Der Segen des Affekts

Joseph Vogl bettet in „Kapital und Ressentiment“ die Allgegenwart der Kommunikation in die monetäre Logik des Kapitalismus ein – und gelangt so zu nicht weniger als der Essenz einer Wirtschaftsform, deren Ende nicht abzusehen ist

Von Simon ScharfRSS-Newsfeed neuer Artikel von Simon Scharf

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Theorie der Gegenwart

Bücher mit dem Anspruch, eine „Theorie der Gegenwart“ zu liefern, rufen bei Leserinnen und Lesern nicht selten skeptische Reaktionen hervor – insbesondere dann, wenn sie nicht einmal länger als 200 Seiten sind. Bei Joseph Vogl, emsig publizierender Literatur- und Kulturwissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität, durfte man vor der Lektüre (ob seiner bisher äußerst vielfältigen, teils virtuosen Beschäftigungen mit den Verbindungen von Poetik und Kapital in der Gegenwart) aber durchaus hoffnungsvoll mit Blick auf die Einlösung eine solchen „Großentwurfs“ sein. Auch wenn er begrifflich manchmal die Abzweigung in den Spezialdiskurs (auf Kosten der Allgemeinverständlichkeit) nimmt und nicht alle Zusammenhänge gänzlich neu sind, bleibt seine Analyse des Kapitalismus als autonomes Ökosystem der Gegenwart in ihrer Konsequenz und Schärfe schlicht beängstigend wie rhetorisch brillant.

Im Anfang war die Information

Vogl begreift die Wirkmacht des gegenwärtigen Kapitalismus als Zirkel, der gewissermaßen die Information zum Ausgangspunkt nimmt. Im Zeitalter des Internets und der erweiterten Möglichkeitsräume des Finanzkapitalismus wird diese wirtschaftlich nutzbar gemacht und als Wert im Kontext der gesellschaftspolitischen Steuerung genutzt und in neue Zusammenhänge integriert – es entsteht eine Kontrollmacht. Mithilfe dieses kybernetischen Grundansatzes entsteht und verfestigt sich die Macht des Kapitalismus im Spiel von Finanzialisierung, Informatisierung und Kontrollmacht. Eigentlich nicht neu, aber in der Konzentration der Analyse bestechend, ist der Fokus der Verquickung von Informations- und Finanzmärkten, die von Vogl dargelegte „Finanzialisierung der Information“, bei der Informationen jedweder Art monetären Wert zugeschrieben bekommen und Teil einer Informationsökonomie sind – ihre Be- und Auf-Wertung weist ihnen eine evaluative Logik zu. Nur so wird klar, weshalb jeder Nutzer, jede Nutzerin immer im Spannungsfeld der Gleichzeitigkeit von Nutzung und Produktion steht, wenn es um die Verwendung von Informationen geht – erstere sind produser, nutzen und produzieren monetären Wert im Umgang mit Informationen immer zugleich.

Ich kommuniziere, also bin ich

Monetäre Steigerung und Kontrolle entsteht folglich durch Kommunikation, Konnektivität, Kompatibilität und Interaktivität, wie Vogl präzise aufzeigt: Über die permanente Zirkulation von Informationen profitieren kapitalistische Systeme (im Besonderen leuchtet dies gerade mit Blick auf soziale Netzwerke ein) von einer Art „kommunikativem Imperativ“, der Einspeisung einer hohen Quantität von Kommunikation in marktwirtschaftliche Strukturen. Je mehr also kommuniziert wird, umso größer werden die Möglichkeiten, die dabei entstehenden Informationen zu kommerzialisieren und als Daten in andere Systeme einzuspeisen, wiederzuverwenden, neu zu positionieren – so insgesamt monetäre Kontrolle sicherzustellen. Nicht von ungefähr erwächst so vor allem in medienkritischen Diskussionen neuerer Tage der (wirtschaftlich dekodierbare) Anspruch, „niedrigschwellige Direktkommunikationen“ jenseits klassischer Gatekeeper (Journalisten, Lektoren, Verlage etc.) zu ermöglichen, eine „neue Transparenz“ zu schaffen. Diese steht (gelesen mit Vogls Blick) gewissermaßen immer in der Dialektik von politischer Teilhabe und ökonomischer Monetarisierung. Letztere kommt auch dort zum Tragen, wo es um affektive und ressentimentgetriebene Äußerungsformen geht: Ganz im Sinne des Buchtitels Kapital und Ressentiment wirkt die unmittelbare gefühlsbetonte Reaktion auf etwas innerhalb des Diskurses enorm stabilisierend, bedeutet sie doch eine schnelle Anschlusskommunikation und damit monetären Wert. Das verlangsamende und distanzierte, informationstheoretisch gesprochen langsame Denken als rationaler Beitrag hingegen ist nicht in der Lage, die Informationsökonomie in der dynamischen Steigerung zu halten. Insofern erklärt sich verhältnismäßig leicht, weshalb gerade in internetbasierten Diskursen, Vergleich, Wettbewerb, Polarisierung und Meinung zu lukrativen Formen kapitalistischer Kommerzialisierung werden, bedeutet sie doch die permanente Fluktuation von Informationen.

Kapitalismus ohne Außen?

Das zu Anfang der Rezension herausgestellte Beängstigende von Vogls luziden Analysen konzentriert sich in erster Linie auf die ontologische Qualität, die er dem Kapitalismus in seiner gegenwärtigen Form zuschreibt („Der Kapitalismus ist ontologisch verwurzelt und schickt sich an, die Struktur elementarer Seinsbeziehungen zu prägen“). Als quasi-staatliche Einheit und sich selbst stabilisierendes und legitimierendes gesellschaftliches System wirkt es längst nicht mehr innerhalb des Subsystems der Wirtschaft bzw. angrenzender Subsysteme von Politik, Kultur oder Wissenschaft, sondern hat eine ubiquitäre, tiefendimensionale und letztlich allumfassende Wirkmächtigkeit angenommen, die sämtliche Selbst- und Weltverhältnisse der Gegenwart dominieren. Möglicherweise ist diese radikale Konsequenz in Vogls Text gleichermaßen faszinierende Leistung wie kritikanfällige Achillesferse – in jedem Falle stehen seine Betrachtungen nun prominent, gut sichtbar und überzeugend in der wissenschaftlichen Landschaft und es dürfte schwer sein, daran noch einmal vorbeizukommen.

Titelbild

Joseph Vogl: Kapital und Ressentiment. Eine kurze Theorie der Gegenwart.
Verlag C. H. Beck, München 2021.
176 Seiten , 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783406769535

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch