Von der Korrumpierung zur Mitwisser- und Mittäterschaft
Götz Aly legt mit „Wie konnte das geschehen?“ die Summe seiner lebenslangen Forschungen vor
Von Franz Sz. Horváth
Wenn es einen Historiker gibt, der sein Leben lang über ein Problem nachgedacht hat, wenn es einen Historiker gibt, der sein Leben lang eine Frage, die ihn umtrieb, beantworten wollte, dann ist dies bestimmt der 1947 in Heidelberg geborene Götz Aly. Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945, sein jüngstes und laut eigener Aussage letztes umfangreiches Werk, fasst seine jahrzehntelange Beschäftigung und seine Deutungen zusammen, wie es im „Dritten Reich“ der NS-Führung gelingen konnte, die Bevölkerung derart hinter sich zu versammeln, dass ihr große Teile in den Krieg, den Raub und den Völkermord folgten. Während Aly in seinen bisherigen unzähligen Werken stets Einzelaspekte in den Vordergrund rückte (Umsiedlungspläne von NS-affinen Wissenschaftlern, der Judenmord in Ungarn, die Bestechung der deutschen Bevölkerung durch soziale Wohltaten, sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Aspekte der jüdischen Bevölkerung in Europa oder auch Parallelen zwischen der 68er Bewegung und der Radikalität der jungen NS-Akteure in den 1930er Jahren), unternimmt er in seinem neuesten Opus, das als Krönung seines Lebenswerks angesehen werden kann, den Versuch, diese unterschiedlichen Stränge zu einer Gesamtdarstellung zusammenzuführen. Sie soll die Frage aller Fragen beantworten:
Warum begeisterten sich seit 1932/1933 viele Zehnmillionen Deutsche für Adolf Hitler, der in allen Wahlkämpfen versprochen hatte, als Erstes die republikanische Verfassung zu zerstören? Wie gelang es der von ihm geführten Regierung von 1933 an, die vielen Skeptiker in den Zustand halbwegs zufriedener Passivität und später Regungslosigkeit zu versetzen? Wie wurden so viele Deutsche in den folgenden Jahren zu aktiven, gefügigen oder stillen Mitmachern, zu Ideengebern, Organisatoren, Helfershelfern und Vollstreckern des Massenmordens? Warum kämpften Millionen deutsche Soldaten bis zum letzten Tag, obwohl ein Sieg längst unmöglich geworden war?
Aly erhebt nicht den Anspruch, dieses Fragenbündel erschöpfend und ultimativ beantworten zu können, jedoch präsentiert er in siebzehn Kapiteln und einem Fazit eine vorsichtige Geschichte dessen, wie ein in vielfacher Hinsicht enttäuschtes und verzweifeltes Volk einem Verbrecher und seiner Bande auf den Leim gegangen ist. Über weite Teile seiner Darstellung vermischt er sozial- und ideengeschichtliche Ansätze mit der Darstellung sozialpolitischer Maßnahmen, Verlockungen und Manipulationen, um den Rückhalt zu erklären, den die Nationalsozialisten in weiten Teilen der Bevölkerung genossen. So beschreibt er die Partei Hitlers als eine von jungen Aufstiegswilligen, die in Zeiten wirtschaftlicher Krisen und politischer Desorientierung in der Ablösung der Republik und der Demokratie und deren Ersetzung durch eine Einparteienherrschaft bereitwillig ihr Heil sahen. Hierbei habe sich der alte Hass auf die Juden mit neuen Ängsten, mit Sozialneid und der Hoffnung auf einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus verbunden. Diese Gemengelage erhielt zudem in protestantischen Milieus eine konfessionelle Fundierung, die der Stabilisierung der NS-Herrschaft genauso dienlich war wie manche symbolischen Handlungen Hitlers und seiner Regierung („Tag von Potsdam“) oder jene antisemitischen Maßnahmen, die den eigenen Anhängern in den unterschiedlichen Bereichen neue berufliche Chancen eröffneten.
Einen breiten Rahmen in Alys Interpretation nimmt der Bezug auf die sozialpolitischen Geschenke ein, mit welchen Hitlers Regierung die Deutschen korrumpiert und bestochen hat. Damit führt der Verfasser jenen Interpretationsrahmen fort, den er bereits seinem 2005 publizierten Bestseller Hitlers Volksstaat zugrundelegte und womit er entgegen der Guido Knoppschen Hitlerzentrierung der gesamten NS-Forschung eine neue Wendung gab. Gesetze zum Pfändungsstopp, zum Mieterschutz, zum Schutz des Einzelhandels, gegen die Zwangsversteigerung von Grundstücken, zur Unterstützung der Entschuldung der Bevölkerung, die Ermäßigung von Gebühren und unzählige weitere Maßnahmen sollten das Wohlwollen der Bevölkerung sichern. Die Kosten dieser „Gefälligkeiten“ sprengten freilich die finanziellen Möglichkeiten des Staates, weshalb dieser Schulden auf Schulden anhäufte und mehrfach am Rande des Bankrotts stand. Die vielen antisemitischen Verordnungen und Maßnahmen dienten somit, Alys Lesart nach, nicht nur der Bestätigung und Zufriedenstellung althergebrachter Vorurteile, Hassgefühle und Stereotypen, sondern auch der finanziellen Stütze beziehungsweise Rettung des Regimes. Insbesondere in Bezug auf den Novemberpogrom 1938 betont Aly dies, seine Ausführungen aus Hitlers Volksstaat erneut aufgreifend. Die der jüdischen Bevölkerung damals auferlegte „Sühneleistung“ in Höhe von einer Milliarde Reichsmark sollte sowohl die Staatspleite verhindern helfen, als auch bereits der Kriegskasse zugutekommen. Außenpolitisch betrieb die Regierung ein Vabanquespiel, das zwar mehrfach glücklich endete und somit ihr Prestige in der Bevölkerung steigerte, doch dessen Hitler irgendwann auch überdrüssig wurde. „Raserei“ und „Aktion, Aktion, Aktion“: Um die Bevölkerung bei Laune zu halten, trieb die Regierung immer neue „Säue“ durch das Dorf, immer neue Themen, Kampagnen, Aktionen, die die Menschen in Atem hielten. Beispiele dafür sind Auftritte von Hitler und den Regierungsmitgliedern bei der Eröffnung von Ausstellungen, Autobahnabschnitten und im Radio übertragene Reden: „um die Leute auf Trab zu halten, ihnen das Nachdenken oder das Grübeln abzugewöhnen, sie in einer Weise umherzuwirbeln, dass ihnen schwummrig werden musste“. Zentral gelenkte Stimmungen wie manipulierte Freudenausbrüche, dokumentiert in den Wochenschauen und inszeniert in von Goebbels abgesegneten Spielfilmen, hatten ebenfalls jenen einen Zweck der Ablenkung, Manipulation, Vertröstung und Zerstreuung. Vor allem letztere hatte die Bevölkerung insbesondere nach Kriegsbeginn bitter nötig, denn der Krieg war, wie Aly gekonnt und überzeugend nachzeichnet, von der Bevölkerung alles andere als gewollt und begrüßt worden.
Die finanziellen Anforderungen und Anstrengungen der Kriegszeit verlangten vom Regime weitere sozialpolitische Maßnahmen, um die Bevölkerung ruhigzustellen und keine Unruhen, Streiks und Demonstrationen wie im Ersten Weltkrieg entstehen zu lassen. Die Soldaten trugen mit ihren aus den besetzten Ländern nach Hause geschickten Waren, Lebensmitteln und Gegenständen, deren Erwerb zu Lasten der je einheimischen Bevölkerung geschah, ihren Teil zur Beruhigung des Volkes bei. Doch betont Aly, dass die Versorgung der Bevölkerung bis weit in den Krieg hinein so reibungslos funktionierte, dass die meisten Deutschen keine Not litten und die gewöhnlichen Kriegsentbehrungen von ihnen fernblieben. Zugleich vermochte es das Regime, den Umgang mit Widersachern, wie etwa dem Bischof von Galen im Zuge von dessen Predigten gegen die Euthanasie, taktisch so geschickt zu gestalten, dass es dem Volk, wo es geboten schien, auch einmal nachgab, um keine unnötige Unruhe entstehen zu lassen. Die Abrechnung konnte und wollte man auf die Zeit nach dem Sieg verschieben. Selbstverständlich betont Aly die Rolle jener Planer, Wissenschaftler und Offiziere, die im Krieg zu den Stützen, Pfeilern und ideologischen Scharfmachern des Regimes gehörten und dessen Vernichtungspläne aktiv unterstützten. Zu den gelungensten und vielleicht wichtigsten Passagen und Kapiteln des Buchs gehören allerdings jene, in welchen Götz Aly herausarbeitet, wie das Regime durch Andeutungen und Anspielungen auf den Holocaust, die in Reden und Zeitungsbeiträgen (etwa von Goebbels) erfolgten, die Bevölkerung zu Mitwissern und somit zu Mitschuldigen machte, um sie so noch enger an sich zu binden. Auch wenn Aly hierbei gerne zuspitzt („Goebbels erfindet die deutsche Kollektivschuld“), so sind es just diese Zuspitzungen, die das Lesen vorantreiben. Zu der Völkermord-Komplizenschaft der Bevölkerung trugen zudem Briefe und Berichte von Soldaten auf Heimaturlaub, Radiosendungen der Alliierten und so weiter bei.
Im letzten Kapitel „Was geschah, kann wieder geschehen“ versucht Aly, ein Fazit seines umfangreichen Werkes zu ziehen, das unter anderem stark auf den Holocaust abhebt, dennoch stets den Fokus auf die Leitfrage des Buchs, „Wie konnte das geschehen?“ behält. Er betont die Interdependenz zwischen Volk und Führung, die Rolle des althergebrachten europäischen wie deutschen Antisemitismus, aber auch die der vielfältigen Propaganda. Entgegen vielfacher Vereinfachungen verwirft er die Subsumierung des Nationalsozialismus unter den Oberbegriff des Faschismus, hält aber auch die Selbstbezeichnung der Nazis für „analytisch hohl“ und schlägt vor, „von Hitlerdeutschland zu sprechen – von einem speziellen, auf das aktive oder passive Mittun der Volksmassen gestützten Schurkenstaat“. Ob sich eine solch saloppe Bezeichnung in der Forschung durchsetzen wird, möchte der Rezensent eher anzweifeln. Zustimmen möchte er hingegen der Kritik Alys an den marxistischen Faschismuserklärungen, die den NS-Staat lediglich im Rahmen ihrer unzureichenden Begrifflichkeiten analysieren. Antisemitischer Hass, Mobilisierung, kumulative Radikalisierung oder „das permanente Zersetzen tradierter gesellschaftlicher Bindungen und Normen“ seien hingegen jene Aspekte, die etwa neben dem temporeichen „Aktionismus“ helfen würden, den Rückhalt und gesellschaftlichen Erfolg des Regimes zu verstehen. Alys Gesamtdeutung legt den Primat somit auf Herrschaftspraktiken, mit deren Hilfe es eine „verbrecherische Regierung“ geschafft habe, in der Mitte der Gesellschaft eine Basis zu finden. Da sie Millionen von aktiven und passiven Unterstützern hatte, habe sie jene Verbrechen begehen (lassen) können, die noch heute unerklärlich scheinen. Diese Praktiken jedoch, warnt Aly, seien heute noch einsetzbar und vorhanden: Stimmungslagen, personelle Angebote, Suche nach Schuldigen, das Interesse der Steigerung des eigenen Wohlstands auf Kosten anderer Menschengruppen und so weiter. Auch wenn diese und solche Faktoren durch eine Koinzidenz zusammentreffen müssen, seien sie stets vorhanden und in bestimmten historischen Momenten einsetzbar. Daher mahnt Götz Aly zurecht mit einem Zitat von Bertolt Brecht: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“.
Alys uneingeschränkt empfehlenswertes Buch bietet eine Summe seiner lebenslangen Bemühungen darum, das Unerklärliche zu verstehen und zu erklären. Es ist selten, dass ein historisches Werk eine so treffende, runde und in sich schlüssige Deutung und nicht nur eine Abhandlung und Darstellung der Geschichte des „Dritten Reiches“ bietet. Da das Werk auch eine Gesamtdeutung des Reiches liefern möchte und daher unzählige Facetten des NS-Staates (Innen- und Außenpolitik, Geschichte des Zweiten Weltkrieges und des Antisemitismus, Mediengeschichte, Wirtschaft und Propaganda und so weiter) abdeckt, werden Spezialisten der einzelnen Bereiche womöglich auf die eine oder andere Ungenauigkeit oder Unausgeglichenheit hinweisen. Das häufige Auftauchen der Tagebücher von Goebbels könnte etwa als deren Überbewertung hinterfragt werden. Dennoch liegt mit diesem Opus magnum ein Werk vor, das im Denken der nächsten Generationen über das „Dritte Reich“ eine wesentliche Rolle spielen wird.
|
||















