Konditioniert auf süße Hilfslosigkeit

Junko Takases Büroroman „Richtig gutes Essen“ beschreibt eine oral fixierte japanische Gesellschaft

Von Lisette GebhardtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lisette Gebhardt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Traditionell wird auf die Essenszubereitung in Japan viel Zeit und Mühe verwandt. Kochen ist sowohl eine Kunst als auch eine Tugend. Beim Besuch in einem gediegenen Restaurant darf man zu Recht höchste Professionalität erwarten; die japanische Hausfrau sollte ihrerseits stets in der Lage sein, ihren Gatten kulinarisch einwandfrei zu versorgen. Im Rahmen landeseigener Eheanbahnungen durch Vermittlung oder im semi-offiziellen Umfeld des Arbeitsplatzes spielen die Kochkünste der Zukünftigen eine nicht unwesentliche Rolle. Junko Takases Roman Richtig gutes Essen handelt von diesen Zusammenhängen und zeichnet dabei das zwiespältige Bild einer Gesellschaft, in der manche die Konvention gerne hinter sich lassen würden, die Mehrheit jedoch den gängigen Mustern folgt.

Philosophien des Essens

Der Titel des japanischen Originals Oishii gohan ga taberaremasu yô ni (2022; Auf dass man immer ein schmackhaftes Essen zu sich nehmen kann) bringt das Motto des Texts klarer zum Ausdruck als der vom DuMont Verlag gewählte deutsche Titel (in der gelungenen Übersetzung von Yoko Ann Hamann), betont die japanische Wendung doch, dass es den meisten Personen in dieser Erzählung offenbar ein dringendes Anliegen ist, gut zu speisen – ein Mantra des Wohlbefindens, mit dem auch der kollektive Zusammenhalt garantiert wird. Durch den finanziellen und zeitlichen Aufwand ist es freilich nicht jedem möglich, sich entsprechend zu versorgen. Nitani, Büroangestellter einer Verpackungs- und Etikettenfirma im heiratsfähigen Alter, scheut vor allem Kosten und Zeitverlust, die die engagierte Zubereitung eines Mahls mit sich bringen, und legt generell auf Essen keinen allzu großen Wert. Sich ständig mit dem Thema der Nahrungsaufnahme auseinandersetzen zu müssen, erscheint ihm lästig; Instant-Nudeln reichten seiner Meinung nach völlig aus. Er beneidet seinen Vorgesetzten:

Fuji hats gut, dachte Nitani, er macht so viele Überstunden wie ich, aber wenn er nach Hause kommt, wird ihm ungefragt dieses Essen vorgesetzt. Frühstück und Mittagessen werden für ihn vorbereitet, er kann leben, ohne jemals übers Essen nachzudenken.

Während Fuji zu Mittag die handgemachte Bentôbox verzehrt, gießt Nitani einfach heißes Wasser in einen Plastikbecher mit billigen Fertignudeln. Ashikawa, eine Angestellte, die schon sechs Jahre im Betrieb arbeitet, jedoch wenig fähig ist und ihren Status als junge hilfsbedürftige Frau ausgiebig in Szene setzt, verzehrt sorgsam Selbstgefertigtes. Andere haben eine Bentô-Packung aus dem Convenient Store dabei, die sie im Kühlschrank zurücklassen, wenn der Oberchef spontan zu Mittag ins Restaurant einlädt. Oshio, aus deren Perspektive zuweilen berichtet wird, zählt zu den Tüchtigen in der Firma und gehört der Fraktion der trinkfesten abendlichen Izakaya-Besucher an.

Kein Literaturstudium

Takase entwirft ein aufschlussreiches, sehr amüsantes Psychogramm der Protagonisten und Protagonistinnen. Im Zentrum ihrer Anthropologie des Bürolebens steht der vor drei Monaten in der Zweigstelle Saitama eingetroffene Nitani – sozusagen zwischen zwei Frauen, Ashikawa und Oshio. Ashikawa verkörpert das immer noch und besonders in Japan gültige Kindchenschema. Sie ist ein (vorgeblich) „süßes“, zartes, unterwürfiges, viel Betreuung benötigendes Wesen mit eingeschränktem Horizont, willig, dem Manne zu schmeicheln. Oshio zeigt sich als eine emanzipierte Frau mit Ambitionen, Mut und Interesse für Literatur, ein Interesse, das sie mit Nitani verbindet. Beide Frauen tasten sich mit unterschiedlichen Strategien an den neuen Kollegen heran.

Aufgrund ihrer beruflichen Unzulänglichkeit hat Nitani vor Ashikawa schnell jeden Respekt verloren. Gerade deshalb erscheint sie ihm aber als sexuelle Phantasie tauglich, und zwar in dem Maße, dass sie in seinen Gedanken „verführerischer wurde, seit er nur noch ihre Schwächen sehen konnte“:

Immer weinte sie mit einer Stimme, die er noch nie gehört hatte. Je mehr sie weinte, desto besser …

Ashikawa wurde ihm von Harada, einer älteren, nicht fest angestellten Mitarbeiterin, förmlich aufgedrängt: sie könne „richtig gut kochen“, auch backen, „sei nett zu allen, immer am Lächeln und habe nicht eine schlechte Eigenschaft“. Aus pragmatischen Gründen ist Nitani durchaus gewillt, eine Partnerin zu wählen und eine Familie zu gründen. Anlässlich eines Tröstungsversuchs der angeblich traumatisierten, durch die Beschwerde eines Kunden überforderten, in Tränen aufgelösten Kollegin geht er Ashikawa tatsächlich auf den Leim, lässt sich wenig später in seinem Apartment von ihr kulinarisch verwöhnen und beginnt eine sexuelle Beziehung mit ihr.

Die Autorin vertritt klar die Seite von Oshio. Diese hat einiges mit Nitani gemeinsam, wie z. B. den Ehrgeiz, geschäftliche Aufgaben erfolgreich zu Ende zu führen und Ambitionen zu entwickeln. Man sieht die Dinge oft ähnlich, kann beim Kneipenbesuch nach der Abendschicht zusammen Alkohol genießen und entspannen. Als Oshio bei einer Gelegenheit mit dem Kollegen nach Hause geht und seine Büchersammlung besichtigt, kommt man sich näher. Nitani hat einmal Literatur studieren wollen, verzichtete jedoch darauf, weil er seinen Vorlieben misstraut: Er habe, in der Überzeugung, dass es wichtigere Dinge als die persönliche Neigung gebe, nicht das genommen, was er liebte, sondern das, was sein „Leben leichter macht“.

Proteststrategien

Ashikawa beglückt bald die gesamte Abteilung mit ihren Backkünsten und gewinnt damit die Sympathien der meisten – angeekelt von ihrer überbordenden, die in Japan stark idealisierte mütterliche Fürsorglichkeit widerspiegelnden ‚süßen Offensive‘ sind bloß Oshio und Nitani. Letzterer entwickelt eine zerstörerische geheime Abwehrtechnik: Die im Büro verteilten Süßigkeiten legt er sich angeblich als wunderbare Belohnung nach getaner Arbeit in der Spätschicht zurück, nur um die Sahne- und Zuckerkreationen, wenn das Büro abends leer ist, mit der Hand genüsslich zu Brei zu zerquetschen. Insofern begehrt er am Ende doch gegen die Vereinnahmung durch Ashikawa und die durch sie repräsentierte orale Obsession eines konditionierten Kollektivs auf:

Warum esst ihr alle? Immer wollt ihr leckere Sachen essen. Mehr davon, egal was, wie anstrengend. Warum braucht ihr Kuchen zum Feiern? Den Mund verklebt von klumpigem Zucker – findet ihr das nicht seltsam? Warum könnt ihr nicht aufhören zu essen?

Als die Torten-Attentate in der Belegschaft bekannt werden, verdächtigt man Oshio, zumal sich die malträtierten Süßigkeiten dann noch ostentativ auf dem Schreibtisch ihrer Schöpferin abgelegt finden.

Junko Takases subversive Darstellung des psychologischen Kampfs zwischen Konvention und Individualismus, der in der japanischen Gesellschaft bis heute auszufechten ist, bleibt spannend bis zum mehr oder weniger offenen Schluss. Ihre dem Ende zu fast schon horrorartig-groteske Diagnose beschreibt die Kriegslisten der vom sozialen Umfeld getragenen „Schwachen“ sowie die Gefahr der Selbstverleugnung auf Seiten des Mannes, der dem Mainstream huldigt und nie offen Position bezieht. Bei ihr ist es die weibliche Heldin, der es gelingt, sich aus der klebrigen Umarmung des ‚Systems‘ zu befreien.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Junko Takase: Richtig gutes Essen. Roman.
DuMont Buchverlag, Köln 2026.
160 Seiten, 23,00 EUR.
ISBN-13: 9783755811893

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