Zugschienen in San Pedro

„Allmählich beginnst du zu verstehen, was es bedeutet, wenn man sich so gut kennt, dass sogar Identitäten verschwimmen.“

Von Jana FuchsRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jana Fuchs

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In einem Interview erzählt der Schriftsteller Manlio Argueta meinem Freund Miguel Parada (dessen Vater Leiter der Universität in San Salvador gewesen ist) und mir:

„Meine Stimme spricht für die, die nicht mehr unter uns sind. Natürlich sind die Romanfiguren nicht identisch mit den realen Personen. Am Anfang des Romans sage ich, dass wir eine einzige Münze mit drei Gesichtern sind. Es gibt in Los poetas del mal [wörtlich übersetzt Die Dichter des Bösen, eine Anspielung auf Les Fleurs du Mal von Charles Baudelaire] mehr als drei, die meine Stimme formen, und zwar auch dann, wenn ich ›ich‹ sage. Eigentlich ist es die Stimme von mindestens zehn jungen Dichtern, die in dem Roman zum Sprechen kommen, auch wenn in ihm nur drei Figuren auftauchen. Es ist ein Weg, damit sich diejenigen an sie erinnern können, die noch am Leben sind.“ 

Diese Jugendlichen, von denen Argueta hier spricht, sind die Mitglieder der Generación Comprometida. Einer Gruppierung von jungen Dichter*innen in El Salvador, Mittelamerika, die dem Schriftsteller José Roberto Cea zufolge als das schlechte Gewissen der salvadorianischen Gesellschaft fungierte. So wie die Demonstrant*innen in diesen Tagen in Peking Widerstand leisten, indem sie weiße Blätter in die Luft halten, die symbolisch für die Zensur in China stehen, die keine Kritik zulässt, so verstummte auch diese Dichtergruppe damals nicht, die sich selbst als die César Vallejos, Arthur Rimbauds und Paul Verlaines, also als poètes maudits El Salvadors verstanden. Und dass sie nicht verstummten ist beachtlich, da die Demokratie eine als Demokratie getarnte Militärdiktatur war, und ihnen politische Verfolgung, Folter, das Exil oder der Tod drohten. Als Intellektuelle sahen sie sich dazu aufgefordert, trotz Zensur die Machthaber zu kritisieren und eben das zur Sprache zu bringen, was durch ein Tuch des Schweigens im Verborgenen bleiben sollte.  

Wenn man die Rede von Sasha Marianna Salzmann zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Serhij Zhadan gehört hat, dann weiß man um die besondere Rolle, die die Dichter*innen in einer Gesellschaft innehaben:

„In James Baldwins Essay Der Kampf des Künstlers um Wahrhaftigkeit finden wir die folgende Zeile: ‚Dichter, und damit meine ich alle Kunstschaffenden, sind letztlich die Einzigen, die die Wahrheit über uns wissen. Nicht die Staatsmänner, nicht die Priester, nicht die Soldaten.‘ Nur Dichter. Künstler*innen besitzen zwar eine gesellschaftliche Verantwortung, doch sie stellen sich zu keiner Wahl auf. Erteilen niemandem die Absolution. Sie greifen nicht zur Waffe. Ihre Aufgabe ist es, unbestechlich zu beschreiben, was ist. Was sie sehen, wovon sie Zeugnis ablegen. Sie suchen nach Worten, die Gültigkeit haben werden, noch in einem Jahrzehnt, einem nächsten Jahrhundert. Aus der Komplexität menschlicher Empfindung flechten sie Zöpfe eng an die Kopfhaut der Welt, und sie halten damit die Erdkugel zusammen. Wir wissen voneinander nicht aus den Geschichtsbüchern, sondern aus der Kunst.“

Auch wenn ich mit Argueta im Zuge der Übersetzung und der Vermittlung von Los poetas del mal unzählige E-Mails hin- und hergeschickt habe und wir im regen Austausch stehen, gibt es eine Sache, von der er nichts weiß: Dass auch ich ein Teil dieser Münze mit den drei Gesichtern bin, die symbolisch für eine ganze Generation von Dichter*innen steht. Und das nicht nur, weil ich über eine lange Durstrecke hinweg, und ohne jegliche Erfahrung als Literaturvermittlerin oder Übersetzerin, dafür aber im Bereich Pressearbeit für Buchverlage, immer wieder versucht habe, den Roman Los poetas del mal auf dem deutschen Buchmarkt unterzubringen, der nun unter dem Titel Widerstand der Dichter erschienen ist. Dem Septime Verlag sei Dank, dass sie sich von Los poetas del mal haben begeistern lassen. 

Nein, nicht nur dadurch bin ich zu einem unsichtbaren Teil der Münze mit den drei Gesichtern geworden, dass ich mich trotz aller Widerstände nicht habe abbringen lassen, in der deutschen Literaturlandschaft einen Platz für diesen Roman zu öffnen. Allem voran wurde ich zu einem Teil von ihr, da ich selbst schon an jenem Ort gewesen bin, an dem die drei Dichterfreunde im Roman wieder aufeinandertreffen, nachdem sie wie Sandkörner in der Diaspora verstreut worden sind. 

Ich fahre mit dem Bus von der Kleinstadt Heredia im Zentrum Costa Ricas nach San Pedro. Auf Empfehlung des Übersetzers von Sergio Ramírez und Giaconda Belli, Lutz Kliche, werde ich mich gleich mit Werner Mackenbach treffen, der an der Universidad de Costa Rica (UCR) Professor für Literatur ist und 2018 den Band Literatura y compromiso político. Prácticas político-culturales y estéticas de la revolución mitherausgegeben hat. Ich möchte von ihm erfahren, wer die wichtigsten zeitgenössischen Stimmen der Literatur dieses mittelamerikanischen Landes sind, um nach meiner Rückkehr nach Deutschland ein Essay über die Gegenwartsliteratur Costa Ricas zu verfassen.  

Nach unserem Gespräch in seinem Büro in einer kleinen Seitenstraße esse ich zuerst ein Sandwich in einem Studentenbistro, bevor ich über das Campusgelände zu der nahegelegenen Buchhandlung gehe, in der ich auf der Suche nach Büchern jener Autor*innen bin, die mir Mackenbach in unserem Gespräch gerade empfohlen hat. La gran novela perdida. Historia personal de la narrativa costarrisible und La invención de Costa Rica von Carlos Cortés, Breve historia de la literatura costarricense von Álvaro Quesada Soto, der Roman esqueleto de oruga von Guillermo Bárquero und die Prosasammlung 300 páginas von Luis Chaves sowie noch ein paar weitere, deren Titel ich gerade nicht parat habe. Dies sind die Bücher, mit denen ich den Laden wieder verlasse. Während ich in Richtung der Bushaltestelle gehe, um zurück nach Heredia zu fahren, überquere ich einen kleinen Platz, der von alten, verrosteten und überwucherten Schienen durchkreuzt wird. Ich bleibe stehen, hole meine Kamera aus der Tasche und schieße ein Foto, das ich später, zurück in Deutschland, auf Fotopapier ausdrucken und zu den anderen Fotos legen werde, die jedes auf seine Weise vom Vergehen der Zeit erzählen. 

Etwa ein Jahr später sitze ich mit meinem Freund Miguel in einem kleinen Café und während wir über den salvadorianischen Dichter Roque Dalton sprechen, genauer über die Schlussszene der Dokumentation Roque Dalton. El poeta guerrilleroin der die Kamera festhält, wie der Schriftsteller Paco Ignacio Taibo II inmitten einer weiten Landschaft steht, während sich im Hintergrund die Bergketten wie eine dunkle Gewitterfront in den Himmel hineindehnen. Irgendwo in dieser Landschaft werden die sterblichen Überreste des Dichters vermutet, nachdem dieser von seinen eigenen Genossen des Ejército Revolucionario del Pueblo (ERP) umgebracht worden ist, wie der Sohn des Dichters in der Szene zuvor erzählt. Wovon er auch spricht, ist, dass eine Pflanze diese Landschaft regelrecht überflutet, und es sich hierbei nicht um irgendeine Pflanze, sondern um die Sempervivum, die ewig Lebende handelt. Ich erzähle Miguel, wie sehr mich diese Szene berührt, da das Wachsen der ewig Lebenden inmitten dieser Landschaft so eine hohe Symbolkraft hinsichtlich der Ermordung des Dichters hat. Daraufhin greift Miguel in seinen Rucksack und zieht das Buch Los poetas del mal hervor, legt es auf den Tisch und sagt: „Ich habe zwei Exemplare. Dieses möchte ich dir schenken.“ 

Dass ich in diesem Roman später den Ort in Costa Rica wiederfinden werde, den ich fotografiert habe, um ihn zu den anderen Fotos zu legen, auf denen Dinge wie abblätternde Farbe auf einem Gartenzaun, eine verwelkende Blume oder ein Fußabdruck auf weißem Sand zu sehen sind, wusste ich damals noch nicht. Ebenso wenig wusste ich, dass ich damals auf dem Universitätsgelände in San Pedro nicht allein an diesem Ort gewesen bin, sondern mich bereits von drei Dichterfiguren begleitet sah, die für mindestens sieben weitere Dichter stehen, und dass sich ihre Erfahrungen und meine genau in jenem Moment ineinanderschoben, als ich mich entschied, stehenzubleiben und ein Foto von den überwucherten und verrosteten Schienen zu machen. 

Aber als ich Los poetas del mal dann zum ersten Mal las, und schließlich bei jener Stelle angelangte, die ich gleich zitieren werde, da wusste ich es. Ich wusste, dass dies ein Roman ist, dem ich mich voll und ganz verschreiben werde, da ich selbst in ihn eingeschrieben war. Dass ich durch meinen Besuch der UCR in San Pedro zum Teil jener Münze mit den drei Gesichtern geworden war. Ich bin mir sicher, dass der Roman nicht nur von Dichtern aus El Salvador, sondern auch von mir erzählt, auch wenn ich gleichzeitig weiß, dass dies vollkommen, ja wirklich absolut unmöglich ist. Denn ich war nie in El Salvador und habe von den brutalen Repressionen des Militärregimes sowie dem Bürgerkrieg immer nur vermittelt durch die Literatur und durch Gespräche mit Miguel oder Argueta gelesen und gehört. Und dennoch ist auch ein Teil von mir in diesen Zeilen enthalten: 

 „An seinen ersten Tagen in Costa Rica hatte Michó sein Zimmer in der Pension Santo Tomás mit Rubén geteilt; die Unterkunft lag in San Pedro Montes de Oca, neben der Universität, die durch die Bananenbahn, ein Modell aus dem 19. Jahrhundert, voneinander getrennt waren. […] San Pedro ist eine von Himmelsflüssen gebadete Stadt; ein Kristall, in dem die Fremden die Pracht der Bohème trinken.“

Da jede Literaturvermittlung Gefahr läuft, dem verführerischen Sprechen-über zu verfallen, anstatt die Autor*innen selbst zu Wort kommen zu lassen, öffne ich nun abschließend einen Raum, damit Argueta selbst in diesem Essay zu Wort kommen kann.  

Welche Bedeutung hat es für dich, dass dein Werk in andere Sprachen übersetzt wird? 

Argueta: Es bedeutet, dass Realitäten, Ideen, Werte und Wissensschätze aus randständigen und unbekannten Gesellschaften kulturell relevantere Gebiete erreichen. Dies ist von besonderer Bedeutung für Mittelamerika wie für die Länder, die aus der sogenannten Dritten Welt kommen, aber auch für die, die immer noch in den Alpträumen einer Vergangenheit leben, obwohl sie den Traum der entkolonialisierten Länder leben möchten.

Was bedeutet es für dich, dass dein Roman Los poetas del mal ins Deutsche übersetzt wurde? 

Argueta: In die deutsche Kultur übersetzt zu werden, bedeutet, in das Reich der privilegierten Leser einzutreten, die einen Thomas Mann oder einen Günter Grass in den Händen hielten; ersterer hat einen Roman geschrieben, für den ich mich in meiner frühen Jugend begeistert habe: Der Zauberberg. Andererseits hat mir der europäische magische Realismus in Die Blechtrommel gefallen. Hervorragend war auch die Lektüre der Theaterstücke von Bertolt Brecht, und in meiner frühen Jugend lernte ich viel über historische Persönlichkeiten aus den Biographien von Stefan Zweig. 

Wie siehst du generell die Stellung der salvadorianischen (und auch der mittelamerikanischen) Literatur im globalen literarischen Raum?  

Argueta: Ich denke, dass die neue Ära nach dem Ende des Krieges in El Salvador (1972-1992), der vor allem ein ‚schmutziger‘ gewesen ist, weil die meisten Opfer Zivilisten waren, eine gute für die neuen Generationen gewesen ist. Es galt damals bereits als Verbrechen, das den Tod oder eine Gefängnisstrafe nach sich ziehen konnte, ein Buch zu schreiben, und man hatte sogar Angst vor dem einfachen Besitz von Büchern, also vor dem Lesen, einschließlich dem Lesen von Gedichten. Ganz zu schweigen davon, dass wir im 21. Jahrhundert in einer Nachkriegszeit leben, in der es genauso viele zivile Todesopfer gibt wie während des Krieges. Es scheint so übertrieben zu sein, dies zu sagen, dass meine Hand und meine Gedanken schon bei der bloßen Erwähnung vor einem weltweiten Publikum zittern. 

Ja, in El Salvador wurde in aller Stille und Straflosigkeit etwas erlitten, was  mindestens fünf Lydien gleichkommt. Ich sage das für dieses Land, mein Land, weil Mittelamerika in der Ära, die als die Ära der ‚Bananenrepubliken‘ bekannt ist, unter grausamen Diktaturen litt, die aber nicht so tödlich waren wie die Demokratie, die die Salvadorianer und sogar Mittelamerika, mit Ausnahme von Costa Rica und Panama und vielleicht Honduras, erlebt haben. Es gibt zahlreiche Beispiele aus El Salvador und Guatemala, wo der Völkermord das Markenzeichen der letzten fünf Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts war. 

Neben dem Trauma, das das Buch bei den Machthabern ausgelöst hat, ist auch das Auftauchen hochqualifizierter und gebildeter weiblicher Stimmen erwähnenswert, obwohl sie dreißig Jahre lang in einer Nachkriegszeit gelebt haben, die sich in einen sozialen Krieg verwandelt hat, der ebenso fatal wie der zwanzigjährige Krieg selbst gewesen ist. Fünfzig Jahre des Schreckens sind nicht leicht zu überstehen, aber sie sind überstanden. Ich glaube, dass die sozialen Netzwerke dazu beigetragen haben, in verschiedenen Regionen der Welt nicht nur die Literatur, sondern auch die Menschlichkeit und die Werte der so genannten Schwellenländer bekannt zu machen. Gäbe es die sozialen Netzwerke nicht, wären wir viel unsichtbarer, als wir es sind. 

 

Anmerkung: Dieses Essay ist eine autofiktionale Erzählung über die ersten Schritte einer Literaturvermittlerin und das Erzählte entspricht somit nicht vollständig der Wirklichkeit. Es ist jedoch genauso wahr, wie es die Literatur schon immer gewesen ist. 

Titelbild

Manlio Argueta: Widerstand der Dichter.
Aus dem Spanischen von Jana Fuchs.
Septime Verlag, Wien 2022.
408 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783991200161

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