Womanizer für alle
Warum Sex-Toys für Frauen viel über den Stand der Emanzipation sagen – und als Geschäftsmodell boomen
Von Dirk Kaesler
und Stefanie von Wietersheim
Rätsel des Lebens. Warum, um Himmels willen, boomen Sex-Toys für Frauen in diesen Tagen derart, dass die altehrwürdige Frankfurter Allgemeine Zeitung dem Berliner Unternehmen „Lovehoney“ und dessen Bestseller namens „Womanizer“ eine ganze Seite im Wirtschaftsteil widmet? Wer es immer noch nicht weiß: Ein Womanizer ist kein Schürzenjäger, kein Mann auf der Jagd nach Frauen, sondern eine kleine Vibrationsmaschine, die Frauen gute Orgasmen garantieren möchte. Dahinter steckt einerseits ein biologischer Unterschied zwischen Männern und Frauen, zum anderen ein Geschäftsmodell.
Unter dem Titel „Befriedigung in einer Berliner Blase“ berichtete im September diesen Jahres die FAZ-Volontärin Louise Otterbein nach dem Untertitel „Ready, wet, come“: Lovehoney ist Marktführer in der Sex-Toy-Branche. Ein Patent macht den Unterschied“ über den Unternehmer Johannes Graf von Plettenberg und sein Toy-Imperium. Im ganzseitigen Artikel sah man den hochgewachsenen 44-jährigen auf einem Bild im Friedrichshainer Silikonlabor neben penisförmigen Animier-Apparaten, fotografiert von Daniel Pilar, der üblicherweise in Kriegs- und Krisengebieten unterwegs ist.
Plettenberg, der zuvor beim Erotikversender Amorelie als Finanzvorstand tätig gewesen war, kaufte 2017 die Rechte am Klitorisstimulierer namens „Womanizer“, der in einem Dorf in Niederbayern von Michael Lenke und seiner Frau Brigitte erfunden worden war und erst drei Jahre zuvor publik wurde. Das Paar im Südosten Deutschlands hatte den Stimulierer von einer Aquariumpumpe ausgehend entwickelt.
Man mag sich fragen: Was haben eine Aquariumpumpe und der sogenannte Orgasm-Gap gemeinsam? Und warum ist das Ganze gesellschaftspolitisch relevant und zugleich wirtschaftlich ein nicht zu vernachlässigender Motor?
Der Orgasm Gap
Es hat damit zu tun, dass die Welt von Männern und Frauen ungerecht ist und war – und hoffentlich nicht immer so bleiben wird. In den letzten Jahren wurde der „gender pay gap“, der „pension gap“ und der „gender care gap“ ausführlich diskutiert. Politische Bestrebungen gehen dahin, diese Unterschiede auszugleichen und die Benachteiligung von Frauen zu beseitigen. Nun also der „Orgasm gap“. Dass Männer und Frauen ein unterschiedliches sexuelles Erleben haben und beim mehr oder minder nackten Aufeinandertreffen deshalb nicht nur geniale gemeinsame Höhenflüge erleben, sondern totalen Schiffbruch erleiden können, gehört heute fast zur Aufklärung in der Grundschule. Müssen Mädchen und Frauen sich deshalb schlechter fühlen, weil sie – den Daten nach, aber wer findet sein erotisches Leben schon in Daten wieder? – weniger pfeilschnell zum Orgasmus kommen als Männer? Zumindest wenn sie Sex mit Männern haben, vor allem wenn diese nicht die Liebhaber des Jahrhunderts sind? Es klingt schon fast absurd, wenn Frauen ihr Erleben in Fachzeitschriften untersucht finden. Nach jahrzehntelang wissenschaftlich durchgeführten Untersuchungen braucht der Durchschnittsmann bei sexueller Stimulierung etwa drei bis sieben Minuten bis zum Samenerguss. Die Zeit, die Frauen bis zum Orgasmus benötigen, variiert stärker als bei Männern und hängt von sehr viel mehr Faktoren ab. Die wissenschaftlich nachgewiesene Durchschnittsdauer ist jedenfalls das Vierfache, bis die Frau einen Orgasmus erlebt.
Angeblich kommen 95 Prozent der Männer beim Sex zum Orgasmus, bei Frauen sollen es beim Sex mit Männern nur 65 Prozent sein. Bei gleichgeschlechtlichem Sex unter Frauen sind es Studien zufolge wohl 86 Prozent. Das ist das Ergebnis einer systematischen Literaturrecherche, mit 20 empirischen Publikationen über den Orgasm Gap und 16 original research papers, publiziert in der „Zeitschrift für Sexualforschung“ aus dem Juni 2022.
Ob nun 7, 70 oder 700 Minuten bis zum Höhepunkt: Insgesamt lässt sich konstatieren, dass die wissenschaftliche und mediale Aufklärung zum Thema weiblicher Orgasmus reichlich unterentwickelt ist. Eine Vielzahl von Anbietern von Massage-Coachings für Gruppen und einzelne Frauen steht bereit, um Frauen dabei zu unterstützen, ihren Körper und dessen Bedürfnisse besser zu verstehen. Selbstbefriedigung, die Praxis, den eigenen Körper durch Berührung und bestimmte Atem- und Bewegungstechniken zu stimulieren und zu sexueller Erfüllung zu führen, den Geist und Körper zu lockern und leichter zum Orgasmus zu kommen, kann dabei helfen. Und dabei eben auch ein Stimulator, wenn der passende Mensch fehlt, der das spielerisch mitmacht.
Liebeshonig aus Friedrichshain
Den Orgasm Gap zu überbrücken, wenn auch nicht zu schließen, ist das zumindest in der Kommunikation unternehmerische Ziel der Firma „Lovehoney“ aus Berlin-Friedrichshain, die nach eigenen Angaben mit einem Jahresumsatz von rund 300 Millionen Euro Marktführer für „Sexual Wellness“ geworden ist und damit laut Plettenberg der größte Anbieter der Welt. 800 Angestellte, sechs Standorte weltweit, und unter dem Dach von „Lovehoney“ gibt es mehrere Brands. In Berlin wird eifrig getestet, nach Selbstentzündbarkeit und Lautstärke von Vibratoren. Es gibt einen Klitoris-Stimulierer in Form eines Pfirsichs oder einer roten Rose. Dazu einen „Masturbationsraum“, in dem Mitarbeiter in Ruhe die Produkte testen dürfen. Dort ist Selbstbefriedigung Arbeitszeit.
Dass deutsche Ingenieurskunst, Start-Up-Mentalität und großes Geld nun in einem Bereich zusammenkommen, der vom weiblichen Empowerment, vielleicht auch Feminismus lebt, ist nicht von der Hand zu weisen. In Zusammenarbeit mit dem renommierten deutschen Armaturenhersteller Hansgrohe hat das Unternehmen einen Duschkopf mit Intimmassage-Funktion entwickelt, der „Womanizer Wave“ heißt. Auf Knopfdruck wird durch Wassermassage eine Klitoris-Stimulation ausgelöst. Der Unternehmer Plettenberg ist davon überzeugt, dass ein erfülltes Sexleben nicht nur gut für menschliches Liebesleben ist, sondern auch dabei helfen kann, gesellschaftliche Spannungen insgesamt abzubauen. Dafür sollten Sex, Sexspielzeug, gegenseitige Befriedigung und Selbstbefriedigung enttabuisiert werden, denn noch immer sei nicht überall angekommen, wie wichtig guter Sex ist. Selbstkritisch merkt er der FAZ-Reporterin gegenüber an: „Wir in unserer Bubble im Haus merken das ja gar nicht. Und dann sind wir mit unserer Mini-Bubble auch noch in der Bubble Berlin“. Interessant ist auch, dass nicht alle Länder so emanzipatorisch-lustvoll mit dem Kauf von Sex-Toys umgehen. So ist es laut Plettenberg im US-Bundesstaat Texas nicht erlaubt, mehr als fünf Sex-Toys pro Person zu besitzen. Was, fragen wir uns, kann so schlimm an einer Vibrator-Sammlung sein?
Brauchen Frauen noch Männer beim Sex?
Wenn nun der Womanizer aus Friedrichshain in der „battle for orgasm equality” diesen Gap verkleinert, stellt sich die Frage, welche Rolle Männer überhaupt noch beim Sex für Frauen spielen sollen, spielen können. Frauen wird geraten, offener über ihre Erfahrungen und Wünsche zu sprechen und ihren Körper zu erforschen und herauszufinden, was sie zum Orgasmus bringt – auch ohne Partner. Zudem wird Männern geraten, Klitorisstimulierung und den weiblichen Orgasmus ernst zu nehmen. Und darum sollten alle Männer, die Sex mit Frauen haben möchten, wissen, dass sich ein erfülltes Liebesleben erst dann ergibt, wenn sie beachten, dass es sehr verschiedene Arten und Wege von weiblichen Orgasmen gibt. Wir werden hier keine Lektion anbieten, die seriösen Informationsquellen sind im Netz unschwer zu finden. Die meisten Pornoseiten taugen dafür in keiner Weise.
Bei aller Anerkennung der Verdienste von „Lovehoney“ um die sexuelle Freude von Frauen glauben wir jedoch, dass das intime Teilen von Zärtlichkeit und körperlicher Zugewandtheit nicht von einer ehemaligen Aquariumpumpe ersetzt werden kann. Sexualität von Säugetieren, darunter Menschen, ist Kommunikation. Wer nur mit sich selbst kommuniziert, wird nicht aus seiner eigenen Echokammer herausfinden. Selbst der perfekte Vibrator wird eine Umarmung, den Geruch, den Geschmack und die Leidenschaft eines anderen Menschen und damit das Erleben von Zuneigung und Liebe nicht ersetzen können. Sanft vibrierende Pfirsiche, in Stillleben mit echten Pfirsichen als „Centre de Table“ auf einem Esstisch dekoriert, würden jedoch sicher für anregenden Gesprächsstoff über diverse Gaps sorgen.
Anmerkung der Redaktion: Der Beitrag gehört zur monatlich erscheinenden Kolumne „Rätsel des Lebens“ von Dirk Kaesler und Stefanie von Wietersheim.













