Ein fast vergessener Dichter des Expressionismus

Wilfried Ihrig hat mit einer Werkausgabe Friedrich Wilhelm Wagner wiederentdeckt

Von Manfred OrlickRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Orlick

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der rheinland-pfälzische Schriftsteller Friedrich Wilhelm Wagner gehört zu den vergessenen Vertretern des deutschen literarischen Expressionismus. Bereits mit 19 Jahren veröffentlicht er seinen ersten und ein Jahr später seinen zweiten Gedichtband. Danach publiziert er Gedichte und Prosa in zahlreichen Zeitschriften, u. a. in Charon, Janus, Pan, Licht und Schatten, Die Ähre, Wiecker Bote, Die Aktion, Nebelspalter, Neue Jugend und Schweizerland. 1920 folgen seine beiden Gedichtzyklen Irrenhaus und Jungfrauen platzen männertoll. Danach verstummt seine lyrische Stimme.

Die biographischen Dokumente sind spärlich und begrenzen sich weitgehend auf die Zeitspanne seines Wirkens von 1911 bis 1920. Friedrich Wilhelm Wagner wird am 16. August 1892 in Hennweiler/Hunsrück als ältester Sohn des Lehrer-Ehepaares Heinrich Wilhelm Wagner und Karoline Wagner, geb. Petry, geboren. Nach dem Umzug der Familie nach Bretzenheim besucht Wagner dort die evangelische Grundschule und anschließend neun Jahre das Königliche Gymnasium in Bad Kreuznach. Nach dem Abitur 1911 studiert er für zwei Semester an der Philosophischen Fakultät der Universität München. Bis dahin verläuft sein Lebensweg und Bildungsgang regelkonform, doch dann bricht er aus dem protestantischen Elternhaus und der provinziellen Enge aus. Die Gedichte seines ersten Bandes mit dem programmatischen Titel Aus der Enge, die noch in der Schulzeit entstanden sind und 1911 im Lehrer-Verlag von Th. Scheffer veröffentlicht werden, sind Ausdruck dieses jugendlichen Aufbegehrens – „So jung und stark zu sein und niemals müd – Hei! wie das Blut mir in den Adern glüht!“. In seinem zweiten Gedichtband Der Weg des Einsamen (1912) macht sich jedoch schon eine gewisse Resignation breit: „Noch viele Wege muß ich gehen, / Und bin doch schon so sterbensmüd.“

Spätestens mit dem Wechsel nach Berlin 1912 endet sein geregeltes Leben. Es folgen ständig wechselnde kurze Aufenthalte in München, Paris, Zürich und Heidelberg; mit mehrfachen Umzügen innerhalb von München und Zürich. In Zürich hat er Anschluss an die Expressionisten und Dadaisten und tritt dort im literarischen Cabaret „Pantagruel“ auf, einem Vorläufer des legendären Cabaret „Voltaire“. Die Folgen dieser Odyssee sind eine Tuberkuloseerkrankung und eine fortdauernde Morphiumsucht. (Ein aus der Schulzeit befreundeter Arztsohn und späterer Arzt wird ihn bis ans Lebensende mit Morphium versorgen.) Im Februar 1916 landet Wagner wieder in Bretzenheim. Wegen der Tuberkulose bleibt er vom Kriegsdienst verschont; bis gegen Ende des Ersten Weltkrieges arbeitet er kriegsverpflichtet in der Gemeindeverwaltung.

Mitte des Jahres 1918 erscheint sein neuer Gedichtband Untergang und Wagner geht wieder nach München. Hier wird er am 1. November in die Psychiatrische Klinik, die Heilanstalt Eglfing, eingeliefert und am 20. März 1919 als „gebessert“ entlassen. Anschließend ist er in Hannover Mitarbeiter des Zweemann Verlages und gründet mit Chistof Spengemann die Monatsblätter für Dichtung und Kunst Der Zweemann. Aber bereits nach drei Nummern beendet Wagner seine Mitarbeit. Die Gedichtbände Irrenhaus (Zweemann Verlag) und Jungfraun platzen männertoll (in der berühmten Reihe Die Silbergäule des Verlages von Paul Steegemann) erscheinen.

Über die letzten Lebensjahre von Wagner gibt es wenig verlässliche Daten. Die Familie nimmt den ‚verlorenen Sohn‘ wieder auf – unter der Bedingung, dass er seine literarische Tätigkeit aufgibt. Wagner beugt sich; seine letzten Gedichte erscheinen 1921 in der Schweiz. Der Vater besorgt ihm einen Posten als Bankangestellter in Bad Kreuznach, wo er in der verhassten Provinz resigniert, vereinsamt und krank lebt. Irgendwann heiratet er; über die Hintergründe der kinderlosen Ehe und der Trennung ist nichts bekannt. Friedrich Wilhelm Wagner stirbt am 22. Juni 1931 im Lungensanatorium Schömberg im Schwarzwald.

Der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Wilfried Ihrig hat im epubli Verlag eine umfangreiche Werkausgabe von Friedrich Wilhelm Wagner vorgelegt. Bereits 1989 hatte er als Herausgeber mit Jungfraun platzen männertoll. Ausgewählte Gedichte in der edition text + kritik nach Jahrzehnten des Vergessens auf Wagner aufmerksam gemacht. Ein Jahr später brachte er eine nummerierte Ausgabe (mit Nachwort) des Gedichtzyklus Irrenhaus heraus. In den folgenden drei Jahrzehnten erschienen meist nur einige Reprint-Ausgaben.

Die nun vorliegende Werkausgabe versammelt neben den erwähnten Gedichtbänden die zahlreichen verstreuten Veröffentlichungen Wagners in deutschen und Schweizer Zeitschriften – darunter Aufsätze, Rezensionen und Theaterkritiken. Ungesicherte Zuschreibungen für den Zürcher Nebelspalter (1914–1915) wurden ebenfalls aufgenommen. Ergänzt wird die Neuerscheinung durch die Dokumentation zum Zürcher Kabarett „Pantagruel“ (1914–1915) und mit Wagners Rezeption durch Georg Trakl, Hermann Hesse, Franz Kafka, Franziska Stoecklin und andere Autoren, aber auch durch die Karikaturisten René Goscinny und Volker Reiche.

Im Mittelpunkt stehen jedoch die Gedichte, mit denen Wagner versuchte, seinen Seelenzustand darzustellen. Er nimmt die Rolle des Außenseiters und Ausgeschlossenen ein, der sich als Opfer einer kranken, heuchlerischen Gesellschaft sieht. Die Gedichte sind zwar von grotesken, teilweise beklemmenden Elementen geprägt – vor allem im Gedichtband Irrenhaus:

In der Ecke bei den dicken Spinnen
In Blutige Linnen
Gekleidet
Hockt ein Tier.

Doch sind es keineswegs Verse eines Geisteskranken. In ihnen spiegelt sich vielmehr Enttäuschung und Verzweiflung wider. Sie sind aus tiefster Not geschrieben. „Zynismus tritt an die Stelle resignativer Besinnung“, betont Ihrig. Wagners chaotische Lebensstationen sind die Wegmarken seiner literarischen Entwicklung, wie es in dem Gedicht Vertreibung aus dem Jahre 1914 zum Ausdruck kommt:

Als man die Türen vor mir schloß,
Ging ich zu mir und ging in mich,
Wo schwarzes Blut von den Wänden floß,
Das Hungertier heulte fürchterlich.

Ich jagte in mir selbst umher,
Zerbarst meine Wände, die Flamme lohte.
Ich setzte mich ans wilde Meer
Und lauschte nach dem Tode.

Der Vollständigkeit halber soll auch die Lyrikheft-Reihe VERSENSPORN des POESIE SCHMECKT GUT e.V. Jena erwähnt werden, die seit 2011 vergessene Autoren der literarischen Moderne in das Bewusstsein einer interessierten Öffentlichkeit zurückholen will. Hier erschien 2020 in Heft 42 eine Auswahl von 67 Gedichten Wagners.

Titelbild

Friedrich Wilhelm Wagner: Gesammelte Werke. „Jungfraun platzen männertoll“, „Irrenhaus“ und andere Texte.
Mit einem Aufsatz über das Zürcher Kabarett „Pantagruel“ herausgegeben von Wilfried Ihrig.
epubli, Berlin 2020.
404 Seiten, 30,00 EUR.
ISBN-13: 9783750289574

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