„Der Wind heult über den Michigansee“
Zur Kölner Tagung und zur Entstehung des Buches „Außenseiter“ von Hans Mayer
Von Heinrich Bleicher
und Helen Sotowic
Die Hans-Mayer-Gesellschaft führte gemeinsam mit Wissenschaftler*innen der Universität Köln, hier vor allem des mit der Lehrkräfteausbildung betrauten Instituts für deutsche Sprache und Literatur II, aber auch aus Bielefeld und Berlin, eine Tagung zu Hans Mayers opus magnum durch. Wir fragten nach der Aktualität des 1975 erschienenen Buches.
„Die bürgerliche Aufklärung [ist] gescheitert. […] Sie versagte vor den Außenseitern“, postulierte Hans Mayer in seinem 1975 erschienen Buch Außenseiter. Das 50-jährige Jubiläum der Veröffentlichung des Buches nahm die Hans-Mayer-Gesellschaft zum Anlass für eine Tagung unter dem Titel: „‚Die hilflose Einsamkeit in einer Welt der Anderen‘ oder ‚Außenseiter‘ bei Hans Mayer“. Am 19. und 20. September 2025 diskutierten Wissenschaftler:innen verschiedener Disziplinen im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln über das Konzept des Außenseiter:innentums bei Hans Mayer und entwickelten seine Überlegungen unter Einbezug neuerer Forschungsstränge weiter. Ziel war es, neue Zugänge zu Mayers Theorie zu entwickeln und die historische Rolle von Außenseiter:innen in Gesellschaft, Kunst und Kultur kritisch zu hinterfragen.
Einen wichtigen Ausgangspunkt fand die Tagung in Mayers eigener Biographie. Er studierte Geschichte, Philosophie, Literaturgeschichte, war promovierter Jurist und vor allem Autor. Seine Erfahrungen als politisch verfolgter Linker, Jude und Homosexueller unter den Nationalsozialisten prägten sein Interesse an gesellschaftlichen Exklusionsmechanismen. Sein Buch von 1975 behandelt eine Geschichte der Ausgrenzung und zeichnet diese anhand von drei zentralen Beispielgruppen in literarischen Werken nach: Frauen, Homosexuelle und jüdische Menschen. Mayer stellt darin außerdem eine Theorie zum Außenseiter:innentum auf: Seine Unterscheidung zwischen „intentionellen“ ,mithin absichtlichen, und „existenziellen“ Außenseiter:innen sowie sein Fokus auf verschiedene Typen bildeten den leitenden Rahmen der Konferenz.
HEINRICH BLEICHER (Köln) umriss diesen Rahmen mit Blick auf die Entstehung des Buches. Dies ist auch das Thema der vorliegenden Abhandlung. Unter dem Titel „Frau mit der Waffe“ widmete sich BILL NIVEN (Nottingham) in seinem Vortrag Mayers erstem Fallbeispiel: Frauen, die Resilienz zeigten und Widerstand leisteten. ARNO METELING (Köln) exemplifizierte die den Mayerschen Außenseiter:innen inhärente Monstrosität anhand von Vampir-Darstellungen. Die Beziehung von Außenseiter:innentum und Autor:innenschaft stand im Zentrum der Überlegungen von HEINER WITTMANN (Pforta) zu Jean Genet. Dessen nonkonformes Leben, geprägt von Kriminalität und Homosexualität, wurde von Jean-Paul Sartre wie auch von Mayer als paradigmatisch für Außenseiter:innenfiguren interpretiert. Einen Einblick in die Rezeption Mayers in den Gay Studies bot der Vortrag von ANDREAS KRAß (Berlin). Mayers Perspektive sei in einem methodischen Feld verortet, das sich nur bedingt mit poststrukturalistisch geprägten Ansätzen verbinden lasse. Das didaktische Potential von Mayers Theorie stellte wiederum MARK-OLIVER CARL (Frankfurt) heraus. Aus Perspektive einer machtkritischen, postkolonial informierten Literaturdidaktik fragte er, wie Außenseiter schon früher in eine Pädagogik der Diversität hätte einfließen können. Die Konflikte zwischen Mayer und dem juristischen System des Nationalsozialismus leuchtete HANS-ERNST BÖTTCHER (Lübeck) mit seinem Vortrag über den juristischen Außenseiter Mayer aus. Die Entscheidung Mayers, seinen Nachlass an das historische Archiv der Stadt Köln zu geben, nahm ANNE BENDEL (Köln) zum Anlass, um nach dem Archiv als Ort der Erinnerung und der „Wiedergutmachung“ zu fragen. ROLF FÜLLMANN (Köln) rückte die Außenseiter:innenfiguren in den Filmen Veit Harlans, der unter anderem bei Jud Süß Regie führte, ins Zentrum seines Vortrags. Jüdische Menschen, Frauen und Homosexuelle erscheinen in dessen Filmen als virulente Bedrohungen des Bürgertums und der gesellschaftlichen Konformität. Schließlich referierte BENEDIKT WOLF (Bielefeld) über Thomas Mann und seine Darstellung einer anderen gesellschaftlichen Randgruppe im Kontext des Antiziganisms, die er mit Mayers Konzept des Außenseiter:innentums in Beziehung setzte.
Die Tagung fragte folglich nach der Aktualität des 1975 erschienenen Buches. In den drei Hauptkapiteln schreibt Mayer eine Geschichte von „Leitfiguren der Grenzüberschreitung“, die allein durch ihre Geburt – und nicht erst durch die Entscheidung des Verstandes – zu Außenseitern wurden. In „Judith und Dalila“ entwickelt er die Geschichte von Frauen, denen der Gleichheitsstatus durch das Geschlecht versagt wird; in „Sodom“ geht er den Diffamierungen der Homosexuellen nach, die durch ihre „körperlich-seelische Eigenart“ ausgegrenzt wurden; und schließlich untersucht er in „Shylock“, wie den Juden allein durch ihre „Abkunft“ das Recht auf Emanzipation in der Geschichte verwehrt wurde.
Wegen seines von Krieg, Verfolgung und Exil im 20. Jahrhundert geprägten Lebens hat Mayer immer wieder betont, wie wichtig die Kritik an und die Abschaffung der gerade für Außenseiter widrigen gesellschaftlichen Verhältnisse ist und dass man mit Hoffnung auf Veränderung drängen kann.
Folglich hat Mayer in seinem Werk wesentliche Beiträge zur Kritik des gesellschaftlichen Verhältnisses zu geschlechtlichen, sexuellen, körperlichen und anderen Außenseitern vorgelegt, die bedeutend und nach wie vor aktuell sind. [*]
Die Entstehung der aktuellen Studie führt um Jahrzehnte zurück. Im 20. Stock in einem Hochhause in Milwaukee unweit des Lake Michigan saß zu Beginn der siebziger Jahre ein kurz vor der Emeritierung stehender Germanistik-Professor und schrieb an seinem Opus Magnum.
Wenn Hans Mayer über sein Werk Außenseiter spricht, erinnert er sich an die Winterzeit oder den Wind, der draußen ums Haus heulte. Hans Mayer war wieder einmal Gastprofessor an der University von Wisconsin. Dort hat er auch Jost Hermand wiedergetroffen, der ihn mehrfach eingeladen hatte. 1957 hatte Jost Hermand von diesem Literaturprofessor in Leipzig erfahren. Der hatte ein bestechend positives Gutachten über einen Band zum Thema Naturalismus aus der mehrbändigen Darstellung Epochen deutscher Kultur von Richard Hamann und Jost Hermand geschrieben, den der Aufbau-Verlag vorher nicht veröffentlichen wollte.[1]
Fünf Jahre planvoller Arbeit an dem Buch Mayers sind weitgehend ein Leben unter Amerikanern gewesen. Vieles aus den damaligen Erfahrungen ist in die Studie Außenseiter eingegangen.
Es waren nicht allein die Schriften der Feministinnen, auch der besonders unerbittlichen, oder die törichten und nicht minder bösartigen Gegenthesen von Norman Mailer, oder die erstaunlich kühl für eine marktgerecht auskalkulierte Spezialkundschaft gerichteten Pornoshops. Damals erst verstand ich die Bilder des aus Deutschland emigrierten Malers Richard Lindner… Nun entdeckte ich Aspekte der amerikanischen Einsamkeit im Gesamtwerk dieses Malers von Außenseitern aller Art.
Mit dem Erscheinen der amerikanischen Ausgabe seines Buches 1982 zeigte man Lindners Bild „The Meeting“ auf dem Buchumschlag. Das brachte alle Erinnerungen zurück: „Die Arbeit am Text während sich draußen der Wintersturm bemüht gegen die Stadt und ihre Menschen die sommerliche Einsamkeit der alten Menschen in den amerikanischen Parks. Seitdem sind Becketts Menschen für mich, auch wenn sie aus der Mülltonne auftauchen, erlebtes Dasein.“[2]
Den Anstoß dieses Buch zu schreiben hatte Mayer allerdings bei einem Besuch am anderen Ende der Welt erhalten. „Ein erschreckender Anblick: ich hätte ihn erwarten müssen. Man hatte mir von den Aborigines in Australien gesprochen: von ihrem Aussehen, den harten Gesetzen, die sie festzuhalten suchten zwischen Menschengleichheit und einer Absonderung, die anders war und schlimmer als irgendeine Apartheid.“[3]
Von der Begegnung mit den Aborigines kam Mayer nicht los. Hilfe beim Verständnis kam für ihn durch den Renaissance-Humanisten Michael de Montaigne aus Bordeaux. Er hatte dessen Sicht im Pariser Exil in einer Ausgabe der Essais von André Gide kennengelernt. Dessen Schlussfolgerung: „Wir nennen naturwidrig, was ungewohnt ist; nichts darf anders sein als gewohnt, was es auch sein möge. Möge uns die universelle und natürliche Vernunft den Irrtum und das Erstaunen über alle Neuartigkeit vertreiben.“[4] Mayers Schlussfolgerung: „…so wurde das scheinbare oder sogar reale Monstrum zum Ernstfall allen Geredes über Humanität. An dieser Antinomie jedoch war Aufklärung bis heute gescheitert. Ich hatte auf der Straße in Melbourne, wie ich heute weiß, mein Thema gefunden: das Thema der Außenseiter.“[5]
In einem Gespräch mit Christian Gneuss im Norddeutschen Rundfunk zwei Jahre vor dem Erscheinen des Buches, damals war der Arbeitstitel Die unheilbare Provokation, war der Schwerpunkt der dritte Themenblock des Buches, die Juden. Der Fokus des Gespräches lag auf der Außenseiterposition Shylocks, dem jüdischen Außenseiter. Unter Bezug auf Gotthold Ephraim Lessings Buch Die Juden erläutert Mayer, dass dessen Verständnis von Emanzipation der Juden möglich sei unter zwei Bedingungen, erstens der Jude muss Geld haben, und zweitens muss der Jude gebildet sein. Die Frage tauche allerdings auf, was ist, wenn der Jude zu gebildet ist? Was ist, wenn der Jude zu reich ist? Die Beispiele des bürgerlichen Shylock: Heinrich Heine und Rothschild.[6]
Mit Christian Gneuss wird dann das Gespräch geführt über den Genossen Shylock und damit auch die Frage nach den Außenseitern im Sozialismus. Es geht um das Werk eines doppelten Außenseitertums in der Literatur wie der Politik. Hierzu Mayer: „Just dadurch freilich, dass Trotzki zu den bedeutenden Schriftstellern von jüdischer Herkunft gerechnet werden muss und daß er besondere Kennzeichen dieser Spezies offenbart, wird die Wechselwirkung zwischen Literatur und Politik, Herkunft und Herkunftsverweigerung, Boheme und Macht überaus deutlich.“[7]
Die zentrale Eingangsthese des Buches stellt bekanntlich die Behauptung auf, „daß die bürgerliche Aufklärung gescheitert ist. Dem wird kaum widersprochen werden, wenn man des Gleichheitspostulats gedenkt.“[8] Präzisierend heißt es aber dann weiter: „Scheitern einer bürgerlichen Aufklärung muss nicht in den Bankrott des aufgeklärten-humanistischen Denkens bedeuten.“[9] Dieser Thematik widmet sich in dem von Gerd Ueding herausgegebenen Materialien zu Hans Mayers Außenseiter der Beitrag von Jean Améry „Kritik der reinen Aufklärung“[10].
Bei dem Autor der Außenseiter und der Bewunderung seines Werks stellt Améry fest, dass es sich bei dem ehemaligen Professor aus Leipzig nicht allein um einen Germanisten handelt, sondern um einen studierten Juristen mit einem nahezu enzyklopädischen Wissen auch französischer und angelsächsischer Literatur dazu, außerdem „seine musikalische Sensibilität und seine musiktheoretische Bildung. Außerdem sei er ein vortrefflicher Kenner moderner und namentlich marxistischer Sozialphilosophie. Er spazierte intellektuell gleichsam nonchalant durch Jahrhunderte und Räume.“[11]
Und da heißt es dann weiter:
Keineswegs wird uns also die abgeleitete paläo- und neomarxistische Trivialität von der bürgerlichen Aufklärung, dem bürgerlichen Humanismus, die gesetzmäßig einmünden müssten in Gegenaufklärung und Antihumanismus, aufgetischt. Im Gegenteil, Hans Mayer überschreitet sogar einen so undogmatischen marxistischen Denker wie Ernst Bloch, wenn er ihm in achtungsvoller Polemik vorhält, er vernachlässige im Nachdenken über die leidende Menschheit Rousseaus den konkret leidenden Menschen.[12]
Also den Außenseiter, dem die reine und leere Toleranz der bürgerlichen Aufklärung gegenüber so beschämend versagt hat. Sei es ein intentionaler, wie der seine Homosexualität reklamierende Jean Genet, oder ein existenzieller, wie der vergeblich um Integration sich abmühende Heine.
Und es sei in letzter Analyse immer wieder die Gesellschaft und deren Struktur, die den Außenseiter zu dem macht, als der er uns entgegentritt. Das gelte modus vivendi auch für die „Staaten nicht-bürgerlicher Planwirtschaft“. Mit seiner soziologischen Herangehensweise und Analyse führe Mayer ein, was durch Sartres Flaubert zugänglich gemacht wurde: das Individuum in dessen Subjektivität. Mayer untersuche gesellschaftliche Tatbestände, zugleich aber erzähle er case-histories, die Fallgeschichten unverwechselbarer Einzelner und dabei schreibe und denke er jenseits des gängigen Jargons.[13]
Ebenso stellt der Prager Germanist Peter Demetz in seinem Beitrag zu den Materialien von Hans Mayers Außenseitern resümierend fest: „Das eben ist die beste Tugend dieses lebhaften und impulsiven Buches, dass es in der Tiefe seiner Absichten gegen das Diktat der Bücher über uns Einzelne plädiert und die Nachfahren der Aufklärung und späteren Erben des Marxismus mit unausweichlichen Reflexionen konfrontiert, von denen nichts in ihrem Katechismus steht.“[14]
Auf den dritten großen Teil den Mayer über die Frauen als Außenseiter geschrieben hat, will ich hier nicht weiter eingehen, da Professor Niven sich diesem Thema in seinem Beitrag ausführlich widmet. Vermerken möchte ich aber, dass Mayer sich zu diesem frühen Zeitpunkt Mitte der 75er Jahre in einem ausführlichen Teil seines Buches dem Thema Frauen widmete, als dies in der sonstigen Diskussion gerade erst anfing. Ich erinnere an das zum gleichen Zeitpunkt erschienene Buch von Verena Stefan Häutungen oder an Anja Meulenbelts Die Scham ist vorbei.
In einem Gespräch mit Adalbert Reif in Tübingen 1975 weist Mayer darauf hin, dass sich die Zurücksetzung oder Unterdrückung der Frau mit der Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschaft vollzogen hat. Während des Feudalsystems sei die Gleichberechtigung von Frauen dominant gewesen, bis hin zu Herrscherinnen wie Maria Theresia von Österreich oder Katharina der Großen von Rußland.[15]
In meiner Begrüßung zur Tagung hatte ich angesprochen, dass Professor Mario Keßler leider verhindert ist teilzunehmen. Er hatte zu dem Thema „Hans Mayer, der Außenseiter in der Emigration“ sprechen wollen, ein interessantes Thema, zu dem ich einige kurze Ausführungen machen möchte. Mayer war eben nicht allein Theoretiker.
Nach der Machtübernahme der Nazis musste Hans Mayer, um sein Jurastudium zu beenden, noch eine zweite Prüfung in diesem Fach machen. Hierzu musste er im Juli 1933 nach Berlin reisen. Die Nazis suchten ihn aber schon in Köln, da er dort eine der führenden Personen der Kommunistischen Partei-Opposition (KPO) war. Die Zeit Hans Mayers als „Roter Kämpfer“. Dankenswerterweise wird hier im NS-DOK, unserem Tagungsort, in einem Ausstellungsraum wo über Widerstand in der Nazizeit berichtet wird, auch auf Hans Mayer Bezug genommen, der damals ein leitender Kader der KPO für Westdeutschland war.
Die Gestapo hatte seine Wohnung in Köln heimgesucht und dort die Bibliothek verwüstet, da sie ihn nicht angetroffen hatte. Politische Freunde waren gefangen genommen worden, wurden von der Gestapo verhört und gefoltert, damit sie aussagten, wo Mayer war. Sie haben geschwiegen. Nachlesen kann man dies in dem Buch von Ludwig August Jacobsen „So hat es angefangen“.
Am Tag seiner Prüfung in Berlin ließ Mayer sondieren, ob er auch dort hingehen könnte. Freunde versicherten ihm, dass er es machen könne. Seine Prüfer waren freundliche und höfliche Professoren, aber hinter ihnen saß ein Staatssekretär, Vertreter des Justizministeriums, mit Namen Roland Freisler.[16]
Fast alle kennen den späteren Präsidenten des Volksgerichtshofes. Nach der bestandenen Prüfung sagte er zu Hans Mayer: „Sie wissen ja dass sie ihren Beruf nicht antreten werden“. Im 2. Band seiner Erinnerungen schreibt Hans Mayer darüber:
Roland Freisler hat mich immerhin im Jahre 1933 durch einen eigenhändigen Brief (der im Original in Mayers Nachlass im Stadtarchiv zu finden ist, HB) um eine juristische Laufbahn gebracht. Da ich damals vorhatte, nach bestandenem Assessorexamen im Staatsdienst zu bleiben und gleichzeitig zu versuchen, mich in Köln zu habilitieren – Rechtsanwalt gedachte ich unter keinen Umständen zu werden, das war ein deutsch-jüdisches Trauma – beantragte ich 1964, mit Hilfe eines erfahrenen Anwalts aus Frankfurt, die Wiedereinstellung in den Staatsdienst. Die Richter in Düsseldorf stimmten zu: mit einer freundlichen Begründung. Angesichts meiner Arbeiten auf anderen Gebieten (also wohl meiner Bücher und meiner germanistischen Professur) könne vermutet werden, dass ich es als Jurist wenigstens bis zum Oberlandesgerichtsrat gebracht hätte. Ich hätte mich als solcher i.R. titulieren lassen können. Was ich nicht tat. Immerhin war ich nun Beamter auf Lebenszeit.[17]
Das war allerdings im Juni 1933 überhaupt nicht abzusehen. Mit Hilfe von Genossen aus der KPO gelang ihm die Flucht. Über die Eifel ging es nach Belgien, dann nach Straßburg. Der 26-jährige junge Mann war Doktor der Rechte. was sich später, wie schon angemerkt, als nützlich erwies. Geholfen hat ihm auch, dass er durchaus gut Klavier spielen konnte, wenn seine Hände auch zu klein waren, um das als Beruf wirklich auszuüben. Die Musikalität wurde ihm nützlich im Exil. Verzagen war bei ihm nicht angesagt. Es blieb beim großen Gefühl der Befreiung. Er war guten Mutes. Es begann das erste Exil.
Er wurde Redakteur bei der Neuen Welt in Straßburg. Heinrich Brandler, der damalige Führer der KPO, hatte ihm geraten nach Paris zu kommen, da die Straßburger Zeitung ihn nicht mehr haben wollte. So reiste er im Februar 1934 nach Paris. Das „politische Idyll“ im Elsass war zu Ende. In Paris wurde Hans Mayer zu einem Mitarbeiter des emigrierten Instituts für Sozialforschung von Max Horkheimer. Zum Winterende 1934 traf er Horkheimer im Hotel Lutetia. Man sprach über das Phänomen der Autorität. Hans Mayer bekam den Auftrag, die Zusammenhänge zwischen Autorität und Familie in der Theorie und Bewegung des Anarchismus zu untersuchen. Das so entstandene Buch erwies sich als Zeitzünder, es wurde in den 1960er Jahren während der Zeit der Studentenbewegung als Raubdruck vertrieben. Hans Mayer hat es viel später für 3,50 DM auch als Raubdruck gekauft.
Erwähnt werden sollte in diesem Zusammenhang auch Mayers Aktivität im Collége de Sociologie in Paris, das George Bataille mitbegründet hat.[18] Dort lernte Mayer in den dreißiger Jahren auch Walter Benjamin kennen.
In Paris konnte Mayer wegen des Ablaufs seines Stipendiums nicht bleiben. Ein Freund half ihm, nach Genf zu kommen. Auch dorthin ging es ohne Pass und Visum. In Genf lebte der berühmte Staatrechtler Hans Kelsen, den er noch von seinem Studium in Köln kannte.[19] So wurde die Schweiz zu seinem zweiten Exilland. Er schrieb in dem Feuilleton des Bund in Bern, das Max Rychner redigierte. Für ihn entstand sein erster literarischer Essay über „Zweifel und Verzweiflung Leo Ferreros“.
Im Dezember 1934 beantragte Mayer eine Aufenthaltsgenehmigung. Im Januar 1935 zog er das Gesuch aber zurück, weil er sich nach Paris begeben wolle.[20] Im Lauf der nächsten Jahre überschritt er dann wohl „zweidutzendmal die Grenze im Jura oder in Savoyen“, bis er schließlich in Genf sesshaft wurde.[21] Wiederholt wurde ihm mit Ausweisung gedroht. Mit einem Entscheid der Fremdenpolizei in Genf wurde er aber vom 1. Juli 1940 als Emigrant anerkannt. Am 22. Mai 1941 leiteten die Genfer Behörden eine polizeiliche Untersuchung ein, „weil Mayers Verhalten in sittlicher Beziehung zu Klagen Anlass gegeben hatte“. Bei einer Einvernahme durch die Genfer Polizei am 22. Juni 1941 gestand Mayer, dass er homosexuell sei. Seine Aussagen dazu sind klar und deutlich. Von nun an nahm man ihn wiederholt genauer unter die Lupe. Im Dezember 1940 wurde berichtet, dass Mayer „wiederholt mit seinen Unsauberkeiten Anstoß erregte“. Man hielt fest, dass er mit über 11 Ausreisefristen, 2 Wegweisungen mit Einreisesperre und einer weiteren Ausweisung belastet sei. Im April 1942 wurde er in Genf verhaftet und in die Strafanstalt Witzwill gebracht. Sein Verhalten dort wurde mehrfach als aufrührerisch angesehen. Das führte dazu, dass er nach Lenzburg verlegt wurde.[22] Diese Maßnahme diente zur Verschärfung seiner Haftbedingungen, aber für ihn wurde, wie er in seinen Lebenserinnerungen schreibt, der Aufenthalt in Lenzburg zum Glücksfall. „Die Lenzburger Bibliothek war gut. Sie hielt sich an das klassische Repertoire, was mir eben recht kam, denn ich wollte die Zeit nutzen und all jene Bücher lesen, die bisher nur im Gedankenspiel vorgekommen waren.“[23] In der Zeit seiner Haft legte Mayer den Grundstock für seine spätere Lehrtätigkeit in Leipzig, die im Jahr 1948 begann.
Im Oktober 1945, 5 Monate nach dem Ende des Krieges, verließ Mayer die Schweiz und kehrte „heim in die Fremde“, so die Überschrift des dritten Teils seiner Erinnerungen. Mit dem Entzug seiner deutschen Staatsbürgerschaft am 19. Februar 1938 war Mayer ein „Deutscher auf Widerruf geworden“. Im gewissen Sinn kann man somit seine Zeit in Frankfurt – wo er als Redakteur bei einer Agentur (DENA) und beim Hessischen Rundfunk arbeitete, anschließend auch als Dozent am Institut für Sozialforschung und der Akademie für Arbeit – als eine weitere Art von Exil betrachten.
Mit dem beginnenden Kalten Krieg geht für den Marxisten Mayer die „Heimkehr in die Fremde“ zu Ende. Mit seiner Berufung zum Professor in Leipzig begann im Wintersemester 1948/49 eine weitere Exilzeit für Hans Mayer. Diese ging 1963 zu Ende. Bis 1965 lebte er in Tübingen und war als Schriftsteller, Honorarprofessor und Vortragender tätig. Es folgte dann die Professorentätigkeit und der Aufbau eines Instituts für deutsche Sprache und Literatur in Hannover. Das macht er gemeinsam mit seinem Assistenten Leo Kreutzer, der später sein Nachfolger wird. Leider konnte Leo Kreutzer, das Ehrenmitglied der Hans-Mayer-Gesellschaft, aus Altersgründen an dieser Tagung nicht teilnehmen, aber er unterstützte sie nachhaltig, auch finanziell, ebenso wie die Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW und das Forum Justizgeschichte.
1973 emigrierte Mayer quasi erneut und ging mehrfach in die USA. Er übernahm schon vorher zahlreiche Gastprofessuren unter anderem in Paris, Neuseeland oder mehrfach eben in den USA.
Von seinem Wohnort Tübingen wa er auf längere Zeit entfernt. Man schätzte ihn an der Universität in Wisconsin, die ihm den Ehrendoktor verlieh. Aber in dem letzten Jahr, dass er in den USA verbrachte, hat er dann auch dort das Erlebnis eines Außenseiters in der Menge.
Die hilflose Einsamkeit in einer Welt der anderen. Ich habe das einmal erlebt, um es nie wieder zu vergessen. Ein Pfingsttag in Chicago, mitten im Zentrum, nicht in irgendeinem Vorstadtghetto. Als der Film zu Ende war, ging ich zurück in mein Hotel. Die Straße war belebt. Plötzlich entdeckte ich mich als einzigen Weißen in einer Schwarzen Menge. Es hat sich gar nichts ereignet, alles lief ab wie sonst auch. Doch nie habe ich die Einsamkeit so tief gefühlt wie damals.[24]
Schließen möchte ich mit einem Zitat von Professor Eckhart Goebel aus Tübingen, der in einem Beitrag vom Juli dieses Jahres (2025) unter dem Titel „Ohne Angst anders sein dürfen“ folgendes Fazit zieht:
„Bleibend aber ist vor allem das Grundargument dieses Buches: dass Theorie, das Arbeiten mit allgemeinen Kategorien, den Einzelfall, das individuelle Schicksal unvermeidlich wegschneidet. Literatur hingegen“, argumentiert Hans Mayer, „gehorcht der Kategorie des Besonderen. (…) Sie behandelt stets Ausnahmefälle.“ Literatur, ihre Produktion und ihre Deutung, bleiben daher für eine Kulturtheorie unverzichtbar, die den bedrohlichen Abgrund zwischen Allgemeinem und Besonderem, zwischen Integrierten und Außenseitern überbrücken will.“[25]
Anmerkungen
[*] Diese einleitende Passage ist eine gekürzte Fassung des Tagungsberichts: Helen Sotowic, Tagungsbericht: „Die hilflose Einsamkeit in einer Welt der Anderen“ oder „Aussenseiter“ bei Hans Mayer, in: H-Soz-Kult, 06.11.2025, https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-158466.
[1] Siehe: Einer der wichtigsten Ruhestörer, Außenseiter, vaterlandsloser Gesell und unangepasster Grenzgänger – Gespräch mit Jost Hermand, in: Heinrich Bleicher, Der unbequeme Aufklärer – Gespräche über Hans Mayer, zweite überarbeitete Auflage, Mössingen Talheim 2022, S.107-110.
[2] Hans Mayer, Ein Deutscher auf Widerruf -Erinnerungen II, Frankfurt am Main, 1984, S. 392. Im Folgenden zitiert als Mayer, Widerruf II.
[3] Mayer, Widerruf II, S. 380.
[4] Mayer, Widerruf II, S. 382.
[5] ebenda.
[6] Siehe dazu: Hans Mayer, Die unheilbare Provokation, in: Materialien zu Hans Mayer, „Außenseiter“, herausgegeben von Gert Ueding, S. 35).
[7] Hans Mayer, Außenseiter, Frankfurt am Main 1975, S. 434.
[8] Mayer, Aussenseiter, S. 9.
[9] ebenda.
[10] Jean Améry „Kritik der reinen Aufklärung“, in Ueding, S. 91-100.
[11] Amery Kritik, S. 91.
[12] a.a.O., S. 93.
[13] a.a.O., S. 100.
[14] Peter Demenz, Frauen, Juden Homosexuelle, in: Ueding, Materialien, S. 153f.
[15] Siehe Ueding, Materialien, S. 42ff.
[16] Siehe: Mayer, Widerruf I, S. 162.
[17] Mayer, Widerruf II, S. 281.
[18] Siehe: Stephan Moebius, Hans Mayer am Vorabend des 2. Weltkrieges beim Collège de Sociologie. In: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Jg. 44, 1, 2002, S. 75–87.
[19] Siehe Mayer Widerruf I, S. 143ff.
[20] Siehe dazu „Hans Mayer– mehrfach gefährdet“ in: Prominente Flüchtlinge im Schweizer Exil“ Bern 2003, S. 145 bis 163.
[21] Mayer Widerruf I, S. 193.
[22] Siehe Mayer Widerruf I, S. 270 bis 271.
[23] Mayer, Widerruf I, S. 273 bis 274.
[24] Mayer, Widerruf II, S. 393.
[25] Eckhart Goebel, Ohne Angst anders sein dürfen, in: Welt am Sonntag vom 16. Juli 2025.













