Was Räume über Menschen und Kulturen aussagen
In ihrem Essay „Wohnen“ erörtert Doris Dörrie, wie Räume Arbeit und Geschlechterungerechtigkeiten spiegeln
Von Michael Fassel
Doris Dörrie gehört zu denjenigen, die sich nie endgültig an einem Ort niederlassen möchten und sich erst mit über sechzig Jahren mit einer Einbauküche anfreunden können. Die vielfach ausgezeichnete Filmemacherin und Autorin hat dennoch oder vielleicht gerade wegen ihrer vielen Umzüge und Ortswechsel einen sehr präzisen Blick für das Wohnen bzw. für Einrichtungen. In ihrem Essay Wohnen deckt sie ein breites Spektrum von selbst bewohnten Räumen ab, sei es ein Obdachlosenhotel, eine illustre Wohngemeinschaft oder ein Dachzimmerchen. Ein Mangel an Wohnerfahrungen und -erlebnissen ist der Autorin nicht anzulasten, zumal sie das Wohnen auch aus beruflichen Gründen als interkulturelles Phänomen erlebt hat. Denn Doris Dörrie hat nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA und in Japan gedreht und gewohnt. Als erfahrene Regisseurin hat sie überdies ihren Blick für Filmsets und Inneneinrichtungen geschärft. Sie beschreibt, dass sie zu der Einrichtung, ja zu sämtlichen Requisiten sehr viele Überlegungen anstellt. Räume müssen etwas über die Figuren ihrer Filme aussagen. Doch was sagen die bewohnten Räumlichkeiten und die Art des Wohnens über einen selbst aus? Ist es der Raum, der etwas mit den Menschen macht, oder sind es die Menschen, die etwas mit dem Raum machen?
In ihrem Essay schildert Doris Dörrie zunächst die Verlust- und Existenzerfahrungen ihrer Großeltern, deren Haus im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Ihr Großvater habe danach alte, kaputte Gegenstände aufgelesen und gesammelt: „In Gedanken lebte er weiterhin in der verlorenen Wohnung.“ Die Autorin liefert mit dem Essay ein Stück Zeitgeschichte und zeigt, inwiefern das Wohnen insbesondere für die Generation ihrer Eltern patriarchalisch gefärbt war. Mit der räumlichen Geschlechterteilung ist sie bereits als Kind konfrontiert worden, als sie sich mit ihrem Puppenhaus beschäftigt hat. Schnell sei das Spielen allerdings langweilig geworden: „Mir fiel nichts anderes für sie ein, als Zeitung zu lesen (der Vater), in einem Topf zu rühren (die Mutter), bewegungslos auf einem Teppich zu sitzen (die Kinder).“
Erfrischend ist die schonungslose Offenheit, mit der Doris Dörrie etwa über ihre Mutter schreibt: „Gleichzeitig kämpfte sie mit Minderwertigkeitskomplexen und haderte ihr Leben lang damit, dass sie ihr Medizinstudium abgebrochen hatte, was sie aber nie auf Genderungerechtigkeit, Rollenzuschreibungen oder – Gott bewahre – das Patriarchat zurückführte.“ Damit einher ging die Idealisierung der Hausfrau, denn die Möglichkeit, zu Hause bleiben zu können und nicht arbeiten zu müssen, galt als Privileg. Nicht umsonst habe sich – weitaus früher als in Europa – in den USA die offene Küche durchgesetzt, damit die Frauen intensiver am Familienleben teilhaben konnten.
Insbesondere für schreibende Frauen stellen sich viele Fragen bezüglich der Raumgestaltung und -aufteilung. Als Beispiel zieht Doris Dörrie Virginia Woolf heran, die 1929 den berühmten Essay A Room of One’s Own veröffentlicht hat. Die englische Schriftstellerin konnte sich jedoch erst ihren eigenen Raum zum Schreiben leisten, nachdem ihr Roman Orlando zum Bestseller wurde. Bevorzugt habe sie tatsächlich nicht ihr Büro im Anbau des ländlichen Monk’s House, sondern ihr Gartenhäuschen. Derartige Verweise auf bekannte Persönlichkeiten der Weltliteratur erweitern den Essay um die eigene subjektive Sichtweise. Inwiefern die Arbeit im Allgemeinen, das Schreiben im Besonderen immer auch an das Wohnen und die eigenen vier Wände gebunden ist, ist keineswegs ein trivialer Aspekt. Doris Dörrie hatte schon früh ihren eigenen Raum gefunden und fragt sich heute: „Wer wäre ich geworden ohne mein eigenes Zimmer?“ Solche gesellschaftspolitischen Überlegungen führen in aller Konsequenz auch zu erschütternden Erkenntnissen, etwa wenn für Frauen die eigenen Wände angesichts häuslicher Gewalt keine Sicherheit bieten, „denn für nicht wenige Frauen und Kinder wurde die Wohnung nicht nur zum einzigen sicheren Ort vor Ansteckung, sondern auch zu einem Ort, wo sie Gewalt ausgesetzt waren, und den sie nicht mehr verlassen konnten.“ Ohnehin habe die Pandemie die Rolle der Frau auf Carearbeit zurückgeworfen.
Immer mehr kristallisiert sich die Frage heraus, was Wohnen überhaupt bedeutet. Gibt es so etwas wie das klassische Wohnen? Inwiefern verraten Raumgestaltungen etwas über die eigene oder eine fremde Kultur? So vielseitige Formen das Wohnen im westlichen Kulturkreis auch annimmt, so erhellend sind die Ausführungen zum privaten Wohnraum in Japan, das als gelungene Vergleichsfolie im letzten Viertel des Essays herangezogen wird. Im Rahmen des Reaktorunfalls vom 11. März 2011 in Fukushima hat sich Doris Dörrie darüber hinaus mit den immensen Verlusten einiger Bewohner intensiv auseinandergesetzt. Als sie im Katastrophengebiet einen alten Mann angetroffen hat, der nur noch umgeben war von den Grundmauern seines Hauses, fühlte sie sich an die Geschichte ihrer Eltern erinnert. Diese Begegnung habe sie dazu veranlasst, den Kinofilm Grüße aus Fukushima (2016) zu drehen.
Doris Dörrie legt ohne Zweifel einen sehr empathischen und lesenswerten, wenn auch teilweise sprunghaften Essay vor, der durch die kluge Sichtweise einer feministischen Brille das Wohnen aus einem sehr interessanten Blickwinkel beleuchtet. Dass sie zugleich ein Stück weit ein Selbstporträt vermittelt, liegt in der Natur der nunmehr bekannten Essayreihe des Hanser Verlags. Gleichwohl wäre trotz oder gerade wegen der feministischen Brille hier und da ein Verweis auf das männliche Schreiben und Wohnen (wo und wie schrieb beispielsweise Max Frisch, wenn Ingeborg Bachmann im Haus war?) spannend gewesen.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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