Schwieriges Terrain
Rebecca Solnit schreibt mit „Umwege“ Essays für unsere Zeit
Von Nikolai Preuschoff
„Schwieriges Terrain“ – diese Metapher mutet 2026 wie ein Euphemismus an für eine sich rasend schnell ökologisch wie politisch verändernde Welt. Solnits Antwort darauf sind die Umwege: Wer Umwege geht, ist noch nicht angekommen; die Zukunft bleibt offen. In dieser Haltung steckt eine Version von Ernst Blochs Prinzip Hoffnung. Bloch schrieb sein Hauptwerk zwischen 1938 und 1947 im amerikanischen Exil – selbst auf schwierigem Terrain. Für ihn ist die Welt kein abgeschlossenes System, sondern ein Prozess, ein Feld von Möglichkeiten. Alles Bestehende trägt eine noch verborgene Tendenz in sich: Bloch nennt sie „Latenz“, und der Mensch kann dieses Noch-Nicht erkennen und durch Praxis in eine bessere Zukunft lenken. Hans Jonas und andere haben diese Hoffnungsphilosophie kritisiert: Sie sei zu teleologisch, zu sehr auf eine utopische Verheißung am Horizont gerichtet; sie blende die Gefahren aus, die menschliches Handeln für den Bestand der Welt bedeuten kann, und laufe Gefahr, das Leid der Opfer auszublenden. Bei Solnit kehren Blochs Gedanken wieder, aber geerdeter, ohne Fortschrittsglaube oder Heilsversprechen. Das, was kommt, bleibt offen – und gerade darin liegt der Raum für Hoffnung. Gelingen, Scheitern und Weitermachen sind in diese Haltung einbezogen.
Solnit hat diesen Gedanken bereits in Hoffnung in der Dunkelheit (2004; deutsch 2025) entwickelt – und gegen Missverständnisse präpariert. Hoffnung, schreibt sie dort, sei „nicht der Glaube, dass alles gut war, ist oder wird. Die Beweise unbeschreiblichen Leidens und unermesslicher Zerstörung sind allgegenwärtig“. Hoffnung sei auch kein Optimismus, der vom Handeln entbindet (weil es ohnehin gut ausgehen wird). Hoffnung ist für Solnit eine Wette auf das Ungewisse, wenn auch kein Lotterielos, das man auf dem Sofa festhält, während man sich glücklich fühlt. Hoffnung ist in der Lage, das ist Solnits (wahrscheinlich wichtigster) Punkt, eine kollektive Macht freizusetzen und so zu einem Katalysator zu werden für tiefgreifende Veränderungen.
Man könnte vielleicht fragen, ob so eine Hoffnung nicht doch zu einem Selbstzweck wird, zu einem Affekt, der sich an sich selbst genügt und die konkrete Veränderung der Welt aus dem Blick verliert. Aber auch diesem Einwand begegnet Solnit, wenn sie schreibt: „Hoffnung ist nur ein Beginn, kein Ersatz für Handeln, sondern eine Basis dafür.“ Wir hoffen zwar auf Resultate, machen uns von deren Eintreten aber nicht abhängig.
Die Essay-Sammlung Umwege ist die Fortführung dieses Denkens einer Hoffnung als Praxis, auf verändertem Terrain. Und da es sich um eine Sammlung von 20 Essays handelt, die in den Jahren 2020–2024 in teilweise anderen Versionen und unter anderen Titeln in Zeitschriften und Magazinen erschienen, drückt der Titel auch etwas über die Form aus: Der Essay selbst ist ein Umweg, ein Mäandern, ein Versuch ohne Ankunftsgarantie. Das Prinzip von Montaignes essayer – versuchen, erproben, abwägen – ist das Gehen ohne festes Ziel.
In einem schönen Text, „Schildkröte auf der Eintagsfliegen-Party“, verdichtet Solnit diesen Gedanken zu einem Bild: In einer von Kurznachrichten, Push-Meldungen und Instant-Videos geprägten Gegenwart wirkt die Schildkröte reichlich fehl am Platz. Die Eintagsfliege sieht nur endlose Gegenwart; bestehende Ordnungen erscheinen ihr unverrückbar, weil sie keinen Vergleichspunkt hat. Die Schildkröte hingegen erkennt lange Verlaufskurven. „Wo der Blick in die Vergangenheit kurzsichtig ist“, schreibt Solnit, „ist es auch der Blick in die Zukunft.“ Wer nur im Takt der Eintagsfliege sieht, verwechselt Nachrichten mit Neuem. Wer aber wie eine Schildkröte schaut, erkennt Veränderbarkeit – und in dieser liegt die Hoffnung.
Wenn auch nicht besonders gut zu Fuß, ist die Schildkröte doch so etwas wie eine Signatur von Solnits Denken und Schreiben. Seit Wanderlust. A History of Walking (2000) und A Field Guide to Getting Lost (2005) betont Solnit, dass der Lauf der Dinge offen ist und durch Handeln beeinflusst werden kann. Ohne den Begriff zu verwenden, folgt Solnit hier Bergsons Zeitverständnis der durée: Zeit als gelebte Dauer, nicht als messbare Abfolge. Geschichte erscheint nicht als Strom von Neuigkeiten, sondern als Prozess, in dem das scheinbar Selbstverständliche einmal radikale Idee, dann Kampagne, dann erkämpfte Normalität war. (Wenn Solnit die Kontingenz betont, steht sie damit auch in Blochs Tradition: In der Gegenwart schlummern Möglichkeiten, die noch nicht realisiert sind – Latenz, die auf Verwirklichung wartet.)
Von diesem Fluchtpunkt aus lassen sich die einzelnen Essays als Variationen eines Gestus lesen. Gleich zu Beginn formuliert Solnit eine Einsicht, die zugleich erkenntnistheoretisch, politisch und poetisch ist: Wahrnehmung ist kein neutraler Akt, sondern von Deutungsrastern und impliziten Modellen geprägt. Diese „frameworks“ entscheiden darüber, was wir überhaupt als möglich denken können. Solnit bietet deshalb kein Programm, sondern eine ‚Ausrüstung‘ für das Unterwegssein: einen altgedienten Kompass, der in die richtige Richtung weist, optische Instrumente für den Perspektivwechsel, Geduld als Proviant.
Im Essay „Ein Burgfrieden mit den Bäumen“ (im Original schöner: A Truce with the Trees) wird diese Schildkröten-Zeit konkret: Solnit entwickelt aus dem Bild einer über Generationen hinweg weitergegebenen Geige eine ökologische Poetik der Verflechtung des Menschen mit der Natur. Das Holz, aus dem das Instrument besteht, erzählt von Wäldern, Klimata, Zeiträumen jenseits menschlicher Planung. Wenn sich das Klima verändert, verändert sich nicht nur die Natur, sondern auch der Klang der Kultur. In „Der Himmel voller Wälder“ dreht die Essayistin dann die Blickachse um: Der Wald steht nicht unter dem Himmel, vielmehr ist der Himmel „voller Wälder“. So sehr ist unsere Wahrnehmung von impliziten Hierarchien geprägt – oben und unten, Zentrum und Peripherie, Mensch und Umwelt –, dass schon ein einfacher Perspektivwechsel zur Übung in Bescheidenheit wird.
Der Essay „Über den Verzicht auf Gewissheit“ bildet so etwas wie den erkenntnistheoretischen Angelpunkt des Buches: Hoffnung, schreibt Solnit, sei untrennbar mit Ungewissheit verbunden – mit dem Gefühl, nicht zu wissen, wie etwas ausgehen wird, aber dennoch einen Spielraum zu haben, der es erlaubt, den Ausgang mitzugestalten. Kontingenz wird zum Gegengift gegen Determinismus und Fatalismus, gegen die Ohnmacht. Dieser Gedanke verbindet das persönliche, essayistische Sprechen mit einer politischen Ethik des Handelns ohne Garantie – eine Linie, die sich von Montaigne über William James und Howard Zinn bis zu Solnit selbst ziehen lässt.
Diese zeitliche Tiefenschärfe hat bei der Autorin auch politische Konsequenzen. Wer lange Verlaufskurven erkennt, verliert die Erfolge nicht aus dem Blick: „Viele wissen gar nicht, dass wir den Kampf um das Bewusstsein der Menschen im Großen und Ganzen gewonnen haben“, schreibt sie – 2023, während Bidens Amtszeit. Fünf Jahre später ist Trump wieder an der Macht, und auch in Europa sind autoritäre und populistische Kräfte auf dem Vormarsch. Solnits Analyse aber hat an Dringlichkeit nichts verloren, im Gegenteil. Wer wie die Schildkröte schaut, erkennt auch, dass nicht alles verhandelbar ist. In dem Essay „Warum wir Nazis nicht entgegenkommen sollten“ – der klarste, kämpferischste Text im Band – richtet sich Solnit gegen den demokratischen Reflex, gegen den Glauben, Dialog sei per se ein Wert. Autoritäre Bewegungen, so Solnit, entstehen aus strategisch befeuerten Verletzungen; „eine komplette Industrie widmet sich der Aufgabe, Weißen einzureden, dass liberale Eliten auf sie herabblickten.“ Das lässt sich auf die populistischen Töne einiger Nachrichtenkanäle auch diesseits des Atlantiks übertragen – und auf die Wähler:innen, die einer vergangenen Zeit oder Lebensweise nachtrauern. „Was tut man mit Menschen, die glauben, sie seien mehr wert als andere Menschen?“ Man darf ihnen nicht nachgeben; denn jedes Nachgeben nährt die Intoleranz und verschiebt die Normen. Wahrheit liegt nicht irgendwo zwischen Fakt und Lüge. Solnits Entschiedenheit ist dabei weder dogmatisch noch moralistisch: Sie beruht auf historischer Erkenntnis und dem, was Hannah Arendt den Mut zu urteilen nennt. Urteilskraft ist eine Bedingung demokratischer Offenheit: Nur wer Grenzen zieht, schützt den Raum, in dem Pluralität möglich ist.
Ähnlich verfährt Solnit in ihren Essays zur Klimakrise, insbesondere in „Tiefe Zeit kontra kurze Frist“ und „Die Klimaerzählung ändern“. Auch hier richtet sich ihre Kritik gegen verkürzte Zeitmodelle. Die Logik fossiler Ausbeutung folgt der kurzen Frist: dem Quartal, dem schnellen Gewinn, der externalisierten Zerstörung. Dem setzt Solnit die tiefe Zeit entgegen – geologische, ökologische und generationelle Maßstäbe, in denen Verantwortung anders gelesen werden muss. Damit berührt sie einen Gedanken, den Hans Jonas in Das Prinzip Verantwortung formulierte: dass ethisches Handeln sich am Fortbestand der Bedingungen von Leben orientieren muss. Solnit ergänzt diesen Imperativ um eine feministische und erzählerische Dimension. Die Klimakrise ist für sie nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein narratives und machtpolitisches Problem – verwoben mit patriarchalen Herrschaftsstrukturen, Extraktionslogiken und der Abwertung von Fürsorge. Angesichts dieser gewaltigen Katastrophe entsteht Hoffnung nicht aus der Aussicht auf schnelle Lösungen, sondern aus der Bereitschaft, längerfristig zu denken, Allianzen zu bilden und auch ohne Garantie zu handeln. Wieder ist es die Schildkrötenperspektive, die Widerstand ermöglicht: langsam genug, um Zerstörung zu erkennen und beharrlich genug, um ihr etwas entgegenzusetzen.
Solnit weiß, wer die Gegner sind; sie benennt Machthunger, Ausbeutung, patriarchale Gewalt. Aber auch die Schildkröte ist nicht harmlos. Sie ist langsam, aber sie gibt nicht auf. Die Subjektivität, die den Essay seit Montaigne auszeichnet, ist hier keine Schwäche, sondern Voraussetzung: Nur wer sich selbst als Teil des unabgeschlossenen Prozesses begreift, kann Hoffnung als etwas anderes verstehen denn als bloßen Wunsch.
Das Buch endet mit einem Text über den nach Jahrzehnten aus der Haft befreiten Kevin Strickland, der 1979 von einer rein weißen Jury zu Unrecht wegen der Tötung von drei Menschen in Kansas City verurteilt wurde – gefolgt von einem Eintrag, der schlicht „5. November 2024, 23 Uhr“ überschrieben ist. Solnit: „Ihr gebt nicht auf, und ich auch nicht.“ Und weiter: „Es gibt keine Alternative zum Durchhalten, und wer sagt, dass man dabei gut drauf sein muss?“ Das ist wahrscheinlich nur wenig tröstlich, dafür aber ein Aufruf, der die Lage anerkennt – in Form eines Essays, der das Unabgeschlossene aushält. So bricht das Buch am 5. November 2024 nicht ab – es öffnet sich in eine Gegenwart, die weitergeht und deren Ausgang nicht feststeht.
Am Ende der Aufklärung steht das Goldene Kalb, formulierte Max Frisch 1986 in Solothurn: „Der Aufruf zur Hoffnung ist heute ein Aufruf zum Widerstand.“ Man kann diesen Satz als einen Kommentar zu Bloch lesen: Denn erst wenn Hoffnung nicht mehr auf ein fernes Gelingen wartet, sondern sich im Widerstand selbst verwirklicht, wird Blochs Begriff der Latenz konkret. Das Noch-Nicht schlummert nicht irgendwo am Horizont, es entsteht im Handeln, im Versuch, im Weitermachen trotz allem. Hannah Arendt, die die teleologische Geschichtsphilosophie selbstredend ablehnte, nennt das Natalität – die fundamentale Fähigkeit des Menschen, durch Handeln einen radikalen Neuanfang zu setzen. Mit Jonas teilt Arendt die Sorge um den Fortbestand der Welt; aber während Jonas die Verantwortung und auch Furcht betont, setzt Arendt auf das Vermögen, Neues zu beginnen. In dieser Spannung zwischen Blochs Noch-Nicht, Jonas‘ Verantwortung und Arendts Natalität bewegt sich Solnits Schreiben. Am nächsten bei Arendt ist Solnit mit ihrem Mut, öffentlich zu werden, zu handeln, sich zu zeigen.
Solnit ist Essayistin, aber sie ist auch, seit Jahrzehnten, Aktivistin. Sie geht auf die Straße und ist in Bewegung. Umwege ist ein Buch, das beide Formen des Widerstands zusammendenkt – in der Sprache und im Handeln, dem Langsamen und dem Öffentlichen. Es ist, im Tempo der Schildkröte, ein Buch für die lange Dauer – und für jetzt.
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