Rebellinnen wohl oft, kaum je aber der Philosophie

Kristin Gjesdals Buch „Rebellinnen der Philosophie“ ist allenfalls bedingt zu empfehlen

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Kristin Gjesdal verspricht laut dem Titel ihres Buches Rebellinnen der Philosophie vorzustellen. Rebellinnen waren die elf Frauen tatsächlich. Die meisten zumindest. Nur die wenigsten aber waren auf dem Gebiet der Philosophie rebellisch. Manche haben sich allenfalls am Rande mit philosophischen Fragen befasst. Der Titel der englischen Übersetzung lautet denn auch vorsichtiger Unruly Women: Philosophers, Romantics, Revolutionaries (Das norwegische Original erschien als Opprørerne. Kvinner som endret filosofien.) Auch haben die meisten von ihnen mitnichten „das Denken der Moderne geprägt“, wie der Untertitel etwas großsprecherisch glauben machen will. Ganz abgesehen davon, dass es das Denken der Moderne gar nicht gibt, sondern vielmehr zahlreiche teils höchst unterschiedliche Denkschulen, -richtungen und Ideologien.

Im „Prolog“ zu ihrem Buch erklärt die Autorin fast schon kontrafaktisch, die behandelten Frauen hätten zwar „Abhandlungen, Essays, Literatur und Briefe“ geschrieben, „vor allem aber […] Philosophie“ verfasst. Jedenfalls ist es Gjesdal zufolge „an der Zeit, sich mit dem Erbe der Frauen in der modernen Philosophiegeschichte auseinanderzusetzen“. Daher handele der vorliegende Band „von der Geschichte der Philosophie der Frauen“. Tatsächlich aber handelt er vor allem von ihr selbst und einem Seminar über eine Reihe intellektueller Frauen, das sie alljährlich mit wenigen Veränderungen an der Temple University in Philadelphia hält. Trotz dieser akademischen Grundlage ist das Buch an ein breites Publikum gerichtet und erfordert keinerlei philosophische Vorkenntnisse. Allerdings sind die Darstellungen der Philosopheme und Gedankenwelten der Frauen selten sonderlich tiefgründig und gelegentlich sogar etwas oberflächlich. Die Autorin tritt dabei als Ich-Erzählerin auf und informiert auch immer wieder über allerlei Dinge, die für die Philosophiegeschichte der Frauen denkbar belanglos sind. So erzählt sie etwa gleich zu Beginn von ihrer „Lieblingsecke“ auf dem Sofa ihres „großzügig verglasten“ Zuhauses.

Gjesdal hat in ihrem Seminar jeder der elf behandelten Frauen eine Stunde gewidmet. Sie beginnt mit Germaine de Staël als der Ältesten, denn angeordnet hat sie die Frauen in der Chronologie ihres Wirkens. Im Laufe des Semesters arbeitet sie sich mit ihren Studierenden über Bettina Brentano von Arnim, Anna J. Cooper, Gerda Walter und anderen bis Angela Davis vor.

„Die Frauen in der Geschichte der modernen Philosophie“ hatten Gjesdal zufolge „weder eine formale akademische Ausbildung noch Universitätsanstellungen“. Sie seien dennoch in das Buch aufgenommen worden, weil „Philosophie […] weit mehr als eine akademische Ausbildung ist“. Das ist natürlich richtig. Nicht zutreffend ist hingegen, dass Frauen der modernen Philosophiegeschichte keine akademische Ausbildung hatten. Lou Andreas-Salomé studierte etwa in Zürich. Und Helene Druskowitz war sogar nicht nur eine promovierte Philosophin, sondern die vielleicht rebellischste Frau dieses Faches überhaupt. Druskowitz aber kommt bei Gjesdal gar nicht erst vor. Sie ist nicht die Einzige, die schmerzlich vermisst werden muss. Charlotte Perkins Gilman, Mary Wollstonecraft und Moderata Fonte sind weitere. Dafür aber hat die Seminarleiterin sich dazu entschieden, die beiden orthodoxen Kommunistinnen Clara Zetkin und Rosa Luxemburg aufzunehmen. Damit ist der Marxismus deutlich überrepräsentiert, zumal ihm auch Angela Davis, die nicht zu Unrecht als „Aktivistin“ vorgestellt wird, die „philosophische und politische Texte“ schrieb, zumindest über längere Zeit hinweg nahestand.

Aber der Reihe nach. Über Germaine de Staël erfahren die Studierenden zunächst einmal etwas Tratsch; nämlich dass sie „eine unverhohlene Schwäche für außereheliche[] Affären“ gehabt habe und ihr auch „der Konsum von Opium […] nicht fremd“ gewesen sei. Dann nähert sich Gjesdal de Staëls philosophischer Seite und legt dar, dass diese „gerade in der Verbindung von französischem und englischem Aufklärungsdenken […] ihre eigene originelle Sichtweise [entwickelte]“. Allerdings falle es „schwer, sie als Feministin im modernen Sinne zu bezeichnen“, denn „bisweilen verbindet sie Geschlecht in essenzialistischer Weise mit biologischen Merkmalen“. Das ist allerdings ein ahistorischer Blick durch die konstruktivistische Brille des Mainstreamfeminismus im angehenden 21. Jahrhundert. Ein Blick den Gjesdal nicht nur de Staël, sondern überhaupt den historischen Feminismen gegenüber einnimmt.

An Karoline von Günderrode bewundert die Autorin, dass ihr „kompromisslose[r] Natur-zuerst-Ansatz radikaler“ gewesen sei „als viele der heutigen Ökophilosophen“. Bei ihren Studierenden, so informiert sie die Lesenden, sei Günderrode „der klare Favorit“ unter den vorgestellten Frauen gewesen. Denn sie habe zu ihr „durchweg mehr und bessere Seminararbeiten [erhalten] als über jede andere Philosophin“. Der Behauptung aus dem Kreis ihrer Studierenden, „das menschenzentrierte Denken der Aufklärung“ habe die Menschheit „an den Rand einer Umweltkatastrophe geführt, deren Ausmaß wir kaum begreifen“, stimmt sie zu. Dürfte die Schuld an der Umweltzerstörung aber nicht vielmehr in den auf profitorientierten Streben ausgerichteten kapitalistischen Gesellschaften zu suchen sein? Ist die studentische Überzeugung, die Aufklärung sei Schuld an der drohenden Umweltkatastrophe auch nicht plausibel, so haben Gjesdals Studierende doch durchaus öfter einmal eine originelle Idee. Die zum Beispiel, Friedrich Nietzsche als „Incel-Autor“ zu bezeichnen. Günderrodes „radikalster Gedanke“ besage jedenfalls „mit der Natur“ sei „so um[zu]gehen, dass sie ihren eigenen Zweck erfüllen kann“

Bettina Brentano von Arnim spricht Gjesdal das Verdienst zu, eine „frühe Kritik an der Systemphilosophie“ geäußert zu haben, denn sie habe erkannt, „dass sich jedes System als System von Jemandem erweist“ und daher „nicht neutral und universell ist, sondern Ausdruck einer bestimmten Perspektive“. Ein ähnlicher Gedanke findet sich schon vorher bei Johann Gottlieb Fichte, dessen Einfluss auf die Romantik kaum zu überschätzen ist. Bereits 1797 schrieb er in der Ersten Einleitung zu seiner Wissenschaftslehre: „Welche Philosophie man wähle, [hänge] davon ab, was man für ein Mensch ist“. Da war Bettina Brentano gerade einmal zwölf Jahre alt. Anders als sie führte ihn diese Auffassung (oder Einsicht) allerdings nicht dazu, jegliche Versuche, das Gebäude eines philosophischen Systems zu errichten, grundsätzlich abzulehnen. So hat er etwa ein System der Sittenlehre verfasst. Die Seminarleiterin rechnet Brentano nicht nur die Ablehnung philosophischer Systeme hoch an, sondern vielleicht noch mehr, dass sie „uns auf die Richtige Spur“, nämlich auf die „identitätspoliti[sche]“ Frage „Wer darf für wen sprechen?“ gebracht habe. Deren Beantwortung sei allerdings heikel, denn ein „Fehltritt“ sei „jederzeit möglich“.

Eine der bedeutendsten Frauen, die den Weg in das Buch gefunden haben, ist die Feministin Hedwig Dohm, der Gjesdat „Witz, Ironie und scharfsinnige philosophische Argumentation“ bescheinigt. Neben „Zeitungsartikel[n], Romane[n] und Theaterstücke[n]“ habe sie auch „philosophische Essays“ verfasst. All das ist zutreffend. Auch weist sie zurecht auf Dohms „Kritik am reduktiven Biologismus“ hin und darauf, dass „Dohms aktiver Kampf gegen das Patriarchat […] ein Leben lang [dauerte]“. „Glücklicherweise“ so Gjesdat, „erlebte sie noch, wie 1918 in Deutschland das allgemeine Wahlrecht eingeführt wurde“. Tatsächlich war Dohm allerdings gar nicht so glücklich darüber, sondern kommentierte die Nachricht kurz vor ihrem Tod mit den resignierten Worten „Zu spät!“. Auch lässt sich nicht unbedingt unterschreiben, dass Dohms literarische Schriften einen „schwermütigen Unterton“ haben. Im Zentrum des Abschnitts über Dohm aber steht nachvollziehbarerweise deren Kritik an Nietzsches reaktionärem Weiblichkeitsverständnis, die von Gjesdal geteilt wird.

Ganz und gar nicht einverstanden ist sie hingegen mit Dohms Kritik an Lou Andreas-Salomé, die von der Feministin zu den AntifeministInnen gerechnet wurde. Gjesdat aber erklärt Andreas-Salomé zur Differenzfeministin. Tatsächlich führt jedoch eher eine Linie vom sich als radikal verstehenden Flügels der Bürgerlichen Frauenbewegung um 1900 zum Differenzfeminismus der 1970er Jahre. Dafür, dass Andreas-Salomé eine Feministin gewesen sei, gibt es keine Belege; auch nicht dafür, dass sie sich selbst als solche verstand. Etliche ihrer Publikationen wie etwa über die öffentlich ausgetragene Kontroverse mit Frieda von Bülow weisen vielmehr auf das Gegenteil hin. Mit ihren Studierenden nimmt Gjesdal ausgerechnet Andreas-Salomés verschwurbeltsten Text durch, nämlich den Essay Die Erotik, in dem Andreas-Salomé etwa dunkel raunt: „Der raffiniert gewordene Verstand, mit des Lebens Leben hantierend wie mit ihm unterstelltem totem Material, illustriert den Triebruin und die Geschlechtssünde.“ An anderer Stelle wiederum fantasiert Andreas-Salomé in ihrem Essay davon, dass „das Weib zum tragenden, zum Muttertier bestimmt“ sei, was nicht eben sonderlich feministisch klingt. Immerhin mutet Gjesdal den Studierenden nur einen Auszug aus dem Essay zu, lobt den „gelinde gesagt, kompakt[en Text]“ aber nahezu über den grünen Klee. Ist das auch kaum nachzuvollziehen, so verteidigt sie Andreas-Salomés Buch Friedrich Nietzsche in seinen Werken aus guten bis sehr guten Gründen.

Auch die Lektüre von Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht mag sie ihren Studierenden nicht in Gänze zumuten. Anders als im Falle von Andreas-Salomés in der Erstausgabe von 1910 gerade einmal 68 Druckseiten umfassendem Essay ist das allerdings bei de Beauvoirs opus magnum aufgrund seines monumentalen Umfangs nachvollziehbar.

Von Rosa Luxemburg hebt Gjesdal die „philosophisch-ökonomischen Schriften“ hervor und betont, dass die Revolutionärin eine „beeindruckende Briefeschreiberin“ gewesen ist. Tatsächlich sind Luxemburgs Briefe, zumal die Gefängnisbriefe, weit beeindruckender, lesenswerter und interessanter als ihre marxistischen Texte. Clara Zetkin wiederum sei eine „große Kämpferin für soziale Gerechtigkeit“ gewesen. Zetkins intransigente Feindschaft gegenüber der von ihr in einem anonym veröffentlichten Text als „bürgerliche Klassenbewegung“ geschmähte „bürgerliche Frauenrechtelei“, von der es sich aus proletarischer Sicht „reinlich[]“ zu „scheid[en]“ gelte, kehrt die Autorin dabei unter den Teppich.

Gjesdals Seminar und somit auch das auf ihm basierende Buch sind vom oft queeren, sich als feministisch verstehenden Mainstream durchdrungen, wie er bis in die jüngste Vergangenheit hinein, genauer gesagt bis zu Donald Trumps Attacke auf die Hochschullandschaft und die Wissenschaftsfreiheit seines Landes an US-amerikanischen Unis, hoch im Kurs stand. Wer selbst solchem Gedankengut nahesteht, wird das Buch sicher gerne lesen. Alle anderen können immerhin zur Lektüre der Originaltexte angeregt werden. Doch dürfte sich das nicht immer lohnen, wie etwa im Falle der Schriften Zetkins.

Titelbild

Kristin Gjesdal: Rebellinnen der Philosophie. Frauen, die das Denken der Moderne geprägt haben.
Eichborn Verlag, Köln 2025.
336 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783847902027

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