Annette Vieth untersucht mit psychoanalytischen und traumatologischen Ansätzen Romane von Ingeborg Bachmann, Monika Maron und Terézia Mora

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Rede vom Trauma hat sich politisch wie kulturell zu einem neuen, wirkmächtigen Narrativ entwickelt. Traumata markieren radikale Einschnitte: im Leben der Betroffenen wie im Selbstverständnis ganzer Nationen. Die Literatur ist vermutlich schon immer sowohl ein Spiegel als auch ein mentalisierendes Behältnis (Containment) dieser erschütternden Erfahrungen gewesen, von denen bereits die frühen Mythen der Menschheitsgeschichte zeugen. Ausgehend von einer ausführlichen Bestandsaufnahme aktueller Traumatheorien untersucht Annette Vieth in ihrer transdisziplinären Studie Poetiken des Traumas anhand von Ingeborg Bachmanns Malina (1971), Monika Marons Stille Zeile Sechs (1991) und Terézia Moras Alle Tage (2004), wie nachhaltig sich individuelle und kollektive Traumata in fiktionale Texte einschreiben können. Mit psychoanalytisch-psychotraumatologischen Ansätzen wird exemplarisch herausgearbeitet, wie diese Romane, die sich einerseits mit den traumatisierenden Folgen von Holocaust, Krieg, Diktatur, Flucht und staatlichem Zusammenbruch befassen, anderseits von sehr individuellen Traumaerfahrungen infolge von sexualisierter Gewalt, traumatischen Beziehungsstrukturen und anderen sozialen Gewaltverhältnissen handeln, jeweils vom Trauma sprechen und gerade das ‚Unbegreifliche‘ daran zum Ausdruck bringen. Deutlich wird dabei auch das besondere Potenzial der erzählenden Literatur für eine sinngebende Bearbeitung traumabezogener Prozesse. Zugleich reflektiert Vieth damit Kernprobleme des Narrativen, der sprachlichen Repräsentations- und Symbolisierungsprozesse sowie des hermeneutischen Verstehens.

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Titelbild

Annette Vieth: Poetiken des Traumas. Mit Analysen zu Ingeborg Bachmanns ,Malina’, Monika Marons ,Stille Zeile Sechs’ und Terézia Moras ,Alle Tage’.
Königshausen & Neumann, Würzburg 2018.
563 Seiten, 49,80 EUR.
ISBN-13: 9783826065880

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