Die Prinzessin und das Patriarchat
Marlene Streeruwitz geht in „Prinzessinnenkunde“ klarsichtig einem Muster bürgerlicher Erziehung auf den Grund
Von Stefan Neuhaus
Es gibt eine Anekdote, die zwar politisch nicht ganz korrekt ist, die aber eine wichtige Einsicht vermittelt. Als Gerhard Polt vor weit mehr als vier Jahrzehnten Man spricht deutsh drehte, suchte er einen geeigneten Strand in Italien. Doch bevor der Dreh dort startete, musste das Team den Strand erst einmal aufräumen, weil Polt meinte: Das glaubt uns sonst keiner. Wer den Film gesehen hat, weiß noch, wie vollgemüllt der Strand war. Die von der Anekdote vermittelte Einsicht ist, dass die Fiktion die Realität oft nicht erreicht, weil sie sich sonst dem Verdacht aussetzt, unglaubwürdig zu sein.
So ist es heute: Wer hätte gegen Ende des letzten Jahrtausends gedacht, dass wir wieder in einer Zeit leben würden, in der Nationalismus, Protektionismus und beispielsweise der Glaube daran, dass die eigene privilegierte Existenz vor Zuwanderung geschützt werden muss, obwohl sie eigentlich nur durch Zuwanderung gesichert werden kann, zu Glaubenssätzen einer bedenklich großen Zahl der Bevölkerung werden würden? Wenn jemand einen Roman schreiben würde über eine Figur Donald J. Trump, mit den bekannten Eigenschaften, die zum Präsidenten der USA aufsteigt, dann wäre es entweder ein kritisch-dystopischer Roman geworden oder ein affirmativ-trivialer – in beiden Fällen hätte ihn niemand, der über Bildzeitungsniveau zu lesen imstande ist, ernstgenommen.
Die heutige Zeit beleidigt jeden Intellekt. Fast möchte man, wie Erich Kästner vor 1933 und trotz seiner vor Nationalsozialismus und Militarismus warnenden Gedichte (am bekanntesten ist wohl Kennst du das Land, wo die Kanonen blühen?), den Kopf schütteln und sagen: So dumm kann die Menschheit doch gar nicht sein. Aber sie ist es zweifellos. Dass es dann noch Autor*innen gibt, die dagegen anschreiben, ist ihnen hoch anzurechnen.
Besondere Bewunderung verdient Marlene Streeruwitz. Sie hat schon vor langer Zeit die Wurzel des Übels identifiziert, die patriarchalische Gesellschaftsordnung. Damit steht sie im Einklang mit prominenten Soziologen – Männern – wie Pierre Bourdieu, der 1998 Die männliche Herrschaft veröffentlichte, als Konsequenz und Schlusspunkt seiner Analyse der westlichen Gesellschaft.
Marlene Streeruwitz hat zunächst mit Dramen versucht, Aufklärung über die weiterhin defizitären Strukturen im besten Sinne zu leisten, auch schon Jahre, bevor Bourdieu zu seinen Einsichten kam. Schließlich entdeckte sie den Roman als breitenwirksameres Medium und entwickelte in den letzten Jahren eine neue Strategie – neben Romanen schreibt sie nun auch schwer einzuordnende schmale Bücher mit plakativen Titeln, die zum Lesen anregen sollen und die ihr – eigentlich unser aller – wichtigstes Thema perspektivieren. Nach „Handbüchern“ gegen den Krieg und für die Liebe ist nun Prinzessinnenkunde. (ihre Titel setzen immer einen Punkt ans Ende) neu erschienen.
Mit dieser einmal mehr ein Grundlagenwerk signalisierenden kleinen Studie setzt sie konsequent den nun eingeschlagenen Weg fort, auf ebenso geistreiche wie klare Weise die patriarchalischen Grundlagen der Gesellschaftsordnung zu sezieren, deren Auswirkungen in unseren Köpfen zu beschreiben und sie historisch zu verorten – auch in der eigenen Biographie, die mit der ihrer und anderer Generationen abgeglichen wird. Daraus gewinnt Streeruwitz Erkenntnisse, die wirklich etwas grundlegend verändern könnten – könnte man aufgrund der Realität nicht schon ahnen, dass es vermutlich wieder nur ein Werk für die Happy few ist, die bereit sind, den Gartenzaun nicht als Grenze zwischen der guten eigenen und bösen anderen Welt zu sehen.
Natürlich muss in so einem Buch – und sollte eigentlich in jedem Buch – das aktuell größte Rätsel menschlichen (Fehl-)Verhaltens eine Rolle spielen, die Wahl Trumps zum US-amerikanischen Präsidenten. Kapitel drei heißt: „Wenn wir von Prinzessinnen sprechen, dann müssen wir vom König sprechen. Und da kommen wir um Donald J. Trump nicht herum.“ Verrückterweise hat ja eine reale Person – erfinden kann man so etwas nicht, siehe oben – ein Kinderbuch über Trump als König geschrieben und ist dafür zum FBI-Direktor aufgestiegen. Streeruwitz erläutert den Fall und ordnet ihn ein. Die zitierte Überschrift legt nahe, dass sie bei ihrem Verständnis von Kritik in der Tradition Michel Foucaults steht und vielleicht sogar darauf anspielt, genauer auf seine Definition: „Kritik ist, die Macht ohne den König zu denken.“
Doch gibt es den König als Muster leider nicht nur im Bilderbuch. Wenn dieses Kapitel weniger analytische Schärfe zu haben scheint als die anderen, liegt dies vermutlich einerseits an der Fassungslosigkeit gegenüber der Unglaubwürdigkeit solcher Vorgänge außerhalb der Fiktion und andererseits daran, dass es gar nicht möglich ist, so etwas angemessen rational zu erfassen. Kurt Tucholsky hat ja bekanntlich zunächst der Satire zugestanden, alles zu dürfen, und dann aber eingeschränkt, dass die Nazis außerhalb der Satire lägen, weil man so tief nicht zielen könne. Will sagen: Satire kann in Fällen, die mit Vernunft nicht zu begreifen sind, vielleicht nur noch Realsatire sein und das Benennen der Missstände ist die Grenze, über die nicht hinausgegangen werden kann, ohne selbst den Bereich der aufklärerischen Vernunft zu verlassen.
Auch das ist eine Prägung – unsere Gesellschaft glaubt sich dem Erbe der Aufklärung verpflichtet. Die Stärke der Schrift von Marlene Streeruwitz ist es wieder einmal, auf den großen blinden Fleck in diesem Glauben aufmerksam zu machen. Das Beispiel könnte nicht passender sein – die Erziehung der als Mädchen gelesenen jungen Menschen zur Prinzessin, in einer von Streeruwitz differenziert erläuterten Ambivalenz zwischen Unterordnung unter das Patriarchat (König, Prinzen) und Aussicht auf Unterscheidbarkeit, auf Individualität, also darauf, etwas Besonderes zu sein. Aus der weiblichen Erziehung in den „Kosmos der Pflege“ hinein ließe sich aber gerade das Potential für eine menschliche, gerechte Gesellschaft gewinnen – das ist die Utopie.
Die Autorin beginnt das Buch mit ihrer eigenen Geschichte, mit einer Nachkriegskindheit, in der zunächst – kriegsbedingt – der Patriarch im Haus fehlte, dadurch vorübergehend einen Emanzipationsschub auslösend, doch dann zurückkehrte und dazu beitrug, das alte neue Rollenverhalten zu reinstallieren: „Der Mann als Kriegsverlierer wurde nach dem Zweiten Weltkrieg wieder als der alles bestimmende Hausvater eingesetzt.“ Der besondere literarische Stil des Textes kommt in Sätzen wie diesem zum Ausdruck: „Meine größeren Brüder waren da schon als kleine Agenten des Patriarchats unterwegs.“ Und Formulierungen wie die folgende möchte man gern als allgemeine Lehrsätze plakatiert sehen: „Machtverhältnisse sind eben gemachte Verhältnisse.“ Wer nun denkt, Streeruwitz vereinseitige und vertrete eine radikalfeministische Position, irrt gewaltig. Dass darunter Männer, die anders sein möchten als das ihnen aufgezwungene Muster, ebenso leiden, thematisiert die Autorin nicht nur en passant – etwa wenn es um Potenz als Männlichkeitsbeweis geht, in größtmöglich gesteigerter Form in der NS-Zeit zu beobachten: „Das ist keine Freiheit für den Mann.“ Wie widersprüchlich Rollenmuster sind, zeigt sich auch darin, dass die andere Seite ebenso notwendig ist, nämlich „Triebverzicht als Motor kapitalistischen Wirtschaftens“.
Marlene Streeruwitz ist in ihrer Klarsichtigkeit in allem zuzustimmen, nur vielleicht gibt es eine Ergänzung – ein Plädoyer für die Kunst und die Literatur (der sie selbst angehört), die schon lange von den Sollbruchstellen des Patriarchats handeln. Peter von Matt hat dies 1995 in seiner Studie Verkommene Söhne, mißratene Töchter: Familiendesaster in der Literatur thematisiert. Friedrich Schiller beispielsweise hat es schon vor einem Vierteljahrtausend in den Räubern gezeigt: Der alte Moor kann sein Patriarchentum nicht mehr aufrechterhalten und seine beiden Söhne verursachen ein Armageddon in der sozialen Ordnung des Stücks, weil eine neue Ordnung fehlt, die das Vakuum sinnvoll ausfüllen könnte. Marlene Streeruwitz thematisiert dieses Problem in ihrer historischen Rückschau auf Friedrich den Großen und seine Schwester Wilhelmine – beide von ihrem Vater, dem Stellvertreter der feudalen Ordnung, in ein Leben gezwungen, das die sie unglücklich machende Ordnung fortsetzt und optimiert.
Es ist ein Trauerspiel, dass in unseren westlichen Gesellschaften das Wissen über die strukturellen Defizite der Ordnung, mit der jede Generation immer wieder neu sozialisiert wird, schon lange bekannt ist, wenn auch ‚nur‘ in der Kunst, in der Literatur und in der Theorie. Die von Streeruwitz gewählte Formel vom „Nachhall feudaler Verhältnisse“ lässt sich mit unvoreingenommenem Blick überall beobachten, ist aber natürlich auch elementarer Teil des Betriebssystems unserer Gesellschaft, die – um es mit einer platten Metapher zu sagen – von Windows auf Linux umstellen müsste, oder von Unterhaltung auf Kunst, denn „Unterhaltung […] ist immer patriarchal“.
Dass die Gesellschaft das will, ist derzeit nicht zu beobachten, ganz im Gegenteil. Daher sind wohl noch einige hellsichtige Bücher von Marlene Streeruwitz zu erwarten. Bis dahin: Wenn jemand ein böses Geschenkbuch für Weihnachten oder Geburtstage sucht, dann ist dieses hier bestens geeignet. Schon sein Umschlag – pink mit einer gezeichneten bösen Prinzessin – spricht dafür. Ein gebundenes, ein optisch und haptisch richtig schönes Buch: Ein gelungenes Geschenk also für alle, die sich anregen lassen wollen, die Welt ohne den Gartenzaun zu denken.
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