Treuhänderin der Preußenmystik

Mit einer Biografie versucht Gunter Hofmann seiner Kollegin Marion Gräfin Dönhoff, der Doyenne des politischen Journalismus, ein Denkmal zu setzen

Von Maarten van Voorst tot VoorstRSS-Newsfeed neuer Artikel von Maarten van Voorst tot Voorst

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

 Bereits zu Lebzeiten wurde Marion Gräfin Dönhoff ehrfurchtsvoll als die „grande dame des Journalismus” bezeichnet. Ab 1946 trat die ZEIT-Journalistin als Wegbegleiterin und Chronistin der bundesdeutschen Gesellschaft auf und erwarb sich den Ruf einer „publizistisch-moralischen Instanz” und Brückenbauerin. Auch auf dem internationalen Parkett strahlte ihr Stern. Richard von Weizsäcker, George Kennan, Henry Kissinger, Fritz Stern, die Liste der „mächtigen Männer”, die sie in ihren Bann zog, ist lang und beeindruckend. Diese Freundschaften, ein breit gefächertes Netzwerk von Intellektuellen, Journalisten und Politikern, stellt nun ihr ehemaliger Kollege Gunter Hofmann in den Fokus seiner luzide geschriebenen, wenn auch stellenweise ins Elegisch-Erhabene abdriftenden Biografie. Einige dieser Freundschaften gingen auf ihre ostpreußische Kindheit und ihre Baseler Studentenzeit zurück; nach dem Krieg unterhielt sie auch mit Exilanten wie dem Historiker Ernst Kantorowicz wieder Kontakte. Für viele ihrer ausländischen Freunde verkörperte die Komtess wegen ihrer Verbindungen zum Kreis der Widerständler des 20. Juli 1944 das „bessere”, „anständige” Deutschland.

Wie nun lässt sich diese Autorität erklären? „Vierzig Prozent hatten mit ihrem ersten Leben, mit dem Widerstand zu tun, sechzig Prozent kommen aus ihrem journalistischen Wirken”, behauptete ihr Protegé Theo Sommer. Ausgerechnet dieses „erste Leben”, jenes vor 1945, war jedoch öfters Anlass, um am Goldrahmen der Gräfin zu kratzen. Hofmann wappnet sich gegen Kritiker mit der Unterstellung, man wolle Dönhoff „ertappen”. Es waren jedoch vielmehr ihre Eigenaussagen beziehungsweise ihr Schweigen, die Fragen zur Glaubwürdigkeit sowie zu Art und Umfang ihrer Widerstandskontakte aufwarfen.

Trotz Dönhoffs Behauptung, in der Vorkriegszeit „im Auftrag von Stauffenberg eine Bitte übermittelt“ zu haben an ihren Freund, den damaligen Völkerbundskommissar Carl Jacob Burckhardt, wies der Schweizer Diplomat und Historiker Paul Stauffer darauf hin, dass es „keinerlei Hinweise auf einen Kontakt“ zwischen dem Hitlerattentäter und der Journalistin gab. Dies stand im krassen Gegensatz zu einem 1969 wiederentdeckten „Beglaubigungsschreiben”, angeblich aus dem Jahr 1938, in dem Burckhardt ihr eine ebensolche Verbindung zum Widerstand attestierte und ihr „eine große Aufgabe” im „Nachher” prophezeite. Zweifel an der Authentizität dieses „Widerstand-Zertifikats” sind berechtigt, da Stauffer seinen Landsmann Burckhardt in zwei Monographien als Mythomanen entlarvte, der z.B. mit nachträglichen Tagebuchmanipulationen seinem Freund, dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes und SS-Brigadeführer Ernst von Weizsäcker, Schützenhilfe im Wilhelmstraßenprozess leistete. Hofmann enthält sich vorsichtshalber eines endgültigen Urteils zu dieser Affäre.

Erstaunlich früh bemühte sich Dönhoff, die noch lange als „Verräter” verfemten Widerständler des 20. Juli die gebührende Anerkennung zu verschaffen; ein Verdienst, der ihr hoch anzurechnen ist. Ihr „Memorandum” für die Widerstandsbewegung verfasste sie nur wenige Monate, nachdem die letzten Opfer in Plötzensee gehenkt worden waren. In ihrer Freundschaft mit Axel von dem Bussche wird dieser nie überwundene Verlust schmerzlich deutlich. “Hat irgendein Volk größere Helden als diese?“, fragte die „Übriggebliebene” 1964 wehmütig. Die Namen ihrer Freunde ließ sie auf Schloss Crottorf in eine Erinnerungstafel eingravieren. Der gescheiterte Anschlag steigerte sich in den Jahren danach zum Leitmotiv ihres Wirkens und Denkens, ja, erhielt fast die Züge einer Privatreligion.

Andererseits hatte sie sich mit diesem Lebensthema auch einer geschichtspolitischen Mission verschrieben, der Rehabilitierung des (protestantischen) preußischen Adels. Ein Jahr nach ihrem Tod erschien in Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (2003) ein Aufsatz des Historikers Eckart Conze, in dem er Dönhoffs monumentalisiertes, mystifiziertes Geschichtsbild demontierte. Mit ihren Bestrebungen, den preußischen Adel als Kern des Widerstands, als Herz des „heimlichen” und „wahren” Deutschlands heilig zu sprechen, schuf sie wirkungskräftige Erzählbilder von standhaften Freiherren und wagemutigen Gräfinnen, die bis heute herumgeistern in Kolportageromanen und Kriegsfilmen. Die von Historikern wie Stephan Malinowski herausgearbeiteten Schnittflächen, Affinitäten und Kontinuitäten zwischen den Junkermilieus und dem Nationalsozialismus blendete sie indessen aus. Großzügig sah die Komtess darüber hinweg, dass in ihren eigenen Reihen – bis in den Dönhoff-Clan hinein –, der Nationalsozialismus seine Verführungskraft entfaltet hatte. Durchaus plausibel erscheint daher auch Ralf Dahrendorfs Beobachtung dass seine Freundin Dönhoff „in der Nazi-Zeit zum Teil ganz zufrieden war, dass Deutschland wieder stark wurde, und das auch gedanklich begleitet und unterstützt hat”. Die nostalgisch verklärte Sehnsucht nach der verlorengegangen Welt der adeligen Gutsherrschaften Ostpreußens trübte öfters ihren kritischen Blick. Fragwürdig erscheint z.B. ihr Engagement, Günstlinge mit bedenklichen Lebensläufen in die Nähe des Widerstands zu rücken, so den Wehrmachtsgeneral Gerhard Graf von Schwerin oder den bereits erwähnten Ernst von Weizsäcker. Letzterer wurde 1949 wegen einer Judendeportation zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt und war alleine deshalb in keiner Weise mit Ausnahmeerscheinungen wie Helmuth James Graf von Moltke zu vergleichen. Dönhoff selbst sah aber in ihrer unbedingten Loyalität zu solchen Freunden („Grenzfällen”) scheinbar keinen Widerspruch zu von ihr viel beschworenen Tugenden wie „Anstand” und „Ritterlichkeit”.

Im Dönhoffschen Pantheon des Widerstands wurden weder Kritik noch Korrekturen geduldet. Im Zusammenhang mit der Wehrmachtsausstellung veröffentlichte der Genozidforscher Christian Gerlach 1995 seine Untersuchungen zur Beteiligung der Männer des 20. Juli am Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Dönhoff und ihr Weggefährte Richard von Weizsäcker brandmarkten Gerlachs provozierende aber akribisch dokumentierte Arbeit als „Briefmarkensammelei” und „Selbstgerechtigkeit der Nachgeborenen”. „Um der Ehre willen” hätten, laut Dönhoff, die Attentäter gehandelt, metaphysisch-religiöse Ziele hätten sie verfolgt. Die Komplexitäten und Widersprüchlichkeiten ihrer politischen Motive umschiffte sie so einfach. Zu Recht bedauert Hofmann auch Dönhoffs Desinteresse an anderen Widerständler: Als am 9. November 1939 die selbstgebaute Bombe des Schreiners Georg Elser in Münchens Bürgerbräukeller detonierte, schwelgten etliche ihrer Offiziersfreunde noch im Siegesrausch des Überfalls auf Polen.

 „Juden und Junker” – Die Distanz zwischen beiden Gemeinschaften könnte nicht größer sein. In einem von Hofmann zitierten Brief aus der Zeit des RAF-Terrors (1977) nennt Dönhoff beide in einem Atemzug und stellt ihnen eine aufmüpfische Göttinger Studentenschaft – „SS-Rabauken”! – gegenüber. Die Gräfin, die die hohe Kunst des Repräsentierens beherrschte, hätte sich in der Öffentlichkeit wohl so nie geäußert, aber gerade in solchen Entgleisungen liegt die Antwort auf die Frage, ob sie denn eine „Konvertitin” war.

Hatte Dönhoff tatsächlich den langen Weg der konservativen Ostpreußischen Gutsherrin zur linksliberalen, weltbürgerlichen Journalistin verinnerlicht? Beruflich stechen unerwartete Brüche und Wendungen hervor, denen Hofmann im Detail nachgeht und die interessante Lektüre bieten. 1954 etwa zog sich Dönhoff aus Protest gegen einen Beitrag des NS-Staatsrechtlers Carl Schmitt kurzfristig aus der ZEIT-Redaktion zurück. Solche Schritte stehen im Einklang mit der durch die Gräfin selbst tradierte Kantsche Aufforderung, man habe die Pflicht, seinen „Charakter als eigene Schöpfung” zu entwerfen. Letztendlich scheint ihr dies jedoch nur bedingt gelungen zu sein: „Ich weiß doch nicht einmal, was ich selbst bin”. Äußere Umstände mögen sich ändern, und diesbezüglich legte die Gräfin ein bemerkenswertes Anpassungsvermögen an den Tag, aber nach innen dominierten stets übergeordnete Kernwerte wie Familien- und Standesloyalität. Die Komtess verstand sich als Treuhänderin einer 700-jährigen Tradition, die es galt nach unten abzugrenzen, zu schützen und wo möglich zu vermehren. So fragte Dönhoff den Historiker Rudolf von Thadden wiederholt, warum er denn eine „Bürgerliche” geheiratet habe; nur ein Beispiel für den Herrschaftshabitus ihrer Kaste, dem sie zeitlebens verhaftet blieb. Der Historiker Fritz Stern kokettierte – mit Recht – dass sie ihr „erstes Leben heimlich weitergeführt” habe. Gerade bei Tabuthemen wie der NS-Karriere ihres Bruders Christoph, über die Dönhoff beharrlich schwieg (während sie die entferntere Verwandtschaft zum Widerständler Heinrich Graf Lehndorff explizit erwähnte), zeigen sich die Grenzen dieses „Leben in zwei Welten”. Statt solche Fußangeln diskret in den Endnoten abzulegen hätte das Bild Dönhoffs in dieser durchgängig lesenswerten Biografie an Menschlichkeit gewonnen, wenn man gerade diese scharfkantigen Facetten ihrer Vita genauer und ohne Scheu untersucht hätte.

Titelbild

Gunter Hofmann: Marion Dönhoff. Die Gräfin, ihre Freunde und das andere Deutschland.
Verlag C. H. Beck, München 2019.
480 Seiten , 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783406725920

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