Weggefährten im Zeitalter der Renaissance

Patrick Boucheron porträtiert „Leonardo und Machiavelli“

Von Thorsten PaprotnyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thorsten Paprotny

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Persönlichkeiten wie Niccolò Machiavelli, Historiograph, politischer Berater und Philosoph wider Willen, und Leonardo da Vinci, der Künstler der Renaissance überhaupt, faszinieren bis heute. Sie werden verklärt, verehrt oder, wie zuweilen Machiavelli, auch erbittert geschmäht. Der französische Historiker Patrick Boucheron hat diesen prägnant erzählten Band, ein bemerkenswertes Doppelporträt der beiden, bereits 2008 publiziert. Über eine Begegnung von Machiavelli und Leonardo spekuliert er, Nachweise über ein Zusammentreffen gibt es nicht. Sie hätten sich vielleicht verstanden, vielleicht auch nicht. Boucheron zeichnet die Lebenswege nach, sorgfältig, sensibel und kenntnisreich.

Zu Beginn mutmaßt er, die Begegnung habe in Urbino, am Hof Cesare Borgias, zur Jahreswende 1502/03 sehr wahrscheinlich stattgefunden: „Drei Männer, deren Wege sich kreuzen, die mit größter Wahrscheinlichkeit miteinander ins Gespräch kommen und ähnliche Ansichten darüber haben, wie die Menschen den Lauf der Dinge in die Hand nehmen sollten.“ Doch ein Historiker solle nicht spekulieren, auch wenn die Verlockung dazu offenbar in hohem Maße besteht.

Machiavelli dachte über die politische Ordnung, die Sicherung des Friedens und die Stabilität Italiens nach. Er fürchtete aber die „Naivität der Mächtigen“. Und der Künstler? „Auch Leonardo war Teil dieses Systems geregelter Zirkulation und diplomatischen Austauschs. Wie seine Gönner war er davon überzeugt, dass die Ideale von Ordnung und Harmonie, die die perspektivischen Konstruktionen der Malerei ebenso prägten wie die makellose Metrik der höfischen Dichtung und Gesangsdichtung sowie die prachtvolle Architektur, wesentlich zur politischen Stabilität Italiens beitrugen.“ Die Architektur sei, so Boucheron, im Humanismus als „neue Meisterin der Rhetorik“ zu verstehen. Leonardo stehe für die „Idee des wissenschaftlichen Fortschritts“ und damit „für jenes aus Begeisterung und Angst zusammengesetzte Gefühl“, dem man anhänge „wie der eigenen Kindheit“. Die Wissenschaft begeistert: „Mit Leonardo glaubt man, ihrer Unschuld und Frische einen feierlichen Ausdruck zu verleihen. Man meint, ihn so aufrichtig zu lieben, wie man Machiavelli hassen muss.“ Damit bestimmt Boucheron treffend die vorherrschenden Klischees.

Machiavelli war ein scharfsichtiger Analytiker, kein Menschenfeind. Er wurde ähnlich verkannt wie der englische Philosoph Thomas Hobbes, da Vinci hingegen als Genie glorifiziert. Boucheron sieht Gemeinsamkeiten. Da Vinci versteht sehr viel von der bildenden Kunst, Machiavelli nicht weniger von der „Staatskunst“. Auch als Ingenieur versucht sich da Vinci, er entwickelt Ideen, die – im Gegensatz übrigens zu den Fantasien des deutschen Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz – nicht nur innovativ, sondern auch praxistauglich waren oder hätten sein können. Für die Lagunenstadt Venedig entwirft da Vinci die Theorie eines Systems beweglicher Dämme, bemerkt aber auch das limitierte Interesse der „Regierungskommissare“. Er konzipiert hydraulische Maschinen, denkt über Windmühlen in der Romagna nach: „Vor allem aber weiß er, dass das Geheimnis der Natur genau darin zu finden ist: in den Echos und Zusammenklängen, in den Harmonien und Takten, und dass sich nur derjenige als wahrhafter Ingenieur betrachten kann, der es versteht, die menschliche Musik auf den Rhythmus der Zeit abzustimmen.“

Für da Vinci ist ein Gebäude eine Maschine, „die Maschine ist ein Organismus nach dem Bild des Menschen, der sie erbaut“. Hier zeigt sich eine Verbindungslinie zu Machiavelli. Der Fürst sei ein „Architekt“, der „Baumeister“ des Staates, der stets die Fundamente der Festungen stärken müsse, aber auch darauf achten solle, die „Schwachstelle“ zu suchen, „die das ganze Gebilde zum Einsturz bringen könnte“. Ziel der politischen Reflexion ist der Machterhalt. Da Vinci zeichnet neue Landkarten. Ein verfeinerter Visionär ist er nicht, eher ein Vordenker, mitnichten ein Fantast: „Er will sehen und verstehen. Und nicht zuletzt auch überzeugen: Nicht umsonst sind seine Zeichnungen mit einem ganzen Apparat von Begründungen versehen und Erklärungen umgeben.“ Sehen und verstehen, das möchte auch Machiavelli, um zum Erhalt der politischen Ordnung beizutragen. Er ist „gedankenschnell“ und „entschieden“, damit überfordert er viele, vielleicht fast alle seiner Zeitgenossen. Boucheron bezeichnet sein politisches Denken als „Philosophie der Notwendigkeit“. Die „erschöpfte Phalanx der Philosophen“, die Meister der gefälligen Sentenzen, findet Machiavelli unerheblich:

Man könnte sagen, dass Machiavellis einzige Philosophie die Politik war. Sein Denken hat stets Eindruck auf die Philosophie gemacht, ohne dass er sie selbst jemals ernsthaft betrieben hätte, im Gegenteil. Im Eifer des Gefechts überspringt er die einzelnen Schritte des philosophischen Denkens. So stellt er die aristotelische Typologie der Regierungsformen – noch heute die Säulen der politischen Philosophie – auf den Kopf, weil ihm die Idee eines philosophischen Fundaments zuwider ist. Politik zu beschreiben heißt nichts anderes, als die Schlacht darzustellen.

Da Vinci malt den Krieg. In Florenz nimmt er 1503 den Auftrag für ein Bild an, das die Schlacht von Anghiari von 1440 zeigen soll. Die Gültigkeit des Vertrags beglaubigt im Jahr darauf Niccolò Machiavelli. Das ist aber nicht mehr als ein Verwaltungsvorgang: „Machiavelli war Zeuge im vollen juristischen Sinn des Wortes: Er war anwesend zum Zeitpunkt, als Leonardo den Vertrag aushandelte, und unterzeichnete ihn als glaubwürdige Person.“ Eine Begegnung der beiden könnte möglich gewesen sein, wissenschaftlich beweisen lässt sie sich nicht. Boucheron sieht eine Verwandtschaft beider, denn da Vinci malt ein Bild über die „Wirklichkeit des Krieges“, ohne göttliche Vorsehung und ohne Vertrauen auf einen „unabwendbaren Lauf der Dinge“: „Fortuna ist blind, und der Tapfere weiß, wie man sie bezwingen kann.“ So folgert der Autor:

Zeigt sich hier nicht dieselbe Auffassung von Zeit, die auch Machiavellis Geschichtsschreibung bestimmt? Der Lauf der Dinge ist unsicher, unvorhersehbar, unverständlich; wenn es ein Prinzip gibt, nach dem der Weise handeln sollte, dann allein jenes, keinem Prinzip zu folgen. Das bedeutet keineswegs, dass alles erlaubt wäre oder moralische Skrupel für immer ihre Berechtigung verloren hätten. Doch muss der Einzelne – einer Philosophie der Notwendigkeit entsprechend – in der Lage sein, sich flexibel und schnell an Situationen anzupassen, in denen Handlungen Gründe haben, die die Vernunft nicht kennt.

Diese Analyse ließe sich erweitern: Machiavelli, der anthropologische Skeptiker, misstraut dem menschlichen Glauben an die Kausalität im Handeln. Die Spekulation über Beweggründe bleibt luftig. Zudem ironisiert Machiavelli die „kriegerische Heldentat“, auch weil er die „politische Propaganda“ verachtete. Auch von Patriotismus hielt er nichts. Er spottete über die „schwülstigen Diskurse der aufgeblasenen Redner“. Die Überlegung, dass für Machiavelli eine „nicht greifbare Unbestimmtheit des Politischen den Kern der Geschichte ausmacht“, ist bedenkenswert. Auch da Vinci mag Ähnliches gedacht haben, als er das Gemälde Die Schlacht von Anghiari anfertigte. Boucheron fasst dies wie folgt zusammen:

Man kann die Geschichte nachvollziehen, aber ihr Lauf bleibt unverständlich; sie entfaltet sich, aber sie lässt sich nicht erklären. Sie ist unerbittlich und rätselhaft. Mal schreitet sie rhythmisch voran, mal erstarrt sie – und es ist dieser Schwebezustand, der den Puls der Welt bestimmt.

Das gedankenvolle und ideenreiche Buch von Patrick Boucheron ist so anregend wie lesenswert. Das Doppelporträt bereichert die Literatur über die Zeit der Renaissance ungemein und lädt ein, da Vincis Kunst und Machiavellis Verständnis vom durchaus künstlerischen Handwerk der Politik mit anderen Augen zu sehen.

 

Titelbild

Patrick Boucheron: Leonardo und Machiavelli . Geschichte einer unbekannten Begegnung.
Aus dem Französischen von Sarah Heurtier und Sebastian Wilde.
Wolff Verlag, Berlin 2019.
180 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783941461376

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