Von der poetischen Aufmerksamkeit
Mit dem Gedichtband „Das Licht über der See bildlos“ geht die Reise des Dichters Heiner Bastian weiter auf der sprachspielerischen Suche nach den Echo-Räumen der Erinnerung
Von Nora Eckert
Neulich las ich, ein Foto sei so präzise wie ein Gedicht, nur entstehe es wohl schneller und brauche, um ein Bild zu werden, nur ein Hundertfünfundzwanzigstel Sekunde. Bei dieser Geschwindigkeit kann ein Gedicht zwar nicht mithalten, aber wie das Foto erzählt es am Ende und vorzugsweise in Bildern. Wobei freilich zu prüfen wäre, wie schnell tatsächlich Gedanken ins Bewusstsein schießen. Und in dem Band „Wittgenstein und die Literatur“ schrieb Wolfgang Huemer als einer der Herausgeber, Gedichte würden „Schaukästen“ erstellen, „in denen vorgeführt wird, wie Sprache funktioniert; so erkunden – und erweitern – sie deren Grenzen“. Und das Erste, worauf man in Heiner Bastians soeben im Verlag Schirmer/Mosel erschienenen Gedichtband stößt, ist ein Zitat von Ludwig Wittgenstein, dem ‚Schutzheiligen‘ der Dichter und Schriftsteller, in dem er von jenem seltsamen Zustand berichtet, in dem wir träumen und zugleich erkennen, dass wir träumen. Wittgenstein nennt diesen Zustand die „besseren Stunden“ und lässt uns mit Mutmaßungen darüber zurück, warum und in welcher Weise es die „besseren“ Stunden seien.
Fassen wir zusammen, so haben wir mit dem oben Beschriebenen drei Aussagen, mit denen jenes Sonderding der Sprache, nämlich die Dichtung, in wechselnden Perspektiven umschrieben wird. Vorausgesetzt ist dabei stets eine poetische Aufmerksamkeit – bei den Schreibenden und Lesenden gleichermaßen. Da ist zum einen die Präzision in der Herstellung von Bildern, die auch gerne als Metaphern bezeichnet werden können. Weil diese Bilder wiederum mit den Mitteln der Sprache erstellt werden, lassen sie uns auf das Spiel mit ihr blicken. Bild-Herstellung wie Sprach-Spiel ereignen sich im Zwischenreich des Traums, den wir auch Fantasie nennen können, und der sich mit Bewusstsein füllt.
Die auf das Wittgenstein-Zitat folgenden Gedichte, die stets die Form des Offenen wählen, liefern – wenn wir so wollen – das Sprach- und Anschauungsmaterial für das Zusammenwirken von Bild-Herstellung und Sprach-Spiel in Verbindung mit Zusammenhang von Traum und Bewusstsein. Denn die Erkenntnis, zu träumen, erweist sich in der Tat als besser denn nur zu träumen, weil es den Traum mit Bewusstsein füllt und ihn so schließlich aufs Papier lenkt.
Die Gedichte des Bandes sind thematisch eher locker in drei Abteilungen sortiert. Auf die erste, eingeleitet durch das besagte Wittgenstein-Zitat, folgt die mit der titelgebenden Zeile „Das Licht über der See bildlos“ überschriebene Abteilung und geht über in „Die Zeit die unvorstellbare Zeit“. Und wie schon in dem Vorläufer-Gedichtband Das Gedächtnis des Vergessens, haben wir es auch hier mit poetisch-philosophischen Notaten zu tun, die zumeist unterwegs auf Reisen entstanden sind, aber genauso gut als das daherkommen, was wir altmodisch ‚Lesefrüchte‘ nennen.
Und dass sich der Autor schon sein Leben lang mit der bildenden Kunst befasst und das auf eine recht intime Weise, bedeutet hin und wieder, dass uns Zeilen begegnen, die unzweifelhaft aus einem malerischen Fundus stammen – besonders deutlich, wenn es an einer Stelle heißt: „Doch das gelbe Licht vor einem Café in Arles bewahrt noch immer / Das wirkliche Bild van Goghs“. Nicht immer ist der Bezug so offen erklärt: „Farbe und Formen, das Flüstern des Unwirklichen / Der Wirklichkeit.“ Hier bleibt uns verschlossen, wer wo Farbe und Formen zusammenbrachte und mit welchem Ergebnis, um darin das Flüstern des Unwirklichen der Wirklichkeit hervorzubringen. Am Ende bleibt auch dieses Flüstern in der Wahrnehmung des Dichters verschlossen, um uns lediglich zu sagen, dass jenes Flüstern durch das Sehen, Aufnehmen und Festhalten in der sprachlichen Übersetzung entsteht. So beispielsweise auch in diesen Zeilen: „Der Schatten, der einem Gedanken innewohnt / Bild, das neben dem Gedanken steht“ Oder: „Zu verstehen, Wirklichkeit in all ihren fließenden Erscheinungen / Schau in dieses ewige Addendum ihrer steten Fluchten“
Stimmungen spielen eine große Rolle, ebenso Erinnerungen aus den Echoräumen der Vergangenheit, die sich mit der Präsenz und den Schwingungen der Gegenwart vermischen, sie überlagern. Der Griechenland-Liebhaber Bastian kehrt immer wieder zur Antike zurück: „Die Stimme Homers, die unsere Untergänge spricht / Und die Welle Trojas wird ihr ewiger Anfang sein“. Oder dies: „Der Glaube von einem halben Leben, das andere halbe Leben / Die Erinnerung“. Und dann taucht die Antike plötzlich in Dublin auf, was wir James Joyce und seinem „Ulysses“ zu verdanken haben: „Unter dem Zelt der Liffey fährt noch immer Odysseus / Im Wind des Aeolus den Lebenden und Toten entgegen“. Der am baltischen Meer geborene Bastian fragt sich: „Was ist es, was, das sich aus der Erinnerung öffnet / Das baltische Meer in der See von Antiparos“ Daraus folgt am Schluss die Einsicht: „Wie seltsam, dass auch Erinnerungen zur wirklichen / Welt gehören / In einer Welt, die von der Welt des Vergessens erzählt“.
Auch das Dichten selbst ist immer wieder Gegenstand des Nachdenkens und hinterlässt seine Spuren auf dem Papier. Es finden sich alchimistisch anmutende Übersetzungsprozesse von Sehen und Empfindung, von Bewusstsein und Imagination, vom dem Hier und Jetzt mit der aufscheinenden Vergangenheit. Am Ende wird das Denken, Wahrnehmen und Schreiben zur im wahrsten Sinne ausbuchstabierten Sinnlichkeit. Und wo so viel von Stimmungen die Rede ist, da muss es uns nicht wundern, wenn uns schon der Buchumschlag sozusagen einstimmt auf das zu Erwartende. Hier sind es Cy Twomblys Graphismen in Blau und Rot, zittrige Linien, Kurven, Kringel, die lauter weiße Löcher drehen und ihre Botschaft in sich eingeschlossen haben.
Die Rede ist von einer verborgenen Sprache, die Wirklichkeit und Unwirklichkeit unkenntlich mache: „Das namenlose Universum einer Schrift, die sich selbst liest“ Oder dies: „Und ich schreibe dieses Gedicht und bin noch ich und dann auch nicht / Und wenn ich es betrachte, ist es das Gedicht, das jetzt mich betrachtet“ – Und schließlich: „Und die Imagination stets größer als ein einziges Leben / Hier, nur hier, in der Miniatur des Gedichts / ist sie leichter als Schatten“. Der neue Gedichtband Heiner Bastians ist wohl für jene geschrieben, die sich auf die Leichtigkeit der Schatten, auf das Offene der Sprache, auf das Vage und Flüchtige in ihr einlassen.
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