Lost in Space?

Dietmar Dath mäandert durch die „Pulsarnacht“

Von Stefan HöppnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Höppner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Science Fiction ist Genreliteratur. Das ist nichts Ehrenrühriges. Jedenfalls, solange man nicht der irrigen Meinung ist, etwas sei schon deshalb schlecht, weil man es mit dem Etikett Pop, Western, oder eben Science Fiction versieht und schon daher unterhalb einer „eigentlichen“ Literatur einordnet. Und es nur unter diesem Vorbehalt für mehr oder weniger gelungen hält. Schließlich schreibt auch niemand: Nicht schlecht für ein Versepos. Oder: Als philosophische Abhandlung ganz OK, aber es sind ein bisschen viel Gedanken drin…

Dietmar Dath hat sicher nichts dagegen, wenn man ihn in der Science Fiction verortet. Im Gegenteil verwendet er dieses Etikett ganz offensiv, insofern die Gattung aus realen technischen und wissenschaftlichen Tendenzen darüber spekuliert, was aus unserer Welt werden soll. Denn wenn es einen roten Faden durch Daths Texte gibt, dann die Frage, wie man diese Gesellschaft ändern könnte. Und das nicht auf Basis eines halbherzigen, naiven Weltverbesserertums, das die Welt allein mit dem Kauf fair gehandelter Kaffeebohnen retten will. Sondern er erhebt den Anspruch, auf dem Boden einer Philosophie zu argumentieren, die sich als wissenschaftlich versteht: des Marxismus. Das bedeutet von vornherein, dass die „fremde“ Welt des Science Fiction-Romans immer den Vergleich mit der Gegenwart herausfordern will.

Das gilt auch für Daths bislang letzten Roman „Pulsarnacht“. Und der Autor greift in die Vollen, wenn es um die Konstruktion einer glaubwürdigen erzählten Welt geht: Hier wimmelt es von neuen Spezies wie Binturen, Custai und den humanoid-allzuhumanoiden Dims, Menschen haben elektronische Bauteile implantiert. Die emanzipatorischen Seiten dieses Universums kennt man aus anderen Dath-Texten: Die alten Geschlechtergrenzen sind ebenso aufgehoben wie die bürgerliche Monogamie, und kapitalistische Besitzverhältnisse gilt es zu überwinden. Dies alles findet sich kombiniert mit liebevoll choreografierten Kampfszenen, wunderbaren Kunstmärchen und Virginia Woolf-Zitaten. Eigentlich beste Voraussetzungen für einen weiteren gelungen Dath-Roman.

Das Problem des Romans ist letztlich seine Unentschlossenheit. Will er eine Geschichte erzählen, die uns als Leser fesselt? Oder ist die Hauptsache die Beschreibung der fremden Welten, die uns etwas über den Zustand unserer eigenen sagen sollen, wie es die utopischen Traktate des 16. und 17. Jahrhunderts tun? Dath entscheidet sich für beides. Das hat zur Folge, dass beide Stränge einander den Weg versperren, und selbst das „Glossar ausgewählter Begriffe“ im Anhang erklärt nur einen Bruchteil dessen, was man gern erklärt bekommen möchte. Und als dann endlich das mehrfach angekündigte Großereignis der Pulsarnacht eintritt, interessiert es einen kaum noch. Regierungen wechseln, Spezies entpuppen sich als etwas ganz anderes als gedacht, aber man ist geneigt, mit den Achseln zu zucken. Und welche Auswirkungen die Katastrophe auf die Art und Weise hat, wie der Kosmos funktioniert, oder ob er nicht vielmehr kollabieren müsste, fällt unter den Tisch.

Das Nachwort beginnt mit dem Satz: „Wer eine Welt erfindet, kann darin leicht verloren gehen.“ Das ist leider wahr. Und in diesem Fall wirklich schade.

Titelbild

Dietmar Dath: Pulsarnacht. Roman.
Wilhelm Heyne Verlag, München 2012.
431 Seiten, 13,99 EUR.
ISBN-13: 9783453314061

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