„Lauter Kübel für das aufgerissene Maul des Vergessens sind meine Briefe“

Rosa Grimm hat mit „Ach, mein Joggele!“ die Briefe der Marianne Rein an Jakob Picard als Zeugnis deren Lebens und Schaffens herausgegeben

Von Friedrich VoitRSS-Newsfeed neuer Artikel von Friedrich Voit

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es ist ganz das Verdienst von Rosa Grimm, das schmale Werk der Dichterin Marianne Rein entdeckt, in einer Werkausgabe erschlossen und anlässlich des 100. Todestags der Autorin 2011 dem Lesepublikum zugänglich gemacht zu haben. Diese Ausgabe enthielt bereits eine Auswahl von Auszügen aus den Briefen Reins an Jakob Picard. Bereits damals hatte sie die Absicht, alle Briefe in einem eigenen Band herauszugeben. Dieser Band liegt nun vor. 

Die Briefe (es sind nur die von Marianne Reins an Jakob Picard, da die Gegenbriefe (bis auf den Durchschlag eines einzigen) nicht erhalten blieben) sind im Nachlass von Jakob Picard überliefert, der im Leo Baeck Institute, New York, aufbewahrt wird. Sie sind die wesentliche Quelle mit Informationen zur Biographie Reins, über deren Leben, ihre ungewöhnliche Persönlichkeit und ihr bemerkenswertes Schaffen, zu dem wir sonst nur wenige andere Zeugnisse haben. Die Briefe sind nicht nur für sich sehr lesenswert und literarisch beeindruckend. Sie sind zugleich ein eindringliches Zeitdokument zur Spätphase intellektuellen jüdischen Lebens im nationalsozialistischen Deutschland nach dem Novemberpogrom 1938.

Marianne Rein war jüdischer Herkunft. Sie kam 1911 in Genua zur Welt, wo ihr Vater als Kaufmann tätig war. Aus Italien ausgewiesen lebte die Familie während des Weltkriegs in Lugano; dort starb 1917 der Vater. Mutter und Tochter zogen daraufhin nach Würzburg, wo die Familie der Mutter lebte. Marianne wuchs gutbürgerlich auf. Bereits als Schülerin interessierte sie sich für Literatur und erwarb sich nach und nach eine weite Belesenheit. Ernsthaft selbst zu schreiben begann sie erst nach 1933, was freilich bedeutete, dass für sie als Jüdin die Veröffentlichungsmöglichkeiten von Anfang an sehr eingeschränkt waren. Sie konnte damals nur noch in jüdischen Zeitschriften und Verlagen publizieren. Ab Mitte 1937 veröffentlichte sie einige Gedichte und Prosatexte im Israelitischen Familienblatt, im Morgen und der Central-Verein-Zeitung, bis diese Zeitschriften nach dem Novemberpogrom verboten wurden.

Eine freundschaftliche Bekanntschaft mit der Autorin und Journalistin Mala Laaser, die damals mit Jakob Picard liiert war, vermittelte 1938 den Kontakt mit dem renommierten Schriftsteller. Picard kannte Arbeiten von Rein und hatte ihr einen Band seiner Gedichte zukommen lassen. Auch war er damit „einverstanden“, wie Mala Laaser Marianne wissen ließ, ihm einige ihrer Arbeiten zur kritischen Begutachtung vorlegen zu können.

Sie schrieben sich ab Juni 1938 anfangs nur gelegentlich Briefe, mit respektvoller Anrede ‚Herr’ und ‚Fräulein‘, über Literatur und Lektüre, bald auch über die persönlichen Umstände. Kurz nach Kriegsbeginn, Mala Laaser und Picard waren inzwischen getrennt, wechselte die Anrede im Oktober 1939 zu den Vornamen, doch blieb man zunächst beim distanzierten ‚Sie‘; erst nach einem weiteren halben Jahr gingen sie 1940 zum vertrauten ‚Du‘ über. Die zunehmende Intensität der Korrespondenz ging von Marianne aus, die sich mehr und mehr in den fast dreißig Jahre älteren Picard verliebte, der ihr zum „Briefpapiertraumgeschöpf‘‘ wurde. Auch Picard kam ihr offensichtlich nach und nach näher. Er schrieb ihr vermehrt, sie tauschten Photographien aus, der Briefwechsel wurde in den Worten Reins mehr und mehr zum ‚Liebesgespräch‘. Kaum begreiflich bleibt es, dass sich die in Würzburg lebende Marianne Rein und Jakob Picard, der zu dieser Zeit in Berlin wohnte, nie persönlich begegneten, nur einmal ein nicht recht geglücktes Telefongespräch führten. Ein Grund dafür mag beider Verarmung während der Nazijahre gewesen sein. Eine Rolle spielten aber womöglich auch Picards Auswanderungspläne. Marianne wünschte ihm dazu allen Erfolg, wenngleich sie die Lösung ihrer Beziehung befürchtete, die dann auch einsetzte, als Picard im September 1941 über die Sowjetunion in die USA emigrieren konnte und ihre Briefe immer länger unbeantwortet blieben. Auch Marianne Rein bemühte sich nach dem Novemberpogrom um eine Auswanderung nach England oder die USA, aber es gelang ihr nicht, für sich und ihre Mutter, bei der sie lebte, die notwendigen Bürgschaften zu erhalten. Beide, die bereits gezwungen waren, in einem sogenannten ‚Judenhaus‘ Unterkunft zu finden, wurden mit der ersten Würzburger Judendeportation am 27. November 1941 nach Riga verschleppt. Wie und wann sie umkamen oder ermordet wurden, ist nicht bekannt. – Nachdem Picard erfahren hatte, dass Marianne vermutlich nicht mehr am Leben war, bot er 1942 Gedichte von ihr der amerikanischen Exilzeitschrift Aufbau zur Veröffentlichung an und gab dabei seine Freundschaft mit Rein sehr zurücknehmend an, dass er ihr nur hatte „ein wenig Berater“ sein können.

Marianne Rein hinterließ ein schmales, bemerkenswertes Werk von knapp 100 Gedichten und einer Reihe kürzerer Prosatexte. Sie selbst konnte freilich nur Weniges zu ihren Lebzeiten veröffentlichen. Das meiste blieb, wie die Briefe, im Nachlass von Picard erhalten. Ihre eigenen Papiere wie ihr Besitz insgesamt kamen im Zuge der nationalsozialistischen Verfolgung abhanden. Viele ihrer Gedichte würde man heute als Stimmungslyrik bezeichnen, sie geben Natureindrücke (Nachtigallenlied‘, Vorfrühling‚ Schneenacht, Verfallender Garten, um nur ein paar Titel herauszugreifen); sie schrieb Rollengedichte wie Die Teppichknüpferin, Der alte Dichter, Das Mädchen und griff gelegentlich auch jüdische Themen auf: Sabbath, Taschlicht oder Die Vorhut, ein Gedicht über die neu entstehende Gemeinschaft in Palästina. Immer wieder schrieb sie Sonette, aber griff auch seltenere Formen wie ‚Siciliane‘ oder ‚Ritornell‘ auf. Ihre Prosa umfasst neben philosophisch reflektierenden Essays wie Die Freundschaft, Der Mensch und Der Geist auch autobiographisches Erleben in Die Puppen und fiktionale Erzählungen wie Die schweigende Gasse und Joskel zwischen Tod und Leben, die historisches jüdisches Leben aufgreifen. Die formale wie inhaltliche Vielfalt während der wenigen Jahre ihres Schreibens lässt die Intensität ihres Schaffens erahnen. In einem Brief an Picard bekannte sie noch, dass sie hoffte, eine größere erzählerische Arbeit angehen zu können; dazu jedoch kam es nicht mehr.

Zwar wird als Herausgeberin Rosa Grimm genannt, doch die eigentliche Betreuung der Edition lag wohl bei Yona-Dvir Shalem, der das „Redaktionelle Nachwort“ als Redakteur zeichnet gemeinsam mit Fynn Meer als Lektor. Doch im Gegensatz zur früheren sorgfältig edierten Werkausgabe, die leider seit Längerem vergriffen ist, ist die Briefausgabe editorisch unbefriedigend. Bereits das als „Einleitung“ vorangestellte Gespräch zwischen Rosa Grimm und Yona-Dvir Shalem, in dem es mehr um den persönlichen Eindruck geht, den die Briefe und die Autorin ihnen gaben, gibt keine einführende Betrachtung zum Hintergrund und Charakter der Briefe, wie er etwa in dem wohlinformierten Essay von Edith Raim Marianne Rein – Eine vergessene jüdische Dichterich aus Würzburg (Mainfränkisches Jahrbuch für Geschichte und Kunst, Bd. 59, 2007, S. 335-375) vorliegt. Es sei das Ziel gewesen, betonen Redakteur und Lektor, die Authentizität der Briefe zu wahren. Doch dies ist nur eingeschränkt der Fall: Schon in der äußeren Form wich man ab. Warum Fettdruck der Briefdatierungen (sie sind Teil der Briefe)? Auch die Form der Anrede oder der Abschiedsformulierung entspricht nicht der von Rein (sie rückt die Anrede und dann die erste Zeile immer ein; desgleichen im Briefschluss die Abschiedszeile mit ihrem Namen.

Gravierender aber und die Qualität der gesamten Edition sehr beeinträchtigend sind – trotz versicherter redaktioneller Sorgfalt – die zahlreichen nachlässigen, auch sinnstörenden Lesefehler; auch gibt es einige Auslassungen. Ich habe nicht systematisch die edierten Briefe mit den Originalen – diese kann man via Internet im Nachlass von Jakob Picard einsehen – verglichen, sondern meist nur dort nachgesehen, wo mir in der Edition grammatikalische Fehler auffielen oder mir Wortverbindungen nicht sinnvoll erschienen; hier nur eine kleine Auswahl, die typische ‚Versehen‘ andeuten mag: Rein benutzt immer den Ausruf ‚gelt‘, den man hier konsequent zum geläufigeren ‚gell‘ umwandelte; auf Seite 22 wird ‚Ausbruch‘ sinnlos als ‚Ausdruck“ gelesen, Seite 24 wandelt die Konjunktion ‚weil‘ zu ‚weit‘, ein „Mut zum Wagnis‘ erscheint auf Seite 56 als unverständliches ‚Aus zum Wagnis‘ und auf Seite 202 findet sich ein unsinniges ‚angekauert‘ das sich im Original als ‚angeknurrt‘ liest. Selbst geläufige Namen werden falsch gelesen, so Mansfield auf Seite 46 als ‚Mausfield‘ oder Büchner auf Seite 84 und 107 als ‚Brückner‘ und Pallas Athene wird auf Seite 218 zu ‚Palla Aheme‘ verballhornt. Sogar bei Gedichten, die bereits in der (leider längst vergriffenen) Werkausgabe korrekt gedruckt waren, erscheinen in der Briefedition fehlerhafte Lesarten; dieZeilen „Die Wellen sanken und das Meer erblaute, / lag glatt und schimmerte am Treppenbogen“ in dem Gedicht  Die Sklaven werden auf Seite 201 unverständlich als „Die Wellen sanken und das Meer erlaubte, / lag platt und schimmerte am Treppenbogen“ gelesen; auf Seite 59/60 wird das Gedicht ‚ Soldatenfrau‘, das ebenfalls in der Werkausgabe gedruckt ist, mit dem falschen Titel ‚Soldatenpaar‘ und zwei sinnzerstörenden Lesefehlern (‚Härf’ner‘ statt ’härt’rer‘ und ‚Schloss‘ statt ‚Schoss‘) wiedergegeben. Neben den gelegentlichen Auslassungen in Sätzen, kam es jedoch auch zum Weglassen von Textpassagen, so etwa einer langen Marginalnotat auf dem Rand der ersten Seite des Briefs vom 31. Mai 1940.

Genug der Beispiele. Sollte einmal eine weitere Auflage der Briefe möglich sein, was durchaus zu wünschen ist, so keinesfalls diese Edition. Eine Neuausgabe ist erforderlich, die dann auch notwendige Anmerkungen geben sollte. Solche wurden hier unverständlicherweise weggelassen – obwohl sie doch vielfach für das Verständnis der Briefe notwendig wären. Vor allem wäre es wünschenswert, auch die häufigen, in Kurzschrift angefügten Randbemerkungen Picards aufzuschlüsseln.

Die Dichterin und Autorin Marianne Rein verdient eine philologisch sorgfältige Edition ihrer Briefe und ebenso eine Wiederauflage ihrer Gedichte und Prosa.

Titelbild

Rosa Grimm (Hg.): »Ach, mein Joggele!«. Briefe von Marianne Dora Rein an Jacob Picard 1938–1941.
Königshausen & Neumann, Würzburg 2026.
374 Seiten, 27,00 EUR.
ISBN-13: 9783826097119

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