Heinrich Hauser (1901-1955) ist einer der wichtigsten Reporter der späten Weimarer Republik mit einem nicht minder beachtlichen literarischen Werk. Seine Ruhrgebiets- und USA-Reportagen Schwarzes Revier und Feldwege nach Chicago gehören zu den eindrucksvollsten Texten dieses Genre. Hinzu kommt eine in ihrer Wirkung lang anhaltende Reportage über die Reise mit der Pamir, mit der er 1930 das Kap Horn umsegelt hatte (Die letzten Segelschiffe), eine Ostreußen-Reportage (Wetter in Osten) und ein Bericht über seine Ausbildung zum Sportflieger (Ein Mann lernt fliegen). Erschienen sind seine Reportagen in schneller Folge in nur wenigen Jahren zwischen 1930 und 1933, begleitet von den Romanen Donner überm Meer von 1929 und Noch nicht von 1932. Hauser war als Reporter für die Frankfurter Zeitung, dem renommierten liberalen Vorzeigeblatt der Weimarer Republik tätig, das zu seinen Mitarbeitern etwa Walter Benjamin oder Siegfried Kracauer zählte. Und er wurde von einem der besten Verlage seiner Zeit vertreten, von S. Fischer. Dass er zu seinen Verlagen auch Reclam und Diederichs zählte, zeigt seine außergewöhnliche Stellung in der Literatur seiner Zeit an. Er war nebenher auch ein sehr aktiver Fotograf, der vom Neuen Sehen beeinflusst war. Einige der Fotos sind im hier zu besprechenden Band von Sebastian Susteck zu Heinrich Hausers Werk abgedruckt. Und Hauser war auch als Filmer tätig, etwa mit der Produktion eines Films zu seiner Pamirreise.
Ein Autor mithin, auf den die Verlage der frühen 1930er Jahre setzten und der Großes versprach – bis er eben um 1933 mehr und mehr nach rechts driftete. Die Ostpreußenreportage hatte die Schnittstellen zum nationalen Lager bereits deutlich genug gezeigt. Die Hermann Göring-Widmung, die er Ein Mann lernt fliegen voransetzte, war dann schon eine starke Provokation für den S. Fischer-Verlag, in dem der Band noch erschien. Der Roman Kampf von 1934 machte dann auch schon im Titel klar, wem er sich anzudienen gedachte.
Vergeblich, wie seine weitere Karriere zeigt, denn Hauser verlor in den folgenden Jahren im Literaturbetrieb mehr und mehr an Rückhalt, er verdingte sich als Auftragsautor unter anderem für Opel, wechselte in Reisebuchverlage und verließ schließlich Ende der 1930er Jahre Deutschland in Richtung Kanada und USA.
Bereits in seinen frühen Reportagen hatte Hauser erkennen lassen, dass er in beiden Welten lebte, in der Moderne und in einer imaginierten Vergangenheit, in der die Welt noch in Ordnung war. Das Leben in bürgerlicher Eintönigkeit stieß ihn ab; Abwechslung, Abenteuer, die Dynamik unsicherer Zeiten bildeten sein Gegencredo. Zugleich sehnte er sich nach einer Welt, in der etwa traditionelle männliche Rollenbilder noch gelebt werden konnten. Unmittelbarkeit übte eine unübersehbare Faszination für ihn aus, wobei er die Unbedingtheit solch vorzivilisatorischer Verhältnisse nie lange zu ertragen vermochte.
Der an der Ruhruniversität Bochum tätige Literaturwissenschaftler Sebastian Susteck, der vor kurzem einen Sammelband zum Werk Hausers herausgebracht hat, legt nun eine Anamnese des Weimarer Werks Heinrich Hausers 1925 bis 1934 vor, also von den frühesten Arbeiten bis zur NS-Konversionsschrift Kampf. Susteck unternimmt mit dieser Studie den Versuch, Hausers Werk nicht in einer konsistenten, thesengeleiteten Studie zu erschließen. Ganz im Gegenteil. Er verzichtet zwar nicht auf eine tief gehende Auswertung der Publikationen Hausers, ordnet seine Lektüren jedoch an einer Reihe von alphabetischen Stichpunkten aus, die von „Agrikultur“ bis „Zukunft“ reichen. Bereits an diesen Stichworten wird die ideologische Bedingtheit und Unentschiedenheit Hausers erkennbar, was dazu führte, dass die frühe Forschung (hier vor allem Helmut Lethen in seiner Schrift zur neuen Sachlichkeit von 1972) ihn dem sogenannten Weißen Sozialismus zurechnete, also der präfaschistischen Variante der Neuen Sachlichkeit.
So wirkt sein Werk nicht erst jetzt wie ein wortreicher und zugleich hilfloser Gegenentwurf zum Werk Egon Erwin Kischs, dessen Reisewegen er publizistisch gefolgt ist – wenngleich mit anderen Bewertungen als der entschiedene KP-Apologet Kisch.
Susteck nun versucht die Widersprüchlichkeit des Werks Hauser, das zugleich von langen konsistenten thematische Linien bestimmt ist, in seinem alphabetischen Verzeichnis nachzuvollziehen, Die jeweilige Fragestellung bedingt die Auswahl und Anordnung der Materials, das er aus den Lektüren der Texte entnimmt. Er entwirft auf diese Weise sich nur bedingt ändernde, gelegentlich situativ bedingte Denkmuster Hausers, die das Gesamtbild des unentschiedenen, dabei aber mit sich und der Wahrnehmung wie Darstellung von Realität kämpfenden Autors bestärkt. Bis auf wenige Ausnahmen verzichtet Susteck hierbei auch auf die Diskussion der Forschung. Allerdings bezieht er zeitgenössische Referenzen ein wie Klages, Tönnies, Benjamin, Heidegger, Gehlen oder Spengler, um Hausers Denkmuster historisch verankern zu können.
Das wird den Wert der Arbeit als Nachschlagemöglichkeit erhöhen. Allerdings bleibt die Frage, ob der multiple Ansatz, der stets zu vergleichbaren Mustern führt, nicht auch Redundanzen aufweist. Immerhin entgeht Susteck der Gefahr, seinen Autor allzu sehr vor sich und seinen Fehlentscheidungen in Schutz zu nehmen. Die Annäherung an den Nationalsozialismus wird zwar aus den Denkmustern Hausers nachvollziehbar und entbehrt einer gewissen Logik nicht, sie bleibt aber bedauerlich.
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