„Pädagogik ist das allgemeine Stekkenpferd unsers Zeitalters“

Ein Sammelband rückt den bedeutenden Schulmann und Schulreformer Friedrich Gedike (1754-1803) ins Rampenlicht

Von Günter HelmesRSS-Newsfeed neuer Artikel von Günter Helmes

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ebenso vielfältiger wie bemerkenswerter regionaler Bemühungen und einschlägiger Publikationen seit Beginn unseres Jahrhunderts zum Trotz gehört der nach seinem frühen Tod rasch in Vergessenheit geratene Theologe, Pädagoge, Didaktiker, Übersetzer, Lehrbuchautor und Schulpolitiker Friedrich Gedike nach wie vor nicht zu denjenigen, an die man unmittelbar denkt, wenn von Spätaufklärung, Philanthropismus und Neuhumanismus oder von preußischen Bildungsreformen die Rede ist. Dass das zu beklagen ist, belegt der vorliegende, aus einem wissenschaftlichen Kolloquium anlässlich des 220. Todestages von Gedike hervorgegangene Sammelband eindrucksvoll.

U.a. dadurch, dass er zwei lesenswerte, mit hilfreichen Anmerkungen versehene Schriften des brillanten Empirikers Gedike nahezu vollständig wiedergibt: „Praktischer Beitrag zur Methodik des öffentlichen Schulunterrichts. Einladungsschrift zur öffentlichen Prüfung auf den 25. April 1781“ und „Vertheidigung des Lateinschreibens und der Schulübungen darin. Einladungsschrift zur öffentlichen Prüfung auf den 30. April 1783“. Vor allem die erste Einladungsschrift steckt voller Gedankengänge und Ansichten – sie betreffen u.a. die Themen Theorie und Praxis, soziologische Durchmischung von Lerngruppen, Lehr- und Lernziele, Bildungsverfall, Disziplin, Benotung, Hausaufgaben, Sprach- und Fremdsprachenunterricht sowie Schüleraktivierung –, die damals wegweisend waren, später in Schulwirklichkeiten eingeflossen sind und die zu einem Gutteil auch heute noch anregen.

Die „Einleitung“ des Mitherausgebers Frank Tosch stellt en détail die eingangs angesprochenen Bemühungen vor bzw. ruft diese in Erinnerung, skizziert bisherige jüngere Forschungsarbeiten, charakterisiert die sechs allesamt lesenswerten, materialreichen Beiträge des vorliegenden Bandes und nimmt zum „vorrangige[n] Auswahlprinzip“ der beiden genannten Quellen Stellung. Dabei stellt auch er u.a. heraus, dass sich von den Quellen her „unmittelbar“ „Bezüge […] zu aktuellen schulpädagogischen Fragen herstellen lassen.“

Von Tosch stammt auch der zahlreiche „gedruckte Quellen“ einbeziehende, darüber hinaus „maßgebliche“ Forschungen zu Gedike seit 1965 sowie schul- und bildungsgeschichtliche Forschungsliteratur seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert berücksichtigende erste Beitrag des Bandes „Friedrich Gedike – Biografische und bildungshistorische Vergewisserungen“. Schon im hier ansonsten übergangenen, u.a. Gedikes exponierte Stellung im Berlin des ausgehenden 18. Jahrhunderts herausarbeitenden biographischen Teil wird auf dessen entwicklungspsychologisch motivierte Position zum Anfangsunterricht und zu Kindern mit Lernverzögerungen, sein auf eigenständiges Denken und ganzheitliche Entwicklung zielendes Lehr- bzw. Lernkonzept und auf seine tiefe Überzeugung eingegangen, dass alten Sprachen und in diesen verfasster Literatur ein hoher „formale[r] Bildungswert“ zukommt. Der zweite Teil des Beitrags dann stellt den „in der Spannung von Philanthropismus und Neuhumanismus“ stehenden Gedike als „Motor bei der Einrichtung des ‚Oberschulkollegiums‘ (1787) und ‚Vater des ersten Abiturientenexamens‘ in Preußen (1788)“, als „Vorreiter der Referendarausbildung“ und in „schulpädagogischen Fragen“ sowie als „Dichter und Publizist“ vor.

Der „mehrere tausend Bücher, Zeitschriften und Schriftstücke aus dem 16. bis beginnenden 19. Jahrhundert“ umfassenden „Büchersammlung“ Friedrich Gedikes und deren Auktionierung via Katalog gilt das Interesse von Christian Pawollek. Dabei ordnet er Gedikes Bibliothek, in der sich in „Anlehnung“ an Wolfgang Adam „‚sowohl die Leitdiskurse einer Epoche kreuzen als auch die Spuren des Alltagslebens […] fassen lassen‘“, in die „Privatbibliothekslandschaft“ des imposanten „Publikations- beziehungsweise Medienstandort[s]“ Berlin um 1800 ein. Eine diverse Einzelergebnisse zu Tage fördernde „Profilanalyse“ ergibt, dass Gedikes „Büchersammlung“ eine „moderne Gebrauchsbibliothek“ mit einem „Übergewicht berufsbezogener Spezialbestände“ gewesen ist, die den damaligen „strukturelle[n] Wandel der Auffassung von Gelehrsamkeit“ widerspiegelt.

Der Mitherausgeber Stefan Kipf geht „Friedrich Gedike in der didaktisch-pädagogischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts“ nach, in der Vermutung, dass diese für den vor allem den altsprachlichen Unterricht betreffenden „Rezeptionsabbruch“ Gedikes nach dessen frühem Tod mitverantwortlich gewesen ist. Was den Griechischunterricht anbelangt, sei der von dessen „Superiorität“ überzeugte Gedike angesichts der das Lateinische priorisierenden Schulpraxis des 19. Jahrhunderts als „gescheiterter Reformer“ und zudem als „verkappter Philanthropist wahrgenommen“ worden. Die von ihm weiterentwickelte und in seinen vier Büchern zum Fremdsprachenunterricht Gestalt gewordene „Lesebuchmethode“, eine „Trumpfkarte eines Reformpädagogen“ mit „erhebliche[m] didaktische[m] Potenzial“, habe gegen den sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts durchsetzenden Grammatikunterricht keine Chance gehabt. Abgelesen könne das auch daran werden, dass an Gedikes auflagenstarken Lesebüchern im Verlauf des 19. Jahrhunderts „z.T. umfangreiche Modifikationen vorgenommen“ wurden, die von seinen „ursprünglichen Intentionen z.T. deutlich abwichen“.

„Friedrich Gedike als Lehrbuchautor – Zur Aktualität seiner Unterrichtsprinzipien“ lautet der Titel des Beitrags des Mitherausgebers Andreas Fritsch. Fritsch, der Gedike selbst ausführlich zu Wort kommen lässt, erinnert einleitend daran, dass dieser ein „Schulpraktiker“ gewesen ist, „der sich tagtäglich mit konkretem Unterricht, mit der Schulleitung und Schulpolitik befasste“. In seiner „Grundhaltung“, ein „aktiver, seine Praxis reflektierender Reformer“ zu sein, könne er „auch heute als pädagogisches Vorbild gelten.“ Im Vorwort zu seinem Lateinbuch – Fritsch geht auch ausführlich auf die Bücher zum Griechisch-, Französisch- und Englischunterricht ein – habe der die „anthropogenen Bedingungen des Unterrichts“ reflektierende Gedicke in „schlichten Worten seine wichtigsten Unterrichtsprinzipien bereits kurz zusammengefasst“: „‚Interesse und Unterhaltung für die Knabenseele, Leichtigkeit, Kürze und Abwechslung, moralische Bildung, gelegentliche Beförderung des Erlernens und Wiederholens vieler nützlichen und nothwendigen historischen Kenntnisse, Erleichterung der Vorbereitung und Wiederholung‘“.

Gudrun Wedel setzt sich unter Berücksichtigung von Themen wie „Eheleben“, „Kinder und Schwangerschaften“ und „Patenschaften“ mit „weiblichen Bildungserfahrungen im Berlin der Spätaufklärung“ auseinander. Als Beispiel dienen Gedikes Ehefrau Wilhelmine, die gemeinsamen drei Töchter, die beiden Schwiegertöchter sowie die ebenfalls der „bürgerlichen Oberschicht“ angehörende Friederike Helene Unger, Elisa von der Recke und Caroline Rudolphi. Alle genannten Frauen seien auf familiäre oder eigene Initiativen sowie auf „autodidaktisches Lernen“ angewiesen gewesen. Gedike habe um die schon in jungen Jahren „auch jenseits von Belletristik“ „belesen[e]“, als Übersetzerin aus dem Französischen tätige Wilhelmine Thym (geb. 1761) durch „Lektürevermittlung“ (Romane, Lyrik, Zeitschriften) geworben. In der Familie Gedike dann sei „Bildung und Wissensvermittlung“, an denen sich Gedike „auf unterschiedliche Art und Weise“ beteiligt habe, eine „bedeutende Rolle“ zugekommen, sei „Bildung“ doch Voraussetzung für die Teilhabe „an der ‚gebildeten Geselligkeit der Salons“ gewesen. Von daher habe das aufklärerische „Frauenbild mit seiner Beschränkung […] auf die häusliche Sphäre“ bei den verhandelten Beispielen „zunächst nur eingeschränkte Gültigkeit“ besessen.

Den Beitragsteil des Bandes beschließt Monika Mattes’ „bibliografische und bibliotheksgeschichtliche Spurensuche“ zum Thema „Friedrich Gedike in der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (BBF)“. Alles in allem hält die BBF, deren „historische[] Sammlungen maßgeblich in den Jahrzehnten zwischen der Gründung des Deutschen Schulmuseums 1876 [ab 1908 Deutsche Lehrerbücherei] und dem Ersten Weltkrieg“ entstanden, allein „77 Druckwerke“ Gedikes als Autor oder Herausgeber vor, darüber hinaus 49 Sekundärtexte. Detektivisch wird anhand von „Katalogen und Bücherverzeichnissen“ u.a. rekonstruiert, wann Gedike-Titel und solche über ihn aus welchen Beständen in den eigenen Bestand kamen. Sichtbar wird nicht nur, wie produktiv Gedike „für die schulpädagogische und fachdidaktische Praxis und Theorie“ war, sondern auch, „wie breit und vielseitig“ sein Werk ist. Der Beitrag schließt mit einer zweieinhalbseitigen Auflistung „seine[r] Schriften bis zum Erscheinungsjahr 1803 in der Sammlung ‚Alte Drucke‘ der BBF“.

Titelbild

Frank Tosch / Stefan Kipf / Andreas Fritsch (Hg.): Friedrich Gedike (1754–1803). Aufklärer – Schulreformer – Publizist. Bildungshistorische Reflexionen – Quellen.
Bildungs- und kulturgeschichtliche Beiträge für Berlin und Brandenburg, Band 9.
Frank & Timme Verlag, Berlin 2026.
206 Seiten, 36,00 EUR.
ISBN-13: 9783896938084
ISSN: 38969380

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