Lesen in der Corona-Krise – Teil 6

Aschenbachs Fallgeschichte: Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ über die „indische Cholera“ in der Lagunenstadt

Von Thomas SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Schwarz

Am 29. Mai 1911 meldet das Neue Wiener Tagblatt, dass in Graz der 45 Jahre alte Postbeamte Anton Franzky an der „Cholera asiatica“ erkrankt und mittags gegen halb eins verstorben sei. Er war eine Woche zuvor von einer Urlaubsreise aus Venedig zurückgekommen. Dort hatte ihm nach dem Genuss von Austern und Muscheln ein Brechdurchfall zu schaffen gemacht. Sein Arzt veranlasste aufgrund der verdächtigen Symptome eine Einweisung in die Cholerabaracke des Isolierspitals. Die bakteriologische Untersuchung bestätigte die Diagnose. Daraufhin isolierten die Behörden sowohl Frau und Kinder des Beamten als auch eine Reihe weiterer Kontaktpersonen. Zu diesem Zeitpunkt lagen den Medien nördlich der Alpen keinerlei Meldungen über Choleraerkrankungen in der Lagunenstadt vor.

In einer Titelgeschichte seiner Abendausgabe über die „Cholera in Graz“ setzt der Arbeiterwille, das „Organ des arbeitenden Volkes für Steiermark und Kärnten“, die Bazillen aus einer zukunftsweisenden Perspektive ins Bild. Diese mikroskopische
Betrachungsweise prägt auch die am Computer erzeugten, dreidimensionalen Animationen des Corona-Virus heute.

Die Cholera unter dem Mikroskop (Arbeiterwille, 29.5.1911)

Die Berliner Volkszeitung berichtet am 4.6.1911, dass die venezianischen Behörden Hinweise dementieren lassen, denen zufolge es inzwischen bereits hunderte von Erkrankungen gebe. Der Stadtarzt von Venedig war am Tag zuvor, zwei Wochen nach dem Auftreten des ersten Cholera-Falls, von seinem Amt zurückgetreten, weil er die Verantwortung für die unzureichenden Maßnahmen der Stadtverwaltung nicht länger übernehmen könne. Der Autor des Artikels spricht von einer „unerhörten Gewissenlosigkeit“ der lokalen Behörden. Ihre „sträfliche Leichtfertigkeit“ bringe „ganz Europa in Gefahr“, von „der Cholera heimgesucht zu werden“. Im Gegensatz dazu habe der chinesische Staat bei der „jüngsten Pestepidemie“ alles getan, um „die Verbreitung der Seuche zu verhindern“. Das spielt auf die „mandschurische Pest“ (Arbeiter-Zeitung, 13.2.1911) an, der 1910/1911 etwa 60.000 Menschen zum Opfer gefallen sind.

Am 6.6.1911 moniert auch das Grazer Volksblatt, dass Regierung und Presse in Italien den Ausbruch der Cholera zu vertuschen suchten, nicht ohne Erfolg. Das zeigt ein Telegramm, das kein Geringerer als Hermann Bahr vom Lido an die Wiener Neue Freie Presse (7.6.) geschickt hatte: „Den besorgten Anfragen unserer Freunde diene zur Antwort, daß ich nach zuverlässigen Erkundigungen fest überzeugt bin, daß in Venedig überhaupt kein Cholerafall vorgekommen ist.“ Dieselbe Ausgabe zitiert ein Plakat der Ärztekammer von Venedig, das eine Reihe von Maßnahmen gegen die Cholera vorschlägt wie die Schließung der Schulen und den Verzicht auf den Genuss von Früchten. Kaufleute, welche die hygienischen Vorschriften missachteten, müsse die Bevölkerung boykottieren. Schließlich führt der Artikel auch das Schreiben eines österreichischen Politikers an, der sich ebenfalls auf dem Lido aufgehalten hatte. Dieser wendet sich scharf gegen das „Vertuschungssystem der Lokalbehörden“. Es widerspreche dem „internationalen Übereinkommen“, das eine „Anzeigepflicht“ für Cholerafälle vorsieht.

Das Wiener Volksblatt berichtete am 11. Juni von zahlreichen abgesagten Italienreisen, die für das Land im „Jubeljahr“ 1911, 50 Jahre nach seiner Einigung, einen schweren finanziellen Schaden bedeuteten. Die Bozener Nachrichten zitieren am 1. September 1911 das offizielle Eingeständnis der italienischen Regierung, dass im Land seit Anfang Juni bis zum 5. August 4228 Personen an der Cholera erkrankt seien, von denen 1614 gestorben seien.

Einem literarisch gebildeten Publikum ist diese aus dem Zeitungsarchiv rekonstruierte Geschichte wohl vertraut. Der Medizinhistoriker Thomas Rütten hat in einem Beitrag zu den Thomas-Mann-Studien des Jahres 2005 erklärt, dass die 1912 publizierte Novelle Der Tod in Venedig die „beste gedruckte Informationsquelle zur Choleraepidemie im Venedig des Jahres 1911“ sei. Thomas Mann hatte die Stadt im Mai 1911 besucht. Dem Risiko einer Infektion entzog er sich durch Rückreise nach Deutschland am 2. Juni.

Zu diesem Zeitpunkt trifft die Hauptfigur seiner Erzählung, der Schriftsteller Gustav Aschenbach, in Venedig ein. Etwa einen Monat später nimmt er in der Altstadt den Geruch von Desinfektionsmitteln wahr. Aushänge warnen die Bevölkerung vor dem Genuss von Austern und Muscheln. Dass die Cholera ausgebrochen ist, liest Aschenbach in der „heimatlichen“ Presse. Sie enthält „schwankende Ziffern“ und zweifelhafte „amtliche Ableugnungen“. Von mehr als hundert Erkrankten und Toten ist die Rede. Die deutschen und österreichischen Touristen reisen ab. Bei seinen Nachfragen stößt Aschenbach, wohl genau wie Hermann Bahr, auf eine Mauer des Schweigens, bis ihn der Angestellte eines englischen Reisebüros umfassend aufklärt. Von ihm erfährt Aschenbach, dass die Cholera von Indien nach China, Afghanistan, Persien und Russland übergegriffen habe, bis sie Mitte Mai mit einer Sterblichkeitsrate von achtzig Prozent Venedig erreicht habe.

In Thomas Manns Erzählung der Fallgeschichte Gustav Aschenbachs steigt die Zahl der Toten in einer dynamischen Situation exponentiell. Ganz wie in der wirklichen Geschichte gelangen auch in der Novelle Gerüchte von der „Heimsuchung der Lagunenstadt in deutsche Tagesblätter“, als ein österreichischer Tourist nach der Heimkehr stirbt. Anfang Juni füllen sich Venedigs Isolierbaracken, in den Waisenhäusern herrscht Platzmangel und der Verkehr zur Friedhofsinsel San Michele nimmt zu. Die Behörden ignorieren die „internationalen Abmachungen“ und verschweigen die Wahrheit mit Rücksicht auf die ökonomischen Interessen des Fremdenverkehrs. Der oberste Medizinalbeamte Venedigs tritt entrüstet zurück und wird durch eine gefügige Persönlichkeit ersetzt.

Der britische Clerk erklärt Aschenbach, dass die Mortalität Venedig in einen moralischen „Ausnahmezustand“ versetze. Eine „Entsittlichung der unteren Schichten“ habe eingesetzt. Dieser Repräsentant einer imperialen und klassenbewussten bürgerlichen Rechtschaffenheit spricht von einer Zunahme „antisozialer Triebe, die sich in Unmäßigkeit, Schamlosigkeit und wachsender Kriminalität“ äußere. Nachts mache „bösartiges Gesindel“ die Straßen unsicher. Es werde nicht nur mehr Alkohol konsumiert, auch die Zahl der Raubüberfälle und Morde steige. Die Erzählerfigur von Thomas Manns Novelle verurteilt in dieser Situation die homoerotischen Empfindungen, die Aschenbach für den vierzehnjährigen Tadzio in der kosmopolitischen Welt des Grand Hôtels auf der Touristeninsel des Lidos hegt. Wenn dieser in Kenntnis der deutschsprachigen Presse und der Plakate der Ärztekammer Venedigs in einem Gemüseladen „einige Früchte, Erdbeeren, überreife und weiche Ware“ kauft, kann man sein Verhalten nicht anders als suizidal nennen.

Was die Novelle heute noch lesenswert macht, ist die Tatsache, dass sie keinen Anlass bietet, mit ihrem moralisierenden Erzähler und seinem britischen Gewährsmann, dem er in der Beurteilung der Lage folgt, zu sympathisieren. Erstaunlich ist, wie eng sich der Text an die Abfolge der historischen Ereignisse hält. Thomas Mann zeichnet auch seismographisch die diskursiven Verwerfungen in den zeitgenössischen Medien auf, die mit der Ausbreitung einer Epidemie einhergehen und zu denen auch die Verschärfung des moralischen Tons gehört. Eine Lektüre vor dem Hintergrund der Diskussion über die COVID-19 Pandemie lässt Unterschiede hervortreten, aber auch etliche Parallelen erkennen.

Für den Umgang mit der Cholera existierte in Europa um 1900 bereits ein ausgeprägtes Problembewusstsein, das sich in der Konfrontation mit der neuartigen COVID-19-Pandemie erst bilden muss. Die „orientalische Pest“ hatte ihr Herkunftsland schon um 1800 in Verruf gebracht. Mit dem Ausbruch einer Epidemie in Bengalen im Jahr 1817 verfestigten sich die europäischen Vorstellungen von Indien als einem Gebiet des Todes. Der britische Kolonialismus nutzte sie zur Rechtfertigung seines imperialen Zugriffs als eines Akts hygienischer Philanthropie. Die „Weltseuche“ der „Cholera orientalis“ kostete 1831 Hegel, Gneisenau und Clausewitz das Leben. 1892 wurde in Hamburg ein Ausbruch mit über 8000 Todesopfern verzeichnet.

Der britische Clerk der Reiseagentur bei Thomas Mann nennt die Krankheit ausdrücklich die „indische Cholera“. Genauso spricht Donald Trump heute von einem „chinesischen Virus“. Zur Rhetorik des Epidemie-Narrativs gehört, dem Überträger einen exotischen Ursprung zuzuschreiben, und so nicht nur unterschwellig die moralische Frage nach der Schuld an einer Infektion zu beantworten, sondern auch die Verbreitung von Xenophobie zu befördern.

 

Hinweis: Alle bisher erschienenen Teile unserer Reihe „Lesen in der Corona-Krise“ finden Sie hier.