Aufklärung als Klingelstreich

Ein Sammelband feiert 20 Jahre Titanic Boygroup

Von Stefan HöppnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Höppner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die mittleren 90er waren die große Zeit der Boygroups. Die New Kids on the Block machten es vor, Bands wie ’N Sync und Take That machten es nach, produzierten Superstars wie Robbie Williams und Justin Timberlake. Der Rest ihrer Mitglieder schaute in die Röhre, was aber nicht weiter schadete, weil man lange nach der Jahrtausendwende auf Reunion-Tour gehen konnte, obwohl Musiker und Publikum längst erwachsen geworden waren, sich dann aber gemeinsam an die alten Zeiten erinnern konnten. Apropos Reunion: Wo bleibt eigentlich die Wiedervereinigung der Spice Girls? Auf dem Höhepunkt dieser Welle gründete sich 1995 auch die Titanic Boy Group, bestehend aus Oliver Maria Schmitt, Thomas Gsella und Martin Sonneborn. Eine Abschieds- und eine Reunion-Tour haben sie heute bereits hinter sich und sind immer noch in Buchhandlungen und mittelgroßen Sälen zu hören. Nun erscheinen die Greatest Hits der Gruppe, selbstredend in Buchform.

Solche Dreierformationen sind innerhalb der Titanic nichts Neues. Robert Gernhardt, F.W. Bernstein und F.K. Waechter hatten schon beim Vorgängerblatt Pardon zusammengearbeitet und von 1964 bis 1976 die monatliche Beilage Welt im Spiegel mit dem schönen Motto pro bono contra malum gestaltet; von ihnen stammt auch Die Wahrheit über Arnold Hau (1966), die wohl beste gefälschte Künstlerbiographie der deutschen Literatur (Verzeihung, Wolfgang Hildesheimer). Seit den 1970er-Jahren arbeitete Gernhardt auch mit Bernd Eilert und Peter Knorr zusammen. Sie lasen nicht nur gemeinsam und dachten sich die Fernsehserie Dr. Muffels Telebrause aus. Sie waren vor allem das Autorenteam hinter Otto Waalkes, das den Großteil seiner Gags lieferte. Alle acht Gründer der Titanic – neben den Genannten noch die Zeichner Hans Traxler und Chlodwig Poth sowie der Autor Eckhard Henscheid – hatten sich bis zum Erscheinen des ersten Heftes 1979 bereits einen Namen gemacht. Sogar eine Corporate Identity hatten sie, auch wenn sich dahinter durchaus Heterogenes verbarg: Gemeint ist die Neue Frankfurter Schule.

Für die Mitglieder der Titanic Boy Group galt das so nicht. Für sie waren die Arbeit am Heft und über 1000 Auftritte zu dritt vielmehr der Grundstein für eine Bekanntheit, die sie inzwischen auch solo gewonnen haben. Thomas Gsella hat sich durch seine Lyrik einen Namen gemacht. Oliver Maria Schmitt hat nicht nur 2001 die erste Geschichte der Neuen Frankfurter Schule vorgelegt, er hat auch mehrere Romane geschrieben und ist derzeit mit dem Buch Ich bin dann mal Ertugrul (2015) auf Lesereise. Martin Sonneborn schließlich ist das Gesicht der aus der Titanic heraus gegründeten PARTEI und seit 2014 als Europaabgeordneter in Brüssel. Bis dahin war er nebenbei auch in der „heute show“ zu sehen. Alle drei waren nacheinander auch Chefredakteure der Titanic.

Die Greatest Hits ahmen den Verlauf einer Lesung nach – es gibt eine kurze Einführung, zwei Hälften, eine Zugabe und in der „Pause“ ein Interview mit Paul Sahner, garantiert gefälscht, da der Bunte-Reporter zu diesem Zeitpunkt bereits gestorben war. Witze über Helmut Kohl, von denen die Titanic vor allem in den 1990ern lebte, fehlen gottseidank, wohl weil nachgewachsene Leser sie nicht verstehen würden. Viele Beiträge treffen den Nagel heute noch auf den Kopf: etwa die Parodie auf den „manufactum“-Katalog, der billigen Ramsch wie die BASF-Kittelschürze „Meisterin Proper“, Kleiderbügel und Werbeaschenbecher für teures Geld die ersehnte Entschleunigung verkörpern lässt. Martin Sonneborn gibt Einblicke in seinen Brüsseler Abgeordnetenalltag. Schön ist, wie Thomas Gsella seine Leser mit absichtlich brachialen Berufsbeschreibungen provoziert: „Der Zahnarzt ist nicht arm wie du. / Er ist ein reicher Räuber“. So sieht er den Lehrer, der mittags um eins nach Haus kommt: „Bis vier fläzt er im Kanapee / Mit Sekt und Stör und Brötchen. / Dann nimmt er’s Taxi hin zum See. / Dort steht sein Segelbötchen“. Was wie gewünscht die Leser zurückpöbeln lässt.

Am schönsten aber sind die Aktionen Martin Sonneborns, der betont seriös auftritt und gerade damit die dümmsten Reaktionen erhält: Arglose Hausbewohner, die ihre Wohnungen filmen lassen, wenn er behauptet, von Google Home View zu kommen, da die kalifornische Firma nicht mehr nur die Fassaden, sondern auch das Innere der Gebäude ins Netz stellen will. Kunden, denen er nach der Liberalisierung des Strommarktes am Telefon weismacht, er könnte ihnen besonders billigen Kriechstrom aus Polen verkaufen. Ein Pharmalobbyist, der aus Versehen zugibt, dass importierte Generika genauso gut sind wie teure Produkte aus Deutschland. Eine CDU, die sich nach dem Parteispendenskandal (zu dem Kohl bis heute schweigt) von angeblichen weiteren Schwarzgeldkonten in der Schweiz in Panik versetzen lässt. Zugegeben, die Scherze gehen auf Kosten der Genarrten. Aber sie legen Dummheiten und – im Falle von Politikern und Lobbyisten – Schwachstellen bloß, derer sich die Gefoppten oft gar nicht bewusst sind, besonders wenn sie spontan reagieren sollen. Sozusagen Aufklärung als Klingelstreich. Nur die Behauptung, dass Titanic mit Hilfe absurder Bestechungsversuche die Fußball-WM 2006 nach Deutschland geholt hat, ist wohl leider ein Mythos gewesen; vermutlich ist es anders gelaufen, wenn auch so, wie es sich die Boy Group gar nicht besser ausdenken konnte. In der „Zugabe“ wehrt sich Schmitt gegen ungefragte Solidarisierungen mit der Titanic nach dem Charlie Hebdo-Attentat in Paris und schlägt den Bogen zurück zu Robert Gernhardt. Wenn das kein passendes Ende ist!

PS: Dieses Buch enthält den Lieblingssatz des Rezensenten über seine Geburtsstadt. Aber vermutlich ist es eines der wenigen Bücher, in denen diese Stadt überhaupt in der Literatur auftaucht. Er geht so: „Heute kommen Menschen aus allen Kontinenten, um Paderborn weiträumig zu umfahren“.  

Titelbild

Thomas Gsella / Oliver Maria Schmitt / Martin Sonneborn: Titanic Boy Group Greatest Hits. 20 Jahre Krawall für Deutschland.
Rowohlt Verlag, Berlin 2015.
333 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783871348181

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