Die Präsenz des Heils im irdischen Glück?
Isabell Väth begibt sich auf die Spurensuche nach „Gott im Minnesang“
Von Jörg Füllgrabe
Allgemeine Lehr- und Lerngewissheiten, deren Hintergrund in der Moderne und Postmoderne liegen mag, beruhen oft auf einer strikten Trennung von ‚irdischem Leben‘ und der Welt des ‚Spirituellen‘. Dass dies nicht überall gilt und vor allem auch im Hinblick auf vergangene Epochen keine selbstverständliche Sicht der Dinge war, wird oft verdrängt. Im christlich geprägten europäischen Mittelalter existierten einerseits zwar durchaus Abweichendes und sogar glaubensfremde und -ferne Einstellungen, andererseits waren jedoch die Lebenswelten weitestgehend mit einem wie auch immer gearteten religiösen Inertialsystem versehen. Dies mag erklären helfen, dass letztere weitaus dominantere Parameter sich ebenfalls besonders im literarischen Schaffen niederschlugen. Gerade im Zusammenhang mit dem Feld der Minne sind daher ausschließlich säkulare Texte kaum mehrheitlich zu erwarten.
Dass die Konzeption solcher Texte nicht immer in der Art und Weise erfolgte, die den (post-)modernen Erwartungshaltungen an das ‚fromme Mittelalter‘ entsprechen, gehört zum Betrachten literarischer wie allgemeiner Wirklichkeit dazu. Dieser Perspektive folgend hat Isabell Väth in Gott im Minnesang die mittelhochdeutsche Minnelyrik auf ihren Bezug zu Gott untersucht. Die vorliegende Publikation ist die überarbeitete Fassung ihrer 2023 in Tübingen eingereichten Dissertation.
Die Einleitung des Buches beginnt mit einem Zitat Walter Haugs, das Ausgangspunkt, Programmatik und ‚Zieleinlauf‘ paraphrasiert: „Der Christengott ist in höfischer Lyrik nicht abwesend, ja er wird mit bestem Gewissen angerufen um Beistand auf dem Weg zur irdischen Herrin.“ Damit ist die Matrix der Argumentation angelegt, denn die Autorin bezieht sich auf die in mittelhochdeutschen Liebesliedern zu beobachtende häufige und vielfältige Bezugnahme auf den christlichen Gott, wobei wohl auch provokante Formen vorkamen, die womöglich eine Form von ‚Brechung‘ darstellten. Es erhebt sich dabei die Frage, auf welchen sonst hätte Bezug genommen werden sollen. Paganer Minnesang ist nicht überliefert, und auch die Texte des einzig bekannten jüdischen Minnesängers, Süßkind von Trimberg, werden nicht gesondert betrachtet. Das sei aber nur am Rande vermerkt.
Zuvorderst steht die Hinführung zum Thema, in der die Autorin sowohl den Forschungsstand aufgreift und referiert als auch wesentliche Definitionen bietet, anhand derer sie ihre Thesen und Gedankengänge zu fundierten Theorien verdichtet. Ein wesentlicher Komplex wird hier als ‚religiöses Wissen‘ charakterisiert, das heißt, es wird auf Gottesvorstellungen im europäischen Hochmittelalter abgehoben und überdies allgemein nach der Präsenz respektive dem konkreten Niederschlag dieses Wissens im Rahmen der volkssprachlichen höfischen Dichtung dieser Epoche gefragt.
Der Aufbau des eigentlichen Argumentationsganges, der der – impliziten wie expliziten – Präsenz des Göttlichen in der Minnedichtung gewidmet ist, wird in drei Themenblöcken durchgeführt: „Gott in den frühesten Minneliedern“, „Gott in den Liedern der Hohen Minne“ sowie „Gott in weiteren Liedtypen“. Dass in diesem Zusammenhang mit Leerstellen zu rechnen ist, liegt auf der Hand. Vollständigkeit zu erwarten wäre auch unangemessen, geht es der Verfasserin doch in erster Linie darum, Parameter zu definieren und nachzuweisen, anhand derer das Phänomen einer ‚pantheistischen Metaebene‘ erkenn- und erklärbar gemacht werden kann.
Bereits im ersten Block werden Kategorien vorgestellt und anhand von Texten des Kürenbergers, Meinlobs von Seveningen, des Burggrafs von Rietenburg, Walters von Mezze (zugewiesen) oder Dietmars von Aist befragt, bevor dann ein knappes Resümee folgt. Dass an erster Stelle dieser Kategorien die Funktion von „Gott als Ermöglicher der Liebesbeziehung“ untersucht wird, ist schlüssig und ein zumindest indirekter Rückverweis auf die christliche Theologie, deren Kern in der Gewissheit dessen liegt, dass Gott Urgrund allen Seins – also auch des menschlichen – ist.
Ein spezifischerer Aspekt wird im Kapitel „Gott als omniszienter Zeuge“ aufgetan; hier geht es darum, die Allgegenwart des Göttlichen gegen die Ignoranz menschlicher ‚Tugendwächter‘ ins Feld zu führen, ein Blickwinkel, der in dem folgenden Unterkapitel „Gott als Rächer und Schützender“ anhand dreier Beispieltexte variierend aufgegriffen und erweitert wird. Die beiden Lieder Dietmars von Aist schließlich werden auf die ‚Funktion‘ Gottes als „Kreator“ hin untersucht. Diese Betitelung ist zunächst missverständlich, denn es geht nicht darum, Gott als Schöpfer aller Dinge zu thematisieren, sondern im expliziten Kontext der Minnelyrik sowohl Minnefreude als auch Minneleiden als von Gott gegeben und damit letztlich wertvoll zu definieren. Damit ist der Bezug auf Gott in den Texten der frühen Minnelyrik abgeschlossen. Es ging, so Väth, zunächst sicherlich grundsätzlich darum, diese junge Gattung zu ‚rechtfertigen‘, aber auch darum, „auf kleinstem Raum eine Vielfalt an Möglichkeiten des Sprechens über Minne zu entwerfen und diese zur Diskussion zu stellen“. Damit ist Wesentliches zum Ausdruck gebracht, wobei die in der zitierten Formulierung implizierte Zielgerichtetheit an die Programmatik moderner Schriftstellergruppen wie etwa der Gruppe 47 denken lässt, die es so sicher nicht gegeben hat.
Das folgende Kapitel ist „Gott in den Liedern der Hohen Minne“ gewidmet, und exemplarisch werden entsprechende Texte der ‚Klassiker‘ Friedrichs von Hausen, Hartmanns von Aue, Heinrichs von Morungen sowie Heinrichs von Johannsdorf als Belege herangezogen. Warum in diesem Zusammenhang auf eine detailliertere Betrachtung von Texten Walthers von der Vogelweide verzichtet wurde, der immerhin in den hinführenden Kategorisierungen zitiert wird, ist indes nicht wirklich schlüssig und wird dessen Bedeutung auch nicht gerecht.
Anfangs stehen die Kategorien, unter denen Gott in der Lyrik der Hohen Minne präsent ist und die sich von denen des frühen Minnesangs nicht unterscheiden beziehungsweise um ergänzende Aspekte erweitert werden, sodass laut Autorin eine Kontinuität gegeben war, die um einige Nuancen erweitert wurde. In der Folge wird der Fokus auf diese Erweiterungen und Veränderungen gelegt, wobei die vorgegebenen ‚Funktionskategorien‘ zwar implizit mitzudenken sind, diese aber im Unterschied zum vorausgehenden Themenblock, der den frühen Minnesang zum Inhalt hatte, nicht mehr explizit durchdekliniert werden.
Stattdessen hat Isabell Väth „spezifische Verfahren der Lieder der Hohen Minne“ (also eigentlich ihrer Verfasser) aufgegriffen, die sich zunächst grundsätzlich von denen ihrer ‚Vorgänger‘ unterscheiden. Dabei legt sie den Schwerpunkt auf „Verfahren der Frequenzierung“ sowie „Verfahren der Konkurrenz“. Diese Aspekte seien auf eine gegenüber der in den frühen Texten zu beobachtenden Punktualität verfolgte Mehrdimensionalität hin anzuwenden, welche wiederum auf eine erweiterte Komplexität theologisch-poetologischer Verfahren zurückzuführen sei. Mit diesen Verfahren und dem grundsätzlichen Gottesbezug sei verbunden, die „Aussagen mit einer Tiefe zu versehen und variantenreiche Lieder der Hohen Minne zu entwerfen, die zu einer Dynamik und Pluralisierung des Minnesangs beitragen“ konnten.
Die Idee einer Vertiefung der Komplexität durch die Einbeziehung Gottes in den minnelyrischen Texten wird auch im abschließenden Block zu „Gott in weiteren Liedtypen“ weiterverfolgt. Dabei stehen zunächst allgemein die „Lieder des 13. Jahrhunderts“ anhand von Texten Wachsmuts von Mühlhausen und des von Suonegge hinsichtlich der hier nicht nochmals definierten Parameter im Zentrum. Dass die „Kreuzzugsthematik im Minnesang“, hier durch Otto von Botenlouben beispielhaft vertreten, einen Gottesbezug aufweisen muss, nimmt nicht weiter wunder. Aber eine Überraschung folgt doch noch: Für die grundsätzlich irritierenden, weil definitiv von der Idee der Hohen Minne abweichenden, Tagelieder werden Textbeispiele Johannes Hadlaubs, des „Anonymus“ sowie Jakobs von Warte herangezogen, anhand derer die Autorin ihre These von der (dichterischen) Präsenz der Gottesvorstellung im Minnesang auch für diese im Sinne einer Gesellschaftsmoral sicherlich zweifelhaften Gattung darlegen kann.
Während in der ‚klassischen‘ Forschung diese späten Gattungen oft genug als eine Art qualitativ meist schwachen ‚Nachschwingens‘ angesehen wurden, entwirft Isabell Väth in ihren Betrachtungen ein anderes Bild, das sich mit der postulierten Einbeziehung des Göttlichen auch in diesen späten Texten verbindet, denn „Gott wird, in neue Diskussionszusammenhänge gestellt, in den Liedern immer wieder thematisch reaktiviert“. Weiter heißt es, „gerade in den Liedern ab dem 13. Jahrhundert lassen sich deutliche Grenzüberschreitungen feststellen, die […] so die Diskussion um die Analogie von Gott und Dame in den Liedern der Hohen Minne zuspitzen“. Das mag der Fall sein, aber mit diesem Binnenresümee wird doch ein Stück weit die Position eines theologisch definierten Gottesbildes im Minnesang relativiert, die den Ausgangspunkt der Argumentation bildete. Und es stellt sich die Frage, warum die Autorin bei der angedeuteten großen Bedeutung der späten Lieder diesen nicht mehr Platz gewidmet hat.
Dennoch: Gott im Minnesang besticht insgesamt nicht nur inhaltlich, sondern bereits durch die in bewährter Qualität des Universitätsverlags Winter erfolgte Realisierung mit festem Einband. Ein angemessener bibliographischer Anhang und der Ausweis des Siglen- und Abkürzungsverzeichnisses runden die Publikation ab. Diese ist auf erfrischende Weise lesenswert, werden hier doch Parameter angelegt, die in der herkömmlichen Literatur zum Minnesang eher randständig sind. Ob dabei alle Gedankengänge und Schlussfolgerungen nachvollzogen werden können, mag dahingestellt bleiben. Das ist allerdings auch von eher nachrangiger Bedeutung, weil zumindest interessante Denkanstöße gegeben werden.
Die Conclusio ist zudem dazu angetan, die auf den ersten Blick vielleicht so fern liegende Vorstellung eines, wenngleich explizit so nicht ausgedrückten, pantheistischen Gotteswirkens auch gegenwärtigen Rezeptionsstandards näherzubringen: „Die dichterischen Alternativen zu Formen offizieller Religiosität zeigen, dass das religiöse Wissen in der Lage war, Spannungen aufzudecken und Gott auch gegen die Normen seiner offiziellen Vertreter in Anspruch zu nehmen.“ Abgesehen von einer etwas unglücklichen Formulierung (das „religiöse Wissen“ konnte zu nichts in der Lage sein, da es ein nicht handlungsfähiges Abstraktum darstellt) ist dieses Fazit überzeitlich zutreffend. Und auch das Schlusswort bringt die verfolgten Thesen sowie die zu Theorien verdichtenden Argumentationsgänge auf einen Nenner: „Gott im Minnesang ist so sozial provokativ und poetologisch produktiv zugleich.“ Dem ist wenig hinzuzufügen außer der Anregung, sich mit Hilfe dieses empfehlenswerten Buches ein eigenes Urteil zu bilden.
Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg
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