Extremsituationen und Alltagsträumereien

Chrizzi Heinens Roman „Am schwarzen Loch“ zeichnet ein bizarres Stadtpanorama

Von Marisa MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marisa Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Kein Handy und zuhause keinen Internetanschluss, dafür ein granitisoliertes schwarzes Loch im Badezimmer. Unfreiwillig von ihrem Onkel geerbt, stellt es die Protagonistin Hildi Tag für Tag vor Herausforderungen. 4000 Fahrräder verschwinden im fiktiven Berliner Stadtteil Franzheim urplötzlich von der Bildfläche. Auch Hildis Körperempfinden ist seit der Installation des Lochs stark deformiert. Chrizzi Heinens Debütroman lässt die LeserInnen schmunzelnd, streckenweise aber auch ratlos zurück.

Trotz der Extremsituation, die ein schwarzes Loch im Badezimmer unzweifelhaft darstellt, bleibt Hildi erstaunlich gelassen: „Dass ich meine Toilette nicht mehr benutzen kann, hat mir der Notar schon bei der Testamentsverlesung eröffnet.“ Während sich LeserInnen seitenlang fragen, wo die frische Loch-Besitzerin in Zukunft duscht, beharren die Installateure auf den  Vorteilen eines schwarzen Lochs: „Sie können ja ab jetzt die Wand saugen, da sammelt sich der ganze Dreck, praktisch, nicht wahr? […] Sehen Sie’s sportlich, Ihre Sachen liegen jedenfalls nie wieder einfach so auf dem Boden herum[…].“ Die Figuren sind liebenswert gezeichnet, sowohl die drei Hauptfiguren als auch die neugierigen Handwerker, die stundenlang von Granitstein schwärmen, während sie das Loch installieren. Eigentlich wirkt in Heinens Erzählwelt alles real – bis eben auf die völlige Selbstverständlichkeit von schwarzen Löchern in Ein-Zimmer-Wohnungen. LeserInnen müssen sich in der Tat darauf einlassen.

Der kreative Schreibstil ist dabei so ungewöhnlich wie der Romaninhalt selbst. Denn Heinen schreibt erfrischend anders. Damit schaffte es das Buch auf die Shortlist des Blogbuster-Awards für den besten Debütroman. Schier jeder Gegenstand enthält eine gewisse Symbolik, über welche die Ich-Erzählerin beinahe kommentarlos ihre Gedanken aneinanderreiht: „Ein Briefkasten spiegelt die Seele des jeweiligen Inhabers wider, er funktioniert gut als Tageshoroskop, und meiner ist leer wie ein Kühlschrank nach einer Woche Allein-krank-im-Bett-Liegen.“ Am schwarzen Loch glänzt durch seine bildhafte Sprache. Die Vergleiche sind zum Teil sehr absurd, aber zugegeben immer originell wie auch die Überschriften der insgesamt 41 Kapitel (Tankstellenromantik, Arschbomben ins Nirgendwo, Likörpralinchenrituale oder der Epilog namens Fallstudie keiner Wiedergeburt – um nur einige zu nennen). Jugendjargon, Neologismen und Umgangssprache wechseln sich ab mit akademischen Anmerkungen über die kulturelle Bedeutung schwarzer Löcher im urbanen Raum – von Zeit zu Zeit mag das anstrengend für den Lesefluss sein.

Hildi sticht mit ihrem unkonventionellen Charakter heraus. Sie lebt vegetarisch, ist tiefsinnig, äußerst pragmatisch veranlagt und hat eine Abneigung gegen das World Wide Web. Insbesondere ihre aufrichtige, direkte Art macht sie zur absoluten Sympathieträgerin, mit der man sich als LeserIn gerne identifiziert: „Ehrliche Gefühle zu kommunizieren, ist kein Zuckerschlecken, und ich neige deshalb seit ein paar Jahren zu tatenlosen Träumereien.“ Damit dürfte Heinen einem Großteil junger Erwachsenen aus der Seele sprechen, auch wenn sie beispielsweise durch ihre Hauptfigur feministische Denkanstöße gibt:

Er [der Begriff Feminismus] ist nicht allgemeingültig genug, weil er den vielen Facetten des Frauseins und des Sich-des-Frauseins-bewusst-Seins nicht gerecht wird. Wenn Frauen Feministinnen sind, dann ist das gut, selbstverständlich. Wenn Männer Feministen sind, dann sind sie großartige, göttliche Wesen. Leider.

Die Ich-Erzählerin entpuppt sich rasch als begnadete Beobachterin banaler Alltäglichkeiten, mit der sie unaufhörlich der Monotonie des Stadtlebens zu entfliehen versucht.

Das Geräusch, wenn die einzelnen Münzen wie fröhliche Metallmurmeln durch den Automaten liefen, das Flopp, wenn der braune Plastikbecher ausgestoßen wurde, und schließlich das laut zischende, fast perverse Getröpfel, bei dem aus verschiedenen Düsen Flüssigkeiten zusammengemischt wurden. Sich diesen Vorgang gemeinsam anzuschauen, machte beileibe mehr Spaß. ‚Der Automat wurde zu einem partizipativen Erlebnis, das intensiver war als ein gemeinsamer Cafébesuch, mit weniger sozialem Zwang.‘

Skurrile Dialoge und irrwitzige Ideen ihrer besten Freunde, Gregor und Bodo, dominieren Hildis Berliner Leben. Das Trio bildet nach eigenen Angaben „ein komisches, gleichschenkliges Triangel“, deren Freundschaft viel Raum einnimmt. Bodo und Gregor führen gemeinsam ein Geschäft, für das sie Löwenzahn von schmutzigen Bürgersteigen rupfen und an unwissende TouristInnen auf einem biologisch-fairem-Wochenmarkt verkaufen. Doch in Zukunft soll die Sogwirkung von Hildis schwarzem Loch ihr dubioses Geschäftsmodell auf den Kopf stellen. Der Roman bietet allerhand unerwartete und erheiternde Vorkommnisse inmitten des Stadtpanoramas, das dem schwarzen Loch und seiner Anziehungskraft mehr und mehr unterworfen wird: „Fragend deute ich auf circa dreihundert Kronkorken, die sich wie Bastelmaterial auf der Motorhaube ausgebreitet haben.“

Die absurden Seiten Berlins spiegelt der Roman authentisch wieder, wie zum Beispiel Subkulturen und ihre Clubs oder die Gentrifizierung. So fällt es kaum auf, wenn die Autorin „Die lange Nacht der offenen Bäder“ zu „Die lange Nacht der offenen Supermärkte“ dreht oder der Stammclub der ProtagonistInnen zufälligerweise den Namen Das Loch trägt. Alles erscheint durchaus in seiner Existenz berechtigt. Vervollständigt wird das urbane Panorama durch eine ordentliche Prise Sozialkritik – wenn beispielsweise die BesucherInnen den Ein-Euro-Laden des Stadtviertels aufsuchen, um sich im Winter für einige Stunden dort aufzuwärmen, weil die Heizkosten nicht bezahlbar sind. Auch dem Ärger über hohe Mieten sowie über die Verdrängung von kleinen Läden, Kulturstätten und dem Stammclub der FreundInnen durch den zunehmenden Tourismus mit seinem „Rollkoffergewitter“ wird hier Luft gemacht. Manchmal liest sich das schwarze Loch in Hildis Badezimmer wie eine Metapher, die analog zu den real existierenden Stadtverhältnissen steht: „Man sollte nicht alles auf die Touristen schieben. Auch mein Loch frisst Wohnraum.“

Entsprechend dem Lebensstil der Figuren ist keine stringente Handlung im Roman zu erkennen. Die Gedanken der Protagonistin mögen zwar amüsant sein, jedoch sind sie zu sprunghaft angeordnet, als dass sie den fehlenden Spannungsbogen ausgleichen könnten. Interessant bleiben hingegen die Charakterzüge der drei FreundInnen, weil sie – fast wundersam – ohne den konstanten Selbstdarstellungstrieb und ohne den Optimierungszwang der heutigen Gesellschaft auskommen.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Chrizzi Heinen: Am schwarzen Loch.
Satyr Verlag (Blue cat), Berlin 2019.
299 Seiten, 18,90 EUR.
ISBN-13: 9783947106219

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