Ein Landmatrose und erfolgreicher Kinder- und Jugendbuchautor
Erinnerung zum 100. Geburtstag von Benno Pludra
Von Manfred Orlick
In kaum einem DDR-Kinderzimmer fehlten die Kinderbücher von Benno Pludra. Mit über vierzig Kinder- und Jugendbüchern war er nicht nur einer der produktivsten, sondern der vielleicht wichtigste Kinderbuchautor der frühen DDR-Literatur. Die jungen Leser von damals können sicher heute noch die Buchtitel aus dem Gedächtnis nennen. Die kleinen Helden seiner Geschichten waren keine Jungpioniere, die mit Halstuch und Bollerwagen Altpapier zur Stärkung der Republik sammelten, noch hatten sie Berufswünsche wie Mähdrescherkapitän oder Kosmonaut. Pludras Sympathie gehörte den Außenseitern, ihren Träumen und Wünschen. In zahlreichen seiner Werke spiegelten sich seine Liebe zum Meer sowie seine Sehnsucht nach Wind und Wellen wider.
Benno Pludra wurde am 1. Oktober 1925 in Mückenberg/Niederlausitz als Sohn einer Arbeiterfamilie geboren. Nach dem Schulbesuch ging er mit 17 Jahren zur Handelsmarine, wo er auf einem Segelschulschiff eine Matrosenausbildung absolvierte. Nach Kriegsende wurde Pludra zum Neulehrer ausgebildet und erwarb das Abitur an der Arbeiter- und Bauernfakultät. Der Junglehrer studierte anschließend Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte an der Universität Halle. Während des Studiums entstanden erste Geschichten und Zeitungsreportagen. Das Studium brach er jedoch ab und arbeitete als Zeitungsredakteur in Ost-Berlin.
In seinen ersten Erzählungen wie in seinem Debüt Ein Mädchen, fünf Jungen und sechs Traktoren (1952, Illustrationen von Max Lingner) war Pludra jedoch noch der Aufbauliteratur der frühen DDR-Literatur verpflichtet. Sein Talent für Naturschilderungen und Figurencharakteristik wurde aber auch hier schon deutlich. Mit dem Kinderbuch Bootsmann auf der Scholle (1959, Illustrationen von Werner Klemke) befreite sich der Autor dann allmählich aus dem Genre der sozialistischen Jugenderzählung. In der Geschichte geraten drei Kinder mit ihrem Hund namens Bootsmann auf der Ostsee in eine gefährliche Lage. Am Ende werden sie von einem sowjetischen Dampfer gerettet.
Mit Lütt Matten und die weiße Muschel (1963, Illustrationen von Werner Klemke) und Die Reise nach Sundevit (1965, Illustrationen von Hans Baltzer) festigte Pludra seinen Ruf als einer der führenden DDR-Kinderbuchautoren. Die Geschichte, in der der Fischersohn Lütt Matten, dem bislang keine Aale in die Reuse gehen wollen, auf eine abenteuerliche Suche nach der weißen Muschel geschickt wird, erlangte rasch große Popularität. Die Verfilmung (1964) wurde ein großer Erfolg und ein Klassiker des Kinderfilms der DDR.
In Die Reise nach Sundevit ist der achtjährige Timm, der Sohn des Leuchtturmwärters, viel allein. Da wird er von Mädchen und Jungen, die hinter den Dünen gezeltet haben, auf eine Reise nach Sundevit eingeladen. Vorher muss er jedoch noch einige Aufträge erledigen. Dabei trifft er unterwegs immer wieder auf Menschen, die ihn um Hilfe bitten, sodass die Kindergruppe nach seiner Rückkehr bereits abgereist ist. Tim beschließt, ihr nachzufahren, und gerät dabei in Gefahr. Die Verfilmung (1966) wurde auf dem Mannheimer Jugendfilmfest mit einer Urkunde ausgezeichnet.
Mit seinem Roman Tambari (1969, Illustrationen von Gerhard Lahr) legte Pludra schließlich große Literatur vor und etablierte sich als Klassiker. Der zwölfjährige Jan setzt alles daran, einen morschen Kutter zu retten, der nach dem Südseeatoll Tambari benannt ist. Einst gehörte er dem alten Seemann und Weltumsegler Luden Dassow. Die Dorfbewohner schenken das Wrack den Kindern, aber Jan und seine Freunde machen das Boot wieder seetüchtig. Das weckt bei den Erwachsenen wieder Begehrlichkeiten. Tambari (1977 verfilmt) erzählt von dem Miteinander einer Dorfgemeinschaft und den Konflikten zwischen den Generationen.
Mit Insel der Schwäne (1980, Illustrationen von Gerhard Lahr) und Das Herz des Piraten (1985, Illustrationen von Jutta Bauer) thematisierte Pludra dann Familienkonflikte aus der kindlichen Perspektive. In Insel der Schwäne trauert der 12-jährige Stefan seinem verlorenen Kinderparadies in einem abgelegenen Dorf an der Oder nach, denn der Familienwohnsitz muss wegen eines Arbeitsplatzwechsels des Vaters in eine Plattensiedlung in der Großstadt verlegt werden. Das Kinderbuch gehörte über viele Jahre zum verbindlichen Schullesekanon.
In Das Herz des Piraten lebt Jessica mit ihrer alleinerziehenden Mutter Elisa in einem Dorf, irgendwo am Meer. Ihren Vater Jakko hat die Achtjährige nie kennengelernt. Als Jessi am Strand einen besonderen, rötlichen Stein findet, wächst ihre Sehnsucht nach dem Vater, der plötzlich mit einem Wanderzirkus ins Dorf kommt. Ihre Hoffnung auf ein gemeinsames Familienleben zu dritt erfüllt sich jedoch nicht. Der Kinderroman verknüpfte realistische mit fantastischen Ebenen. Die Verfilmung 1988 war eine gesamtdeutsche Gemeinschaftsproduktion. Der Titel wurde zudem 2008 in die englische Ausgabe des Lektüre-Wegweisers 1001 Children’s Books – You Must Read Before You Grow Up (dt. 1001 Kinder- und Jugendbücher – Lies uns, bevor du erwachsen bist!, 2010) aufgenommen.
In den Erzählungen und Romanen, die nach 1990 entstanden, griff Pludra dann neue, aktuelle Themen der Nachwendezeit auf. So in einer seiner letzten größeren Erzählungen Jakob heimatlos (1999). Jakob ist von zu Hause abgehauen, wo der Vater seit Jahren arbeitslos ist. Jetzt lebt Jakob auf der Straße, mitten in Berlin. Pludra erzählt von der augenscheinlichen Ausweglosigkeit und den Gefühlen des Elfjährigen. In seiner gesellschaftlichen Anklage lässt er offen, ob Jakob zu seinen Eltern zurückkehrt.
Bereits 1970 war Benno Pludra mit seiner Familie nach Nedlitz bei Potsdam gezogen. Er lebte nach dem Tod seiner Frau die letzten vier Jahre in einem Seniorenheim in Potsdam und starb hier am 27. August 2014 im Alter von 88 Jahren.
Für sein kinder- und jugendliterarisches Schaffen wurde Pludra mehrfach ausgezeichnet; u. a. wurde ihm 1966 und 1981 der Nationalpreis der DDR verliehen. Nach der Wende erhielt er für seine Erzählung Siebenstorch 1992 den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Kinderbuch sowie 2004 den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreis für sein Gesamtwerk. In der Begründung der Jury hieß es: „Benno Pludra versteht sich als Anwalt seiner jungen Leser, der ihnen ohne pädagogisch aufgesetzten Gestus, allein mit der Kraft der Erfindung seiner Geschichten und der sprachlichen Meisterschaft, den Wert von Idealen nahezubringen versteht“.
Die Werke Pludras, angefangen von den Texten für Bilderbücher bis hin zu seinen fantastisch-realistischen Problembüchern, bestechen durch ihre einprägsamen Figuren und ihren poetischen Erzählstil. Ihre Gesamtauflage übersteigt fünf Millionen Exemplare, und sie wurden in viele Sprachen übersetzt. Obwohl einige bereits während der DDR-Zeit in der Bundesrepublik veröffentlicht wurden, ist sein Name dort bis heute deutlich weniger bekannt als im Osten. Seit 2002 werden sie wie auch andere DDR-Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur im Beltz / Der KinderbuchVerlag herausgebracht. Leider gab es anlässlich des 100. Geburtstags von Benno Pludra, dessen Werke nicht nur Kindheitserinnerungen sind, sondern die auch heute noch Leser*innen finden, keine Jubiläumsausgabe.













