Paris unter den verschiedensten Perspektiven
Birte Thomas untersucht in “Eiffelturm und ‚métro‘” sehr gründlich die Paris-Bilder in der neueren Literatur
Von Martin Lowsky
Für den Franzosen ist seine Hauptstadt ein individuelles Wesen, eine Persönlichkeit. Das zeigt sich schon in dem mittelalterlichen Roman Notre-Dame de Paris von Victor Hugo, in dem die Kathedrale das Sinnbild dieser großen Stadt ist. Man denkt da auch an Honoré de Balzacs Romanschaffen, das diese Metropole und ihre bürgerliche Mentalität „gleichsam puzzleartig“ darstellen will, an die naturalistischen Kaufhaus- und Marktszenen bei Émile Zola und an Raymond Queneaus Zazie dans le métro (1959), einen Roman, in dem allerdings die Métro bestreikt wird und die Pariser Topografie infolge von Namensverwechslungen durcheinander gewirbelt wird, aber als Ganzes erhalten bleibt, und an Roland Barthes‘ Essay La Tour Eiffel (1964), wonach dieser Turm dazu beitrage, die Stadt „lesbar“ zu machen.
Von all dem ausgehend beschreibt und analysiert die Autorin Birte Thomas das Paris-Bild in Literatur und Medien und stellt insbesondere die „Genese eines modernen Mythos von Paris“ dar. Dabei unterstreicht sie, dass in den letzten sechzig Jahren durch einen „Wechsel der Wahrnehmungsperspektive“ die Stadt Paris neu gedeutet wurde: Einmal aufgrund des „fremden Blickes“ der Nichtfranzosen; so im Roman Mirages de Paris des Senegalesen Ousmane Socé und im Briefroman Un Nègre à Paris von Bernard B. Dadié, in dem Paris wohl die Stadt der Lichter, aber nicht die Stadt der Aufklärung ist – das französische ‚les lumières’ meint ‚die Lichter’ und zugleich ‚die Aufklärung’. Und sodann durch das neue Darstellungsmedium Film; so im Werk Salut cousin! des algerischen Regisseurs Merzak Allouache, der das multikulturelle Paris zeigen will und in zweien seiner Personen den Typ des alten und den des neuen (kulturell offenen) Großstädters abbildet.
Vor allem aber arbeitet Thomas das Bild eines neuen Paris heraus, indem sie auf die gleichzeitige Präsenz von Eiffelturm (errichtet 1889) und Métro (erste Fahrt 1900) in der modernen Literatur hinweist. Der Turm und die Métro-Schienen – beide aus Eisen, also verwandt, und doch materiell und ideell so unterschiedlich: Der Eiffelturm wirkt wie ein Mittelpunkt und stellt diese Mittelpunkteigenschaft selbst in Frage, da er filigran und durchlässig wirkt, während das Streckennetz der Métro die Auflösung des einen denkbaren Zentrums „in eine Vielzahl möglicher Subzentren“ veranschaulicht. Die Métro kann als das „Sinnbild für die Komplexität der zersplitterten Großstadt“ gelten. Sie ist jünger als der Turm, sie löst „den Eiffelturm als Symbol des Fortschritts“ ab. Die Autorin ist so kühn, dass sie hier auch auf das Paris der Ratten eingeht, auf die Abwässer und ihre unterirdische Welt – jene , die durch den Bau der Métro eine neue Funktion bekommen hat.
In der Tat erscheinen, wie die Autorin gründlich darlegt, Eiffelturm und Métro sehr häufig in der modernen Literatur, in Sach-, in Reise-, in belletristischen Texten. Man spielt mit diesen Motiven. Etwa beschreibt Alexandre Arnoux in seinem Text Paris ma grand’ville den ‚poinçonneur‘, der beim Knipsen der Tickets sozusagen Konfetti liefert. Birte Thomas sagt dazu:
Der Eingang zur Station gestattet in gewissem Sinne den Zugang zu einem wunderbaren, der Stadt auf geheimnisvolle Weise enthobenen, da unterirdischen Karneval. Zugleich klingt im Rekurs auf die Bewährungsprobe des Märchenhelden hierin auch die Vorstellung einer Initiation an, des erstmaligen Blicks auf die Zusammenhänge der unfassbaren Hauptstadt.
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