Vom Zusammenhang der sektoriellen Krisen

Oliver Hoffmann untersucht die Anatomie des globalen Zusammenbruchs

Von Rolf ParrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Parr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Ausgangsbefund ist nicht neu: Wir leben aktuell in einer Polykrise, bei der sich ökologische, wirtschaftliche, politische und soziale Krisen gegenseitig verstärken. Über diese bloße Diagnose hinaus stellt Oliver Hoffmann in Aussicht, die „Ursachen, Dynamiken und mögliche[n] Auswege aus der globalen Instabilität“ aufzuzeigen. „Mit interdisziplinärer Tiefe, philosophischem Weitblick und praktischer Relevanz“ gelte es die Polykrise systemisch zu betrachten, um auf dieser Basis „Wege zu Resilienz, Transformation und einem neuen Verständnis von Zukunft“ zu erschließen (Klappentext).

Gegliedert ist der Band in sechs Kapitel, von denen gerade die ersten hundert Seiten vielfach bis in den Wortlaut hinein zahlreiche redundante Formulierungen enthalten. Das mag didaktisch intendiert sein, führt aber spätestens dann zu Übergliederung und Lesefrustration, wenn man mehrfach und auf engem Raum die gleichen Ankündigungen dessen liest, was in einem Kapitel oder Abschnitt abgehandelt werden soll. 

Die Einleitung skizziert das „Leben in der Ära der Polykrise“ als aktuellen Status Quo, als „neue Realität“. Kapitel 2 dient der terminologischen Explikation und grenzt den Begriff „Polykrise“ (mehrere kausal verknüpfte Krisen in wechselseitiger Interaktion, die sich durch Rückkopplungsschleifen gegenseitig verstärken) zunächst gegen die Rede von „Multikrisen“ oder „multiplen Krisen“ (Gleichzeitigkeit mehrerer Krisen, die aber zumindest teilweise unabhängig voneinander sind) ab. In einem kursorischen Durchgang wird dann nach historischen Beispielen für Polykrisen gefragt (Schwarzer Tod im Spätmittelalter, allgemeine Krise im 17. Jahrhundert, Weltkriege und Krisen des 20. Jahrhunderts) sowie nach möglichen wiederkehrenden Dynamiken, um auf dieser Basis schließlich die Spezifik der aktuellen Polykrise aufzuzeigen. Antwort: „In Summe präsentiert sich die heutige Situation als eine Live-Fallstudie einer Polykrise: Schocks in Wirtschaft, Politik, Klima und Gesundheit interagieren und verstärken sich gegenseitig, sodass das Gesamtsystem an der Schwelle zum Zusammenbruch steht.“ Das ist nicht falsch, doch wiederholt es eigentlich nur die zuvor getroffene Definition von Polykrise und den Ausgangsbefund; ein Muster, das für Hoffmanns Art der Darstellung symptomatisch ist. 

Kapitel 3 nimmt dann in einer Art Ausschnittvergrößerung die „Haupttreiber der heutigen Polykrise“ in den Blick. Auffällig ist dabei, dass der Ukrainekrieg bis auf wenige Stellen außen vor bleibt. Hier hätte man – einen Schritt weitergehend – nach möglichen Dominanzen einzelner Teilkrisen fragen können, nach der Spezifik der Reproduktionszyklen in den einzelnen Teilkrisen und ihren Möglichkeiten zur Kopplung mit anderen (einschließlich der Frage, welche Krisenphänomene ‚normal‘ sind bzw. welche womöglich zu irreversiblen Denormalisierungen oder auch nur sektoriellen Disruptionen führen), und schließlich auch nach dem tendenziellen Ausblenden der Klimafrage vor dem Hintergrund der rasanten Militarisierung der westlichen Gesellschaften.

Als „[e]ffektivste Strategien zur Bewältigung der Polykrise“ sieht Hoffmann eine Kombination aus „Mainstream- und Alternativansätzen“, ein Hybrid aus „Resilienz und Anpassung“ mit Einzelstrategien wie „Aufbau flexibler Systeme“, „[f]rühzeitige Erkennung von Kipppunkten“, „Förderung von sozialem Zusammenhalt“, „Stärkung globaler Kooperation“, „Förderung von Innovation“ und „[l]angfristige Visionen entwickeln“.

Kapitel 5 zu möglichen „Zukunftsszenarien“, die narrativ entfaltet werden, ist vielleicht das interessanteste, weil dezidiert prognostische. Unterschieden werden hier neben „Zusammenbruch und Fragmentierung“ auch die Methode des aktuell praktizierten „Muddling Through“ mit Stagnation nicht nur im Bereich der Wirtschaft sowie permanentem Krisenmanagement an der Schwelle zum Ausnahmezustand bzw. zu Notstandsregimen. Beiden Entwicklungsszenarien entgegen stellt Hoffmann als drittes die Transformation in Richtung neuer Gesellschaftsmodelle, wobei die „Rolle von Innovation, Ethik und Zusammenarbeit“ besonders stark gemacht wird. Richtig stellt Hoffmann fest, „dass die Zukunft nicht als ein deterministischer Pfad verstanden werden kann“. Das hätte aber eigentlich erfordert, die drei Szenarien nicht nur nebeneinander zu stellen, sondern sie in Strukturbäume möglicher Entscheidungen/Weichenstellungen einzubinden, sodass auch Übergänge zwischen ihnen denkbar wären. Weiter ist bei Hoffmann häufig von globalen Phänomenen und Globalisierung die Rede, während die kaum zu übersehenden Tendenzen zum Decoupling mit seiner Schnittstelle zu nationalem Denken kaum Erwähnung finden.

Wiederum redundant bis in die einzelne Formulierung hinein ist das „Fazit“, dem das mit „Schlussbetrachtung“ überschriebene Kapitel 7 mit einem „Aufruf zur Neugestaltung unserer Zukunft“ folgt. Vier nachfolgende Anhänge enthalten eine Liste mit Literaturempfehlungen, ein mathematisches Modell zur Quantifizierung der Polykrise, das im Buch ansonsten nicht explizit genutzt wird – abgesehen von dem Hinweis, empirische Nachweise erbringen zu wollen („Dieses Kapitel verfolgt eine umfassende empirische Analyse der gegenwärtigen Polykrise […]“), „Handlungsstrategien und Policy-Empfehlungen“ für „Wege aus der Polykrise“ sowie zu „[t]echnologischen Lösungen und Innovationsansätzen zur Krisenbewältigung“.

Insgesamt bleibt der Eindruck eines betont populär angelegten Textes, bei dem theoretische Weichenstellungen und methodisches Vorgehen auf eher dezente Hinweise beschränkt sind (Beispiel: „Ein zentraler theoretischer Rahmen dieses Kapitels ist die Systemtheorie, die bereits seit der Mitte des 20. Jahrhunderts genutzt wird, um komplexe, vernetzte Prozesse zu analysieren.“). An vielen Stellen dieses Buches hätte man gern etwas mehr und vor allem Genaueres erwartet. Hoffmanns Überlegungen führen fast durchgängig bis an die Schwelle, an der weitergehende Analysen einsetzen müssten, gehen diese aber nicht selbst an. Dadurch bleiben viele der zu Beginn aufgeworfenen Fragen unbeantwortet. Übrig bleiben auf hohem Abstraktionsniveau angesiedelte Befunde, die deswegen auch kaum falsch sein können.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Oliver Hoffmann: Polykrise. Anatomie eines globalen Zusammenbruchs.
Königshausen & Neumann, Würzburg 2025.
300 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783826093883

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