Ein Plädoyer für die Befreiung der Sexualität

Die französische Schriftstellerin Colette kommt in „Das Reine und das Unreine“ von 1932 zu unerwarteten Einsichten in Fragen der Sexualität, die auch bald hundert Jahre später nichts von ihrer Subversion verloren haben

Von Nora EckertRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nora Eckert

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Titel Le Pur et l’Impur war ihr ganz besonders wichtig. Doch die erste Buchausgabe 1932 war noch unter dem ungeliebten Titel Ces plaisier… erschienen. Erst 1941 gelang Colette schließlich mit einer Neuausgabe, sich mit ihrem Wunsch beim Verlag durchzusetzen, was sie in einem kurzen Vorwort so kommentierte:

Wenn ich eine solche Änderung zu rechtfertigen hätte, fiele mir nur ein lebhaftes Gefallen an kristallklaren Klängen ein, auch eine gewisse Abneigung gegen Auslassungspunkte, die einen unvollständigen Titel markieren – kurz, Gründe von eigentlich geringer Bedeutung.

Es sind keineswegs nur Gründe von geringer Bedeutung, denn in dem Wunschtitel ist, wenn man so will, das Programm benannt. Ihre Wertung des Reinen und Unreinen in Sachen Sexualität enthält eine komplette Umwertung zugunsten der Homo- und zum Nachteil der Heterosexualität. Colette kannte sich auf beiden Feldern gut aus.

Was damals entstand, wird wohl am besten als Essay bezeichnet – ein Essay in Form einer literarischen Porträtsammlung. Ganz nebenbei liest sich der Text wie eine Vorwegnahme der Gender Studies unserer Zeit, indem die Autorin die kulturelle Konstruiertheit von Geschlechterrollen beschreibt und zugleich ihr Unbehagen über eine normative Heterosexualität zum Ausdruck bringt. Denn diese sei nichts anderes als eine Kampfzone der Geschlechter, in der es am Ende stets um die Verteidigung der männlichen Überlegenheit gehe.

Was uns Colette zu bieten hat, ist auch ein Gang durch das lesbisch-feministische Paris des frühen 20. Jahrhunderts, das durch Persönlichkeiten wie Gertrude Stein, aber auch Djuna Barnes und die Journalistin Janet Flanner geprägt wurde – die allerdings überraschenderweise in dem Essay gar nicht vorkommen. Ein Dokumentarfilm von 1996, dem die Regisseurin Greta Schiller den sinnfälligen Titel Paris was a woman verlieh, hatte diese mittlerweile legendäre Welt der Frauen von der Rive Gauche beschworen.

Den Rundgang durch die Stadt und ihre feministische Geschichte startet Colette, die als Ich-Erzählerin auftritt, in einem Atelier mit opiumrauchenden Gästen. Sie sei aus „professioneller Notwendigkeit“ hier, beantwortet sie die Frage eines Gastes nach dem Grund ihrer Anwesenheit. Sie betreibt sozusagen kultursoziologische Feldforschung. Eine Frau namens Charlotte erregt ihre Aufmerksamkeit, mit der sie im Morgengrauen die Opiumhöhle verlässt, um sich ein Taxi zu teilen. Die Ich-Erzählerin ist fasziniert: „Der schmeichelnde Klang ihrer Stimme, der raue Anschlag mancher Silben, eine bezwingende und weiche Art, das Ende ihrer Sätze in die tiefe Tonlage fallen zu lassen … Welche Verführung!“

Die beiden begegnen sich später wieder, eher zufällig – und auch erneut in dem Atelier, wo die Ich-Erzählerin nun Charlotte mit einem jungen Verehrer antrifft. Colette begreift das Schauspiel in dieser Beziehung und nennt Charlotte in Sachen Liebe eine Künstlerin der Täuschung: „Ein weibliches Genie […] wohnte also in dieser handfesten Charlotte, dieser bestärkenden Freundin der Männer.“ Als sei das Leben und die Beziehung von Frau und Mann ein künstlerischer, mehr performativer Akt mit verteilten Rollen: „Respektvolle Lüge, mit feuriger Leidenschaft, gepflegte Täuschung, unerkannte Heldentat […].“ Schwer zu sagen, worin der ‚Gewinn‘ für die Frau in diesem kunstvollen Spiel liegt.

Gleichwohl bestimmt Colette: „Die verschleierte Gestalt einer klugen, desillusionierten Frau passt trefflich an die Schwelle dieses Buches, das traurig von der Lust sprechen wird.“ Nebenbei bemerkt und um den Begriff des „weiblichen Genies“ aufzugreifen: Die Literaturtheoretikerin und Psychoanalytikerin Julia Kristeva hatte Colette mit ebendieser Auszeichnung in Das weibliche Genie. Das Leben, der Wahn, die Wörter bedacht, und zwar neben Hannah Arendt und Melanie Klein.

Bevor sich Colette ganz den Frauen widmet, führt sie in eine Galerie der Liebhaber und stellt ihre psychischen Defekte gewissermaßen goldgerahmt aus. Da wäre der Liebhaber, der sich verweigernde Frauen wünscht, was Colette als „Danaiden-Neurasthenie“ klassifiziert. Dann gebe es da das Don-Juan-Syndrom mit einer im Sinken begriffenen männlichen Potenz. Dieser Liebhaber-Typ gleiche einem „Diplomat der Annexion“, der mit Raffinesse schände und sich ebenso schnell langweile.

Im Gespräch mit der Autorin beklagt sich ein Freund darüber, dass zu viel schon über Lust geredet und geschrieben worden sei: „Ich möchte die ganze Literatur, die vom Liebeskonsum handelt, erbrechen, hören Sie, mir wird übel davon!“ Weil dem so ist, gibt der berühmte Schauspieler Édouard de Max den Rat: „Man sollte niemals mit jemandem schlafen, den man liebt. Das verdirbt alles.“ Kurz und (nicht) gut: Die Männer werden zwar geliebt und deshalb gebraucht, aber sie kommen bei Colette nicht gut weg. Erst recht nicht jener Damien, der Frauen in dem Moment verlässt, wo er ihrer sicher ist. Die Autorin nennt das Monotonie des Liebeskarussells und ihn einen Mann der „geheimnisvollen Leere“. Dem gegenüber stehe die Frau, die aus Großherzigkeit Lust vorspiele.

So klar die Heterosexualität bei Colette für das Unreine steht, so ambivalent bleibt am Ende ihr Urteil im Fall der weiblichen Homosexualität (und nicht weniger der männlichen). Und trotzdem findet sie darin Spuren des „Reinen“. Das klingt freilich zuweilen so, als sei Homosexualität eine Art Religion und ihre Praxis ein seltsamer Reinheitskult. Wenig anfangen kann die Autorin mit den Frauen in Männerkleidern, die den Pferdesport bevorzugen. Dennoch erkennt sie jene Frauen an, die „den Frack mit viel Chic“ tragen.

Gleichwohl strahlt Androgynität etwas Faszinierendes, Anziehendes aus: „Die Verführungskraft, die von einem Wesen mit ungewissem oder verborgenem Geschlecht ausgeht, setzt sie mit der banalen Anziehungskraft einer Liebe gleich, die das männliche Prinzip verdrängt.“ Colette ist natürlich bewusst, dass die Gesellschaft all das verurteilt, wofür die Autorin selbst offen ist und was sie letztlich auch verteidigt – aber eben mit dem Wissen, dass die Ablehnung den „Sinn für eine Zukunft“ raube. Und so lautet ihr Fazit: „Nur eine einzige Scheu ist uns allen eigen: Wir wagen es nicht, offen zu zeigen, dass wir einander brauchen. Diese Zurückhaltung dient uns als Verhaltenskodex und bildet das, was ich als unser Schiffbrüchigen-Protokoll bezeichne.“

Zu ergänzen bliebe, dass zwar Colettes Pessimismus in ihrer Zeit seine Berechtigung hatte, aber dass der Emanzipationswille sich am Ende als widerständiger erwies. So gesehen ist  Le Pur et l’Impur  ein frühes literarisches Dokument in der großen Bibliothek, die die sexuelle und geschlechtliche Befreiung in den letzten hundert Jahren hat entstehen lassen. Und was die Ausdruckskraft einer Colette angeht, sei aus dem Tagebuch André Gides zitiert, wo es unter dem Datum 11. Februar 1941 heißt: „Eine fast bis zum Überfluß saftige Sprache … wie sehr gefällt mir doch Colettes Art zu schreiben! Welche Sicherheit in der Wahl der Worte! Welch feines Gespür für Nuancen!“

Titelbild

Sidonie-Gabrielle Colette: Das Reine und das Unreine. Roman.
Aus dem Französischen von Karin Uttendörfer.
Friedenauer Presse, Berlin 2026.
240 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783751880695

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch