Schuldig zwischen Wahn und Wirklichkeit

Annika Domainko debütiert mit „Ungefähre Tage“, einem Roman über Missbrauch in der Psychiatrie

Von Rainer RönschRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rainer Rönsch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In ihrer Dissertation definierte Annika Domainko anhand der Werke zweier römischer Geschichtsschreiber die Unsicherheit als existenzielle Erfahrung des Menschen, der die Welt wahrnimmt und sich mit ihr auseinandersetzt. In einem Interview sagte sie, im Studium habe sie fürs Leben gelernt, dass sich niemand die Welt erschließen kann, ohne zu erzählen. Von beiden Ausgangspunkten führt ein gerader Weg zu ihrem Debütroman Ungefähre Tage über eine durch Unsicherheit und Unschärfe gekennzeichnete zwischenmenschliche Beziehung in einer psychiatrischen Anstalt.

Für Grün, Vorname unerwähnt, der seit über 18 Jahren „auf Station“ arbeitet, ist längst Routine, dass das wirkliche Leben hinter einem Vorhang stattfindet, den man schützend um die Betten der Patienten zieht. Diesen Schutz gewährt Grün der stimmenhörenden und selbstmordgefährdeten rothaarigen Patientin nicht, die über 20 Jahre jünger ist als er und die ihn fasziniert. Sein immer enger werdender Kontakt zu der namenlos bleibenden Patientin kann hier nur knapp umrissen werden. Er duzt sie schon bald, sie ihn erst viel später. Sie reden im Klinikgarten miteinander, auch über Bücher. Grün lässt die Patientin, was zum abendlichen Ritual wird, Klavier spielen, und behauptet dem Arzt gegenüber, Gruppentherapie sei nicht günstig für sie. Auch macht er fürsorglich Milch für sie warm und hat für all dies als diensthabender Pfleger erstaunlich viel Zeit.

Zuweilen reden beide von sich selbst in der dritten Person. Auf ihren Singsang „Sie stand auf und ging die Treppe nach oben zur Eingangstür“, erwidert er: „Grün sperrte die Tür auf“. Immer wieder sieht Grün vor seinem inneren Auge irgendwelche Bilder, die nichts mit der Realität zu tun haben. Und dann bekommt er von ihr die sehr reale Nachricht, sie sei schwanger.

Kommt es zwischen einem Psychiatrie-Pfleger und einer Patientin zum Sex, so begeht der Pfleger eine Straftat. Auch bei  Einvernehmen“, denn welchen Wert hat das bei einem Menschen, der sich in psychiatrischer Behandlung befindet? Grün hätte seine Zuständigkeit für diese Patientin rechtzeitig aufgeben müssen.

Auf dem Rückumschlag ist von der „Geschichte zweier haltloser Menschen“ die Rede. Für die Patientin scheint das Wort unangebracht, und auch den zweifellos schuldigen Pfleger charakterisiert es nur zum Teil. Ihm gibt die Patientin genügend Halt, um endlich ein jahrelang verdrängtes Trauma anzusprechen. Er hat seine Jugendliebe, die rothaarige(!) Mira, bei einem Autounfall verloren. Ob er selbst der Unfallverursacher war, bleibt offen. Grün erfährt, dass der Vater der Patientin kurz vor ihrer Geburt auch bei einem Autounfall ums Leben kam.

Beide Protagonisten befinden sich in gefährlichem Ausnahmezustand. Wie prekär Grün zwischen Wahn und Wirklichkeit schwebt, wird in einer grotesken Kneipenszene deutlich, in der er sich von einer übergriffigen Patientin bedrängt fühlt, die außer ihm aber niemand sieht, auch nicht sein Kollege, der ihn dort dezent vor einem Fehltritt mit der Rothaarigen warnt.

Zum Pflegeberuf ist Grün auf Umwegen gekommen. Als Sohn eines Arztehepaars hatte er Archäologie studiert, das Studium aber kurz vor Schluss abgebrochen, um psychiatrischer Pfleger zu werden. Man darf vermuten, dass Miras Tod eine Rolle spielte. Verheiratet ist Grün mit einer Juristin, die er in der Klinik kennengelernt hat, wo sie ein Forschungsprojekt leitet. Von ihrer Familie wird er wegen seiner niedrigen Stellung in der Hierarchie nicht für voll genommen. Grüns zärtliche Liebe gehört der kleinen Tochter Maja. Er ist Raucher, wirft auch Drogen ein, treibt andererseits extremen Sport.

Die Autorin, ihres Zeichens promovierte Latinistin und Archäologin, erfindet Grüns anhaltendes Interesse für die Archäologie und kann so eigene Fachkenntnisse in den Roman einbringen. Das gelingt dort am besten, wo Parallelen zwischen dem geschützten antiken Tempelbezirk und der geschlossenen Abteilung sowie zwischen archäologischer und psychiatrischer Spurensuche erkennbar werden.

Ausgerechnet auf der griechischen Insel Ägina, auf der Grün einst glücklich war, findet seine Frau den von einer Journalistin an ihn zur Stellungnahme übermittelten Entwurf eines Zeitungsartikels, in dem seine Beziehung zur rothaarigen Patientin thematisiert wird. Frau und Kind verlassen ihn daraufhin. Als er wider besseren Rat in die Klinik zurückkehrt, steht sein Name dort nicht mehr auf den Dienstplänen.

Für die ausdrucksstarke Annika Domainko wird der Ich-Erzähler gelegentlich zum sprachlichen Problem. Grün ist gebildet und belesen, doch manche Formulierung traut man ihm einfach nicht zu: „Ihre Hände und das Buch flossen über die Treppenstufen, sickerten in die Erde.“

Mehrfach ist von Raymond Queneaus sprachvirtuosen „Stilübungen“ die Rede, wo es heißt, dieselbe Geschichte lasse sich auf viele verschiedene Arten erzählen. Das ist wichtig für die beiden Protagonisten und für die Erzählperspektive, die entschieden vom Linearen abweicht und Mutmaßungen schier unauflösbar mit Realitäten mischt. Ungewissheit und Mehrdeutigkeit, an die man sich beim Lesen gewöhnen muss, machen den soghaften Reiz des Buches aus. Geschickt zwischen präziser Klarheit und verschwommener Unbestimmtheit lavierend, geht dieser Debütroman weit über die Geschichte eines Missbrauchs und über das Fachgebiet der Psychiatrie hinaus. Ungefähre Tage durchlebt man, wenn klare Momente durch verschwimmende Bilder und Klänge beeinträchtigt werden.

Der ungewöhnliche Gebrauch des Adjektivs „ungefähr“ findet sich auch in einem kurzen leitmotivischen Text vor Romanbeginn. Da ist von einem Ich die Rede, das „aus fremden Mündern zu einem spricht“ und von der „Erde ungefährer Tage“, die sich das Ich von den Händen wäscht.

Titelbild

Annika Domainko: Ungefähre Tage.
Verlag C. H. Beck, München 2022.
224 Seiten, 23 EUR.
ISBN-13: 9783406781551

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