Ein tief gespaltenes Land

Sechs neue Sachbücher beschreiben die USA unter der Präsidentschaft Donald Trumps – und den neu gewählten Präsidenten Joe Biden

Von Dieter KaltwasserRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dieter Kaltwasser

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Am 3. November wurde in den USA ein neuer Präsident gewählt. Doch schon lange vor der Wahl war das Land tief gespalten. Viele hatten gehofft, dass die Abstimmung einen Erdrutschsieg für Joe Biden bringt. Trump hingegen hatte sich bereits während der laufenden Wahl zum Sieger erklärt, obwohl viele Stimmen noch gar nicht ausgezählt waren. „Er setzt seine Politik der letzten Wochen und Monate fort, den Wahlvorgang systematisch zu delegitimieren“, sagte US-Experte Markus Kaim in einem Interview. Trump kritisierte immer wieder „illegale“ Stimmen bei der US-Wahl, deren Auszählung seiner Ansicht nach gestoppt werden müsse. Damit bewies er allerdings nur, dass er das juristische System nicht verstehe, so Kirk Junker, Professor für US-Recht, Trumps andauernde Attacken auf den Auszählungsprozess zeigten, dass der Präsident „ahnungslos“ sei. Vor allem aber scheint Trump unfähig zu sein, eine Niederlage zu akzeptieren.

Die amerikanische Philosophin Judith Butler schrieb hierzu kürzlich im Guardian: „Wir wissen, dass Trump versuchen wird, alles zu tun, um an der Macht zu bleiben, um diese ultimative Katastrophe im Leben zu vermeiden, nämlich ein ‚Verlierer‘ zu werden.“ Und sie fährt fort:

Es stand nie in Frage, dass Donald Trump keinen gnädigen und schnellen Abgang schaffen würde. Die einzige Frage, die sich für viele von uns stellte, war, wie destruktiv er noch im Laufe seines Untergangs werden würde. Ich weiß, dass der ‚Untergang‘ normalerweise Königen und Tyrannen vorbehalten ist, aber wir bewegen uns in dieser Sphäre, nur dass hier der König zugleich der Clown ist, und der Mann an   der Macht ist zudem ein Kind, das einem Wutanfall ausgeliefert ist, ohne dass    Erwachsene im Raum erkennbar sind.

Damit ist eigentlich alles gesagt über diesen 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten, der sein Land spaltet wie kein anderer zuvor. 

Eine amerikanische Katastrophe

Nach vier Jahren seiner Präsidentschaft wird man eines konstatieren müssen: Im gegenwärtigen Amerika kann man beobachten, wie es ist, wenn eine Demokratie demontiert wird, die einmal als unzerstörbar galt. Die USA befinden sich in einem Bürgerkrieg, der mit den Waffen der Mediengesellschaft ausgetragen wird. Selbst die Infektion Trumps mit dem Corona-Virus wurde zum bizarren Wahlkampf-Act. Inzwischen ist dabei nicht nur klar, dass die us-amerikanische Regierung in der Bewältigung der Pandemie nicht nur völlig versagt hat, sondern die Gefährlichkeit von COVID-19 zunächst gegen besseres Wissen gänzlich in Abrede stellte und durch die Verlautbarungen und das Gebaren ihres „Leaders“ weiterhin verharmloste.

Die beiden Journalisten Klaus Brinkbäumer und Stephan Lamby, die lange Jahre in New York tätig waren, berichten in ihrem aktuellen Buch Im Wahn – Die amerikanische Katastrophe aus einem zerfallenden Land, das „seinen Kompass und seine Wahrheiten verloren hat“ und eine „wütende, nur noch im Hass vereinte Nation“ ist.

Sie starteten im Juni 2019 mit ihren Recherchen, als Donald Trump seine Kampagne für die Wiederwahl eröffnete. Sie waren beim Vorwahlkampf der Demokraten und beim Amtsenthebungsverfahren gegen Trump dabei. Von Januar 2020 an verfolgten sie die Ausbreitung des Corona-Virus in den USA und wurden Zeugen, wie der gewaltsame Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem Polizeieinsatz eine landesweite Protestwelle gegen Rassismus und Polizeigewalt auslöste. Im Prolog des Buches wird die Harvard-Historikerin Jill Lepore zitiert: “Wir erlebten eine Katastrophe, lang bevor die Pandemie begann“.

Die Katastrophe ist das Thema dieses Buches. Zu Beginn machen beide Autoren unmissverständlich klar, dass es auch heute in den Vereinigten Staaten noch „leistungsfähige Bereiche und auch Solidarität“ gibt. „In den Monaten, als das Virus SARS-CoV-2 das Land erschreckte, erschütterte und lähmte, halfen viele Menschen einander, retteten einander.“  Ihre Diagnose aber stimme für das politische Amerika und die Welt seiner Medien, für das digitale Amerika und grundsätzlich für die amerikanische Gesellschaft: Die USA „unserer Zeit sind ein gespaltenes, ein polarisiertes Land.“ Diese Spaltung sei bis zur politischen Handlungsunfähigkeit getrieben worden, so weit, dass auf Krisen nur mit neuer Aggression, aber nicht mehr strategisch reagiert werde, „von Prophylaxe oder internationaler Zusammenarbeit, von Verlässlichkeit gar nicht zu reden, so weit, dass aus dem Zusammentreffen von fünf Krisen im Sommer 2020 eine amerikanische Katastrophe geworden ist.“

In Folge der Krise durch die Corona-Pandemie, die bis Ende August allein in den USA über 180.000 Menschenleben forderte, kam es zu einer Krise des US-Arbeitsmarktes mit geschätzten 40 Millionen Menschen, die vorübergehend oder dauerhaft ihren Job verloren. „Das uralte amerikanische Krisenthema, Rassismus, kam hinzu, als in Minneapolis George Floyd von vier Polizisten getötet wurde.“ Die vierte Krise, so die Autoren, „ist das Scheitern der Politik, die Blockade, die Handlungsunfähigkeit. Die fünfte besteht im Verfall der Glaubwürdigkeit von Wissenschaft und Medien, von Daten und Fakten – oder in der Konjunktur, die Verschwörungstheorien erleben“.

In den USA gebe es kein Thema mehr, dass sachlich diskutiert werden könne, ohne Triumphgebärde und Verletzungen. „Alles ist zur Identitätsfrage geworden und damit zur Frage von Sieg oder Niederlage: wir oder die“, resümieren Brinkbäumer und Lamby. Ihr Buch hat zwei Prädikate verdient: detailreich und brillant.

America First

Stephan Bierling ist seit dem Jahr 2000 an der Universität Regensburg Professor für Internationale Politik und Transatlantische Beziehungen und Autor von Standardwerken wie die Geschichte der amerikanischen Außenpolitik, Vormacht wider Willen – Deutsche Außenpolitik von der Wiedervereinigung bis zur Gegenwart und seine Nelson-Mandela-Biografie aus dem Jahr 2018. In seinem neuen Buch America First zieht er eine präzise und gründliche Bilanz der Präsidentschaft Trumps. Detailliert untersucht er die Innen-, Außen- und Wirtschaftspolitik des 45. Präsidenten der USA, „der gegen jede etablierte Regel der amerikanischen Politik verstößt, ja, den Regelverstoß zu seinem Markenzeichen gemacht hat.“ Bierling beleuchtet die verhängnisvollen Entwicklungen in den USA und die internationalen Auswirkungen von China über den Nahen Osten bis Europa.

Sich mit der Regierungszeit Trumps zu beschäftigen, heißt, so Bierling, „grundsätzlich über den Zustand der Demokratie in Amerika nachzudenken, und darüber zu reflektieren, wie schnell selbst das freiheitlichste Staatswesen der Welt an seine Belastungsgrenzen kam.“ Trump stelle bewährte Axiome demokratischen Regierens in Frage. Die „morbide Faszination“, die Trump auf Europäer ausübe, habe damit zu tun, dass wir in Europa den Aufstieg und zuweilen den Fall von Politikern mit ähnlicher Agenda und Methoden erleben: „Marine Le Pen in Frankreich, Matteo Salvini in Italien, Victor Orbán in Ungarn, Nigel Farage und Boris Johnson in Großbritannien.“

Für den Autor schuf Trump die „Turboversion einer neuen ‚imperialen Präsidentschaft‘“. Nichts dokumentiere seine „Maßlosigkeit besser als sein Tweet auf dem Höhepunkt“ der sog. Mueller-Untersuchungen: „Ich habe das absolute Recht, mich selbst zu BEGNADIGEN.“ Trumps Instinkte und seine Haltung seien autoritär, die bedingungslose Loyalität zu seiner Person erhebe er zum einzigen Kriterium für die Auswahl seiner Mitarbeiter. Überall wittere er Feinde und Verschwörungen, welche seine Mission zu verhindern suchten. „Mit seinem Handeln und seiner Gesinnung“, resümiert der Autor, „reduzierte Trump die USA weltanschaulich auf ein nur an Eigennutz und Besitzstandswahrung interessiertes Land.“

Die Sprache des Donald Trump

Bérengère Viennot hat sich in Ihrem vor knapp einem Jahr erschienenen Buch Die Sprache des Donald Trump intensiv mit den Reden und Tweets Trumps auseinandergesetzt. Ein Aphorismus des großen französischen Moralisten Jean de la Bruyère lautet: „Es ist ein großes Unglück, wenn man weder genug Geist hat, um zu reden, noch genug Urteilskraft, um zu schweigen.“ Treffender als mit dem Satz lässt sich das sprachliche Elend Trumps wohl nicht formulieren. Viennot arbeitet als langjährige Übersetzerin von Fachtexten für französische Zeitungen und ist mit den Reden und Tweets Trumps täglich konfrontiert.

Für die Autorin zeigt sich in seiner Sprache ein fanatischer Egoismus und sie ist zugleich Ursache und Wirkung eines neuen Amerika. Sie folgt trotz aller zorndurchtränkten Maßlosigkeit einem Kalkül: den Hass auf seine Anhänger überspringen zu lassen. Die Wortwahl, so die Autorin, ist „ausgesucht brutal“; sie protzt mit körperlicher und militärischer Gewalt, wenn Trump etwa „die Scheiße aus dem IS rausbomben“ will. Ein wirkungsvolles „rhetorisches“ Mittel von ihm ist es, fanatisierte Fans in einem überfüllten Saal gegen anwesende Journalisten und ihre „Fake News“ aufzuhetzen.

In Orwells 1984 kommt der Begriff „alternative Fakten“, nicht vor, dennoch lasse sich, so die Autorin, ein Vergleich zu Orwells „newspeak“ ziehen, vor allem zu seinem „doublethink“, der Fähigkeit, zwei einander widersprechende Überzeugungen zu hegen und gelten zu lassen. Dies gleiche den „alternativen Fakten“ Trumps, der seine eigene Wirklichkeit durchzusetzen versucht, selbst wenn sie im Gegensatz zu beweisbaren und objektiven Tatsachen steht. Oder in seiner Diktion: „Was sie sehen und lesen, ist nicht das, was wirklich passiert.“  Die einzige Realität wird von ihm und seiner nächsten Umgebung produziert, die anderen lügen.

Diese Einteilung der Welt in „gut“ und „böse“, sein binäres Denken hat Vorläufer in der jüngeren deutschen Geschichte. Die Autorin hält Trump, dies sei ausdrücklich gesagt, nicht für einen Nazi, doch seine fremdenfeindlichen und rassistischen Äußerungen für rechtsextrem. In seinem Werk LTI – Notizbuch eines Philologen, das sich mit der Sprache des Nationalsozialismus befasst, konstatierte der Philologe Victor Klemperer als ihr Hauptstilmittel dauernde Wiederholungen und die Aufhebung des Unterschieds zwischen geschriebener und gesprochener Sprache, da alles in ihr Rede war: „Anrede, Aufruf und Aufpeitschung“.

Dies müsse den von Trump übersättigten Ohren bekannt vorkommen, so Viennot. „Selbst wenn er schreibt, hört man ihn reden und sieht ihn quasi körperlich hinter seinen Drohparolen oder Tweets, die zwischen den Zeilen oft den Vorwurf des Antipatriotismus gegenüber allen Andersdenkenden enthalten.“ Viennots Buch endet dystopisch: Auch wenn Trumps Regierung beendet würde, „haben in anderen Ländern andere autokratische Figuren längst die Macht übernommen“.

Ein Biden-Porträt

Der Journalist Evan Osnos begleitet den Kandidaten der Demokratischen Partei seit einigen Jahren und hat zahlreiche Interviews mit ihm geführt, zuletzt noch im Sommer 2020. Seine Gespräche mit Angehörigen und Weggefährten wie Barack Obama bilden die Grundlage eines konzisen Porträts über den am 20. November 1942 in Scranton, Pennsylvania geborenen Joe Biden.

Der gegenwärtige „President Elect“ hat während seines Lebens dramatische Schicksalsschläge und überraschende Wendungen erlebt. Vielleicht versetze ihn gerade das in die Lage, eine gespaltene Nation zu einen und einen neuen politischen Aufbruch zu ermöglichen, so Osnos. „Joe Biden ist zugleich der unglücklichste und der glücklichste Mensch, den ich kenne“, sagte ein Weggefährte über den Mann, der bei der Präsidentschaftswahl 2020 Trump herausforderte. Mit gerade einmal 29 Jahren wurde der Sohn eines Autohändlers bereits in den US-Senat gewählt. Aber der jähe Triumph wurde von einer ebenso jähen Katastrophe überschattet. Während er unterwegs war, um sein Büro in Washington einzurichten, fuhr ein Lastwagen in das Familienauto und tötete seine Frau Neilia und ihre kleine gemeinsame Tochter Naomi. Seine Söhne Beau und Hunter wurden schwer verletzt; der neu gewählte Senator wurde an ihrem Krankenhausbett vereidigt.

Nach vielen Höhen und Tiefen führte ihn seine politische Karriere schließlich als Vizepräsident ins Weiße Haus. Osnos‘ Biographie führt zurück auf diese Spur der schrecklichen Tragödien, der enttäuschten Hoffnungen und dramatischen Implosionen, die Bidens dritter Kandidatur für das Präsidentenamt vorausgingen.

Bidens Jugend war geprägt von dem Kampf, ein schweres Stottern zu überwinden; der Kampf hinterließ seine Spuren und prägte seine Einstellung zum Leben und zur Politik. „Er hat die Unsicherheit nie ganz abgelegt“, schreibt Osnos und erinnert daran, dass er sich auch sieben Jahrzehnte später noch an die Namen der Schulkameraden erinnert, die ihn gedemütigt haben. Nachdem er diesen Dämon bezwungen hatte, gewann der noch nicht dreißigjährige Biden einen Sitz im US-Senat und vertrat dort Delaware bis ins Jahr 2009. Vor den Wahlen 1988 und 2008 bewarb er sich erfolglos um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten.  Seine zweite Präsidentschaftskandidatur brach schon zu Beginn in sich zusammen und ist vor allem wegen eines Fauxpas haften geblieben: seiner missglückten Beschreibung des Rivalen Barack Obama als „wortgewandten, intelligenten, sauberen und nett aussehenden Burschen“.

Nachdem er die Nominierung der Demokraten gewonnen hatte, überraschte Obama fast alle, als er Biden zu seinem Vizekandidaten wählte, und blickte, so Osnos, über dessen Fehler und zuweilen weitschweifige Geschwätzigkeit hinweg auf seine Tugenden, seine Kontakte auf dem Capitol Hill und seine großen politischen Talente. Von 1987 bis 1995 war er Vorsitzender des Justizausschusses, 2001 bis 2003 und 2007 bis 2009 hatte er den Vorsitz des außenpolitischen Ausschusses inne. Von 2009 bis 2017 war er US-Vizepräsident unter Barack Obama. 2017 wurde Biden mit der Presidential Medal of Freedom, der höchsten Auszeichnung für Zivilisten in den USA, ausgezeichnet.

Während seiner gesamten Karriere sei er seinem Bauchgefühl gefolgt und habe sich oft den Umständen angepasst. Wenn er gewählt werde, prognostiziert Osnos, stehe seine Neigung zum Aufbau von Partnerschaften über den gesamten Wahlgang hinweg im Widerspruch zu den Erwartungen einer neuen Generation von Wählern, die ungeduldig auf schrittweise Veränderungen warten. Der Biograph schildert einen Politiker, der behauptet, aus seinen Fehlern gelernt und mit der Zeit gegangen zu sein. Die Notwendigkeit eines wirklichen Wandels, den Biden herbeiführen will, ist nicht zuletzt der Klimakrise, der sozialen Ungleichheit und den politischen Dysfunktionen in den USA geschuldet. Die Entscheidung Bidens für Kamala Harris als Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin wird als klug bewertet. Sie ist weder eine Gegenspielerin vom linken Rand der Partei noch ein Abbild Bidens selbst. Die Juristin gilt als moderate Demokratin, erfahren im politischen Geschäft und als leidenschaftliche Kämpferin, aber es gibt auch Zweifel ob ihres politischen Kalküls. Ihr „Abstimmungsverhalten im Senat“, so Osnos, „machte sie zu einem der progressivsten Mitglieder der Kammer, aber den Linken missfielen ihre Entscheidungen als Bezirksstaatsanwältin in San Francisco und als Justizministerin von Kalifornien, denn sie hatte mit einigen Polizeireformen gezögert und die Schulverweigerung aktiv bekämpft.“

Die nächsten Wochen werden zeigen, ob Biden, Harris und Amerika tatsächlich die Möglichkeit haben werden, den gesellschaftlichen und klimapolitischen Wandel anzugehen. Es gab bereits vor der US-Wahl ernsthafte Bedenken, ob der Amtsinhaber die Niederlage eingestehen und die Präsidentschaft aufgeben würde. Donald Trump hat sich vor der Wahl geweigert, diese Garantie zu geben. „Ich habe ein gutes Gefühl dabei, wo wir stehen“, sagte Biden in einem Gespräch zu Osnos. Dieses Gefühl jedenfalls hat den gewählten Präsidenten der USA bislang nicht getrogen.

Amerikas Evangelikale und Trump

Das Buch Am Scheideweg – Amerikas Christen und die Demokratie vor und nach Trump des amerikanischen Soziologen Philip Gorski, das nur wenige Monate nach dem Original nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt, untersucht, wie der amerikanische Protestantismus zunehmend in eine autoritäre Richtung führte. Ausschlaggebend hierfür sei die Überzeugung, die „Kulturkämpfe der letzten Jahrzehnte verloren zu haben“. Die Evangelikalen sehen sich als verfolgte Gruppe in den USA und sehnen sich nach einem starken Beschützer, „der sie gleichsam aus dem Babylonischen Exil herausführt und ihnen ihr Land zurückgibt“.

Dieses Gefühl von Verlust und Anspruch sei tief im Narrativ von Amerikas als weißer christlicher Nation verwurzelt. Gott habe Trump gesendet, um sein Volk zu behüten. Doch die Evangelikalen seien kein einheitlicher Block, man müsse, so Gorski, differenzieren „zwischen den afroamerikanischen und den lateinamerikanischen Evangelikalen, die fortschrittlicher Ansichten sind zu Fragen wie Einwanderung, Wohlfahrtsstaat und Sozialpolitik. Und auf der anderen Seite die weißen Evangelikalen.“ Seine Hoffnungen setzt der Autor auf jüngere und nicht-weiße evangelikale Christen und säkulare Progressive, die ihnen entgegenkommen.

Gorski beschreibt, wie sich die Republikanische Partei und konservative Christen, weiße Evangelikale ebenso wie Katholiken, seit Jahrzehnten immer mehr annäherten und schließlich eine Koalition bildeten, die Trump letztlich zum Präsidenten kürte. Doch warum wählten Menschen, die sich für die moralischen Bestandswahrer der Nation halten, einen Kandidaten wie Trump? Gorskis Erklärung hierzu lautet: „Die meisten Beobachter in den Medien oder der Wissenschaft begreifen das als ein Tauschgeschäft. Trump verspricht Richter zu ernennen, die gegen die Abtreibung sind und sich für konservative Werte einsetzen.“ Doch dieses Tauschgeschäft reiche als Erklärung allein noch nicht aus; Trumps Weltvorstellung entspreche auf eine „bestimmte Weise der evangelikalen Weltanschauung“, dem weißen christlichen Nationalismus. Bibelfeste Evangelikale vergleichen Trump, so Gorski,

mit Kyrus, dem persischen König, der die alten Israeliten aus ihrer babylonischen Gefangenschaft befreite und ihnen erlaubte, nach Jerusalem zurückzukehren und ihren Tempel wiederaufzubauen. Wie Trump, so behaupten sie, war Kyrus ein heidnischer Mann, den Gott als Werkzeug benutzte, um sein Volk zu beschützen.

Das detaillierte und lehrreiche Buch Gorskis endet mit den verhaltenen Worten: „Dass Christentum und Demokratie zusammen gehen können, steht schon lange fest. Ob sie es in nächster Zukunft noch tun, bleibt aber zunächst offen.“

Lektionen der Freiheit

Es war schon viel zu leicht, in diesem Land zu sterben, bevor das Coronavirus in die Vereinigten Staaten gelangte. Unser stümperhafter Umgang mit der Pandemie ist das jüngste Symptom unserer Krankheit, einer Politik, die Schmerz und Tod statt Sicherheit und Gesundheit bringt, Profit für einige wenige statt Wohlstand für viele.

Diese Zeilen stammen aus dem aufwühlenden neuen Band Die amerikanische Krankheit – Vier Lektionen aus einem US-Hospital von Timothy Snyder, Professor für Geschichte an der Yale University und Autor der Bestseller Bloodlands und Der Weg in die Unfreiheit. Bereits in seinem Buch Über Tyrannei aus dem Jahr 2017 hatte er eindringlich davor gewarnt, demokratische Institutionen könnten sich unter Umständen nicht gegen die Angriffe Trumps verteidigen. Alles scheint wahr geworden zu sein, so der Autor, die Situation in den USA sei wesentlich schlimmer geworden, als sie es schon vor drei Jahren war. Die Ursachen hierfür lägen in den großen Vermögensungleichheiten, einem strukturellen Rassismus und einem katastrophalen, weil gewinnorientiertem Gesundheitssystem.

Nach einer Notoperation Ende letzten Jahres verspürte Timothy Snyder statt Dankbarkeit darüber, dass er noch am Leben war, Wut. Und in der Tat ist diese Wut das Leitmotiv seines schmalen neuen Buches. Wut über ein dysfunktionales, perverses Gesundheitssystem. Snyders Argument: In Amerika soll es eigentlich um Freiheit gehen, aber wenn das Gesundheitssystem uns ungesund macht, macht es uns unfrei. Gesundheitsfürsorge, so der Autor, sei ein fundamentales Menschenrecht, wie es in der Verfassung verankert ist. „Wenn wir Jeffersons berühmtes Trio von Rechten auf ‚Leben, Freiheit und das Streben nach Glück‘ akzeptieren, wird das Recht auf Gesundheitsfürsorge begründet“, argumentiert er.

Wenn wir ein Recht auf Leben haben, haben wir ein Recht auf die Mittel zum Leben. Wenn wir das Recht haben, nach Glück zu streben, dann haben wir ein Recht auf die Versorgung, die uns dies ermöglicht. […] Das Recht auf Freiheit impliziert ein Recht auf Gesundheitsversorgung. Wir sind nicht frei, wenn wir krank sind.

Der Autor legt mit seinem Buch einen persönlichen Krankenreport vor. Gleichzeitig aber ist es ein leidenschaftliches Plädoyer für eine Entkommerzialisierung der Medizin und für die Bewahrung und den Ausbau des Sozialstaats. „Jeder von uns“, so heißt es am Ende dieser mitreißenden Lektionen zur Freiheit, „hat eine Fackel, die gegen den Tod wütet. Und jeder von uns ist die Planke eines Floßes, das mit anderen durchs Leben schwimmt. Gesundheit ist unsere gemeinsame Schwachstelle und unsere gemeinsame Chance, gemeinsam freier zu werden.“

Auf die Frage der Zeit, was denn geschehe, wenn Trump sich weigere, nach einer Wahlniederlage das Weiße Haus zu verlassen, entgegnete Snyder: „Dann muss er wohl im Gästezimmer übernachten.“ Und er fügt hinzu: „Im Ernst, Donald Trump ist kein Demokrat. Er mag Demokratien nicht. Und er hat Dutzende Male gesagt, dass er die Ergebnisse von Wahlen nicht akzeptiert.“ Snyder warnt in einem neuen Essay im Boston Globe davor, Trump zu unterschätzen. Er stricke mit seiner Wahlbetrugslüge und der Weigerung zu gehen an einer Dolchstoßlegende. Düstere Aussichten wären dies, nicht nur für die Vereinigten Staaten von Amerika.

Joe Biden, der inzwischen für alle Welt außer Donald Trump und seine Gefolgsleute als der nächste Präsident der USA feststeht, schlug in seiner „Siegesrede“ versöhnliche Töne an und rief seine Landsleute zur Einigkeit auf. Er jedenfalls will ein Präsident aller Amerikaner sein.

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Klaus Brinkbäumer / Stephan Lamby: Im Wahn. Die amerikanische Katastrophe.
Verlag C. H. Beck, München 2020.
400 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783406756399

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Stephan Bierling: America First. Donald Trump im Weißen Haus.
Verlag C. H. Beck, München 2020.
271 Seiten , 16,95 EUR.
ISBN-13: 9783406757068

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Bérengère Viennot: Die Sprache des Donald Trump.
Aus dem Französischen von Nicola Denis.
Aufbau Verlag, Berlin 2019.
154 Seiten , 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783351034832

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Evan Osnos: Joe Biden. Ein Porträt.
Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff und Stephan Gebauer.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020.
263 Seiten , 18,95 EUR.
ISBN-13: 9783518429990

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Philip Gorski: Am Scheideweg. Amerikas Christen und die Demokratie vor und nach Trump.
Mit einem Vorwort von Hans Joas.
Herder Verlag, Freiburg 2020.
223 Seiten , 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783451388903

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Timothy Snyder: Die amerikanische Krankheit. Vier Lektionen der Freiheit aus einem US-Hospital.
Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn.
Verlag C. H. Beck, München 2020.
158 Seiten , 10,00 EUR.
ISBN-13: 9783406761362

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