Der Moshfegh-Trick

Urlaubliche Erkundungen zum Werk Ottessa Moshfeghs

Von Sascha SeilerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sascha Seiler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Gewöhnlich nehme ich mir auf Urlaubsreisen vor, das Werk eines Autors oder einer Autorin zu lesen. Das begann vor einigen Jahren mit Romanen von J. M. Coetzee, es folgte das letztlich ja schmale Gesamtwerk W. G. Sebalds und der Jahreszeiten-Zyklus (und das Fußball-WM-Buch) von Karl Ove Knausgård. Im letzten Jahr habe ich aus drängenden beruflichen Gründen das Gesamt-Oeuvre von Wolfgang Welt neu gelesen und 2021 habe ich mich entschieden, mich der gehyptesten Schriftstellerin unserer Zeit zu widmen: Ottessa Moshfegh.

Zugegeben, ich hatte zuvor weder eine Zeile der amerikanischen Schriftstellerin gelesen, noch irgendetwas über sie bzw. ihr Werk. Ich kannte lediglich kurze Zitate aus den sozialen Medien, in denen ihr Genie angepriesen wurde, und Äußerungen aus Interviews mit anderen Künstlern, die sie als eine der wichtigsten Stimmen der Gegenwart darstellen. Also habe ich kurzfristig meinen eigentlich ziemlich raffinierten Plan verworfen, bei einer Fahrt durch die schwedischen Wälder den dort spielenden Folk-Horror-Roman The Ritual zu lesen und das Ganze quasi als Live-Erlebnisbericht zu verfassen, und nahm mir McGlue, Eileen, Mein Jahr der Ruhe und Entspannung sowie das jüngst erschienene Werk Der Tod in ihren Händen vor, allerdings nicht in chronologischer Reihenfolge.

Ich wusste also praktisch überhaupt nicht, was mich erwarten würde, außer dass die Autorin gerne in die dunklen Abgründe der Seele blicke und ihre Texte düster und mitunter rätselhaft seien. Nach der Lektüre ihrer vier Romane, soviel kann ich vorwegnehmen, meine ich durchschaut zu haben, was der spezielle Moshfegh-Trick ist, den sie in all ihren Texten anwendet und im Laufe der Jahre perfektioniert hat.

Den Anfang macht ihr zweiter Roman Eileen, welcher der Autorin nach dem bereits hochgelobten, aber noch recht seltsamen (dazu später) Debüt McGlue – und, wie es in der amerikanischen Literaturszene üblich ist, diversen Kurzgeschichten – zum Durchbruch verhalf und ihren aktuellen Ruf begründet. Der Text spielt in den frühen 60er Jahren in einer tristen amerikanischen Kleinstadt. Die Ich-Erzählerin, Eileen, ist eine, wie sie selbst bekennt, zutiefst verstörte Frau in ihren frühen 20ern, die unter ihrem tyrannischen, alkoholkranken Vater leidet, mit dem sie zusammenwohnen muss. Tagsüber arbeitet sie als Sekretärin und Empfangsdame in einem nahe gelegenen Jugendknast. Ohne jegliche sozialen Kontakte oder sexuellen Erfahrungen phantasiert sie über einen attraktiven Wärter. Eines Tages kommt im Gefolge des neuen Gefängnispsychologen die hübsche, resolute Pädagogin Rebecca in die Anstalt und sucht zu deren großen Erstaunen die Freundschaft Eileens. Der Roman entwickelt sich nun zum Psychothriller, denn Rebecca ist nicht so, wie sie scheint …

Oder etwa doch? Bereits hier kann man sehr gut den Moshfegh-Trick beobachten, dem eine unzuverlässige Erzählerin zugrunde liegt, die auch immer wieder, auch dies ein Moshfegh-Leitmotiv, laut an sich selbst und ihrer Wahrnehmung zweifelt. Eileen mag der spannendste ihrer Romane sein, weil sie sich sehr großzügig bei der in den USA gerade sehr populären Neo-Noir-Welle bedient, aber es ist auch der simpelste. Denn die Vermutung, dass Rebecca nur ein Produkt von Eileens Wahnvorstellungen ist, ein anderes Selbst, in das sie sich hineinprojiziert, um ihrem erdrückenden Leben zu entkommen, ja, die einzige Chance auf ein Happy-End, das dieser Roman tatsächlich auch bietet, ist allzu naheliegend. Der Moshfegh-Trick ist jedoch etwas subtiler angelegt, denn der Leser muss sich stets die Frage stellen: Wo fängt die Wahnvorstellung genau an und wo endet die Realität? Ist Rebecca wirklich eines Tages in den Jugendknast stolziert und hat das Mauerblümchen Eileen mit ihrem Charme überwältigt, sodass diese daraufhin ein imaginäres Verhältnis zu ihr aufbauen konnte? Oder ist sie eine reine Projektion? Oder hat tatsächlich alles so stattgefunden, wie es aufgeschrieben wurde? Erschwert wird die Deutung des Ganzen, da Eileen als alte Frau rückblickend erzählt und mittlerweile tatsächlich ein lebenslustiger Mensch geworden zu sein scheint. Das Buch gibt Rätsel auf, aber diese Rätsel wirken erzwungen und konstruiert.

Das Nachfolgewerk Mein Jahr der Ruhe und Entspannung ist eindeutig interessanter. Erstens weil die Grundidee sehr reizvoll ist, zweitens weil man das ganze Buch als Allegorie lesen kann, wenn man denn will. Auch hier reisen wir wieder mit einer Ich-Erzählerin in die Vergangenheit, wenn auch in die nähere: Die Jahre 2000/2001. Eine – Achtung, erster Hinweis! – namenlose Erzählerin aus der New Yorker Kunstszene nimmt sich aufgrund ihres Lebensüberdrusses vor, ein Jahr nur zu schlafen. Sie sucht eine dubiose Psychotherapeutin auf, die ihr immer neue Psychopharmaka verschriebt, welche die Erzählerin hemmungslos kombiniert, um möglichst viel zu schlafen. Sie verlässt die Wohnung nur, um zu den Sitzungen zu gehen, wo sie Medikamentennachschub erhält, oder in die Bodega an der Straßenecke, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen. Besuch erhält sie ausschließlich (und ungewünscht) von ihrer scheinbar besten (und einzigen) Freundin, die ihr endlose Monologe über ihre Magersucht, ihre Affären oder ihre Klamotten vorträgt. Und doch scheint die Erzählerin ein Zweitleben zu führen, immer wieder in einen Zustand des komatösen Wachseins zu verfallen, in dem sie Dinge tut, an die sie sich später nicht mehr erinnern kann. Als sie eines Tages in einem Zug erwacht, um entgegen ihrer festen Absichten doch an der Beerdigung der Mutter ihrer Freundin teilzunehmen, radikalisiert sie ihre Schlafversuche mit Hilfe eines Installations-Künstlers, der sie zum Kunstobjekt macht. Am Ende des Romans ist das Jahr vorbei, sie erwacht wie gereinigt. Der nächste Tag ist der 11. September 2001.

Um es kurz zu machen: Auch hier funktioniert der Moshfegh-Trick: Was ist echt, was erträumt? Gibt es die penetrante Freundin wirklich, oder ist sie nur eine Projektion? Was ist mit dem sexsüchtigen On-Off-Freund? Ist das Projekt von Anfang an eine Kunst-Performance und die Leser*innen werden von der Erzählerin getäuscht? Oder ist die ganze Geschichte eine Allegorie und die Erzählerin steht für die Stadt New York? Diese Deutung ist an zahlreichen Stellen des Textes durchaus belegbar. So ergibt etwa ihre Namenlosigkeit Sinn, da sie es ist, die als Projektionsfläche eines hedonistischen Prä-9-11-New York dienen könnte. Wieder der Moshfegh-Trick: Was bekommen wir hier erzählt? Wie im Fall von Eileen klingt das in der Nacherzählung und den Analyseversuchen leider spannender, als es tatsächlich ist. Im Grunde ist Mein Jahr der Ruhe und Entspannung sogar eine ziemlich fahrlässig verpasste Chance, aus dem grandiosen Stoff einen vernünftigen Roman zu schreiben.

Besser allerdings als das völlig missglückte Der Tod in ihren Händen, über das man nicht allzu viele Worte verlieren sollte, außer, dass Moshfegh ihren beliebten Trick hier besonders ausreizt. Erzählt wird diesmal in der Jetztzeit (mehr oder weniger), und zwar aus der Perspektive der 72-jährigen Vesta, die vor kurzem Witwe geworden ist und von einem amerikanischen Kaff im Westen in ein anderes im Osten gezogen ist, um dort ein neues, bescheideneres Leben zu beginnen. Gleich zu Beginn findet sie in der Nähe ihres Hauses einen Zettel, auf dem steht, eine gewisse Magda sei ermordet worden, ihre Leiche liege hier (was sie nicht tut), der namenlose Verfasser des Zettels sei es aber nicht gewesen. Was folgt, ist eine unfassbar ermüdende Reise in das Wesen der Fiktion: Die Erzählerin beginnt zu phantasieren, was genau passiert sein könnte, sie bringt Personen, die in dem kleinen Kaff leben, miteinander in Verbindung und konstruiert in ihrem Kopf ein immer dichter geknüpftes Figuren-Tableau, wobei sie sich immer mehr der Lösung eines Falls nähert, den es eigentlich gar nicht gibt. Plötzlich tragen die Figuren wirklich die von ihr ersonnenen Namen und verhalten sich entsprechend. Gleichzeitig erfahren wir immer mehr aus ihrer Vergangenheit und ihrer, wie sich herausstellt, einengenden, bedrückenden Ehe mit einem rationalen, inzwischen verstorbenen Wissenschaftler, die ihr schon früh nur die Flucht in die Phantasie erlaubte. Wieder einmal stellt sich die Frage: Ab wann wird das anfangs harmlose Spiel zum gefährlichen Hirngespinst? Oder ist sie am Ende niemals in das Kaff gezogen und ist auch dies eine Konstruktion? Lebt ihr Mann vielleicht sogar noch? Oder gab es wirklich einen Mordfall, an dessen Aufklärung sie arbeitet? Man ist – wie in jedem Moshfegh-Roman – versucht, nach Anzeichen zu suchen, wo das Ganze „kippt“, aber man wird sie nur schwerlich finden, denn die Autorin, das muss man ihr lassen, versteht es, ihre Spuren zu verwischen, um stets eine Offenheit zu erzeugen, die die Leser*innen durchaus selbst in den Wahnsinn treiben kann.

Wie auch den Protagonisten ihres ersten, noch deutlich experimentelleren Romans McGlue, der (vermutlich) aus der Perspektive des gleichnamigen Herumtreibers und Seemanns im 19. Jahrhundert geschrieben ist. McGlue soll seinen besten Freund und Kameraden Johnson ermordet haben, doch aufgrund einer Kopfverletzung kann er sich leider an nichts mehr erinnern. Aus literarischer Sicht ist es sicherlich ihr anspruchsvollstes Buch, da es Motive wie Homosexualität und Männlichkeitswahn auf eine sehr ungewöhnliche Weise verhandelt. Auch hier führt sie den Moshfegh-Trick gekonnt ein, denn natürlich wissen wir nicht, ob besagter Johnson überhaupt eine reale Figur war, taucht sie doch auch immer wieder als Erscheinung in McGlues Zelle auf, in der dieser auf seinen Prozess wartet. Oder ist Johnson ab einem gewissen Zeitpunkt nur noch eine Projektion einer ungelebten Homosexualität? Oder war dies genau der Grund für den Mord, ein missglückter Annäherungsversuch des offenkundig Männern zugeneigten Johnson? Zwischendurch wächst beim Leser sogar der Verdacht, McGlue könnte eine Frau sein, der sich jedoch nicht bestätigt.

Vielleicht findet sich genau hier auch das große Problem (oder ist es gar das zentrale Qualitätsmerkmal?) von Moshfeghs Romanen: Die große Enthüllung am Ende bleibt aus; der Moment, in dem die Autorin zeigt, wie brillant sie ihre Leser*innen getäuscht hat und wie sie immer die Fäden in der Hand hielt. So ist man sich nie sicher, ob das ganze Getöse überhaupt die Lektüre wert war, ob es die Autorin nicht vermag, ihre Texte zu einem befriedigenden Ende zu bringen, oder ob diese relative Deutungsoffenheit entgegen den Regeln der amerikanischen Schreibschulen beabsichtigt ist.

Titelbild

Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen.
Aus dem Amerikanischen von Anke Caroline Burger.
Hanser Berlin, Berlin 2021.
256 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783446269408

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Ottessa Moshfegh: McGlue.
Aus dem Amerikanischen von Anke Caroline Burger.
Liebeskind Verlagsbuchhandlung, München 2016.
144 Seiten, 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783954380671

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Ottessa Moshfegh: Eileen.
Aus dem Amerikanischen von Anke Caroline Burger.
btb Verlag, München 2020.
333 Seiten, 11,00 EUR.
ISBN-13: 9783442719440

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Ottessa Moshfegh: Mein Jahr der Ruhe und Entspannung.
Aus dem Amerikanischen von Anke Caroline Burger.
btb Verlag, München 2020.
320 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-13: 9783442719457

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