Elefantenkriege

In seinem UTB-Band über „Die Republikanische Partei in den USA“ erklärt Phillip Adorf die Partei Trumps anhand hunderter Statistiken

Von Sascha SeilerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sascha Seiler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nahezu die ganze Welt ist seit Jahren entsetzt über Donald Trump, dem es im Tagesrhythmus gelingt, immer noch einen draufzusetzen. Was gestern noch als politisches oder gesellschaftliches Tabu erschien, ist heute schon neue Normalität. Nicht nur liberale Amerikaner, sondern vor allem die Europäer trösten sich mit der Aussicht, Trump sei ein Einzelfall, ein unzähmbares Kind, das hoffentlich im November abgewählt werde. Und wenn er dann nicht mehr an den Schalthebeln der Macht sitzt, werde alles besser. Natürlich sind die Republikaner eine erzkonservative Partei, so die Theorie, die gegen staatliche Regulierungen von Umwelt, Sozialwesen oder Krankenversicherung sind, die evangelikale Werte hochhalten und auf das fast uneingeschränkte Recht auf Waffenfreiheit pochen. Aber im Grunde seien es ja immer noch vernunftgesteuerte Politiker.

Dass diese Theorie längst nicht mehr der Wahrheit entspricht, legt Philipp Adorf recht anschaulich in seinem Buch über Die Republikanische Partei in den USA dar. Der Wendepunkt, an dem die Republikaner von einer Partei der Eliten zu einer tendenziell rassistischen Partei der religiösen und sozialen Ressentiments geworden sind, so legt es Adorf dar, war die in den 1960er Jahren ausgerufene Southern Strategy. Aus heutiger Sicht kaum zu glauben, aber in den konservativen Südstaaten waren es die Demokraten, die seinerzeit als Partei der Segregation galten und sich der Unterstützung weißer Südstaatenbürger sicher sein konnten. Die Republikaner indes waren als ‚Washingtoner Elite‘ gebranntmarkt, die sich nicht um die Belange des kleinen ‚Southern Man‘ kümmerte. Entsprechend bekam die Partei im Süden keinen Fuß in die Tür und sah nicht zuletzt auch deswegen ihre Chancen auf eine dauerhafte Wettbewerbsfähigkeit im amerikanischen Zweiparteien-Spektrum gefährdet. So trat eine schrittweise Häutung der Partei in Kraft, um die konservativen Südstaatenwähler zu umgarnen. Mittel hierfür waren eine Förderung des institutionellen Rassismus, ein konsequenter Abbau des Sozialstaats und später die erfolgreiche Umgarnung der religiösen Rechten.

Die Saat, die jahrzehntelang gesät wurde, ging entsprechend seit den frühen 90ern auf. 2016 erreichte Donald Trump in einigen Südstaaten Ergebnisse, die man hierzulande sonst nur aus DDR-Zeiten kennt, während ein republikanischer Kandidat an Ost- und Westküste jedoch wohl kaum noch eine Chance hätte. Detailliert skizziert Adorf diesen Wandel anhand zahlreicher Beispiele; etwa dem, dass das heute ultraliberale Kalifornien lange Zeit eine republikanische Bastion war – in Zeiten Trumps kaum zu glauben. Grund für die Abwendung der gemäßigten Wählerschaft von der Republikanischen Partei sei demnach jene Southern Strategy gewesen, die auf Ressentiments setzt und die Partei für einen nicht unbeträchtlichen Teil der Gesellschaft als unwählbar erscheinen lässt.

Gekonnt zeigt der Autor auch auf, welche Gegenmaßnahmen hierzu die Partei in den letzten Jahrzehnten getroffen hat und wie diese sich meist (bestenfalls) am Rande der Legalität bewegen. Besonders auffällig ist hierbei das Gerrymandering, das in den USA schon fast zur sportlichen Aktivität geworden ist. Damit sind das hektische Neuziehen der Wahlbezirks-Grenzen gemäß ‚passendem‘ Wahlverhalten gemeint, das laut Verfassung alle zehn Jahr gestattet wird, sowie die immer restriktiveren Wahlgesetze. Adorf weist nach, dass beidem ein institutioneller Rassismus zugrunde liegt, der dem Machterhalt der Republikanischen Partei vor dem Hintergrund eines sich gegen sie wendenden demographischen Wandels dienen soll, namentlich der Ausgrenzung der afroamerikanischen Wählerschaft.

Als Erzählung ist dies alles, wenn auch nicht neu, dann doch vor allem für den deutschen Leser mit Sicherheit von großem Interesse. Störend wirkt sich an diesem Buch jedoch aus, dass Adorf vor allem als Statistiker schreibt, das heißt, fast seine gesamte Argumentation basiert auf der Auswertung von Daten, und hier zu einem großen Teil von repräsentativen Umfragen. Wissenschaftlich ist dies mit Sicherheit der richtige Weg, ob es argumentativ immer hilfreich ist, sei dahingestellt. Jedenfalls wird die Lektüre – und zuweilen auch das Verständnis – durch diesen fast ausschließlichen Rekurs auf Statistik deutlich erschwert. Zwar scheut der Autor nicht, die Statistiken zu deuten und seine Ergebnisse in die Gesamtanalyse miteinzubeziehen, doch manchmal hätte man sich eine deutlichere Explikation bzw. auch eine Analyse historischer Zusammenhänge gewünscht, was wiederum ein helleres Licht auf den einen oder anderen in der Sache durchaus richtigen Punkt geworfen hätte.

Das kann man dem Autor keinesfalls vorwerfen, ist es doch seine Methode, um die Rolle der Republikanischen Partei im Wahljahr 2020 zu erklären. Doch muss andererseits diese Methode nicht jedermann zusagen, vor allem wenn man sich, wie bereits erwähnt, ein wenig mehr an Explikation gerade zeitgenössischer politischer Prozesse und ihrer Deutung wünscht. So bleibt vieles leider im vielversprechenden Ansatz stecken.

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Philipp Adorf: Die Republikanische Partei in den USA.
UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2019.
267 Seiten , 19,99 EUR.
ISBN-13: 9783825252380

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