Wenn die Gegenwart die Literatur einholt

Ariane Kochs Roman „Die Aufdrängung“

Von Bozena Anna BaduraRSS-Newsfeed neuer Artikel von Bozena Anna Badura

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Bisher war die Schweizerin Ariane Koch im performativen Bereich – z.B. im Theater – tätig. Mit Die Aufdrängung legte sie 2021 ihren ersten Roman vor, und zwar bei edition suhrkamp – einer Reihe, die für Demokratiebewusstsein wirbt und auf eine neue, junge Leser*innenschaft abzielt. Aber wie engagiert und innovativ ist dieser 179 Seiten schmale Roman eigentlich?

Herauszustellen ist zunächst die sprachliche Ebene des Textes. Der typisch schweizerische, reflektierende Umgang mit der Sprache („Das gesprochene Wort hat sich mir als etwas eingeprägt, das sich bei übermäßiger Betätigung potentiell gefährlich, inkonsistent, im Sinne von: sich dem Vorhandenen entziehend, beziehungsweise seine Gestalt ändernd, herausstellen kann.“) sowie vor allem die Eloquenz des Ausdrucks und das humorvolle Sprachspiel gehören zu den Vorzügen des Textes, was sich etwa an folgendem Satz erkennen lässt: „Es war nie meine Absicht gewesen, aus meiner Einzigartigkeit eine Zweisamkeit zu machen.“

Zudem zeigt der Text an einigen Stellen poetische Züge und philosophische Gedanken, wie z.B. „Seit des Gastes Ankunft geht die Sonne unter, kurz nachdem sie aufgegangen ist“ oder auch „Es ist schade, dass man die Anfänge der Dinge immer verpasst, während sich die Enden jeweils in den Körper hämmern.“

Im Gegensatz zu dieser Präzision des Ausdrucks steht die gewollte Unschärfe der Geschichte, die entscheidend zum Spannungsaufbau beiträgt. In unterschiedlich langen Textabschnitten, die sich manchmal über mehrere Seiten erstrecken und manchmal nicht über einen Satz hinausgehen, erfahren wir die Geschichte einer Frau, die sich nicht traut, in die Welt aufzubrechen. Stattdessen nimmt sie in ihr – ohnehin für sie allein viel zu großes – Haus einen Fremden auf und gestaltet mit ihm ihren Alltag sukzessive neu. Die Anwesenheit des Gastes führt nicht nur zu einer positiven Entwicklung ihrer Persönlichkeit, sondern auch zur Erfahrung eines gesteigerten Aufsehens in ihrem sozialen Umfeld. Dabei wird der anonyme und stumme Gast immer mehr zu einer Projektionsfläche. Denn in der Auseinandersetzung mit dem Gast fängt die Ich-Erzählerin an, ihre eigene Familiengeschichte aufzuarbeiten und ihr Wertesystem zu hinterfragen. Die Aufdrängung ist daher u.a. ein Text darüber, wie wir dem Fremden und dem Bekannten entgegentreten, wobei jedoch nicht die Fremdheit des Gastes im Vordergrund steht, sondern sein positiver Einfluss auf die Ich-Erzählerin.

Dadurch, dass die Leser*innen ausschließlich die Perspektive der Gastgeberin kennenlernen, werden sie – vornehmlich unbewusst – dazu angehalten, mit der Ich-Erzählerin zu sympathisieren. Dies führt dazu, dass man an der Sympathie zu der Protagonistin auch dann festhält, wenn sie mit ihrem Gast zuweilen grausam umgeht oder gar gewalttätig wird. Und hätte der Gast eine hörbare Stimme erhalten, hätte sich statt einer leisen Entwicklungsgeschichte der Protagonistin wahrscheinlich eine Erzählung von Erniedrigung und psychischer Gewalt ergeben, von der Ohnmacht des Gastes und vom Perspektivmangel. Dann wäre es eine Geschichte unter vielen. Doch indem die Autorin nur aus der Perspektive der Aufnehmenden erzählt, gelingt es dem Text, den gängigen Diskursen und dem Genre der Migrationsliteratur eine selten vertretene Sichtweise hinzuzufügen.

Auf der thematischen Ebene werden außerdem die Gastfreundschaftlichkeit und die Frage nach der Verteilung des Wohnraums behandelt:

Einige sammeln Räume, während andere keinen einzigen Raum haben, als wäre es dermaßen schwierig, diese ein wenig untereinander aufzuteilen.

Wird in diesem Roman wie nebenbei gezeigt, dass die Diskriminierung, Erniedrigung und Gewalt, die den Ankömmlingen zuweilen entgegengebracht wird, ihnen womöglich in Relation zu dem bisher Erlebten wenig ausmacht, solange sie ein Dach über dem Kopf und Essen im Magen haben? Oder ist der Text vielmehr ein Plädoyer dafür, den im Westen [zuweilen?] sehr großen privaten Wohnraum mit den Flüchtenden zu teilen?

Es passiert immer wieder, dass die Literatur durch die Ereignisse in der Welt eingeholt wird. Der Roman wurde im Frühjahr 2021 veröffentlicht, lange bevor die ohnehin durch die Pandemie veränderte Gesellschaft durch einen Krieg auf europäischem Boden erschüttert und erneut mit einer Vielzahl an Hilfesuchenden konfrontiert wurde. Und nun – vielleicht zum ersten Mal in einem solchen Ausmaß – zeigen die Menschen eine große Hilfsbereitschaft, die in nicht wenigen Fällen aus der Bereitstellung der eigenen Wohnräume für die Hilfesuchenden besteht. Nicht zuletzt daran wird sichtbar, dass Kochs Roman in der Gesellschaft schlummernde Kräfte buchstabieren konnte und die Gegenwart vorwegnahm, wodurch er seine politische Relevanz unter Beweis stellt.

Die Aufdrängung ist ein schmales Buch, das unscheinbar daherkommt. Es ist auch schnell gelesen. Doch den Inhalt des Buches soll man nicht nach dem Umfang beurteilen – es ist ein dichter Roman. Er stellt einige wohlbekannte Umgangsarten mit dem Fremden dar, wie z.B. den Drang, einen Fremden zu belehren und ihn vielleicht als vergleichsweise günstige Arbeitskraft zu missbrauchen oder ihm einen lediglich begrenzten Raum zur Verfügung zu stellen – mit einer Liste mit Ge- und Verboten obendrauf. Dies alles findet sich in Die Aufdrängung verdichtet wieder, sodass der Roman durchaus als ein Spiegel einer Gesellschaft gesehen werden kann. Und am Ende wird nicht ganz klar, wer sich eigentlich wem aufdrängt. Dennoch lässt sich zwischen den Zeilen herauslesen, dass die Aufnahme von Fremden eine Bereicherung für das eigene, womöglich öde gewordene Leben sein kann, wobei diese Auslegung nur eine der möglichen Lesarten darstellt. Es ist eben ein weiterer Vorzug dieses Romans, dass er mit seinen Leser*innen spielt, sie dazu bringt, sich an der rezeptiven Erfahrung zu beteiligen, indem er einerseits viele Deutungsmöglichkeiten anbietet und andererseits durch absichtliche Unschärfe einen hohen Grad an Interpretationsarbeit verlangt.

Dabei wirbt dieser Roman für die aktive Mitgestaltung unserer Welt. Aus ihm spricht eine Stimme, die durch einen bisher in der Migrationsliteratur kaum vertretenen Tonfall neue Argumente in die aktuellen Diskurse einbringt. Dieses Engagement wurde honoriert: Das vermeintlich schmale Bändchen stand auf der Shortlist des Bloggerpreises für Literatur „Das Debüt 2021“ und wurde mit dem ZDF-aspekte-Preis für den besten Debütroman des Jahres 2021 prämiert.

Ariane Koch hat mit Die Aufdrängung keinen Roman für alle geschrieben, aber diejenigen, die eine gute Ausdrucksfähigkeit, das Spiel mit Sprache und Deutungsmöglichkeiten, einen gewissen Grad an Absurdität und eine engagierte Stimme mögen, sollten von diesem Roman aufs Beste unterhalten werden.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Ariane Koch: Die Aufdrängung. Roman.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2021.
179 Seiten , 14,00 EUR.
ISBN-13: 9783518127841

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch