Das Primat des Patriarchats

Isabel Allendes feministischer Essay „Was wir Frauen wollen“ lässt etliche Fragen offen

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Isabel Allende ist Feministin. Und zwar schon seit ihrer Kindergartenzeit, bekennt die chilenische Schriftstellerin in ihrem stark autobiographisch geprägten Essay Was wir Frauen wollen. Wie sie weiter verrät, hat sie diese frühe emanzipatorische Haltung ihrem Vater zu verdanken. Der hatte ihre Mutter „mit zwei Kleinkindern und einem Säugling“ sitzen gelassen und sich aus dem Staub gemacht, um das süße Leben eines ungebundenen Mannes zu genießen, während seine Frau mit ihren Kindern „als Opfer […] ohne Stimme“ zurückblieb.

Diese Erfahrung löste in der Autorin eine „tiefsitzende Abneigung gegen jede Form von Machismo“ aus, die bis heute nicht nachgelassen hat und sie schließlich veranlasste, das vorliegende Buch zu schreiben. Es ist in zahlreiche, sehr kurze Abschnitte aufgeteilt, die auf zumeist zwei oder drei Seiten fast ebenso viele Probleme behandeln: Frauenhass in Indien, weibliche Genitalverstümmelung, Vergewaltigung als Kriegswaffe, häusliche Gewalt und Etliches mehr. Doch geht es nicht nur um feministische, sondern auch um allgemein menschliche Themen, wie etwa das Recht auf Sterbehilfe, für das sie sich ausdrücklich einsetzt, da der „würdige Tod […] ein Menschenrecht [ist]“. 

Eine Konzeption des Aufbaus lässt sich bei alldem kaum erkennen. Auch plaudert die Autorin gerne über dies und das, über ihr nahestehende Menschen etwa oder ihre Bücher und warum sie ihre männlichen Figuren sterben lässt: nämlich um ein „schnulziges Happy End“ zu vermeiden.
Die titelstiftende Frage, was Frauen wollen, beantwortet sie nach gut 100 Seiten ziemlich kurz, bündig und prägnant: „Sicherheit, Wertschätzung, ein Leben in Frieden, Mittel, über die wir selbst verfügen können, Verbundenheit untereinander und vor allem Liebe.“ 

Überhaupt geht sie nur selten einmal auf ein bestimmtes Thema ausführlicher ein. So etwa auf das Alter(n) im Allgemeinen und ihr eigenes im Besonderen. Für sie selbst sei das Alter „ein kostbares Geschenk“, denn erst jetzt habe sie „die Unsicherheit überwunden, die absurden Wünsche, sinnlosen Komplexe und andere Todsünden, die nicht der Rede wert sind“. Auch die Arbeit ihrer Frauen- und Kinderrechten gewidmeten Stiftung, die sie 1996 zu Ehren ihrer vier Jahre zuvor verstorbenen Tochter Paula gründete, stellt sie näher vor.

Ebenfalls etwas umfangreicher fällt der Abschnitt über die Unveräußerlichkeit des Rechts auf Schwangerschaftsabbruch aus, der unbedingt „entkriminalisiert“ werden müsse, aber keinesfalls „legalisiert“ werden dürfe. Denn „Legalisierung belässt die Macht in den Händen von Richtern, Polizisten, Politikern und anderen männlich dominierten Strukturen“. Wieso das bei einer Entkriminalisierung anders sein soll, erläutert sie nicht. Auch nicht, was überhaupt der Unterschied zwischen einer Legalisierung und einer Entkriminalisierung ist. Außerhalb juristischer Fachkreise dürfte er nur wenig bekannt sein. Auch der Rezensent kann nur mutmaßen, dass eine Legalisierung die Rechtkonformität einer Handlung gesetzlich festschreibt, während eine Entkriminalisierung einen bis dato bestehenden Straftatbestand ersatzlos aus einem Gesetzestext streicht. Wieso das Eine die Macht „in den Händen von Richtern, Polizisten, Politikern und anderen männlich dominierten Strukturen“ lässt, das Andere aber nicht, erhellt dieser Erklärungsversuch allerdings auch nicht. Davon abgesehen handelt es sich bei den Genannten um Personen- beziehungsweise Berufsgruppen, nicht um Strukturen. Ebenso wenig kann ein Staat wie „[d]ie Demokratische Republik Kongo […] den beschämenden Titel ‚Welt-Hauptstadt der Vergewaltigung’ [tragen]“. 

Bleibt dies und manches Andere unklar oder widersprüchlich, wartet die Autorin andererseits mit Binsenweisheiten und Allerweltaussagen auf, die da etwa lauten: „Wir haben viel erreicht, mehr bleibt allerdings noch zu tun“ oder „Feminismus ist ohne wirtschaftliche Unabhängigkeit nicht zu haben.“

Ihre Definitionen der zentralen Begriffe Feminismus und Patriarchat wiederum sind zwar nicht erschöpfend, aber durchaus tragfähig. Unter ersterem versteht sie „eine philosophische Haltung und Auflehnung gegen die Herrschaft der Männer“, letzteres bestimmt sie als „System politischer, wirtschaftlicher, kultureller und religiöser Unterdrückung, das dem männlichen Geschlecht Macht und Privilegien einräumt“ und „verschiedene Formen von Ausgrenzung und Aggression [umfasst]“ wie „Rassismus, Homophobie, Klassendenken, Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz“. Da liegt es natürlich auf der Hand, dass „[z]uallererst […] das Patriarchat beende[t]“ werden muss. Das beste Instrument hierfür ist der Feminismus, denn „[d]as Patriarchat ist aus Stein, der Feminismus dagegen ein bewegter Ozean“. Und bekanntlich genügt ja schon ein steter Tropfen, den Stein zu höhlen.

Wenig überzeugend sind Allendes biologistische Geschlechteressentialismen. Dass es Männer sind, die „[u]nter allen Bedingungen, im Krieg wie im Frieden, im familiären wie im beruflichen Umfeld […] verantwortlich für die raffgierige und gewalttätige Kultur, in der wir leben, [sind]“, mag ja sein. Ihre Erklärung, dass „Adrenalin und Testosteron“ die „männliche Reaktion“ auf „Gefahr“ diktieren, die in „Flucht oder Kampf“ bestehe, während „Oxytocin und Östrogen“ die Ursache dafür seien, dass Frauen in der gleichen Situation „einen Kreis […] bilden und den Nachwuchs in die Mitte […] nehmen“ und allen Frauen „die Furcht vor dem Mann in die DNA eingeschrieben“ ist, ist in ihrem Biologismus jedoch mehr als krude.

Angesichts solcher Ansichten ist es jedenfalls kein Wunder, wenn Allende wenig damit anfangen kann, dass „heutzutage […] die Geschlechtsidentitäten fluide sind“. Es sei daher zwar „etwas heikel“, „die Begriffe ‚Männer’ und ‚Frauen’ [zu] verwenden“, sie tue es dennoch der „Einfachheit“ halber. Für einen feministischen Menschen ist das eine unerwartet dürftige Begründung.

Auch stehen Allendes Ausführungen nicht selten in einem eklatanten Spannungsverhältnis zueinander. Bekennt sie einerseits, dass sie gerne „die prallen Brüste und die langen Beine von Sophia Loren“ hätte und „Makeup“ ihr „bester Freund“ sei, da ihr „Verschönerung Freude bereitet“, behauptet sie andererseits, sie „weigere“ sich „den Kampf gegen das westliche Schönheitsideal aufzugeben“. Und wieso nur gegen das westliche? Sind alle anderen besser? Die Gesäß-Operationen in Südamerika? Die Lippenteller der äthiopischen Mursi-Frauen und der Zo’é-Frauen im Regenwald des Amazonas? Der Spiral-Halsschmuck der Padaung-Frauen in Myanmar? Die ehedem eingebundenen Füße chinesischer Frauen? Wohl kaum! Sie und etliche andere weibliche ‚Schönheitsideale’ in aller Herren Länder haben eines gemeinsam: Sie behindern die freie Bewegung der Frauen und schädigen ihre Gesundheit nicht weniger als westliche Korsetts, Stöckelschuhe und Brustimplantate.

Auch was ihre Erziehungsmethoden betrifft, bietet Allende Disparates. So rühmt sie sich zwar, sie habe ihre „Kinder nicht der in Chile weit verbreiteten Norm [unterworfen], nach der die Töchter die Männer der Familie zu bedienen haben“ und „das Machotum nicht verstätigt, indem [sie] Söhne zum Herumkommandieren und Töchter zum Erdulden erzogen habe“. Doch erzählt sie andererseits, sie habe bei ihren „Enkelkindern […] die chilenischen Erziehungsmethoden […] anwenden“ wollen, was deren Eltern allerdings unterbunden hätten.

Angesichts all dieser Ungereimtheiten überrascht eine weithin unbekannte Information umso mehr: Die heute von queeraktivistischen Kreisen gehypte Infragestellung von Personalpronomen ist Allende zufolge „zuerst im ehemaligen Jugoslawien“ aufgetaucht. Nach dem Ende des Balkankrieges habe sich „die Jugend […] gegen die Einteilung in Geschlechter [aufgelehnt], wollte nicht länger als maskulin und feminin klassifiziert werden und ersetzte die Personalpronomen durch andere, nicht-binäre“. Als Ursache hierfür nennt Allende die Kriegsvergewaltigungen:

Als männlich galten Macht, Gewalt und Eroberung. Frauen, die zur eigenen Gruppe zählten, mussten beschützt werden und hatten der Nation Söhne zu gebären. Die des Gegners wurden systematisch vergewaltigt und gefoltert, mit dem Ziel, sie zu schwängern und die Männer zu demütigen.

So interessant diese Informationen sind, so bedauerlich ist, dass Allende hier, wie überhaupt in ihrem Buch, auf jegliche Belege oder Quellenangaben verzichtet, wobei die Tatsache massenhafter Kriegsvergewaltigungen (nicht nur während des Balkankrieges) und ihrer Funktion natürlich unbestritten sind.

Allende schreibt über all dies, Persönliches wie allgemein Politisches, stets ohne Bitterkeit, dafür aber mit einem Anflug gelegentlich humoristischer Leichtigkeit. Nicht immer lässt sich ausmachen, was sie ernst meint und wann sie etwas ironisiert. So lässt das Buch neben anderen auch diese Frage offen.

Titelbild

Isabel Allende: Was wir Frauen wollen.
Aus dem Spanischen von Svenja Becker.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2021.
184 Seiten, 15,00 EUR.
ISBN-13: 9783518429808

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