Schokolade scheißenden Prinzen das Leben im Bienenstock zu langweilig und mit Hilfe einer Hummel, der die Beanspruchung im Harem der Bienenkönigin zusetzt, gelingt Biribinker mit 17 Jahren die Flucht. Dem Rat der Hummel folgend macht er sich auf den Weg zu einem verzauberten Schloss, kann aber nicht umhin, auch in den nahegelegenen Schafstall zu blicken, wo er – wie kann es anders sein – ein Milchmädchen erblickt und sich unsterblich in sie verliebt. Sie ergreift allerdings die Flucht, als sie seinen Namen hört.
Im Folgenden gestaltet Christoph Martin Wieland die Suche eines pubertierenden Jugendlichen nach der wahren Liebe und seiner Bestimmung im Leben. Auf der Reise durch die fiktive Welt begegnet sein Biribinker in dieser mit verschiedenen Versatzstücken aus französischen Feenmärchen versetzten Fiktion immer wieder verzauberten Feen und Undinen, die nur darauf warten, von ihm aus ihrer Verzauberung durch einen eifersüchtigen Ehegatten erlöst zu werden. Diese so schönen wie selbstbewussten Frauenfiguren erregen vorübergehend seine sexuelle Neugier und lassen ihn das Milchmädchen zumindest kurzfristig vergessen lassen. Der Selbsttäuschung, der der sexuell unerfahrene aber dafür literarisch in Liebesdingen bestens unterrichtete Prinz unterliegt, wird von Wieland phantasievoll ausgestaltet:
O! rief Biribinker […] kan man etwas anders zu sehen oder zu besitzen wünschen, nachdem man sie gesehen hat, göttliche Ondine? Ich erinnere mich nur nicht mehr, daß ich vorher Augen hatte, und der Augenblick, da ich sie zum erstenmal sah, ist der Anfang meines Daseyns. Ich kenne und wünsche mir keine andere Glückseligkeit, als zu ihren Füssen von dem Feuer verzehrt zu werden, das ihr erster Blick in meiner Brust entzündet hat.
Prinz Biribinker, antwortete die Ondine, sie haben einen schlimmen Lehrmeister in der Redekunst gehabt; Ich hätte gedacht, die Fee Cristalline sollte ihnen die lächerliche Meynung benommen haben, daß man uns Unsinn vorsagen müsse, um uns die Heftigkeit seiner Leidenschaft zu beweisen. Ich wette was sie wollen, daß es nicht wahr ist, daß sie zu meinen Füssen verzehrt zu werden wünschen; glauben sie mir, ich weiß besser was sie wünschen, und sie würden mehr dabey gewinnen, wenn sie natürlich mit mir reden wollten. […] man muß uns überzeugen können, wenn man uns rühren will, und die Macht der Wahrheit ist das einzige, was uns nöthigen kann, uns zu ergeben.
Die Liebeskonventionen des 18. Jahrhunderts und ihre literarischen Vorbilder werden hier nicht nur vorgeführt, sondern auch immer wieder aufs Komischste unterlaufen, wenn der Prinz zwar seine Liebe für das Milchmädchen betont, aber kein sexuelles Abenteuer auslässt. Die kritische Auseinandersetzung mit Feenmärchen und Ritterromanen ermöglicht es Wieland dabei, nicht nur das eigene Schreiben kritisch zu reflektieren, indem er seinen Prinz mit den Verlockungen des Körpers und den emotionalen Wirren des Erwachsenwerdens konfrontiert. Er hinterfragt zugleich Gattungskonventionen, wenn er zu Beginn seiner Geschichte konsequent mit Übertreibungen arbeitet oder wenn ein sprechender Kürbis dem Prinzen einen Ausgang seiner Abenteuer wünscht, „desgleichen noch kein Märchen gehabt hat, seitdem es Feen und Ammen in der Welt gibt.“ Der Wieland-Kenner und Biograph Jan Philipp Reemtsma sieht in der Geschichte des Prinzen Biribinker „etwas wie ein […] Möbiussches Band, das sich in sich schlingt und bei dem man nicht weiß, wo vorn und hinten ist“. Das liegt zum einen an den ähnlich gestalteten sexuellen Befreiungs- beziehungsweise Verführungsszenen, die sich nach einem sehr ähnlichen Muster wiederholen. Ein Grund dafür ist aber auch Wielands Erzählweise, die mit immer neuen Ideen aufwartet und so die Leserinnen und Leser intellektuell verführt.
Und so ist es weniger der für ein Märchen typische Ausgang, sondern es sind die Ausgestaltung der erzählten Welt, die witzigen Dialoge sowie die Selbstironie des Autors, die zum Lesevergnügen beitragen. Etwas seltsam dürfte für Leserinnen und Leser heute die Wiedergabe in der Fassung der Erstausgabe erscheinen, doch der historische Duktus und die ungewohnte Schreibweise stören das Lesevergnügen nicht. Und so bleibt zu hoffen, dass die Neuedition dieses literarischen Kleinods dazu beiträgt, dass das Werk Christoph Martin Wielands wieder mehr Aufmerksamkeit findet.
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