Lautloses Brodeln

Janina Hecht debütiert mit „In diesen Sommern“ als brillante Beobachterin

Von Michael FasselRSS-Newsfeed neuer Artikel von Michael Fassel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Titel des Romans lässt eine sommerliche Idylle vermuten: als Kind die Ferien in Italien verbringen, mit der Mutter Blumen auf dem Balkon pflanzen, Spaghettieis und einen Pinocchio-Becher essen. Das sind nur wenige der nachhaltigen Eindrücke einer Kindheit und Jugend aus unbeschwerten Tagen. Doch hinter der scheinbar friedvollen Fassade herrscht ein lautloses Brodeln. Denn das Bild der harmonischen Eintracht wird durch die abrupten Tobsuchtsanfälle des Vaters jäh zerstört.

Mit ihrem Debütroman In diesen Sommern gibt die 1983 bei Stuttgart geborene Janina Hecht einen intimen Einblick in die Kindheit und Jugend der Ich-Erzählerin Teresa. Im Mittelpunkt steht die dysfunktionale Familie, bestehend aus Teresa, ihrem jüngeren Bruder und der Mutter, die unter den unberechenbaren Gewaltausbrüchen des alkoholabhängigen Vaters leiden. Nun sind gewaltbereite Väter kein Novum in der Literatur; die Stärke des Romans speist sich vielmehr aus den nüchternen Schilderungen der kurz gehaltenen Kapitel, die zumeist zwei bis drei Seiten umfassen, aber sich durch eine starke Intensität auszeichnen. Gleichwohl ist hinzuzufügen, dass der Vater nicht ausschließlich als eindimensionaler Tyrann gezeichnet wird, obgleich er die Funktion des Antagonisten hat und wie ein Schatten die Kindheit und Jugend der Ich-Erzählerin verdunkelt. Denn hinter dem angsteinflößenden Vater, der auch mal zum Messer greift, verbirgt sich eine gebrochene Männlichkeit, für die die Erzählerin einen Blick hat, wenn er zum Beispiel mit geneigtem Haupt und herabhängenden Armen zur Garage läuft.

Die einzelnen Episoden wirken dank der schnörkellosen und sehr nüchtern gehaltenen Sprache manchmal wie literarische Miniaturen, manchmal wie verstörende Blitzlichter, die man getrost ein zweites, ja auch ein drittes Mal lesen kann. Angesichts der brillanten Beobachtungsgabe gibt es in der Relektüre viele weitere Details zu entdecken. Durch das Tempus des Präsens werden die plastisch geschilderten und sämtliche Sinne anregenden Erinnerungen Teresas besonders eindringlich: „Noch heute kann ich mich an den nussigen Geruch erinnern, an das dickflüssige Öl, das sich in den Rillen meiner Handinnenseiten sammelte, daran, wie weich ihr Rücken war.“

Zum anderen beweist Hecht Mut zur Lücke. So fallen insbesondere die Leerstellen auf, die in den dramatischsten Szenen offen bleiben, wenn etwa ein heftiger Streit zwischen den Eltern lediglich angedeutet wird: „Als wir wieder in der Wohnung sind, weiß ich gleich, dass etwas passiert ist. Meine Mutter sagt nichts, sie deckt nur den Tisch, ich schicke Manuel zum Händewaschen. Sie blickt mich an, ihre Augen sind rot.“ Es sind solche vermeintlich harmlosen Alltagsszenen, zwischen denen sich das eigentliche Drama abspielt, ohne die familieninternen Eskalationen direkt beim Namen zu nennen.  Kein Wort ist zu viel. Es hat den Anschein, als habe die Autorin, die 2018/19 Stipendiatin der Bayerischen Akademie des Schreibens am Literaturhaus München und 2019 Stipendiatin des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg war, Antoine de Saint-Exupérys Credo „Ein Text ist nicht dann vollkommen, wenn man nichts mehr hinzufügen kann, sondern dann, wenn man nichts mehr weglassen kann“ als Leit-Zitat für ihren Roman genommen.

Möchte man den Roman in einem Satz zusammenfassen, so bringt es der letzte Satz im Kapitel Weinberg auf den Punkt, als Teresa ihre Erinnerungen reflektiert: „Ich versuche, die Situationen zu ordnen, sie zusammenzuhalten, in ihnen etwas zu finden, was über den konkreten Moment hinausweist.“ Als Leser*innen bekommen wir das gelungene Ergebnis in vielen einzelnen, kurzen Episoden geliefert.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Janina Hecht: In diesen Sommern.
Verlag C. H. Beck, München 2021.
175 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783406774492

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch