Geschlechterverhältnisse in der Literaturkritik

Eine quantitative Untersuchung

Von Veronika SchuchterRSS-Newsfeed neuer Artikel von Veronika Schuchter

Die Forschung zur Bedeutung des Faktors Geschlecht für die Literaturkritik beschränkte sich bisher auf wenige Einzelstudien, die ganz im Zeichen der feministischen Literaturkritik und -wissenschaft standen und auf die Marginalisierung und geschlechtsspezifische Inszenierung und Bewertung von Autorinnen fokussiert waren, die andere Seite des Wertungsdiskurses aber außer Acht ließen. 2018 entstand allerdings ein breites mediales Interesse an dem Thema,[1] was wohl unter anderem einer Sensibilisierung durch die #Metoo-Debatte(n) zu verdanken ist. Auch wenn es bedenklich ist, dass im Zuge dieser Debatten, die eigentlich sexuelle Übergriffe, freilich in diversen Formen und Facetten, als zentrales Thema haben, feministische Themen und Anliegen unterschiedlichster Voraussetzungen oft undifferenziert vermischt wurden, gibt es zumindest den positiven Nebeneffekt, dass geschlechterbezogene Machtstrukturen vermehrt in den Fokus rücken.

Aufgabe der empirischen Literaturwissenschaft muss es sein, diese Machtverhältnisse sowohl qualitativ als auch quantitativ zu identifizieren und einer genealogischen Kritik zu unterziehen. Die Unterrepräsentation von Frauen in der Literaturkritik gilt als Gemeinplatz, eine statistisch belastbare Datengrundlage fehlte aber bisher. Kürzlich konnte die Pilotstudie #Frauen zählen. Zur Sichtbarkeit von Frauen in Medien und im Literaturbetrieb zusätzliche Aufmerksamkeit für das Thema generieren. Dort wurden für den Monat März 2018 69 deutsche Medien, sowohl Print als auch Hörfunk und Fernsehen, ausgewertet. Mit Geschlechterverhältnissen im überregionalen, deutschsprachigen Feuilleton beschäftigt sich die hier in Auszügen präsentierte Sondernummer der Reihe Literaturkritik in Zahlen, die Teil einer am Innsbrucker Zeitungsarchiv durchgeführten größeren Studie ist, die Geschlechterverhältnisse in der Literaturkritik[2] sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht untersucht. Im Gegensatz zu #Frauen zählen liegt die Konzentration ausschließlich auf Belletristik-Besprechungen in Print-Zeitungen (ergänzt um Zahlen zur Theaterkritik), außerdem wurde ein ganzes Jahr ausgewertet, was notwendig ist, da die Monatsergebnisse der einzelnen Zeitungen zum Teil deutliche Schwankungen aufweisen. Auch geht es dezidiert nicht nur um den Frauenanteil, sondern um Frauen und Männer als Akteure in literarischen Wertungsdiskursen und um eine systemtheoretische Untersuchung, die nicht nur den Ist-Zustand festhält, sondern nach den Ursachen, Mechanismen und Effekten fragt. Das Korpus besteht zunächst aus 12 überregionalen Tages- und Wochenzeitungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.[3] Regionale Periodika werden aufgrund ihrer Produktions- und Rezeptionsspezifika (u. a. Größe und Zusammensetzung der Redaktionen, regionale Interessen des Publikums und daraus resultierend andere Bücher, die besprochen werden) gesondert untersucht werden. Die gleich detaillierter vorgestellten Ergebnisse belegen nicht nur die Unterrepräsentanz von Frauen in der Kritik, sie zeigen auch, dass sich gesellschaftlich praktizierte, strukturell begünstigte geschlechtsspezifische Arbeitsteilungen als entscheidendes Kriterium bei der Verteilung von symbolischem und ökonomischem Kapital für KritikerInnen und AutorInnen erweist.

Ergebnisse

Von insgesamt 3420 Belletristik-Rezensionen konnten als Urheber 2255 männliche und 1109 weibliche KritikerInnen ermittelt werden, um ein Gefühl für die absoluten Zahlen zu bekommen. Ein ähnliches Ergebnis zeigt sich bei den Autoren und Autorinnen der besprochenen Bücher:

Sowohl im Bereich der Kritik als auch bei den AutorInnen der besprochenen Bücher zeigt sich ein deutliches Ungleichgewicht bei der Geschlechterverteilung. Rund ein Drittel der RezensentInnen sind Frauen und auch die besprochenen Bücher liegen bei dieser fast magischen Drittel-Marke, die häufig in der öffentlichen Wahrnehmung von Geschlechterrepräsentationen als ausgeglichenes Verhältnis empfunden wird. Diese Ergebnisse sind sehr aussagekräftig; um den Kausalitäten und Mechanismen auf den Grund zu gehen, bedarf es allerdings langfristig erhobener Detailergebnisse, unterteilt nach den einzelnen Periodika und nach Monat. Allein ein Blick auf die stark divergierenden Jahresergebnisse der einzelnen Zeitungen zeigt, dass monokausale Erklärungsmuster zum Scheitern verurteilt sind:

Auch die Monatsergebnisse unterscheiden sich deutlich, so liegt der niedrigste Wert bei 24% Kritikerinnen im September, der höchste bei 34% im Juni. Die Monatsergebnisse der einzelnen Periodika divergieren zum Teil noch mehr, so kommt beispielsweise die Die Zeit im Mai auf 25% Kritikerinnenanteil, im August hingegen auf rund 64%. Ein beeinflussender Faktor scheint der jährliche Kalender des Literaturbetriebs zu sein. Sehr aktive und diskursiv wichtige Monate, darunter vor allem die Buchmessemonate, weisen einen höheren Männeranteil auf, das so genannte Sommerloch hingegen, in denen Tipps für die Urlaubslektüre dominieren, wird mehr von Frauen gefüllt.

Das häufig vorgebrachte Argument, man müsse die besprochenen Bücher mit dem Geschlechterverhältnis der erscheinenden Bücher vergleichen, klingt zunächst logisch, greift aber nicht. Zunächst gibt es keine belastbaren Zahlen dazu, was großteils auf die Erfassungsmodalitäten der Verlage und des Buchhandels zurückzuführen ist, die nach Warengruppen sortieren, nicht aber (oder zumindest nicht routinemäßig) nach Faktoren wie dem Geschlecht der AutorInnen. Allerdings ist das tatsächliche Verhältnis von männlichen und weiblichen AutorInnen auch deshalb nicht relevant, weil die Literaturkritik sich ohnehin nicht am Markt orientiert. Die Zahl der Neuerscheinungen ist für den einzelnen Kritiker unüberschaubar, es greift schon eine Vielzahl an Selektionsmechanismen, bevor überhaupt ein Pool an Titeln entsteht, der für Besprechungen in Frage kommt, der wiederum wenig mit der Zusammensetzung der Neuerscheinungen zu tun hat. Wenn das, was besprochen wird, in Relation zu den Neuerscheinungen stünde oder zu dem, was dann tatsächlich gekauft wird, dann erschienen überwiegend Rezensionen zu Krimis, Fantasy und trivialen Liebesromanen, es würde indes kein einziger Lyrikband besprochen. Es ist nicht die Aufgabe der Literaturkritik als repräsentative Kommentatorin des Marktes zu fungieren, daher ist die Zusammensetzung der Neuerscheinungen auch keine sinnvolle Vergleichsgröße.

Wer bespricht wen?

Ganz entscheidend bei der Ergründung von Ursachen ist die Frage, ob das Geschlecht der Kritiker und Kritikerinnen mit dem Geschlecht der Autoren und Autorinnen der Primärtexte korreliert und hier ist das Ergebnis eindeutig:

Von allen Rezensionen, die männliche Kritiker verfassen, sind ganze 76% zu literarischen Texten von Männern. Männer besprechen also zum Großteil Männer, bei den weiblichen Kritikerinnen dreht sich dieses Verhältnis nicht um, es herrscht vielmehr nahezu Ausgeglichenheit. Das Ergebnis zeigt also deutlich: Nicht, wie häufig vermutet, je mehr Frauen es in der Literaturkritik gibt, umso mehr Autorinnen werden berücksichtigt, sondern, je mehr Frauen in der Literaturkritik arbeiten, umso ausgeglichener und vielseitiger ist das Verhältnis der besprochenen Texte und zwar in Bezug nicht nur auf das Geschlecht der AutorInnen, sondern auch auf Gattungen und Genres. Dieses doch sehr klare Ergebnis deckt sich mit Erkenntnissen aus der Sozialisationsforschung und der Rezeptionsforschung. Jungen und Mädchen wachsen mit einem männlich dominierten Kanon auf. Dem Bild des männlichen intellektuellen Autors im Geiste der Genie-Ästhetik steht kein weibliches Pendant auf Augenhöhe gegenüber, zumindest nicht im deutschsprachigen Raum, dazu müsste man schon den britischen Kanon herholen und sich eine Virginia Woolf oder Emily Brontë ausborgen. Frauen sind von klein auf trainiert, männliche Perspektiven zu übernehmen, sowohl reale als auch fiktive. Sind sie es nicht nur gewöhnt, Texte von Männern zu lesen, auch der spezifisch männliche Blick auf geschlechtsrelevante Themen und auf Frauen wird nicht als solcher markiert. Jungen und Männer hingegen werden kaum dazu geführt, eine andere als die eigene männliche Perspektive einzunehmen und mit sich selbst als Lesenden zu vereinen, was sich später in der Kritik und zuallererst bei der Textauswahl niederschlägt.

Untersucht werden muss in einem nächsten Schritt die Selektions- und Vergabepraxis der zu rezensierenden Texte. Bekommen Kritikerinnen häufiger Bücher von Frauen, Kinder- und Jugendliteratur usw. zugewiesen oder wählen sie diese selber? Suchen sich Kritiker keine Bücher von Frauen aus, oder werden sie schlichtweg nicht dazu aufgefordert?[4]

Symbolisches Kapital und geschlechtsspezifische Arbeitsteilung

Der Figur des Literaturkritikers/der Literaturkritikerin kommt eine beispielhafte ExpertInnenposition zu, der die Legitimation der öffentlichen Wertung verliehen wird, und zwar in einem Feld, dessen Konsumenten mehrheitlich Frauen sind. Diskurse der Macht sind immer auch Genderdiskurse und man kommt gar nicht umhin zu fragen, wie gesellschaftliche Gruppen darin repräsentiert werden. Aus soziologischer Sicht geht es hier also um Allokationsprozesse, wie Bourdieu sie beschreibt, um komplexe, multifaktorielle Besetzungs- und Verteilungsmechanismen von sozialem, ökonomischem und symbolischem Kapital. Die Akkumulation symbolischen Kapitals kann quantitativ nur eingeschränkt erhoben werden, über Parameter wie den Grad der Personalisierung, die Verteilung prestigeträchtiger Domänen und die Geschlechterverteilung bei Titeln mit hohem diskursiven Potential. Für die Studie untersucht wurden marginalisierte Genres, die zudem eine starke geschlechtliche Konnotation aufweisen. Als Beispiel hier die Ergebnisse der Kinder- und Jugendliteratur, ein Bereich der als genuin weiblich gilt:

Obwohl Frauen insgesamt nur für ca. 30% der Kritiken verantwortlich zeichnen, kommen sie auf rund 66% der Kinder- und Jugendliteraturbesprechungen. Das bedeutet, dass ein Viertel aller Besprechungen von Frauen in diesem Bereich erscheinen, während dieser für die Besprechungen von Männern mit nur 1,5% keine Rolle spielt.

Kinderbücher sind, was Autorschaft angeht, oft etwas komplizierter einzuordnen. Gerade bei den Bilderbüchern und Büchern im Vorlesealter gibt es häufig TexterInnen und IllustratorInnen. Daraus ergibt sich ein hoher Anteil an doppelter und mehrfacher Autorschaft.

Für weibliche Kritikerinnen, das belegen die Zahlen, ist eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung Dreh- und Angelpunkt für die Generierung symbolischen Kapitals. Zählt man allein die drei Bereiche Kinder- und Jugendliteratur, Comic und Krimi zusammen, also häufig separierte Domänen, denen wenig Prestige zugesprochen wird, kommt man bei Kritikerinnen auf einen Anteil von 36%, bei Kritikern nur auf 13,5%. Während Frauen sich nicht am Ansehen des Wertungsobjekts orientieren oder weniger gefragte Bereiche zugewiesen bekommen, solche, die als trivial gelten bzw. mit gesellschaftlichen Rollenvorstellungen korrelieren, besprechen Männer die „wichtigen“ respektive „gewichtigen“ Texte, wie ein Blick auf die 20 am häufigsten besprochenen Belletristik-Titel 2016 zeigt.

Männliche, kanonisierte Autoren wie Martin Walser, Maxim Biller und Christoph Ransmayr werden zu über 90% von Kritikern besprochen, was auch ihnen selbst mehr Aufmerksamkeit bringt. Kritikerinnen stellen hingegen öfter unbekannte Autoren und Autorinnen vor. Unter den am meisten besprochenen Büchern 2016 finden sich mit Juli Zeh, Elena Ferrante, Karen Duve und Han Kang nur vier Frauen. Allein unter den Top-10 der am meisten verkauften Titel finden sich hingegen 7 Autorinnen.

Theaterkritik

Zum Abschluss sei noch ein Seitenblick auf die Theaterkritik geworfen, die zwar in einem engen Verwandtschaftsverhältnis zur Literaturkritik steht und meist auch redaktionell mit ihr verankert ist, die aber dennoch unterschiedliche Voraussetzungen aufweist, die sich auch in den Ergebnissen niederschlagen. So bildet die Theaterkritik die tatsächliche Theaterlandschaft insgesamt sehr viel besser ab als die Literaturkritik den Literaturmarkt, gibt es doch verhältnismäßig wenig Stücke, die gar keine Beachtung finden. Sogar kleinere Produktionen werden zumindest in der regionalen Presse erfasst und besprochen. Die Selektion ist daher wesentlich geringer und in Folge ist auch die Selektionsentscheidung des Kritikers/der Kritikerin im Wertungscharakter beschränkter und weniger aussagekräftig als in der Literaturkritik. Auch außerhalb des Fokus auf Geschlechterverhältnisse sind hier interessante Ergebnisse zu verzeichnen, die weitere Untersuchungen wünschenswert erscheinen lassen. Ins Auge sticht etwa die im Vergleich mit bundesdeutschen und eidgenössischen Zeitungen hohe Anzahl an Theaterbesprechungen in den ausgewerteten österreichischen Periodika, während Belletristikrezensionen dort weniger Platz eingeräumt wird. Ausgewertet wurde ein Jahr, wobei neben dem Geschlechterverhältnis in der Kritik auch die AutorInnen der Stücke und die Regie erfasst wurde.[5]

Während der Anteil der Stücke von Frauen bei nur 13% liegt und auch in der Regie ein starkes Gefälle herrscht, ist der Anteil der Kritikerinnen im Vergleich mit der Literaturkritik sehr viel höher. Die Schwankungen zwischen den Zeitungen sind zum Teil enorm, sie reichen von nur 2% Kritikerinnen im Neuen Deutschland bis 65% im Tages-Anzeiger. Ein Grund dafür ist, dass die Vergabe von Rezensionen im Belletristik-Bereich wesentlich breiter gestreut ist als in der Theaterkritik, die auf weniger fixe KritikerInnen verteilt ist. Interessant ist, dass es bei den einzelnen Periodika keine Korrelation zwischen dem Geschlechterverhältnis in der Literaturkritik und jenem in der Theaterkritik gibt.

Fazit und Ausblick

Die hier vorgestellten Ergebnisse stellen nur einen kleinen Teil der erhobenen Daten dar, die allerdings die wichtigsten Eckpunkte und die auffälligsten schon jetzt ablesbaren Mechanismen deutlich machen. Was besonders auffällt ist, wie sehr die Literaturkritik als gesellschaftlicher Mikrokosmos von geschlechtsspezifischen Verteilungsprozessen und Stereotypisierungen durchdrungen ist, sei es über die Zuweisung als spezifisch männlich oder weiblich erachteter Domänen, die asymmetrische Verteilung von ökonomischem und symbolischem Kapital oder die Behauptung der eigenen Position als Marke. In einem nächsten Schritt wird die Wertungsebene untersucht werden, um die Frage zu beantworten: Werten Männer anders als Frauen?

Anmerkungen

[1] Vgl. Interviews mit der Autorin in u.a.: Gender in der Literaturkritik. „Im Feuilleton dominieren männliche Kritiker“. Interview mit Tanja Lieske zum Thema, gesendet am 22.5.2018 im Deutschlandfunk: http://www.deutschlandfunk.de/gender-in-der-literaturkritik-im-feuilleton-dominieren.700.de.html?dram:article_id=418465. Gender und Literatur. „Der Kanon ist einfach ein männlich dominierter“. Teil 2 des Interviews, gesendet am 19.7.2018 im Deutschlandfunk: https://www.deutschlandfunk.de/gender-und-literatur-der-kanon-ist-einfach-ein-maennlich.700.de.html?dram:article_id=423310

„Buchkritiken. Frauen im Literaturbetrieb“.Interview vom 13.10.2018 im Radio Berlin Brandenburg https://www.radioeins.de/programm/sendungen/die_profis/archivierte_sendungen/beitraege/frauen-im-literaturbetrieb.html

[2] Die vorliegende Erhebung und Auswertung folgt einem binären Geschlechtersystem, unterscheidet also zwischen männlichen und weiblichen KritikerInnen und AutorInnen. Bei der Zählung wurde ursprünglich auch eine dritte Kategorie geführt, in der andere geschlechtliche Verortungen berücksichtigt werden sollten, allerdings kam diese nicht zur Anwendung. Die Trennung in biologisch männlich und weiblich ist also nicht als affirmativ, sondern als abbildend und nicht wertend zu verstehen.

[3] Diese sind: FAZ, FAS, NZZ, Neues Deutschland, Die Presse, Der Spiegel, Der Standard, Süddeutsche Zeitung, Tages-Anzeiger, taz, Die Welt, Die Zeit.

[4] Dazu wird demnächst eine Fragebogenstudie durchgeführt. Interessierte Kritikerinnen und Kritiker, die bereit wären, daran teilzunehmen, werden gebeten, sich bei der Autorin per Mail zu melden.

[5] Koll steht für kollektive Arbeiten, die keinem Geschlecht zugeordnet werden können.