Nachrichten aus der Gefahrenzone des Begehrens
David Wojnarowicz‘ „The Waterfront Journals“ liegen nun mit fast dreißigjähriger Verspätung endlich in deutscher Übersetzung vor – ein nach wie vor verstörender Klassiker der queeren Literatur
Von Nora Eckert
Unstillbare Lebensgier und höchste Lebensgefahr verlaufen offenbar entlang derselben Grenzlinie. Das ist, wenn wir so wollen, die Quintessenz aus all den kleinen Geschichten, die der US-amerikanische Autor David Wojnarowicz wie im Vorbeischlendern aus dem queeren Alltag der späten 1980er Jahre in den USA und hauptsächlich in New York an allen möglichen und unmöglichen Orten und zufällig aufgeschnappt hat. Es sind Geschichten von Existenzen, die wie Balanceakte anmuten mit der allgegenwärtigen Gefahr des Absturzes. Diese oft gewaltvollen erzählerischen Miniaturen sind wie Blitzlichter in Prosa und gleichen der Straßenfotografie, die gleichermaßen ein ganzes Leben in ein Bild zu verpacken vermag. Einen Roman ergeben die Prosastücke zwar nicht, auch wenn das auf dem Titel wohl als Einsortierhilfe fürs Bücherregal steht, aber es durchzieht und verbindet sie fast alle ein heißer Strom mit Namen Sehnsucht.
David Wojnarowicz, geboren 1954 im US-Bundesstaat New Jersey, war ein künstlerisches Multitalent: Er war Autor, Fotograf und hat sich mit dem Genre Film beschäftigt. Wojnarowicz etablierte sich in den 1970er und 1980er Jahren in New Yorks Kulturszene und war Teil der queeren Subkultur. Die „Neue Zürcher Zeitung“ nannte ihn nicht zu Unrecht den „berühmtesten Unbekannten der amerikanischen Undergroundszene“. Seiner Freundschaft mit dem Fotografen Peter Hujar verdanken wir eine Reihe ausdrucksstarker Porträts. Wojnarowicz starb, gerade einmal 37 Jahre alt, 1992 an den Folgen von AIDS. Die Jahre des schwulen Hedonismus, die mit den Stonewall Riots von 1969 begannen, begleitet von der Gay Liberation, endeten damals abrupt. Der Tod spielt zwar auch in den kurzen Erzählungen des Waterfront Journals eine Rolle, aber es ist offenkundig noch nicht der, den ein Virus damals in die Welt brachte. Die Todesgefahr ist gleichwohl präsent, geht aber eher von den nächtlichen Begegnungen mit Psychopathen auf der Suche nach schnellem Sex aus.
Der Titel Waterfront Journals ist in doppeltem Sinne wörtlich zu nehmen. Zum einen, weil dieses Journal tatsächlich wie Tagebucheintragungen funktioniert, mit aneinandergereihten, in sich abgeschlossenen Beobachtungen. Zum anderen bezeichnet Waterfront die bevorzugten Cruising-Areale der New Yorker schwulen Community. Es sind die Piers in Lower Manhattan, diese eigenartigen, eher abweisenden, nicht selten heruntergekommenen zivilisatorischen Ränder. Als meist verlassene Orte sind sie am Tage und erst recht in der Nacht Treffpunkte, die dem Verbotenen Asyl gewähren. Ausgerechnet diese gottverlassenen Gegenden avancieren auf der Suche nach Sex und wohl auch nach Liebe zu Sehnsuchtsorten. Es sind ebenso Orte, an denen Sex verkauft und gekauft wird – zugleich ein Umschlagplatz der Illusionen.
Schauen wir uns ein wenig um in diesem Tagebuch: Da erzählt ein Mann in einem Coffee Shop, er habe „viel richtig guten Sex im Knast“ gehabt oder ein anderer, der Zeuge eines Kampfes im nächtlichen Central Park wird. Später findet die Polizei, der er das meldet, einen Männerkopf im Gebüsch. Wieder ein anderer glaubt, ein Tattoo am Handgelenk schütze ihn vor dem Bösen, als werde er dadurch auf der Straße unsichtbar. Ein Stricher kann sich durch Schreien gerade noch vor einem Psychopathen retten, der ihn mit einem Messer ritzt, und deshalb beschließt: „in dieser Drecksstadt geh ich nie mehr anschaffen“. Ein Freier prahlt: „Ich habe mir immer Jungs besorgt, auf jedem Frischfleischmarkt zwischen Los Angeles und New York City.“ Eine Vierzehnjährige fährt auf Bob Dylan ab und träumt von der Revolution. Klein-Kriminelle, die einsehen: „wir sind viel zu große Schisser“.
Ja, es gebe einfach „zu viele komplett durchgeknallte Oberpsychos“ in der Stadt – der Times Square ist nachts voll davon. Woraus dann die lebensphilosophische Einsicht eines jungen Mannes folgt: „ich finds halt irre, dass du so einfach dran sein kannst, ohne dass du Zeit hast, clean zu werden, dein Leben auf die Reihe zu bringen oder auch nur deine Dreckssocken zu wechseln oder dich von deinen Freunden zu verabschieden.“
Wojnarowicz erreicht mit seinen Waterfront Journals zweierlei: Er macht aus einer Feldforschung über soziale Situiertheiten eine herausfordernde literarische Phänomenologie. Auf der anderen Seite konserviert diese gleichwohl artifizielle Prosa so eindringlich, wie es eher selten gelingt, ein extremes Lebensgefühl, das eine der zitierten Figuren so beschreibt: „Ich suche das Gefühl von Widerstand und gleichzeitig dann doch von Unterwerfung“. Ohne Widerspruch ist dieses Leben scheinbar nicht zu haben.
Nicht unerwähnt sei der Text „Aus dem Tagebuch eines Wolfsjungen“ am Schluss des Bandes. Er hebt sich zunächst durch seine Länge von immerhin zwanzig Druckseiten von den restlichen Texten ab. Wir dürfen darin wohl eine Selbstbeschreibung des Autors annehmen, wo es am Anfang heißt, das Chaos ziehe den Ich-Erzähler an wegen der vielen Möglichkeiten, und am Ende schließlich: „Meine Augen sind schon immer Reklametafeln für einen frühen Tod gewesen.“ Das Wolfskind sei in die „beschissene Schizo-Kultur gezerrt“ worden. Und dazwischen dieses Bekenntnis:
Damals habe ich mich immer leicht verliebt: die Bewegung eines Arms, der Verlauf einer Ader am Hals, ein Kinn, das sich im Dämmerlicht reckt, die Umrisse eines Körpers, neben dem die Kleider liegen, das helle Strahlen von Augen, wenn sich Gesichter fast berühren.
Und ebenfalls erwähnenswert ist an dieser Stelle die Übersetzung von Marcus Gärtner, der sich auf das literarische Abenteuer einließ und in Ton und Stimmung ganz nahe beim Autor und seinen Zufallsbekanntschaften ist.
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