Flugmaschine Sehnsucht
Hans Georg Bulla zeigt sich in seinem neuen Gedichtband „Auf der Wetterseite“ wieder als Meister melancholischer Sprachstillleben
Von Jürgen Gunia
Seit frühen Werken wie Weitergehen (1980) versteht es Hans Georg Bulla wie kein anderer, mit scheinbar einfachen sprachlichen Mitteln den schwarzen Schleier poetischer Melancholie auf die weiße Buchseite zu zeichnen. Seine in der Regel reimlosen Gedichte wenden sich Gegenständen wie Schnee oder Stühlen zu – oder, wie im neuesten, im Wehrhahn Verlag erschienenen Band Auf der Wetterseite, Erinnerungen an Schulzeit und Jugend. Ein Ich taucht dabei eher beiläufig auf – und wenn, dann „schlägt es sich gleich in die Büsche“, wie es einmal heißt. Wiederholt wird die Instanz des Vaters genannt, gelegentlich auch die Mutter. Staub und Schatten scheinen allgegenwärtig, wenn auch nicht immer ausdrücklich aufgerufen. In dieser zur Schriftlandschaft gewordenen Trauer blühen Kirschbäume allenfalls „mit Schrecken“, und überhaupt gespenstern mit Worten wie „Trümmer“, „Bombentrichter“ oder „offene Wunden“ Krieg und Zerstörung durch die Verse. Das erinnert an Gedichte Nicolas Borns oder vor allem Jürgen Beckers, die im Unterschied zum 1949 geborenen Bulla jedoch zur Kriegsgeneration gehörten. Es ist, als würde sich hier eine transgenerationelle Erschütterung zu Wort melden, ein „Nachkrieg“ (Bulla), der sich fest ins Sprachmaterial hineingegraben hat.
Bullas Gedichte bieten keine avancierten Sprachexperimente, dafür Lakonismus als ein zur Perfektion gebrachtes poetisches Verfahren, das Lesenden eine kontemplative Haltung nahelegt. Jeder der in kurze Verse und meist wenige Strophen gebrachten Sätze generiert einen semantischen Überschuss, jedem Gesagten korrespondiert etwas Diffus-Ungesagtes. „Die Botschaft ist nicht wichtig, / wichtig ist das Nebengeräusch“, lautet ein Satz aus dem Band Stimmen im Depot (2011), der sich ohne Weiteres als poetische Grundsatzerklärung des im westfälischen Dülmen geborenen und heute in Niedersachsen lebenden Autors verstehen lässt. Hervorgebracht wird diese schwarz gefärbte Bedeutsamkeit durch eine zur Perfektion gereifte Kunst des Weglassens. So entstehen allegorische Miniaturen, die letztlich ins Leere verweisen. Oder die, wie im epiphanischen Gedicht „Gegenüber“ (in Auf der Wetterseite), in paradoxe Reflexionen im Spiegel münden, die auch das beobachtende Du augenblicklich zum Verschwinden bringen:
Der rote Regenschirm auf
der anderen Seite der Straße,
er leuchtet herüber, bewegt sich,
du gehst mit auf gleicher Höhe,
bis der Regen aufhört
und sie herübersieht zu dir,
auf ihr Bild im blanken Schaufenster.
Bulla „variiert und kombiniert immer neu ein Lexikon ‚Schwermut‘“ (Hermann Kinder), zu dessen Bestand das altmodische Wort „Sehnsucht“ ebenso gehört wie Vögel, Federn und allerlei Fliegendes. Und immer wieder ist in diesem Zusammenhang auch von Maschinen die Rede: Mal ist ein Milan Pilot einer „kleinen Maschine“, mal taucht eine offenbar reale „Propellermaschine“ auf, die das Klopfen eines Spechts überdröhnt. Ein Gedicht hat gar den Titel „Laute Maschinen“ – und es verwundert nicht, dass auch diese „über den Dächern“, „in der Luft“ ausgemacht werden. Der Rezensent fühlt sich dabei erinnert an die „ewige Sehnsuchtsmaschine in der Brust“, einen Vers aus dem Gedichtband „Weitergehen“. Ja, doch, in diesen Gedichten ist Sehnsucht eine wundersame, schreckliche Maschine. Eine Flugmaschine.
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