Ein Berlin-Roman, der stark von Lokalkolorit um 1900 geprägt ist
Der Wallstein Verlag hat seine Edition der Werke von Georg Hermann mit dem Roman „Rosenemil“ fortgesetzt
Von Manfred Orlick
Nach einer mehr als einjährigen Unterbrechung setzt der Wallstein Verlag seine Georg-Hermann-Edition in Einzelbänden fort, die er Ende 2021 zum 150. Geburtstag des deutsch-jüdischen Schriftstellers Georg Hermann (eigtl. Georg Hermann Borchardt, 1871-1943) gestartet hatte. Hermann zählte im frühen 20. Jahrhundert zu den meistgelesenen und produktivsten Autoren und wurde oft als „jüdischer Fontane“ bezeichnet. Bisher erschienen sechs Romane; zuletzt B.M. – der unbekannte Fussgänger, eine Erzählung über einen jüdischen Emigranten in Paris.
Nun ist mit Rosenemil sein Berlin-Roman neu aufgelegt worden. Hermann erzählt darin die Geschichte von Emil Lehmann, einem 25-jährigen Kolporteur in Berlin um 1900. Die Handlung spielt überwiegend im Osten der Stadt, insbesondere im Kiez rund um die Lothringerstraße (die heutige Torstraße). Diese Gegend war zur Jahrhundertwende ein typisches Beispiel für die rasante Entwicklung der Berliner Mietskasernenviertel. Bereits auf den ersten Seiten zeichnet Hermann ein detailreiches Bild des damaligen Milieus, geprägt von Kleinkriminellen, Ganoven, Zuhältern, Dirnen, Hausierern, Bummelstudenten, Obdachlosen, Strichjungen und anderen Randfiguren der Großstadt. Ein wahrhaftiges Großstadtschicksal entfaltet sich in diesem Werk.
Und mittendrin Emil, der wegen seiner Vorliebe für Rosen nur „Rosenemil“ genannt wird. Seinen spärlichen Lebensunterhalt sichert er sich durch den Verkauf von Trivialromanen wie Die verfolgte Gräfin, Gesundheitstees und allerlei unnützem Kleinkram. Jeden Tag von Haus zu Haus, treppauf … treppab. Wie kommt er nur raus aus diesem Schlamassel? Eigentlich ist er doch „ein gewiefter Junge“.
Da lernt Emil Lissi Morgen kennen, eine Prostituierte mit „viel Herz“, die im Kiez nur unter dem Namen „Polenliese“ bekannt ist. Schnell beginnt er, die Rolle ihres Beschützers einzunehmen, während sie ihn in die düstere Berliner Unterwelt voller Ganoven, Zuhälter und Schmuggler einführt. Emil macht die Bekanntschaft von „PaIisadenkarl“, „Kletterwillem“ und „Radaupaula“, die gerade einen Einbruch in ein Konfektionsgeschäft planen. Emil mit seiner körperlichen Gewandtheit als ehemaliger Turner soll ihnen dabei helfen.
Nach dem erfolgreichen Einbruch hat Emil das Vertrauen seiner Kumpane gewonnen und ist nun Teil des „großen Spiels“. Eigentlich hätte er mit Lissi ein glückliches Leben führen können. Doch Emil, immer auf der Suche nach Abwechslung, pflegt neben Lissi noch andere Liebschaften. Eine davon ist „Brillantenberta“, die, obwohl schon etwas in die Jahre gekommen, als „Madame de la Croix“ angesprochen werden möchte. Mit ihren Diensten für die bessere Gesellschaft hat sie ein ansehnliches Vermögen angehäuft, und Emil lässt sich von ihrem trügerischen Glanz beeindrucken. Berta hätte ihm ein Leben in Luxus ermöglicht, ihn „in Seide gesteckt und in Gold gesetzt“. Dennoch sehnt sich Emil nach der gutmütigen Lissi zurück. Doch seine Rückkehr kommt zu spät: Lissi hat nach einem Suizidversuch ihr Leben verloren. Am Ende gerät Emil in die Fänge der Justiz und versucht schließlich, als Blumenverkäufer einen Neustart zu wagen.
Der Roman zeichnet ein realistisches Bild der Berliner Unterwelt und der wilhelminischen Epoche zur Zeit der Jahrhundertwende – gespickt mit viel Witz und Humor. Der Berliner Dialekt in den Dialogen erfordert bei der Lektüre allerdings ein gewisses Maß an Konzentration. Der Roman Rosenemil entstand in wenigen Monaten des Jahres 1933 und erschien dann 1935 in Amsterdam bei Allert de Lange. Es handelte sich um Hermanns ersten Roman, der in seinem niederländischen Exil entstand. Seit seiner ersten Hollandreise 1920 hatte Hermann dieses Land geschätzt. Bereits vor seiner Flucht aus Deutschland im Jahr 1933 wurden seine Romane in den Niederlanden übersetzt und erfreuten sich dort großer Beliebtheit.
Christian Klein, der Herausgeber der Edition, beleuchtet in seinem umfangreichen Nachwort die komplizierte Veröffentlichung und die Rezeption des Romans. Hermann hatte sich zunächst bemüht, das Manuskript in einem der deutschen Verlage unterzubringen. Nach mehreren Ablehnungen versuchte er es bei Verlagen im Ausland, die deutsche Bücher publizierten. Nach mehreren Auseinandersetzungen um den Vertrag zwischen Hermann, der „Jüdischen Buch-Vereinigung“ in Berlin und Allert de Lange war der Roman schließlich Ende August 1935 als gedrucktes Buch erschienen.
Bemerkenswert ist, wie Klein betont, dass Hermanns erster im Exil entstandener Roman keinerlei Verbindung zu seiner damaligen Lebenssituation oder zur politischen Realität der 1930er Jahre hat. Im Gegensatz dazu widmen sich seine nachfolgenden Werke, B.M. – Der unbekannte Fußgänger (1935) und Der etruskische Spiegel (1936), explizit den Schicksalen von Emigranten. Obwohl Rosenemil von der Kritik überwiegend wohlwollend aufgenommen wurde, blieben die Verkaufszahlen hinter den Erwartungen zurück. Möglicherweise war die niederländische Leserschaft mit dem Berliner Schauplatz und Jargon überfordert. 1993 wurde der Roman als Grundlage für eine Spielfilm-Koproduktion des ZDF genutzt, die jedoch beim Publikum nur wenig Anklang fand.
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