Die Republik vor dem Abgrund

War der Mord an Walther Rathenau im Juni 1922 die Tat nationalistisch verwirrter Ex-Militärs? Eine kleine Diskussion

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Am Morgen des 24. Juni 1922, kurz vor 11 Uhr, wurde Walther Rathenau, Sohn des AEG-Gründers Emil Rathenau und Außenminister des Deutschen Reiches, auf dem Weg ins Amt im offenen Wagen ermordet. Die Attentäter Erwin Kern und Hermann Fischer, Mitglieder der zu diesem Zeitpunkt bereits aufgelösten „Organisation Consul“, schossen aus einem anderen Fahrzeug mit einer Maschinenpistole auf Rathenau und warfen, um ihrer Sache sicher zu sein, noch eine Handgranate auf den bereits tödlich Getroffenen. Rathenau verstarb noch auf dem Rückweg zu seinem Wohnhaus. Den Tätern gelang die Flucht. Sie wurden aber nach wochenlangen Bemühungen der Polizei auf Burg Saaleck, südöstlich von Naumburg, durch ihre eigene Unvorsichtigkeit entdeckt. Der eine von beiden flüchtigen O.C.-Leuten, Kern, wurde dabei von der Polizei eher zufällig erschossen, der andere, Fischer, tötete sich selbst. Die Helfer, unter ihnen der spätere Rowohlt-Autor Ernst von Salomon, wurden gleichfalls gefasst und verurteilt, wobei als Mordmotiv der Antisemitismus der Haupttäter gerichtlich festgehalten wurde. Die OC und ihre Nachfolgeorganisationen blieben weitgehend unbehelligt. Aber auch für die Verurteilten blieben die Folgen überschaubar: Ernst von Salomon etwa kam – trotz einer weiteren Verurteilung – 1927 wieder frei.

Für den Historiker und heutigen stellvertretenden Vorsitzenden der Walther Rathenau-Gesellschaft Martin Sabrow ist die Sache einigermaßen klar: Der Mord an Walther Rathenau war das Teilstück einer nationalistischen Verschwörung ehemaliger Militärs, die einen Bürgerkrieg entfesseln wollten, an dessen Ende sie mit Hilfe der Reichswehr eine ihnen genehme Regierung oder gleich eine Militärdiktatur errichten wollten. Dass ein direkter Putsch nationalistischer Gruppen keine Aussicht auf Erfolg hatte (von der Inkompetenz einiger Putschisten abgesehen), hatte bereits der Kapp-Putsch 1920 gezeigt – Hitler und Konsorten würden 1923 noch einmal einen solchen Versuch starten. Mit ebenso blamablem Ergebnis.  

Der Kapp-Putsch hatte allerdings zur Folge, dass der Führer der Brigade Ehrhardt, der vormalige Korvettenkapitän Hermann Ehrhardt, zur Fahndung ausgeschrieben worden war. Das störte Ehrhardt freilich wenig, erfreute er sich doch der Protektion der Bayrischen Behörden bis hin zum Münchener Polizeipräsidenten.

Das gab ihm als einem der prominentesten Freikorpsführer den Handlungsspielraum, die Konsequenzen aus dem Desaster von 1920 zu ziehen und eine neue Strategie zu entwickeln. Geplant waren, folgt man der detaillierten und in sich schlüssigen Darstellung Sabrows, die er pünktlich zum 100. des fatalen Ereignisses von 1922 neu veröffentlicht hat, Anschläge, mit denen ein Aufstand der Linken provoziert werden sollte. Prominente Repräsentanten des Systems sollten ermordet werden, unter ihnen zahlreiche Angehörige jüdischer Konfession, denen wahlweise eine Verschwörung gegen die Nation nachgesagt wurde oder die als vornehme Repräsentanten des verhassten demokratischen Systems galten. Auch konservative Politiker wie Philipp Scheidemann fanden sich so auf der Liste (die Ernst von Salomon als bekritzelten, schmuddeligen Zettel beschrieb), denen als „Erfüllungspolitiker“ die Verantwortung für die Niederlage und die vermeintliche Erniedrigung des Versailler Vertrags angelastet wurde. Sobald dann die Linke die Macht an sich zu reißen versuche, wollten die untergetauchten Freikorps sich unter der Führung Ehrhardts als Ordnungsmacht offenbaren und den Aufstand niederschlagen. Anschließend sollte eine genehme, soll heißen national gesinnte Regierung errichtet werden.

Möglich scheint ein solches Szenario, weil die Trägerorganisation dieses Plans, die berüchtigte und sehr geheime Organisation Consul, kurz O.C., die aus der Brigarde Ehrhardt entstanden war und – nach der Enttarnung – von anders benannten Organisationen abgelöst wurde, eine straffe reichsweite Organisation aufgebaut hatte, sich schnell bewaffnen konnte und bereits aus den Freikorpsjahren hinreichend Bürgerkriegserfahrung hatte. Ihre Existenz und ihre Stärke, ja auch ihre engen Verbindungen zu zahlreichen staatlichen Institutionen gingen freilich auf den Sündenfall der jungen Republik zurück, die sich nach dem Fall der Monarchie und in den Auseinandersetzungen der Revolutionsmonate eben nicht nur auf die Reichswehr gestützt hatte (der eh keine große Affinität zur Demokratie nachgesagt werden kann), sondern auch auf die Freiwilligenverbände der nach dem Krieg demobilisierten Militärs, die sich mit einer Friedenswirtschaft nicht anfreunden konnten. Wenn Hans Fallada noch in Wolf unter Wölfen (1937) ehemalige Offiziere als Empfangschefs in den Berliner Hotels auftreten lässt, ist das ein später Reflex der Erniedrigung, mit der sich die vormaligen Frontkämpfer vor allem im Offiziersrang in der Republik konfrontiert sahen. Statt der militärischen Karriere oder der zwingenden Anerkennung ein Bückling vor jedem dahergelaufenen Friedensprofiteur? Dann lieber Holz schlagen oder Sümpfe trocken legen. Was drohte nur dem Stolz des deutschen Militarismus?

Sabrows Studie geht auf seine 1994 erschienene Dissertation zurück, die wiederum in eine erweiterte Darstellung des Falles einging, welche 1999 bei S. Fischer als Taschenbuch publiziert wurde. Dieser Band ist nun von Wallstein wiederaufgelegt und von Sabrow mit einem Nachwort versehen worden, in dem er nachdrücklich seine damalige Position verteidigt. Und in der Tat ist seine Rekonstruktion des Mordes an Rathenau höchst plausibel. Zwar sprechen einige dilettantische Züge der Rathenau-Mörder aber auch der Attentäter, die auf Philipp Scheidemann und Maximilian Harden losgelassen worden waren, gegen eine professionelle Führung und kompetente Planung, die Sabrow der Münchener Zentrale zuweist und mit der die Aktivitäten im ganzen Reich koordiniert worden seien. Aber dem muss man wohl entgegenhalten, dass die deutschen Nationalisten einigermaßen ungeübt als Putschisten waren und – faktisch – keine erfolgreiche Strategie entwickelt hatten, die zivile Macht zu übernehmen. Ihnen fehlte ein Lenin, einen Hitler würden sie allerdings noch bekommen. Die Attentäter waren zudem auf sich allein gestellt und konnten sich, einmal entdeckt, nicht auf ihre Auftraggeber berufen. Umso stärker scheinen sie sich ihnen auch dann verpflichtet gefühlt zu haben, wenn die Polizei ihrer schließlich doch habhaft wurde. Denn trotz behördlichem Schutz, nicht nur im tiefen Bayern, gingen die operativ an den Attentatsserien der Weimarer Republik beteiligten Akteure der Polizei doch weitgehend ins Netz. Und schützten bis ins Gefängnis ihre geheimen Auftraggeber.

Die Weimarer Republik mag zwar ihre Geburtsfehler durch ihre ganze Existenz geschleppt haben und sie mag personell derart durchsetzt von nationalistisch gesinntem Personal gewesen sein (eben nicht nur in der Reichswehr), dass es ein Wunder ist, dass sie überhaupt bis Anfang 1933 durchgehalten hat. Aber sie hat das parlamentarische System schließlich doch hartnäckiger verteidigt, als man es ihr auch im Nachhinein zugetraut hat.

Und der Mord an Rathenau hat dazu – gegen die Intentionen der Attentäter – mit beigetragen. Die Solidarität mit Rathenau und die Abscheu gegen die nationalistische Kamarilla waren überwältigend. Das Bekenntnis zur Republik nicht minder. Dass die Republik selber in der folgenden juristischen Auseinandersetzung offensichtlich mit Absicht versagte und den Attentätern lieber Antisemitismus, und damit ein persönliches Motiv, nachsagte, als ihnen ihre Beteiligung an einem zentral gesteuerten Komplott nachzuweisen, kann eine solche Einschätzung kaum suspendieren. Die Weimarer Republik war von Anfang an gefährdet, aber sie ist nicht zwingend vom NS-Regime übernommen worden, sondern ist wohl, wie Hagen Schulze formuliert hat, am mangelnden Engagement und an der fehlenden Identifikation ihrer Eliten gescheitert. Darüber hinaus bedurfte es allerdings auch einer nationalistischen Partei, die aus dem gescheiterten Kapp-Putsch, der misslungenen Umsturzstrategie der O.C. und schließlich dem Hitler-Putsch von 1923 ihre Lehren gezogen hatte. Dass nicht den Ehrhardt-Puschisten die Zukunft gehörte, sondern dem Nationalsozialismus, wie Sabrow seine Studie schließen lässt, versteht sich eben auch nur aus den gescheiterten Bemühungen der nationalistischen und völkischen Gruppen bis Mitte der 1920er Jahre, sich an die Macht zu putschen. Und der Nationalsozialismus ist der Teil der nationalistischen Gruppierungen der Weimarer Republik, der das verstanden hatte. Die Macht musste ihm auf legalem Wege zufallen, das heißt, in der politischen Willensbildung mussten ihm Lösungskompetenzen zugesprochen werden, damit er die Macht „ergreifen“ konnte. Und dabei spielten Propaganda, nationalistische und antisemitische Narrative und klare Feindbilder eine zentrale Rolle.

Berücksichtigt man dies, wird erkennbar, worin die Probleme liegen, die das konzeptionelle Gegenstück zu Sabrows Studie, Thomas Hüetlins Darstellung der rechten Szene in Deutschland um den Rathenaumord herum, aufweist. Dass Hüetlins Berlin, 24. Juni 1922 als Buch eines Journalisten zwar noch eine Literaturliste aufweist, aber keine Quellennachweise, mag man hinnehmen. Damit wird eine weitergehende Lektüre, eine Prüfung der Belege zwar unterbunden. Aber was soll’s. Schwieriger ist allerdings, dass Hüetlin nicht wie Sabrow vorrangig den zahlreichen Verflechtungen und Beziehungen nachgeht, die die Rathenau-Attentäter und ihre Auftraggeber in der Republik hatten, sondern dass er sie primär persönlich zu demontieren sucht. Damit wirbt der Verlag auch ausdrücklich, sollen doch Leser im Buch in die Ideen- und Gedankenwelt der Attentäter eintauchen können, um ihre Motive und Ansätze besser verstehen zu können. Seinen Gegner zu kennen, ermöglicht es ihn zu überwinden.

Nun teilt Hüetlin mit Sabrow die Einschätzung, dass der nationalistische Militarismus der Weimarer Republik zu großen Teilen in einer sozialen Schicht verankert ist, die erst kurz zuvor gesellschaftliche Anerkennung gefunden hatte, nämlich im Bürgertum des Wilhelminismus, das seine Söhne mit großer Vorliebe in die militärische Ausbildung gegeben hatte (die dort mit den Kleinadligen, die hier ihren angestammten Platz hatten, in Konkurrenz traten, sich aber an deren Gepflogenheiten wohl rasch anpassten). Die Kadettenausbildung als Kern der sozialen Anerkennung hatte aber mit dem Krieg, in dem die Absolventen dieser Ausbildung sich eben nicht als vorbildliche Soldaten, sondern als autoritätshörige Leuteschinder gezeigt hatten, ihre Funktion verloren. Die Kadetten waren nun mit einem Mal statt in eine geordnete, von klaren Strukturen geprägte Organisation, in der sie eine vornehme Position einnahmen, in eine chaotische, sich vielfach widersprechende Gesellschaft entlassen, in der sie weder einen klaren Ort hatten noch Privilegien genossen, sondern sich – nicht anders als alle anderen – orientieren und durchsetzen mussten. Und das unter ökonomischen, sozialen und politischen Voraussetzungen, die ihnen nicht zuspielten, sondern ihre Kompetenzen als ungeeignet dastehen ließen (es sei denn als Empfangschef oder Eintänzer einer größeren Hotels).

Das gute Benehmen, das einem Hermann Ehrhardt den Zugang zu den einflussreichen Eliten der neuen Republik vor allem im Süden verschaffte, ermöglichte seinen Leuten bestenfalls ein kärgliches Einkommen. Seine andere Seite war das entschiedene nationale Bekenntnis, in dem der Überlegenheitsanspruch – persönlich wie national – stets mitzudenken ist. Daraus resultieren Hass, Abwertung, Diskreditierung und der unbedingte Unterwerfungswille. Das mag man mit gewaltorientierten Sozialisation oder mit der grundlegenden Verunsicherung dieser sozialen Klasse begründen, es ändert nichts. Auch dass Protagonisten wie Ehrhardt bereits beim Völkermord an den Hereros beteiligt waren, der das unrühmliche kolonialistische Engagement des Reiches krönte, erklärt nichts außer einer langen Liste eine weitere Schandtat anzufügen. Ihr extremer Nationalismus hingegen diente den Interessen und dem Vorteil dieser Klasse. Und das wiederum erklärt die Unbedingtheit, mit der die Freikorpssoldaten ihre eigenen Landsleute abschlachteten (zum Teil eben im Sold der Reichsregierung). Sie bestätigten damit ihren Rang und ihre Überlegenheit (gegen jeden weiteren Anschein, der etwa der Demobilisierung zuzuschreiben war).

Aber auch darüber hinaus finden sich in Hüetlins Text Passagen, die zwar wohltönend, aber wenig hilfreich sind: Dass sich etwa in Walther Rathenau die Widersprüche seiner Zeit gebündelt hätten, soll was heißen? Über die Leitmotive der persönliche Beziehung Walther Rathenaus zur Ehefrau des AEG Vorstandsvorsitzenden Felix Deutsch, Lilli, lassen sich viele blumige Sätze schreiben. Was sie über die politische Position Rathenaus aussagen oder über die Bedeutung, die seine Ermordung für das politische und gesellschaftliche System hatte, muss wohl offen bleiben. Und darin liegt das Problem der persönlichen und zugleich moralischen Präsentation Hüetlins: Sie mag eine wünschenswerte Empörung vorführen, führt aber auf Abwege und bleibt zugleich notwendigerweise unterkomplex.

Das lässt sich etwa an Hüetlins beiläufigen Bemerkungen zur Revolution 1918 nachvollziehen, die er in einen einfachen Antagonismus zwischen den Revolutionären wie Kurt Eisner, Karl Liebknecht oder Rosa Luxemburg und deren Gegenkräfte auflöst, denen er neben der Reichswehrführung, die demobilisierten Militärs à la Ehrhardt, große Teile der Beamtenschaft und eben auch die Sozialdemokratie zurechnet, die sich mit der nationalistischen Rechten gemein gemacht hatte. Der immer wieder kolportierte Spruch Gustav Noskes, dass einer ja der Bluthund sein müsse, wird ohne weiteres zum Eingeständnis seiner gewissenlosen Instrumentalisierung der Freikorps gewendet. Aber das greift zu kurz, ohne dass man Sympathien für Noske hegen muss. Zweifellos ist die Inanspruchnahme der Freikorps durch den Rat der Volksbeauftragten und die spätere Reichsregierung politisch mehr als problematisch. Aus der Perspektive der Sozialdemokratie, die die überwältigende Mehrheit der Arbeits- und Soldatenräte stellte, standen jedoch der Übergang zu einer parlamentarischen Demokratie, die Umsetzung sozialer Reformen, die Bewältigung der Demobilisierung, die Initialisierung einer neuen Zivilgesellschaft und Sicherung der Versorgung der Bevölkerung im Vordergrund und hatte eine größere Relevanz als die Umsetzung der sozialistischen Gesellschaft nach sowjetischem Vorbild. Aber für solche komplexere und widersprüchlichere Problemlagen hat Hüetlin keinen Platz. Ihm geht es um die moralische Zuspitzung, um eine Bloßstellung eines Haufen politischer Hasardeure, die sich allzu großer Zustimmung erfreuen durften.

In diesem Zusammenhang steht auch die Aktualisierung, mit der Hüetlin seine Darstellung der Entstehung des rechten Terrors im Deutschland der Nachkriegsjahre beendet. Dabei hat die Neue Rechte der jüngeren Jahre nur wenig mit den Freikorps der 1920er Jahre zu tun. Und ihre Anbiederung an den Nationalsozialismus hat wohl mehr mit der Faszination des erfolgreichen Bösen zu tun als mit einer gemeinsamen Grundlage. Die soziale Basis unterscheidet sich, die Motivation ist eine andere, die Ziele haben sich verändert. Die Renaissance nationalistischer Denkformen und Bekenntnis ist dabei nicht zu übersehen – aber eben auch nicht, dass der Schoß, aus dem dieser Neue Nationalismus kriecht, ein anderer ist.

Davon abgesehen orientieren sich beide Phänomene – die Konjunkturen nationalistisch-völkischer Ideologien in den 1920er Jahren und der Neo-Nationalismus der jüngeren Gegenwart – an einem imaginären Deutschland. Das führt naheliegend dazu, dass dieses Deutschland historisch verankert werden muss – die berühmten tausend Jahre deutscher Geschichte, in der es den einen oder anderen Fliegenschiss gegeben haben soll.

Wie viel Verunsicherung in der neuen Republik steckte, lässt sich vielleicht an der Schrift eines Journalisten-Kollegen Hüetlins, Armin Fuhrer, zeigen, der in Hunger & Ekstase vor allem die Gründungsjahre der Weimarer Republik und hier vor allem die unvorstellbaren Folgen der Hyperinflation des Jahres 1923 in den Vordergrund stellt. Ja, auch er stellt den Rathenau-Mord an den Anfang seiner kultur- und sozialhistorischen Exkurse, die das Bild einer zugleich verkommenden, verelendenden und doch extrem hedonistischen Zeit zeichnen.

Die Verelendung weiter Bevölkerungskreise, deren Einkommen, soweit sie welches erwirtschaften konnten, und deren Vermögen, soweit sie es über den Krieg gerettet hatten, binnen Kurzem vernichtet wurden, ist aus heutiger Sicht kaum noch nachvollziehbar. Dabei haben die Hyperinflation und der Große Krieg bis heute einen unerhört großen Einfluss auf Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. So groß, dass die früheren paradigmatischen Katastrophen bis hin zum Dreißigjährigen Krieg dahinter verblassen. Die Hyperinflation gibt bis heute die Folie einer unseriösen, menschenverachtenden Finanzpolitik, die anderen Interessen dient als denen der Allgemeinheit.

Und doch verschwinden die Ursache der rasanten Geldentwertung hinter dem Entsetzen über ihre Folgen: So gehört es heute zwar zu den Standardbegründungen für die Inflation, dass das Reich damit seine Kriegsschulden bei der eigenen Bevölkerung abtragen konnte, aber die enormen sozialen und politischen Folgen einer solchen Finanzpolitik können die Verantwortlichen jener Jahre nicht übersehen haben. Statt dem aber weiter nachzugehen, stilisiert Fuhrer die damaligen Politiker zu Junkies, die an der Nadel des sich endlos reproduzierenden Geldes hängen.

Keine Frage, Fuhrers reich illustrierte Darstellung ist in der Darstellung des Elends, aber auch der exaltierten Auswüchse jener Jahre ungemein eindrücklich. Hunger & Ekstase kommt mithin daher wie das kulturjournalistische Seitenstück zu den filmischen Erfolgsprodukten wie Babylon Berlin oder den Romanen von Volker Kutscher oder Kerstin Ehmer – wogegen nichts zu sagen ist. Und er weiß mit diesem Pfund zu wuchern, zahlt dafür aber auch einen Preis. Denn Politik, Kultur und Gesellschaft werden in Hunger & Ekstase in den Strudel der Inflation hineingezogen, andere Ursachen für die Vielfalt und den Variantenreichtum der Weimarer Republik verschwinden. So gerät ihm seine Darstellung in eine Neuauflage der Roaring Twenties einerseits und dem Tanz auf dem Vulkan andererseits, Glanz und Elend, geboren aus dem Strudel von Inflation und Hysterie. Aus dieser Sicht ist der Mord an Rathenau in der Tat der Beginn einer Sturzfahrt und nicht das Signal, an dem sich die Republik noch einmal aufrichten konnte, für wenige Jahre vielleicht, bis dann der wirkliche Untergang folgen würde. Nicht minder lehrreich, hoffentlich.

Titelbild

Martin Sabrow: Der Rathenaumord und die deutsche Gegenrevolution.
Wallstein Verlag, Göttingen 2022.
334 Seiten, 29,00 EUR.
ISBN-13: 9783835351745

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Titelbild

Thomas Hüetlin: Berlin, 24. Juni 1922. Der Rathenaumord und der Beginn des rechten Terrors in Deutschland.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022.
304 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783462054385

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Titelbild

Armin Fuhrer: Hunger & Ekstase. Berlin 1922/23.
Elsengold Verlag, Berlin 2022.
224 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783962010867

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